Ein Ausschnitt des stimmungsvollen Filmplakats von Edwin Beelers neustem Dokumentarfilm «Die weisse Arche». (Bild: zvg)
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Ein Ausschnitt des stimmungsvollen Filmplakats von Edwin Beelers neustem Dokumentarfilm «Die weisse Arche». (Bild: zvg)

8min Lesezeit

Was geschieht eigentlich, wenn man stirbt? Der Luzerner Edwin Beeler hat für seinen neusten Wurf die Kamera auf Menschen gerichtet, die es wissen müssen. Doch der Tod betraf die Beteiligten des Dokumentarfilms nicht nur bei den Aufnahmen.

Dichter Nebel wandert langsam die verschneiten Berghänge herunter, hinein in die Wälder. Eine geisterhafte Stimmung.

Von mysteriösen Geschichten und Begegnungen mit den Toten liess der erfolgreiche Luzerner Filmemacher Edwin Beeler seine Protagonisten im letzten Film «Arme Seelen» erzählen. Sagenhafte Erlebnisse von sehr gläubigen Menschen, aus der Innerschweiz.

Sein neuer Film, welcher bald in die Kinos kommt, ist eine Anknüpfung an den vergangenen – auch inspiriert durch diesen. Der Dokumentarfilm «Die weisse Arche» zeigt ganz bodenständige Menschen, die sich intensiv mit dem Tod, den Sterbenden und toten Menschen auseinandersetzen. Nicht Geister, sondern Menschen, die Sterbende begleiten, stehen diesmal im Fokus.

Wofür lebt man?

Es geht auch um den Übergang von Leben und Tod. «Ich werde älter und setze mich mehr mit dem Thema Sterben auseinander. Die Generation vor mir ist langsam betroffen», erzählt Beeler. Von den zehn Geschwistern seines Vaters sind heute noch fünf am Leben. So etwas beschäftige.

«Wir leben, um zu produzieren und zu konsumieren. Das ist doch absurd.»

«Zudem geht es mir um die Frage nach dem Wofür», so Beeler. In unserer westlichen Welt stellen sich die Fragen nach dem Sinn des Lebens oftmals kaum noch. «Wir leben, um zu produzieren, zu verdienen und dann das zu konsumieren, was wiederum andere produzieren. Ist das schon alles? Das ist doch absurd.»

Bereits während seiner Arbeit zu «Arme Seelen» habe er zahlreiche Geschichten über das Sterben erzählt bekommen. Die Frage nach einem Leben nach dem Tod oder nach anderen Welten, die für uns nicht zugänglich sind, stellte sich Beeler immer stärker. Die Idee eines weiteren Films zum Thema reifte.

Den Tod zum Freund

Durch einen Pathologen aus seinem Bekanntenkreis stiess er dann auf die Pflegefachfrau Monika Dreier – eine der Protagonistinnen seines neusten Films. Sie wurde vor Jahren von einer Lawine verschüttet und kam nur knapp mit dem Leben davon. 

Regisseur Edwin Beeler
Regisseur Edwin Beeler

Nach diesem Nahtoderlebnis fand sie eine neue Einstellung zum Leben und zum Sterben. «Vorher waren Tod und Krankheit etwas Schreckliches für sie. Doch durch dieses Erlebnis veränderte sich ihre Haltung dazu komplett. Der Tod war zum Freund geworden», berichtet Beeler.

Edwin Beeler hat Monika Dreier in ihrem Alltag und ihrem Beruf begleitet und mit ihr über ihre Erlebnisse gesprochen. Beeindruckt habe ihn dabei am meisten, wie einfühlsam und ruhig sie mit den Pflegebedürftigen und Sterbenden umgehe.

Kleiner Rahmen für intime Aufnahmen

Für den Film konnte Beeler auch einen Ordensbruder der Kapuziner gewinnen, welcher als Sterbebegleiter tätig war. Dieser begleitete zur Zeit des Filmens einen seiner Mitbrüder in den Tod. Beeler durfte in diesen aufwühlenden und ganz privaten Momenten mit der Kamera dabei sein – ein Zeichen für das grosse Vertrauen der Betroffenen. «Ich versuche mich bei solchen Arbeiten stark zurückzunehmen», erklärt Beeler. Nur so ist diese Nähe überhaupt möglich.

«Oftmals weiss ich nicht, wohin sich Gespräche und Aufnahmen entwickeln.»

Gedreht wird bei Beeler in einem ganz intimen Rahmen. Ohne grosses Team und grosses Tamtam. «Oft bin ich mit meinem Tonmann unterwegs – manchmal aber auch ganz alleine.» Er möge es nicht, wenn so viele Leute herumstehen. «Für mich wirkt das jeweils so, als wollten sich die Filmemacher dabei selbst inszenieren. Das mag ich nicht.» Man könne durchaus auch ohne riesiges Team einen tollen Film auf die Beine stellen.

Mit dem Inszenieren hält sich Beeler so oft wie möglich zurück. «Ganz selten weiss ich, wohin sich Gespräche und Aufnahmen entwickeln werden. Ich lasse es auf mich zukommen und reagiere aus dem Moment heraus.»

Der Film

Der Film «Die weisse Arche» ist ab dem 11. Februar auch im Bourbaki zu sehen.

Die Protagonisten:
Alphonse lebt als Einsiedler auf der Alp. Die Erde gibt ihm Lebensbrot, die Gegenwart ist sein Geschenk. Monika geht seit ihrem Nahtoderlebnis gelassen mit ihrer Zeit um. Angst vor dem Tod hat sie keine mehr, was auch die Demenzkranken spüren, die sie pflegt. Sam ist Förster, sieht Verstorbene. Für ihn gibt’s nur den materiellen Tod. Sterben und Tod sind für die Kapuziner in Schwyz alltäglich, auch für Eugen, Mönch und Kunstmaler in Engelberg, der über dreissig Mitbrüder in den Tod begleitet hat.

Das Medium Film sei für ihn gerade wegen seiner Faszination für Zeit und Raum so spannend. «Wie man die beiden Dinge zusammenziehen und verschachteln kann. Die Möglichkeiten, das filmisch darzustellen, sind extrem spannend.»

Von der eigenen Rührung überrascht

Die Kernthematik und die Menschen im Zentrum stehen jeweils fest. «Wohin sich der Film entwickelt, ist oft auch nach den Aufnahmen noch offen. Während der Gespräche, der Dreharbeiten, aber vor allem während des Sichtens und Schneidens des Filmmaterials kristallisiert sich das heraus.» Die Kernaussage setze sich dann schliesslich aus den Aufnahmen zusammen. «Beim Sichten des Materials und beim Schnitt fügt sich dann alles zusammen. Wie bei einem Puzzle.» Bei der monatelangen Erarbeitung der Filmdramaturgie wird Beeler regelmässig von einer Cutterin beratend unterstützt: «Ihre Aussensicht, Sensibilität und Berufserfahrung verhindern, dass ich mich distanzlos im Material verliere.»

Überraschend war für Beeler während der Arbeit, wie sehr er von einigen Szenen immer wieder berührt wird. «Die Aufnahmen, in welchen Monika Dreier oder der Sterbebegleiter ihre Mitmenschen trösten, rühren mich auch jetzt noch zu Tränen.»

«Wir werden hier oft als hinterwäldlerisch wahrgenommen.»

Von ihrer ungeheuren Energie und Stärke sei er noch immer schwer beeindruckt. «Und von ihrem Umgang mit den Situationen der Patienten.» Die Zeit nach dem Fertigstellen des Films sei ebenfalls sehr emotional gewesen, da der Sterbebegleiter selbst noch vor der Veröffentlichung verstorben ist. «Ich hätte mich sehr gefreut, wäre er an der Premiere dabei gewesen.»

Auch die Kopfarbeit sei noch lange nicht abgeschlossen. «Das Thema Sterben gärt weiter – es ist keines, welches man so schnell abgehandelt hat.»

Die Unabhängigkeit als zweischneidiges Schwert

Ist Beeler trotzdem schon wieder am nächsten Thema dran? «Nein. Da ich meine Filme selbst auch verleihe, ist meine Arbeit mit der Premiere noch lange nicht abgeschlossen. Ich bin noch voll eingespannt durch die Verhandlungen mit Kinos und der Medienarbeit.»

In der Schweiz – und erst recht in der Zentralschweiz – hat man es als Filmemacher nicht einfach. «Wir werden hier oft als hinterwäldlerisch wahrgenommen. Viele glauben, dass wir hier nur urchige Milchsuppenfilmchen produzieren.»

Zudem sei die finanzielle Situation als unabhängiger Filmemacher nicht ideal. «Die finanziellen Mittel sind klein – besonders in der Zentralschweiz.» Gelder aufzutreiben sei immer eine sehr zeitintensive Geschichte. Beeler hat das auch schon Protagonisten für seine Filme gekostet. «Menschen sterben – und das manchmal, während ich auf Gelder warte.» Die Unabhängigkeit sei ein zweischneidiges Schwert. «Man ist zwar in den Inhalten frei, doch der finanzielle Druck kann auch lähmen.» Immer wieder müsse man sich die Frage stellen: «Wovon lebe ich in vier Monaten?» Deshalb sei eine gute Planung wichtig. «Man muss früh beginnen. Die Geldsuche und die Recherche benötigen die meiste Zeit – bevor man überhaupt mit dem Filmen anfangen kann.»

Nun steht der Film fürs Kino bereit und Beeler ist mehr als zufrieden. «Ich bin sehr glücklich darüber, diese spannenden Menschen für den Film gefunden zu haben. Das Bild hat sich nun fertig zusammengefügt.»

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