Patric Gehrig (links) und Dominik Busch in ihrer theatralen Zwischennutzung in der Tödistrasse 15. (Bild: jav)
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Patric Gehrig (links) und Dominik Busch in ihrer theatralen Zwischennutzung in der Tödistrasse 15. (Bild: jav)

7min Lesezeit

In sechs Wochen ein Theater auf die Beine stellen – in einem Raum, welcher vor kurzem noch bewohnt war und bald nicht mehr existiert. Eine Herausforderung, der sich das Theater «Zell:stoff» in der Himmelrich-Siedlung stellt. Bei diesem Stück wird der Zuschauer zum Spanner.

In der Tödistrasse 15, rechts im obersten Stock, steht die Wohung fast leer. Ein alter Röhrenfernseher, eine verblichene Plastikpalme, ein Sofa, Kuscheltiere und ein paar Hocker stehen herum. Die Tapete wurde teilweise heruntergerissen, die Böden sind beschädigt, der Kühlschrank fehlt.

Sechs Wochen für alles

Hier wird in weniger als einem Monat ein komplett neues Theaterstück uraufgeführt. Und das von sechs professionellen Theaterschaffenden, die vor kurzem selbst noch nichts davon wussten. Die Idee entstand in dem Moment, als die Ausschreibung der abl draussen war. Die Ausschreibung für die grosse kulturelle, künstlerische Zwischennutzung von Wohungen in der Himmelrich-Siedlung, welche bald abgerissen wird (zentral+ berichtete).

Ein Stück zu planen, zu schreiben, zu produzieren und aufzuführen, dauert normalerweise mehrere Monate – im Extremfall auch Jahre. Doch die Kurzfristigkeit sehen die Beteiligten der Theaterplattform Zell:stoff als Motivation und Chance. Vom 2. bis zum 5. September finden die Aufführungen statt. Doch was genau gespielt wird und wie, das wird gerade entwickelt. «Heim#1» heisst die Produktion. Sie soll aber noch einen Untertitel erhalten.

Raum schreibt Geschichte

Dominik Busch sitzt seit Tagen daran, den Text zu schreiben. Doch der Autor, der in der Spielzeit 2015/16 am Luzerner Theater als einer von drei Hausautoren tätig ist, will dieses Mal nicht wie üblich in seinem «Kämmerchen» schreiben. Vielmehr soll das Stück aus dem Spielort heraus entstehen. Die Inspiration, die Geschichten entstehen aus den fiktiven Inhalten, die man mit den Räumen und den Objekten verbindet.

Eine Reise durch die Zeit und durch verschiedene Leben wird möglich, indem man die Schichten einer Wohnung sichtbar macht. «Wie bei einer Zwiebel», so Busch. Hier haben Leute gelebt, viele verschiedene und in verschiedenen Jahrzehnten. Man sieht es an den Wänden: Unter alten Tapeten kommen Zeichnungen und Kritzeleien aus den 60er-Jahren wie Echos aus der Vergangenheit zum Vorschein. Und an den Böden. In der Küche werden die Schichten bereits sichtbar. Unter dem obersten Linoleum taucht ein zweites auf, darunter eine Leimschicht und darunter ein roter Steinboden.

Die Dekonstruktion legt Schichten und Geschichten frei. (Bild: zvg)
Die Dekonstruktion legt Schichten und Geschichten frei. (Bild: zvg)

Voyeurismus funktioniert

«Drei Themen sind es, die uns interessieren: Authentizität, Entfremdung und Geister», sagt Busch. Talkshows, echte Messie-Wohnungen und Datingshows – all das sei langsam vorbei. Und trotzdem, so Busch, müsse man sich heute der Frage nach dem Echten im Falschen und dem Falschen im Echten stellen. Wenn sich Leute etwa auf sozialen Plattformen eine Rolle andichten, die theatralischer und fiktiver ist als jede Hamlet-Inszenierung, dann hat sich da etwas verschoben – und das Theater sollte wohl darauf reagieren.

«Und solche Produktionen treffen einen Nerv – bei den Künstlern und auch beim Publikum», sagt Busch. Er erklärt sich den Erfolg durch eine ganz banale Lust des Menschen – die Neugier, den Voyeurismus. «Es ist der Gwunder, in etwas Reales reinzuschauen, in das ganz private Leben anderer Menschen.»

Das Team

Spiel: Julia Schmidt, Selina Girschweiler Castro, Patric Gehrig
Ausstattung: Saskya Germann
Video: Kevin Graber
Text: Dominik Busch

«Im Rahmen von Theater – mit einer gewissen Künstlichkeit und Inszenierung – wird diese Neugier hier jedoch auch befriedigt.» Denn es handelt sich um einen echten Raum in eine Wohnung mit Geschichte und benutzten Objekten. Die Ausstattung für das Stück wird zum grössten Teil aus den weggeworfenen Habseligkeiten der ehemaligen Bewohner zusammengetragen. «Daraus entstehen Geschichten, vom Leben getränkt.»

Man ist Eindringling, aber auch nicht. Vor allem bei den Möbeln, Kuscheltieren oder Fotos hält man Erinnerungen echter Menschen in den Händen. Das spüren auch die Theatermacher, und viele Ideen und Diskussionen entstehen daraus: «Wann ist etwas meins, wann ist es deins und wann verändert sich das Gefühl zu Dingen, oder zu einem Raum? Man kann sich beispielsweise auch im Eigenen plötzlich fremd fühlen.»

Geister interessierten sie, weil man beim Eintreten in die Räume das Gefühl habe, als sei von den Mietern noch etwas zurückgeblieben. Wenn der Geist ein Bild ist für ein Nicht-los-kommen von einer vergangenen Geschichte oder ein rituelles Kreisen um alte Wunden, dann haben Gehrig und Busch grosse Lust, einen solchen «theatralischen Wiederholungszwang» im Himmelrich zu inszenieren.

Nur fünf Zuschauer pro Vorstellung

Lediglich fünf Zuschauer werden pro Vorstellung in die Wohnung gelassen. Das bei 18 Vorstellungen innert vier Tagen. «Das sind insgesamt 90 Zuschauer», rechnet Gehrig vor. Ein Drittel dieser Plätze ist bereits reserviert.

Toll sei, dass man einen Raum betreten und erleben kann, in welchen man sonst nicht reinkäme und der anschliessend verschwindet. Eine einmalige Erfahrung also.

«Im schlimmsten Fall beträgt unser Produktionsbudget 100 Franken.»
Patric Gehrig, Schauspieler

Mit dem Abbruch der Siedlung endet auch das Stück. «Es wird nicht reproduzierbar», so Busch. Das Stück entsteht nur für diese Zwischennutzung – für die 90 Zuschauer. Nun – nicht ganz. Denn auch ein Kurzfilm ist geplant.

Im schlimmsten Fall gibt's keinen Lohn

Doch wie wird eine solch kurzfristige Produktion finanziert? Steht die Finanzierung? Gehrig lacht. «Nein. Im schlimmsten Fall beträgt unser Produktionsbudget 100 Franken.» Eine Risikosituation für die freischaffenden Profis. «Und trotzdem haben wir tolle Leute für das Projekt gefunden», so Busch.

Nun wurden Stiftungen, Migroskulturprozent, Stadt und Kanton angefragt. «Doch es ist extrem schwierig», erklärt Gehrig. Fördergelder zu beantragen ist meist eine langwierige Angelegenheit.  Die Sitzungs- und Eingabetermine stehen weit im Voraus. «Mit diesem sehr kurzfristig initiierten Projekt fallen wir eigentlich durch alle Maschen.» Die freien Theaterschaffenden können nur abwarten, ob im Nachhinein eine Entlohnung für ihre Arbeit gesprochen werden wird.

Die ersten Gegenstände aus den Mulden haben es in die Theaterproduktion geschafft. (Bild: zvg)
Die ersten Gegenstände aus den Mulden haben es in die Theaterproduktion geschafft. (Bild: zvg)

Das Projekt ist insgesamt eine neue Erfahrung auch für die Theatermacher. «Wir müssen ganz anders planen, umdenken. Das ist toll und kann künftige Projekte beflügeln, beeinflussen oder gar neue Produktionen anstossen. Die Idee einer Reihe von Stücken in kurzfristigen Zwischennutzungen steht bereits.

Unter der Tapete tauchen Geschichten auf. (Bild: zvg)
Unter der Tapete tauchen Geschichten auf. (Bild: zvg)

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