Sein Beruf ist seit über dreissig Jahren die Unterhaltung. Tritt Marco Rima nicht gerade mit einem Bühnenprogramm auf und steht abseits der Scheinwerfer, hat er Entzugserscheinungen. (Bild: Samuel Schalch)
Kultur Bildung

Sein Beruf ist seit über dreissig Jahren die Unterhaltung. Tritt Marco Rima nicht gerade mit einem Bühnenprogramm auf und steht abseits der Scheinwerfer, hat er Entzugserscheinungen. (Bild: Samuel Schalch)

18min Lesezeit

Er unterhält und provoziert. Viele lieben Marco Rimas Pointen. Andere können den Zuger Komiker hingegen nicht ausstehen. Im Interview erzählt er von seinem Vorbild Emil, von Bankern, die einmal in der ersten Reihe sassen, und davon, was Deutsche besser können als die Schweizer.

Marco Rima polarisiert. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, provoziert gerne mit Doppeldeutigkeiten, Witzen über Frauen und Ausländer. Seine Sprache ist direkt und unverblümt. So ist der in Oberägeri wohnhafte Komiker, Kabarettist, Schauspieler und Sänger aufgewachsen.

Unterhielt er früher als Klassenclown im engen Kreis seine Mitschüler und Freunde – weniger aber die Lehrer, so erfreut sich heute ein breites Publikum an seinen Bühnenprogrammen. Auch mit «Made in Hellwitzia» füllt Rima erneut die kleineren und grösseren Theatersäle und Veranstaltungshallen Deutschschweizer Städte. 50 Fragen für ihn zu finden war nicht schwierig. Den Fragen-Marathon bewältigt er sehr überlegt und reflektiert und lässt hie und da seinen Humor aufblitzen.

zentral+: 1. Was verschlägt dir die Sprache?

Marco Rima: Der sonst so redselige Rima kommt schon bei der ersten Frage ins Stocken. Das Ungerechte, das ab und zu in der Welt stattfindet. Das Attentat in Tunis verschlug mir auch kurz die Sprache. Es kann nicht sein, dass Leute einen Ort besuchen und dabei ermordet werden. Das passiert einem ja schon fast überall auf der Welt. Ich war kürzlich in London und lief etwas paranoid in der Tube umher und überlegte mir, es könnte ja vielleicht etwas passieren.

2. Was findest du selber lustig?

Alles was mich zum Lachen bringt. Und vor allem meine Kinder natürlich. Sie überraschen mich immer wieder mit lustigen Geschichten. Darüber kann ich herzlich lachen.

Zur Person

Der 53-jährige Marco Rima ist verheiratet und hat vier Kinder. Nach vier Programmen mit dem Cabaret Marcocello folgten verschiedene Musicals und Comedyprogramme. Daneben spielte er in mehreren Schweizer Kinofilmen mit. 2014 nahm er sich eine kreative Auszeit und realisierte sein neues Bühnenprogramm «Made in Hellwitzia», mit dem er sich gegenwärtig auf Tour befindet.

3. Wie begegnest du humorlosen Menschen?

Mit Humor.

4. Es heisst, du seist ein guter Tänzer!

Über diese Aussage freut er sich. Ja. Ich musste bei den beiden Musicals «Keep Cool» und «Hank Hoover» das Tanzen im Verband lernen. Ich tanze eigentlich lieber frei. Aber es machte Spass, einmal Choreographien zu tanzen. Ich hatte zuerst das Gefühl, dass ich das nicht kann. Aber irgendeinmal klappte es dann doch und es machte wahnsinnig viel Freude.

5. Bist du ein emotionaler Mensch?

Sehr.

6. Hast du Angst davor, nicht lustig zu sein?

Er zögert. Ich habe mehr Angst davor, Teile eines Programms zu vergessen und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Dass ich selber nicht lustig sein könnte, damit muss ich jeden Tag rechnen. Es können mich ja auch nicht alle Leute lustig finden. Das wäre fatal.

«Eigentlich ist es die Bühne, die süchtig macht. Applaus ist eine Begleiterscheinung, aber eine schöne.»

Marco Rima, Komiker

7. Was wäre daran so fatal?

Dass ich dann ernst genommen würde. Jetzt kann ich mit einer Bemerkung die Stimmung kippen, von sehr lustig zu sehr ernsthaft. Das muss sein, denn als Komiker erzähle ich nichts anderes als ernsthafte Geschichten oder Ereignisse, über die man lachen kann, die aber eine gewisse Tragik haben. Wenn man sie dann aber echt erzählt und es ans Eingemachte geht, dann hören die Leute auch ganz anders zu und stellen fest, dass die Geschichten nicht immer so lustig sind, wie man meint.

8. Macht Applaus süchtig?

Seine Augen leuchten. Absolut. Wobei, eigentlich ist es die Bühne, die süchtig macht. Applaus ist eine Begleiterscheinung, aber eine schöne. Anerkennung bringt mich vorwärts und motiviert mich, am nächsten Tag weiter zu machen.

9. Darf man sich über alles lustig machen?

Man darf, ja. Die Frage ist, ob es immer richtig ist. Wenn ich merke, dass ich jemanden in seinem Empfinden verletze, dann überlege ich mir zweimal, ob ich weiter in dieser Wunde bohren soll, bis es schmerzt.

10. Verkleidungen gehören hin und wieder bei deinen Programmen dazu. Wie warst du dieses Jahr an der Fasnacht?

Gar nicht, zum ersten Mal. Sagt er und lacht.

11. Sex-Skandal, Finanzpolitik, Expats und Rohstoffmultis. Das gäbe doch ein gutes Zuger Programm!

Ja, das gäbe wirklich ein gutes Programm. Politische Geschichten sind immer sehr spannend, vor allem dann, wenn sie in Zusammenhang mit einem Skandal stehen. Meiner Meinung nach gehören diese Geschichten [Anm. d. Red. Fall Spiess-Hegglin] nicht an die Öffentlichkeit. Aber sie sind eben an diese gelangt und dann spielt es eine Rolle, wie die jeweiligen Personen in diesen Fällen beraten werden.

Es gibt bei mir einen Punkt, wo ich entscheide, eine Geschichte nicht einzubauen, vor allem wenn Partner und Kinder ebenfalls betroffen sind. Bei Geri Müller ist es hingegen kein Problem, auch wenn es eine Familie gibt. Eigentlich hat er ja nichts Schlimmes gemacht. Den Aufschrei der Leute finde ich total übertrieben. Heute wird einfach alles auf die Goldwaage gelegt und gegen das gehe ich vor und provoziere ganz bewusst.

12. Sprache verändert sich. Was hat das für dich für Konsequenzen?

Ich bin ein Kind der 70er-Jahre. Meine Sprache ist direkt, rau und hat zur Folge, dass gewisse Leute das Gefühl haben, ich sei ständig unter der Gürtellinie. Aber so bin ich aufgewachsen. Das, was heute nicht mehr politisch korrekt ist, war bei uns damals nur ein Witz.

13. Dein Lieblingsplatz im Kanton?

Auf der Tschuepis unterhalb des Restaurants, wo man Kapaun essen kann. Der Name will ihm gerade nicht einfallen. Er meint das Restaurant Blasenberg. Dort gibt es eine Bank mit Sicht über den ganzen Kanton.

14. Was ist das Beste an Zug?

Zug ist ein wunderschöner Kanton. Ich fühle mich von den Hügeln und Bergen umarmt, geborgen. Ich finde die Leute spannend, die grosse Durchmischung, das liebe ich sehr.

15. Was würdest du im Kanton ändern?

Er überlegt. Wenn ich mich politisch einsetzen könnte, dann gäbe es für mich zwei Geschichten. Einerseits würde ich die Schule reformieren. Das heisst, den Kindern mehr Zeit geben, die Schule besuchen zu können. Dass sie auch mehr Freude haben an der Schule und die Lehrer mehr Möglichkeiten erhalten, zu wirken. Wir haben eine impotente Gesellschaft. Es traut sich niemand mehr, Verantwortung zu übernehmen.

Das Zweite ist die Schweizer Asylpolitik, die ist meiner Meinung nach komplett verfehlt. Man könnte die Asylsuchenden auf die Gemeinden, wir haben davon 2'800, verteilen, dann hätten wir diese Ballungsproblematik nicht. Aber die Politik muss sich dahingehend ändern, dass die Leute gar nicht erst in die Schweiz kommen.

16. Du hast einmal aus Jux angekündigt, dass du in den Bundesrat willst. Würde der Zuger Regierungsrat nicht auch reichen?

Nein, das würde nicht reichen. Die Politik würde mir ganz allgemein nicht reichen. Ich bin ein Macher und einer der kreiert. Ich bin zwar ein Verfechter der Demokratie, aber in der Politik dauert mir alles viel zu lange. Es fehlt mir der Schnauf und die Geduld, um in die Politik zu gehen. Als Bundesrat kannst du wenigstens noch eine Rede zur Lage der Nation schwingen.

17. Was gibt’s bei dir zum Zmorge?

Ein Cappuccino und dazu ein Konfibrötli. Himbeer-Konfi. 

18. Bist du ein guter Hausmann?

Ja, super. Ich bin besser als meine Frau. Diese Antwort kam postwendend.

19. Ihr habt vier Kinder. Wer geht wem mehr auf die Nerven? Du den Kindern oder die Kinder dir?

Er lacht. Ich ganz sicher mehr den Kindern, weil ich die Ansagen mache. Wobei, die zwei Grossen lassen sich keine Ansagen mehr machen.

20. Bist du zuhause auch ein Entertainer?

Ja, ich glaube schon. Zwar, wenn ich wie jetzt gerade auf Tour bin, dann brauche ich viel Schlaf und schlafe auch den Tag durch zwei oder drei Stunden, damit ich am Abend wach bin.

21. Während des Studiums hast du mit Kabarettpartner Marcello Weber (zentral+ führte kürzlich ein Interview) das «Caberet Marcocello» gegründet. Das war 1983. Was ist dir aus dieser Zeit geblieben?

Viele tolle Erlebnisse. Eine super Freundschaft, die ich mit ihm hatte und feierte. «Marcocello» ist mitunter natürlich das Fundament für das, was ich jetzt mache. Ich bedaure sehr, dass ich und Marcello keinen Kontakt mehr haben.

22. Marcello ist heute Anwalt. Was wäre aus dir geworden, wenn es mit dem Kabarett nicht geklappt hätte?

Ich wollte einmal Priester werden, dann kam aber das Zölibat in die Quere, dann fragte ich mich wirklich, was «sölli im Bad». Dann wurde ich Schwimmlehrer. Ein klassischer Marco-Rima-Witz. Ernsthaft, ich war Lehrer, unterrichtete Schwimmen und Musik. Ein Priesteramt hätte mich wirklich interessiert, auch Architektur. Aber schliesslich durfte ich einer Berufung folgen, wo ich auch wusste, da bin ich daheim, das wird mein Leben bereichern und erfüllen.

23. Jetzt ist es aber Zeit für ein Foto: Was ist deine Lieblingsgrimasse?

Der kleine, staunende Mann. (Bild: Samuel Schalch)
Der kleine, staunende Mann. (Bild: Samuel Schalch)

Das ist der kleine Mann, der staunt und nicht begreift, was um ihn herum passiert. Ich mag diesen Charakter.

24. Hast du Vorbilder?

Cabaret Rotstift, César Keiser, Emil Steinberger, Loriot, Jerry Lewis, Steve Martin. 

25. Welche Bedeutung hat Emil für dich?

Er hat die Deutschen darauf aufmerksam gemacht, dass wir Schweizer Kabarettisten auch lustig sein können. Und er konnte auch auf eine liebenswürdige Art und Weise den Spiesser, den Bünzli auf die Schippe nehmen. Das ist etwas, was ihn auszeichnet.

26. Was inspiriert dich für deine Programme?

Das Leben.

27. Wo entstehen die Programme?

Nachdem ich sehr viele Geschichten und Erlebnisse für mich gesammelt habe, schreibe ich zuerst ein Konzept. Dann sitze ich mit meinen Co-Autoren zusammen. Das passiert entweder in Berlin, in Mallorca oder in Adelboden, wo das aktuelle Programm entstanden ist. Einfach weg von daheim.

28. Was machst du als Letztes, bevor du eine Bühne betrittst?

Einen Schluck Tee trinken.

29. Premiere oder Dernière?

Er hält einen Moment inne. Premiere. Dernière ist immer traurig.

30. Dein schlimmster Auftritt?

Da muss er lange überlegen. Das hatte ich so noch nie. Einmal bin ich eine Treppe heruntergefallen und habe mich verletzt. Oder schlimm im Sinne von lustig waren die Banker in der ersten Reihe beim Programm «Hank Hoover». Vier davon haben geschlafen. Die anderen tauschten Visitenkarten aus. 

31. Wie reagierst du auf Zuschauer, die nicht lachen?

Gar nicht. Ich nehme sie wahr, ja. Ich habe gelernt, dass es Zuschauer gibt, die äusserlich nicht lachen aber dies innerlich wahnsinnig machen.

32. Hältst du in deiner Tätigkeit als Komiker der Schweizer Gesellschaft den Spiegel vor?

Ja, aber ich möchte sie vor allem zum Lachen bringen und sie mit den humorvollen Geschichten dazu bewegen, dass sie sich selber nicht so wichtig nehmen. Gerade wenn es um beziehungstechnische Geschichten geht.

33. Arosa Humorfestival oder Salzburger Stier?

Humorfestival.

34. Du wirst das Programm auch in Deutschland präsentieren. Musst du dein Programm da anpassen?

Ja, das muss ich. Es gibt Geschichten, bei welchen es um Lokales geht, was läuft politisch, wie sprechen sie, wer ist langsam, wer ist schnell. Ich nehme alle Klischees auf und füge sie ins Programm. Grundsätzlich kann ich diese in Deutschland aber fast eins zu eins so spielen wie in der Schweiz.

35. Wie viel Humor haben die Deutschen (Auf einer Skala von 1 bis 10)?

Neun. 

36. Und die Schweizer?

Ein kurzes Zögern. Neuneinhalb. Er muss herzlich lachen. Am meisten Humor haben die Engländer. Die trauen sich sehr viel. Sie sind sich für nichts zu schade.

37. Was können Deutsche besser als Schweizer?

Sie sind direkt und kommen auf den Punkt. Wir hingegen umschiffen eine Frage, wir wollen immer freundlich und nett bleiben.

«Ich kann nicht Rücksicht auf alle Gürtellinien nehmen. Ich habe meine eigene und ich mache das, was ich für vertretbar halte.»

Marco Rima, Komiker

38. EV Zug oder FC Luzern?

EV Zug. Eine einfache Frage.

39. Welchen Sport treibst du selber am liebsten?

Am liebsten würde ich viel Tennis spielen. Das geht aber wegen meiner Arthrose im Knie nicht. Wenn ich ein paar Kilo abnehme, dann geht es vielleicht wieder. Aber sonst spiele ich gerne Golf. Skifahren auch. Das geht gut.

40. Was ist dein aktuelles Kampfgewicht?

98 Kilogramm. 10 zu viel. Nein, sind wir ehrlich, 12.

41. Du bewegst dich mit deinen Sprüchen oft im Bereich der Gürtellinie, manchmal auch darunter. Das ist oft eine heikle Gratwanderung und kommt nicht bei allen gut an!

Das ist richtig. Aber so bin ich aufgewachsen. Bei uns zuhause haben wir damals über alles und direkt miteinander geredet, wir hatten keine Scham. Achteten aber auch darauf, dass wir uns korrekt ausdrücken, keine Schimpfwörter benutzen. Ich hatte aber natürlich eine zweite Sprache in der Schule und dort gab ich Vollgas. Ich kann nicht Rücksicht auf alle Gürtellinien nehmen. Ich habe meine eigene und ich mache das, was ich für vertretbar halte.

42. Du bist unglaublich beliebt. Wie machst du das?

Ich ziehe mich jeden Tag sehr schön an. Nein, ich freue mich natürlich darüber. Bin mir aber durchaus auch bewusst, dass viele Leute mich nicht ausstehen können.

43. Wann ist ein Publikum ein gutes Publikum?

Wenn sich die Besucher auf meine Absurditäten einlassen können und sie meine Fantasien teilen.

44. Was löst es bei dir auf der Bühne aus, wenn das Publikum mitgeht?

Eine totale Spielfreude. Das reisst mich auch mit. Das ist wie der 12. Mann beim Fussball.

45. Du bist auf allen Social Media-Kanälen präsent. Was sind die Chancen? 

Ich kann neue Sachen zeitnah mitteilen. Und ich kann witzige Sachen veranstalten. Ich glaube, es läuft immer mehr Werbung darüber. Plakate und Inserate sind nicht unwesentlich, aber sie bringen nicht mehr so viele Leute und sind unglaublich teuer. 

46. Was bringt dich auf die Palme?

Am besten stellt man mir eine Leiter zur Verfügung. Im Klettern war ich noch nie besonders gut. Er lacht.

47. Und im übertragenen Sinne?

Dummheit und Ignoranz bringen mich auch ohne Steighilfen auf die Palme. Deshalb wünsche ich mir für die Menschheit nicht nur mehr Bildung im Sinne von Wissen, sondern auch mehr Herzensbildung. 

48. Etwas was die Leute nicht von dir denken würden?

Ich bete jeden Abend.

49. CD, Kassette oder Schallplatte?

Ich habe leider im Moment keinen Plattenspieler. Meine Platten sind aber noch da. Habe es nicht über mein Herz gebracht, sie wegzuwerfen.

50. Du bist schon seit über 30 Jahren dabei. Findest du dich selber überhaupt noch lustig?

Er muss lachen. Ich konnte schon immer über mich selber lachen. Das ist eine wichtige Eigenschaft, die man als Komiker haben muss. Je älter ich werde, desto weniger wichtig nehme ich mich. Ich finde alles schön, was ich hier machen darf. Aber das Leben findet für mich zuhause statt.

Sind Sie ein Fan von Marco Rima oder können Sie seine Witze nicht ausstehen? Nutzen Sie die Kommentarfunktion!

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur