Das LABOR Luzern ist Teil einer Ateliergemeinschaft, die sich auf dem Areal Rösslimatt befindet. (Bild: mag)
Kultur Architektur

Das LABOR Luzern ist Teil einer Ateliergemeinschaft, die sich auf dem Areal Rösslimatt befindet. (Bild: mag)

Szene der freien Kreativen blüht

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Innovativ, fantasievoll, handwerklich begabt. In der Stadt Luzern wimmelt es von kreativen Personen, die sich in Ateliers, Büros, Studios und Werkstätten engagieren. Zusammen bilden sie einen Wirtschaftszweig, der im Bewusstsein vieler gar nicht existiert. Laut Exponenten aber als «bedeutend» eingeschätzt wird.

Was genau mit Kultur- und Kreativwirtschaft gemeint ist und wie ausgeprägt die Szene in Luzern ist, weiss niemand so genau. Mit ihren Veranstaltungen tragen Kultur- und Kreativschaffende zur Attraktivität und Ausstrahlung einer Stadt bei. Analog spricht der Luzerner Stadtpräsident Stefan Roth von der Absicht, die Kreativwirtschaft in Luzern zu fördern.

Vor gut zehn Jahren setzte auch im deutschsprachigen Raum eine Bewegung ein, die sich zum Ziel setzte, die wirtschaftliche Tätigkeit der Kultur- und Kunstschaffenden zu messen. Zur Situation in Zürich gibt es zwar konkrete Zahlen und auch für Basel existiert eine Studie. Wie sich die Kultur- und Kreativwirtschaft in Luzern zusammensetzt, ist dagegen nicht bekannt. zentral+ versucht deshalb eine erste Standortbestimmung.

Zugehörigkeit zu diesem Zweig nicht überall gegeben

Unterschiedliche Definitionen von Kreativwirtschaft

Der Begriff Kreativwirtschaft (engl. Creative Industries) steht für einen Wirtschaftszweig und fasst jene Unternehmen aus dem Kultur- und Kunstbereich zusammen, die Produkte und Dienstleistungen entwickeln, produzieren, verkaufen oder medial verbreiten. Welche Berufsfelder unter den Begriff fallen, unterscheidet sich je nach Definition.

Die Zürcher Hochschule der Künste hat mehrere Studien zur Kultur- und Kreativwirtschaft durchgeführt. Sie ordnet dem Wirtschaftszweig ihrerseits 13 Teilmärkte unter: Musik, Buch, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Markt der darstellenden Kunst, Designwirtschaft, Architektur, Werbung, Software- und Games-Industrie, Kunsthandwerk, Presse und der phonotechnische Markt.

Einer anderen Zuordnung folgt der Creative City-Ansatz. Dieser geht auf Urbanist Charles Landry zurück und unterscheidet die Kreativbereiche Architektur, Bildende Kunst, Design, die Eventbranche, Film und Rundfunk, Fotografie, Games und Software, Literatur und Verlage, Mode und Textil, Musik, Theater und Tanz und zum Schluss die Werbung.

Kreativwirtschaft hat sich in der Zwischenzeit zu einem Modewort entwickelt. «Die Schwierigkeit liegt darin, dass diese Branche in den Statistiken gar nicht klar abgegrenzt ist», sagt jetzt aber Christoph Hauser, Leiter des Instituts für Betriebs- und Regionalökonomie der Hochschule Luzern.

Hauser meint damit, dass sich diejenigen Berufssparten, die eigentlich zu dieser Kultur- und Kreativwirtschaft zählen würden, sich zu mehreren, unterschiedlichen offiziellen Branchen zählen. Recherchen von zentral+ zeigen, dass gerade etablierte und wirtschaftlich erfolgreiche Künstler sich dennoch als Kreativwirtschafter bezeichnen. Architekten, Designer, Grafiker, Musiker, Personen die Filme machen oder Bilder malen, Theater spielen, fotografieren und schreiben. Sie alle gehören eigentlich diesem Wirtschaftszweig an. Dazu kommt eine weitere Schwierigkeit: Kultur- und Kunstschaffende sehen ihre gestalterischen Freiheiten durch das wirtschaftliche Denken in Gefahr.

Angesehene Grafikszene

Erich Brechbühl ist zurzeit wohl der bekannteste Kunstschaffende aus Luzern. Der Grafiker hat auf der ganzen Welt Auszeichnungen, Preise und Medaillen gewonnen. Seine Plakate brachten ihm eine Nomination für den diesjährigen «Design Preis Schweiz» ein. Sein Erfolgsrezept: «Ich versuche mich immer wieder selber zu überraschen.»

Der Puls der Luzerner Grafikszene ist hoch. Brechbühl: «Grafik aus Luzern wird national und international wahrgenommen. Das Potential ist gross.» Von dieser Ausgangslage will er profitieren und hat deshalb das Plakatfestival «Weltformat» gegründet. Mehr Aufmerksamkeit für das einheimische Schaffen sei das Ziel. Es fehle der Kunst hier an Wahrnehmung und Anerkennung, sagt der 36-Jährige und fügt an: «Im Ausland haben die Luzerner Grafiker viele Fans.»

Der Bereich der bildenden Kunst wird in Luzern dagegen weniger stark wahrgenommen. Der «sic! Raum für Kunst» bietet in diesem Bereich nationalen, aber auch internationalen Künstlern eine Plattform. Zwischen 30 und 60 Prozent des Jahresprogramms besetzen einheimische Kunstschaffende. Nadine Wietlisbach leitet das Projekt seit 2007. «Es gibt in Luzern keinen Markt für zeitgenössische Kunst, und Formate für bildende Kunst, die national wahrgenommen werden, sind schwer zu besetzen.» Das mache es für einheimische Künstler schwierig, bekannt zu werden.

Das Bewusstsein fehlt

Die Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Kultur- und Kunstszenen unterscheiden sich. Im Musikbereich bestehen zum Beispiel Angebote an der Hochschule Luzern - Musik, unter anderem im Jazz. Daneben existieren für Musiker diverse Formate wie die Nachwuchsplattformen Tankstelle und Sprungfeder. In anderen Bereichen wie der bildenden oder der mechatronischen Kunst fehlen entsprechende Angebote dagegen vollständig.

Während in einzelnen Kultur- und Kunstbereichen nur die Plattformen fehlen, stösst sich die gesamte Kunstszene an einem anderen, übergeordneten Aspekt. «Das Bewusstsein für die Kreativwirtschaft fehlt», stellt Philipp Klaus fest. Der Wirtschafts- und Sozialgeograph forscht am INURA Institut in Zürich zur Kultur- und Kreativwirtschaft sowohl in der Schweiz als auch international. In Politik und Gesellschaft sei das Wissen über diesen Wirtschaftszweig sehr gering und vor allem dessen Funktionsweise als System werde kaum verstanden.

«Die Wahrnehmung der Kreativszene steckt in den Kinderschuhen.»

Franziska Bründler

«Hier erfährt niemand, wenn Luzerner für Designpreise nominiert sind», bedauert Franziska Bründler, Gründerin von Fidea Design. Und sie fügt an: «Die Wahrnehmung der Kreativszene steckt in den Kinderschuhen.»

Bei all diesen schwierigen Umständen stellte zentral+ bei den Recherchen aber fest: Die Szene der freischaffenden Kreativen in Luzern blüht. In Ateliers, Büros, Studios und Werkstätten arbeiten Künstler, die innovativ und handwerklich begabt sind, eine blühende Fantasie haben und originelle Projekte entwickeln.

Gemäss den Aussagen von Philipp Klaus, Franziska Bründler und Felix Bänteli vom LABOR Luzern fehlt in Luzern also das Bewusstsein für die freie Kunst- und Kulturszene. Dies zeigt sich unter anderem auch an der städtischen Förderpolitik. Während die grossen Kulturhäuser 95 Prozent aller Beiträge der privaten und öffentlichen Kulturförderung erhalten, bleiben für kleine und mittlere Organisationen gerade einmal fünf Prozent übrig. Diese erarbeiten gemäss der Kultur-Agenda 2020 gleichzeitig aber die Hälfte der Produktionen und Veranstaltungen in der Stadt Luzern.

Umstrittene Förderung

Die Kultur- und Kunstförderung ist umstritten. Bei so vielen Branchen fühlen sich Einzelne immer benachteiligt, während andere auch ohne die Unterstützung von Stadt oder Kanton erfolgreiche Arbeit leisten und auf ein grosses Echo stossen.

«Luzern ist eine aufregende Stadt», schwärmt Nadine Wietlisbach, Leiterin des «sic! Raum für Kunst». Sie biete reiches und vielfältiges Kulturschaffen, so die Bernerin. «Luzern hat einiges zu bieten», wobei sie kritisch anmerkt, dass eine Stadt nicht nur durch kulturelle und künstlerische Leuchttürme wie das KKL interessant werde. Auf das Thema Förderung angesprochen, sagt sie sofort: «Das ist ein Fass ohne Boden.» Sie nervt sich über das Gejammer einzelner Kunstschaffender, denn «im internationalen Vergleich geht es uns wahnsinnig gut.»

«Es braucht ein Statement der Stadt, was sie fördern will. Mir fehlt eine einheitliche Strategie aus Sicht von Kultur, Wirtschaft und Politik», meint Franziska Bründler. Ähnlich tönt es in der Ateliergemeinschaft Botenplätze Halle Nord. 15 Kunst- und Kulturschaffende aus verschiedenen Sparten arbeiten dort an gemeinsamen oder individuellen Projekten, wobei sie gegenseitig das vorhandene Wissen austauschen. Felix Bänteli vom LABOR Luzern, das Teil dieser Gemeinschaft ist, sagt diesbezüglich: «Es besteht eine grosse Kluft zwischen der Stadt und der Kreativszene.» Daniela Schmidlin, ebenfalls im LABOR tätig, fügt dem hinzu, dass es an Anerkennung fehle. Die Stadt kenne die Kreativszene nicht und politisiere deshalb an ihr vorbei.

«Bisher hat die Stadt die ansässigen Unternehmen aus der Kreativwirtschaft nicht gezielt gefördert», sagt Peter Bucher, Beauftragter für Wirtschaftsfragen bei der Stadt Luzern. Dass das Bewusstsein für diesen Wirtschaftszweig in Luzern fehle, glaubt er im Gegensatz zu direkt involvierten Künstlern nicht. Im Gegenteil: Er schätzt das Bewusstsein in Luzern für die Leistungen der Kultur- und Kreativwirtschaft als gross ein.

Bucher könnte sich zwar eine Förderung im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft vorstellen, einfach Geld verteilen will er aber nicht. «Wir könnten zum Beispiel Marktzugänge ermöglichen.» Damit meint er etwa die Unterstützung von Auftritten an nationalen oder internationalen Kunstmessen. Alex Willener arbeitet an der Hochschule Luzern zum Thema Stadt- und Regionalentwicklung. Er sieht eine weitere Möglichkeit, Kunstbewegungen zu stärken. Beispielsweise durch Vereine wie LuzernDesign.

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