Die beiden Luzerner Rapper Melo (links) und Kevjam stehen seit Jahren gemeinsam auf der Bühne. (Bild: zvg)
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Die beiden Luzerner Rapper Melo (links) und Kevjam stehen seit Jahren gemeinsam auf der Bühne. (Bild: zvg)

Zu wenig Ehrgeiz? «Das ist gesunder Realismus»

10min Lesezeit

Seit Jahren stehen sie gemeinsam auf der Bühne – jetzt haben die Rapper Melo und Kevjam aus Ebikon endlich ihr gemeinsames Album veröffentlicht. Im Interview mit zentral+ geben sich die beiden von der selbstkritischen Seite – und sind trotzdem zufriedener denn je.

«Buebetraum» heisst das am 16. Oktober veröffentlichte Album der beide Luzerner Rapper Melo und Kevjam. Abwechslungsreich sinnieren die beiden auf der Platte über ihren Werdegang, Neider und Nörgler sowie über Weltgeschehnisse, die den beiden hin und wieder schlaflose Nächte bescheren. Dabei kommt auch leichteverdauliche Rap-Kost nicht zu kurz.

zentral+: Ihr steht bereits seit Jahren gemeinsam auf der Bühne. Da lag es auf der Hand, dass ihr gemeinsame Sache macht. Wann kam der Zeitpunkt, in dem ihr euch dazu entschieden habt, ein gemeinsames Album herauszubringen?

Melo: Das war ziemlich genau vor einem Jahr nach der Plattentaufe meines Soloalbums «Transfer». Kevjam und ich wussten beide nicht so genau, was wir machen sollten. Die Idee, zusammen was zu produzieren, stand aber schon lange im Raum. Nach meinem Soloalbum war der Zeitpunkt richtig. Wir sagten uns: Jetzt oder nie.

zentral+: Mit «Buebetraum» habt ihr ein vielseitiges Album veröffentlicht. Wie würdet ihr es in drei Adjektiven beschreiben?

Melo: Sicher abwechslungreich. Musikalisch haben wir darauf geachtet, dass es nicht monoton wird. Deshalb haben wir für die Platte mit verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet. Locker zum Konsumieren würde ich sagen. Sicher lockerer als mein Soloalbum «Transfer».

Kevjam: Locker und abwechslungreich, so würde ich es beschreiben.

Melo: Überlegt. Leichtverdaulich würde ich noch sagen.

zentral+: Im Track «Machs besser» geht ihr auf alle Nörgler ein. Was gab Anlass, diesen Song zu schreiben?

Kevjam: Der Track ist nicht nur auf die Musikszene, sondern viel mehr auf den Alltag bezogen.

Melo: Jeder will immer seinen Senf dazugeben, obwohl er es selber nicht besser macht. Die Botschaft ist, dass man zuerst vor der eigenen Haustüre wischen soll.

«Wir haben unseren Traum verwirklichen können – unabhängig davon, wie erfolgreich wir sind.»

Melo, Rapper

zentral+: Ihr sagt, dass ihr heute den Traum lebt, den ihr vor zehn Jahren geträumt habt. Was war euer eigentlicher Buebetraum?

Melo: Als Kinder wollten wir schon was anderes werden. Mein Traumberuf war Detektiv oder so.

Kevjam: Ich wollte immer Lokführer oder Töffrennfahrer werden.

Melo: Ich erkläre es jeweils so: Wenn du mir damals gesagt hättest, dass ich in zehn Jahren ein eigenes Studio haben werde und meine eigenen Songs rausbringen kann, hätte ich das sofort unterschrieben. Das stimmt so für mich. Wir haben so unseren Traum verwirklichen können – unabhängig davon, wie erfolgreich wir sind. Man macht ja sowieso kein Geld mit Schweizer Rap. Wir sind zufrieden.

zentral+: Anders gefragt: Zu wenig Ehrgeiz oder gesunder Realismus?

Melo: Wie aus der Pistole geschossen. Gesunder Realismus. Ich glaube nicht, dass es an zu wenig Ehrgeiz liegt. Man kann ja auch nichts erzwingen. Und selbst wenn man es versucht, kommt es am Schluss trotzdem nicht so, wie man es sich vorgestellt hat. Klar: Aus Scheisse kann man kein Gold machen. Die Musik selber macht aber schlussendlich vielleicht 20 Prozent der erhaltenen Aufmerksamkeit aus. Der Rest ist Marketing und gute Connections.

Kevjam: Hinzu kommt, dass man auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss.

Melo: Genau. Vieles kann man selber nicht beeinflussen. Es geht darum, den Job so gut wie möglich zu machen. Schlussendlich hat man aber nie alle Zügel in der Hand.

zentral+: Melo, du rappst: «Ech wett wiiterhin noch obe. Mis album esch am Start, aber mini Zwiifel ned verfloge.» Welche Zweifel sind das?

Melo: Da könnte ich eine grosse Klammer öffnen. Ich sehe, wie fest ich mir den Arsch aufreisse. Wenn ich all die Stunden rechnen würde, wäre ich im Rap in einem 60-Prozent-Pensum angestellt. Und es schaut trotzdem nicht mehr heraus. Dann denke ich mir, weshalb ich all das überhaupt mache? Andererseits ist es aber schön, wenn ich Heimvorteil habe und ich sehe, wie viele Leute ihren Arsch an mein Konzert bewegen, um meine Musik zu hören. Das ist das Schöne daran. Aber ich habe schon viele «Downs», in denen ich denke, dass ich meine Zeit verschwende. Wichtig ist, dass man konsequent bleibt und sein Ding durchzieht. Entweder du überzeugst die Leute damit oder eben nicht.

zentral+: Um auf einen weiteren Song auf eurer Platte einzugehen: Hat euch dieses Thema auch schon schlaflose Nächte bereitet?

Melo: Was für eine Überleitung! Lacht. Explizit dieses Thema hat mir nie wirklich schlaflose Nächte bereitet, nein. Aber andere Dinge aus dem Alltag, wie sie jeder kennt. Beispielsweise sind es Weltereignisse, über die ich mir den Kopf zerbreche. Ich würde gerne etwas ändern, fühle mich aber trotzdem ohnmächtig. Dann frage ich mich: Was für ein Arsch ich sein muss, wenn ich am Wochenende 100 Franken versaufe, obwohl ich das Geld einer wohltätigen Stiftung hätte spenden können. Mir ist es dann bewusst, aber trotzdem scheissegal in dem Moment.

«Es kann nicht sein, dass ich auf Sponsoren angewiesen bin, um mein Hobby ausleben zu können.»

Melo

zentral+: Dein Soloalbum «Transfer» hast du teilweuse über Crowdfunding finanziert. Wie hat sich die Produktion dieses Albums zur Platte «Buebetraum» unterschieden?

Melo: An der Arbeit an und für sich hat sich wenig geändert. Ich wusste ja zu Beginn auch nicht, ob ich die 5'000 Franken erreiche. Lange sah es nicht danach aus, dass ich es schaffe. Die Zusicherung des Budgets ist ein gutes Gefühl. Was beim Crowdfunding hinzukommt, ist, dass man den Spendern etwas zurückgeben muss. Allerdings hatte ich ein komisches Gefühl, weil es mir vorkam, als ob ich einfach die hohle Hand mache. Deshalb kam ein Crowdfunding für «Buebetraum» auch nicht wirklich infrage. Ich habe mir gesagt: Wenn sich mein Hobby nicht aus dem Kerngeschäft finanzieren lässt, dann ist das ein Zeichen für mich, dass ich zu wenig gut bin. Dann lohnt es sich nicht. Es kann nicht sein, dass ich auf Sponsoren angewiesen bin, um mein Hobby ausleben zu können.

 

zentral+: Ihr blickt auf ein Jahrzehnt Bühnenerfahrung zurück. Was war euer schlimmstes Konzerterlebnis?

Kevjam: Als wir ganz am Anfang standen, hatten wir einen Auftritt beim Kanti-Jubiläum. Damals standen so drei, vier Leute vor der Bühne.

Zu gewinnen

Am 21. November 2015 taufen Melo und Kevjam ihr Album «Buebetraum» in der Bar59.

zentral+ verlost zwei Eintritte für die Plattentaufe in der Bar59 sowie einmal das Album «Buebetraum». Um an der Verlosung teilzunehmen, schicken Sie eine E-Mail mit dem Betreff «Buebetraum live» oder «Buebetraum Album» an verlag@zentralplus.ch. Die Gewinner werden am 18. November benachrichtigt. Mit Ihrer Teilnahme erklären Sie sich einverstanden mit unseren AGB's.

Das Album gibt es übrigens ausschliesslich in digitaler Form – zu erwerben mit SMS «igroove buebe» an die Nummer 900.

Melo: Stimmt. Wir waren einfach da und haben unser Ding durchgezogen, auch wenn es niemanden wirklich interessiert hat. Wir hatten nicht einmal einen DJ dabei. Der Tontechniker hatte einfach unsere Songs ab CD gespielt. Lacht.

zentral+: Seid ihr persönlich politisch aktiv?

Melo: Jein. Ich verfolge alles, was läuft. Aber ich bekenne mich öffentlich nicht unbedingt zu etwas. Ich habe gewisse Themen, bei denen ich mich befähigt fühle, mitzureden. Ich rege mich oft über Leute auf, die einen Artikel zu einem Thema gelesen haben und dann denken, sie hätten jetzt voll die Ahnung, wie es läuft.

Kevjam: Zögert. Ich lese auch viel, aber habe keine Zeit, mich mit allem zu befassen.

«Das müssen wir zuerst anschauen. Aber wir sind beide voll motiviert.»

Rapper Kevjam bezüglich neuer Musik

zentral+: Dann kann die SVP für ihren nächsten Wahlsong also nicht auf ein Featuring mit euch hoffen?

Melo: Cool und abgeklärt. Kommt darauf an, was sie zahlen. Beide lachen. Nein, mit der SVP eher weniger.

zentral+: Wenn ihr jemanden dissen könntet, wer wäre das?

Kevjam: Lacht. Das habe ich mir gar noch nie so richtig überlegt.

Melo: Keine Ahnung. Normalerweise rege ich mich über diverse Leute auf, aber momentan ... Bastien Girod! Der regt mich mit seiner Art auf.

zentral+: Blick in die Zukunft: Wie geht es bei euch nun bezüglich Rap weiter?

Melo: Wir haben auf jeden Fall Bock, weiterzumachen. Aber ich kann noch nicht sagen, was und wann. Wenn es nach mir geht, brauche ich jetzt mal einen Monat Pause, um runterzufahren.

Kevjam: Das müssen wir zuerst mal anschauen. Wir beide sind aber sicher voll motiviert.

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