Bietet der jungen Zuger Kreativszene einen Ort, um sich auszutoben: Samantha «Sam» Heller vom Atelier63 inmitten der Ausstellung «Wild» in der Shedhalle in Zug. (Bild: pbu)
Kultur Veranstaltung

Bietet der jungen Zuger Kreativszene einen Ort, um sich auszutoben: Samantha «Sam» Heller vom Atelier63 inmitten der Ausstellung «Wild» in der Shedhalle in Zug. (Bild: pbu)

«In einem englischen Garten wächst keine Kunst»

6min Lesezeit

Die Jungen gehen dorthin, wo was läuft. Trotzdem hat Zug eine Kunstszene. Wirklich. Eine junge Truppe aus Kreativen, die förmlich platzt vor lauter Tatendrang und Ideen. Sie haben sich in einem Atelier zusammengefunden und warten darauf, dass man sie aus ihrem Käfig lässt.

«Der Nachteil von Zug ist, dass wir hier keine Kunsti haben», sagt Samantha «Sam» Heller. Sie ist die Vereinspräsidentin des Künstlerkollektivs Atelier63, welches dieser Tage mit der Ausstellung «Wild» in die Shedhalle lockt (siehe Box). Und genau dieses Kollektiv fungiert als Kunsti-Ersatz, füllt eine Lücke, springt sozusagen in die Bresche für all jene jungen Zuger Künstler, die nicht ennet der Kantonsgrenze ihrer Passion frönen wollen.

Die Idee, die hinter dem Atelier63 steckt, ist die Förderung von Kultur in Zug. Es gelte zu verhindern, dass junge Kulturschaffende der Stadt den Rücken kehren. Denn für Heller ist klar: «Sie gehen dahin, wo Kunst passiert.» Also nach Luzern oder Zürich, um dort an der Hochschule zu studieren. Ebenso klar ist, dass es Künstler in Zug gibt. Was fehlt, sei der Platz, das Angebot, eben ein Ort, an dem Kunst passiert. Genau hier setzt das Atelier63 an.

«Sogar ein SVP-Politiker kommt regelmässig bei uns vorbei.»

Samantha Heller, Vereinspräsidentin Atelier63

Hand in Hand mit der Politik

Denn das Interesse an der Kunst sei in Zug definitv vorhanden, sagt Heller. «Sogar ein SVP-Politiker kommt regelmässig bei uns vorbei», schmunzelt die 28-Jährige. Und die kantonale Kulturförderung wäre darüber hinaus ein regelrechter Glücksfall. «Der Kanton hat uns diesen Raum angeboten», erklärt sie. Ein Hand in Hand von Politik und Kultur sozusagen.

Ein kreatives Potpourri

An der Ausstellung «Wild» in der Shedhalle Zug vom 14. bis 18. Oktober 2015 nehmen Künstler des Künstlerkollektivs Atelier63, Eva Lab und Freunde teil.

Täglich ab 14 Uhr können im Jägerstübliambiente erlegte Einhörner begutachtet und jeden Abend ab 20 Uhr ein musikalisches Intermezzo genossen werden. Das Ausstellungskonzept besteht darin, ein etwas unkonventionelleres Ausstellungserlebnis zu schaffen, indem nebst den ausgestellten Bildern auch Kunst zum Anfassen, Ausprobieren und Erleben geschaffen wird.

Mit dabei sind: Amelie au Lait, Ramon Bachmann, Natalia Berschin, Heather Bishop, Rafael Casaulta, Sam Heller, Sussi Hodel, Cina Hürlimann, Milenko Lezic, Gabriela von Malaisé, Sara Kemény, MERESK, Brigitte Moser, Martin Riesen, Timon Sager und Sabine de Spindler.

Allerdings als Zwischennutzung. Denn in etwa drei bis fünf Jahren ist Schluss. Der genaue Termin stehe noch nicht fest, aber in absehbarer Zeit muss sich das Kollektiv neue Räumlichkeiten suchen. «Das Gute ist, dass unser Gebäudeteil zuletzt vom Umbau betroffen sein wird», scherzt Heller. Und sie zeigt sich überzeugt, dass die Zusammenarbeit mit dem Amt für Kultur wiederum Konstruktives zu Tage fördern werde.

Platz für Subversives

Keine Kunsti, dafür ein Künstlerkollektiv. Eingebettet in eine grosse Halle, in der die Kreativität förmlich von den Wänden tropft. Kein Platz für Individualisten, das Gemeinsame steht hier hoch im Kurs. Mannigfaltig, bunt und reizüberflutend – ein kreatives Chaos sondergleichen (siehe Bildergalerie).

In Zug ist Kreativpotenzial vorhanden, bemerkt Heller. Aber: «Ein weiterer Nachteil von Zug ist, dass es hier nicht nur schwierig ist, Räumlichkeiten zu finden, sondern dass es vor allem teuer ist.» Gerade die jüngere Generation habe keine Chance, die teuren Ateliers zu mieten, konstatiert sie. «In einem englischen Garten wächst keine Kunst.»

«Es braucht Platz für Subversives.»

Samantha Heller

In der Stadt könne man so etwas wie einen Verdrängungskampf beobachten. Ein Blick in die Altstadt zeige: «Da sitzen die Ehefrauen von gutbetuchten Männern in ihren Galerien und versuchen ihre Blümchen-Kunst zu verkaufen.» Nichts gegen Blümchen-Kunst, betont sie, aber es brauche auch Platz für Subversives und für solche, deren Bankkonten nicht aus allen Nähten platzen.

Kosten vs. Förderung

Es tut sich hier eine Diskrepanz auf, die gerade im Kanton Zug eine nennenswerte Rolle spielt. Auf der einen Seite sind über die vergangenen Jahre die Boden- und Mietpreise derart in die Höhe geschossen, dass sich das kaum einer noch leisten kann. Auf der anderen Seite – und das betont Heller nachdrücklich – setze sich das Amt für Kultur mit grossem Einsatz dafür ein, Raum für die junge Kreativszene zu schaffen.

«Böse Zungen behaupten, dass uns die Förderstelle dieses Atelier nur deshalb vermittelt habe, damit sie sagen kann: Schaut, wir setzen uns für subversive Kunst ein», sagt Heller. Sie persönlich glaube das nicht, sondern sei überzeugt davon, dass die Verantwortlichen die Szene aufrichtig schätzen.

Solidarität an oberster Stelle

Wie dem auch sei, die Vereinspräsidentin vom Atelier63 ist auf jeden Fall froh, dass sie sich hier kreativ austoben können. Es sei die Solidarität, die für sie persönlich, aber auch innerhalb des Ateliers, einen hohen Stellenwert geniesse. «Es braucht wenig Regeln, damit es funktioniert. Die Leute im Gemeinschaftsatelier sind mit Elan dabei. Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden.»

«Wir haben bestimmte Qualitätsansprüche, auch dem Kanton gegenüber.»

Samantha Heller

Die Nachfrage nach einem Platz sei gross. Zurzeit haben sich acht junge Künstler im Atelier eingerichtet. Von der Pianistin über den Maler bis zum Textil- und Industriedesigner. Die Statuten des Vereins besagen, dass man zwischen 18 und 35 Jahre alt sein und aus Zug stammen muss. 63, die Zahl im Namen der Gemeinschaft, steht schliesslich für 6300, die Postleitzahl jenes Ortes, zu welchem diese kreative Szene eine starke Verbundenheit spürt.

«Man muss auf jeden Fall damit klarkommen, dass wir keine separierten Ateliers anbieten», betont Heller. Dies könne auf die Bewerber mitunter abschreckend wirken. Ansonsten aber mussten sie bis anhin fast keine Absagen aussprechen. «Wir haben bestimmte Qualitätsansprüche, auch dem Kanton gegenüber», sagt Heller. Letztlich werde das demokratisch unter den Vereinsmitgliedern entschieden. Genau wie die Frage, was das Kollektiv als Nächstes lostritt.

Zunächst werde aber die aktuelle Ausstellung genossen. «Das positive Feedback hat uns enorm bestärkt», freut sich Heller. Und es habe einmal mehr gezeigt, dass die jungen Zuger Kreativen Kunst machen können – man müsse sie nur machen lassen.

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