Eine morbide Schönheit geht von den Fotografien aus, die Christian Hartmann in einer Luzerner Land-Metzgerei schoss. (Bild: Christian Hartmann)
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Eine morbide Schönheit geht von den Fotografien aus, die Christian Hartmann in einer Luzerner Land-Metzgerei schoss. (Bild: Christian Hartmann)

«Der Metzger ist immer der Bölimann»

7min Lesezeit

Das Blut fliesst, die Knochen knacken – der Luzerner Fotograf Christian Hartmann dokumentiert in seiner Arbeit den Alltag einer Metzgerei. Die Bilder beschönigen nichts, und doch zeigen sie die Arbeit des Schlachtens in einer unerwarteten Ästhetik. Missionarisch soll die Arbeit zwar nicht sein, aber sie rüttelt auf.

Wer bringt die beiden Dinge schon gerne zusammen: ein Kälbli, welches auf der Wiese herumtollt, und die saftigen Kalbsleberli neben der Rösti. Denn dazwischen steht das Schlachten – das Töten und Zerteilen der Tiere. Appetitlich ist das nicht und viele von uns wollen diesen Teil erst gar nicht sehen.

Der Luzerner Fotograf Christian Hartmann hat genau dieses «Dazwischen» – wie seine Arbeit heisst – künstlerisch dokumentiert. In der elften Ausstellung der Online-Galerie der Stiftung Fotodokumentation Kanton Luzern zeigt er eine Auswahl von Bildern aus dem Alltag einer Schlachterei, aus einem Schattenbereich der Lebensmittelverarbeitung.

Wertfrei, ohne Anklage

So, wie die Dorfmetzgereien vielfach aus den Wohnbereichen verbannt wurden, so haben viele Konsumenten das Unvermeidliche meist aus Kopf und Küche verdrängt: das Töten, das Blut, die Eingeweide, den Dampf, Lärm und Gestank rund um die Verarbeitung von Fleisch. Christian Hartmann zeigt im wahrsten Sinne Knochenarbeit in einer Schlachterei – wertfrei, ohne anzuklagen und mit grossem Gespür für Ästhetik.

Das Blut fliesst aus dem abgetrennten Kopf über den nassen Boden der Metzgerei. (Bild: Christian Hartmann)
Das Blut fliesst aus dem abgetrennten Kopf über den nassen Boden der Metzgerei. (Bild: Christian Hartmann)

«Ich bin ansonsten kein besonders blutrünstiger Mensch», lacht Hartmann. Aber er habe ein Interesse für den Job des Metzgers. «Ich habe einen sehr unverkrampften Bezug zum Schlachten, da ich eine Weile als Koch gearbeitet habe. Zudem sei das Schlachten auch in seiner Kindheit nie ein Tabu gewesen. «Auf meinem Primarschulweg befanden sich zwei Metzgereien und in meiner Nachbarschaft ein Bauernhof. Da wurde geschlachtet und nichts künstlich versteckt.»

«Ich will weder schockieren noch missionieren.»
Christian Hartmann, Fotograf

Er habe sehr grosse Achtung und Respekt vor diesem Beruf und bedaure, dass dieser in der Öffentlichkeit oft stigmatisiert werde. «Der Metzger ist immer der Bölimann. Wer will zum Beispiel mit einem Metzger ausgehen?» Deshalb kämpfe die Branche ja auch mit Nachwuchsproblemen.

Christian Hartmann
Christian Hartmann

Dabei sei es sehr wichtig, dass gerade Kleinmetzgereien erhalten blieben. «Wer jemals in einer Grossmetzgerei war, der weiss, dass der Stress für die Tiere dort um ein Vielfaches höher ist. Es ist zum Teil wirklich der Horror», betont Hartmann.

Dokumentieren, nicht bevormunden

Da müsse man sich den Umgang mit Fleisch vielleicht mal überlegen. «Wir essen immer mehr Fleisch und gleichzeitig will niemand die Tiere schlachten und zerteilen.»

Schlussendlich würden die Tiere deshalb über immer weitere Wege in billige Grossschlachthöfe im Ausland gefahren und müssten so auch viel mehr und länger leiden.

Christian Hartmann

Hartmann (*1957) lebt und arbeitet in Beromünster. Nach einer Berufsausbildung zum Koch liess er sich am Konservatorium Luzern zum Kontrabassisten ausbilden. In autodidaktischen Studien und bei seinem Vater, einem professionellen Fotografen, bildete er sich fotografisch weiter.

Seit 1997 ist er freischaffend im Bereich Kunst- und Objektfotografie. Er führt zudem Auftrags- und Reportagearbeiten aus.

Er sei nicht gegen das Essen von Fleisch, wolle niemanden bevormunden. «Ich will mit dieser Arbeit weder schockieren noch missionieren. Ich will einfach nur zeigen, was Sache ist.»

Es gäbe bestimmt Leute, die von den Bildern schockiert oder angeekelt seien. «Aber es ist nun mal so. Diese Tiere werden als Lebensmittel gezüchtet und geschlachtet, wenn die Zeit gekommen ist.»

Bewusst Fleisch zu essen sei ihm persönlich sehr wichtig. «Ich würde nie Fleisch von einem Grossschlachthof kaufen.» Aber das sei seine persönliche Haltung. «Ich will nur zeigen, ich will nicht missionieren», betont er nochmals.

«Wie viele Teile der Tiere heute einfach weggeworfen werden, weil niemand mehr Innereien essen will beispielsweise – das ist wirklich tragisch. Früher hat man noch versucht, möglichst das ganze getötete Tier zu verwerten», sagt der Fotograf. (Bild: Christ
«Wie viele Teile der Tiere heute einfach weggeworfen werden, weil niemand mehr Innereien essen will beispielsweise – das ist wirklich tragisch. Früher hat man noch versucht, möglichst das ganze getötete Tier zu verwerten», sagt der Fotograf. (Bild: Christ

«Es geht nicht nur um das Schlachten. Sondern um all die Prozesse der Verarbeitung, welche wir kaum mehr wahrnehmen. Alles wird schön säuberlich in Plastik abgepackt in den Regalen der Supermarktketten angeboten.» Eine Auseinandersetzung mit der Herkunft und der Verarbeitung finde kaum statt.

Bei kleinen Anbietern und Dorfläden sei das noch anders. Die Metzgerei, in welcher Hartmann seine Bilder schoss, befindet sich direkt in seiner Nachbarschaft. Eine gute Voraussetzung. «Wir haben ein sehr schönes Verhältnis im Quartier und das Vertrauen der Metzger zu mir war da, dass ich ihre Arbeit mit Achtung und Respekt darstellen werde und keine Skandalbilder suche.»

Der Moment, kurz bevor das lebendige Tier zum Lebensmittel wird. (Bild: Christian Hartmann)
Der Moment, kurz bevor das lebendige Tier zum Lebensmittel wird. (Bild: Christian Hartmann)

Trotzdem sei es sicher eine Arbeit gewesen, die auch aufwühle. «An diesem Abend hätte ich auf keinen Fall Fleisch essen können.»

Er zeige die Bilder aus der Metzgerei aber nicht aufgrund der Thematik nur in Schwarz-Weiss. «Ich kam durch meinen Grossvater und meinen Vater zur Fotografie und bin mit Schwarz-Weiss aufgewachsen, hab es so gelernt.» Es fühle sich daher für ihn natürlicher und logischer an. «In Schwarz-Weiss lassen Fotografien mehr offen. Sie behalten etwas Unausgesprochenes.» Die meisten fotografischen Arbeiten von Hartmann sind daher in Schwarz-Weiss gehalten.

In Schwarz-Weiss sind auch die Fotografien, die Hartmann hinter den Kulissen des Theaters Malters schoss – hier eine Auswahl in unserer Slideshow:

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