Keine Überarbeitung möglich - beim zentral+ Experiment entstand eine Kurzgeschichte mit so vielen Autoren wie Sätzen. (Bild: fotalia)
Kultur Veranstaltung

Keine Überarbeitung möglich - beim zentral+ Experiment entstand eine Kurzgeschichte mit so vielen Autoren wie Sätzen. (Bild: fotalia)

4min Lesezeit

«Luzern Bucht» ist in vollem Gange. zentral+ hat sich unter die Literaten gemischt und einen ersten Satz in die Runde geworfen. Autoren, Verleger und Gäste haben ihre Sätze hinzugefügt und gemeinsam eine Geschichte verfasst. Ein Experiment.

Mit einem einzigen Satz auf einem Blatt Papier begann das Experiment bereits am Auftakt des Literaturfests am Donnerstagabend. Am Tag darauf, bei der Eröffnung des Buchmarkts von «Luzern Bucht» ging es weiter. Anfangs etwas zögerlich, mal kurz und knapp, mal absurd, mal lautmalerisch haben sich die spontanen Autoren ausgedrückt. Jeder für sich, versuchten sie als Erstes die verschiedenen Handschriften zu entziffern und anschliessend mit einem eigenen Satz die Geschichte voranzutreiben.

Neben Schrifstellern wie Erwin Koch, Martina Clavadetscher, Pablo Haller und Christian Gasser verewigten sich auch Sabine Graf, Leiterin des Zentralschweizer Literaturhauses, die Künstler Max-Christian Graeff und Heini Gut, Schauspieler, Verleger, Fotografen, Politiker, sogar Journalisten.

Lesen Sie hier die Geschichte, die dabei entstand:

Die zerbrochene Uhr tickte noch unter dem Küchentisch. Die Katze sass auf dem Fenstersims und horchte. Worauf ein schriller Schrei erklang und der Bus heftig bremste. Denkste, so war das nicht gedacht, fauch, fauch, die Katz. Und als sie in die Leere schaute, machte die Kamera blitz, blitz. Was soll das, dachte sich die räkelnde Katze, so eine absurde Geschichte habe ich schon lange nicht mehr gehört.

Die Katze wechselte vom Fenstersims auf das Bücherbord und setzt sich auf ihren Lieblingstitel, der in Leinen gebunden war. Sie las und las und las und dachte sich, wie geht das bloss aus. Es ist zu vermuten, dass die Geschichte ab hier eine dramatische Wende nimmt. Könnte sein, dass die zerbrochene Uhr eine wichtige Rolle spielt. Oder handelt es sich nur um eine Irreführung? Sie packte die Wendung mit ihren feisten Wurstfingern und schmiss sie gegen die Wand. In der Gipswand entstand durch den Aufprall ein riesiges Loch. Und sie wunderte sich über ihren emotionalen Ausbruch.

Gehupft ist gleichwertig mit gesprungen; so viel war ihr sicher, indes gewisse Motive wohl mehr oder weniger wertvoll sein mussten. Und damit hupfte sie aufs Bett, wo die zerwühlten Laken vom Spiel des letzten Morgen zeugten. «So ein Graus, das sieht ja scheusslich aus!» Und damit meinte sie weder die vorüberziehende Welt noch die Handlung des Buches, die vorerst im Disparaten steckenblieb, und schon gar nicht das malträtierte Leinen, sondern lediglich ihr Spiegelbild, das vom Raum-Zeit-Kontinuum reflektiert und auf die Leinwand der Imagination geworfen wurde. Diese war genauso verwüstet wie die morgenrötlichen Laken – derart verlöchert und besudelt, dass Fräulein Meyer nichts anderes übrig bliebt, als eine neue zu kaufen.

Also fuhr sie mit der S-Bahn in ein entsprechendes Fachgeschäft, das sich in einem entsprechenden Quartier in einer entsprechenden Stadt befand, doch der Verkäufer verweigerte ihren Kundenwunsch. Enttäuscht wandte sie sich zum Gehen. «Was für ein Saftladen!»

Plötzlich begann die Band zu spielen, ein Intermezzo fortissimo; niemand verstand mehr sein eigenes Wort.

Fräulein Meyer ist glücklich. Die Band spielt nur für sie alleine, alle anderen verlassen den Laden. Sie ist ganz weggetreten und hat bereits vergessen, weshalb sie in diesem Moment überhaupt an einer Kasse steht. Sie steht da, in diesem Laden. Die Katze zuhause isst Katzenfutter, Wurst würden wir sagen, aber Katzen denken eben anders und in anderen Zeiträumen, katzig eben.

Da steht Fräulein Meyer also und wartet. Und da kommt er: Ein hübscher Punk lächelt sie freundlich an. Sie vergisst die Leinwand und lässt sich von ihm bezüglich neuer morgenrötlicher Laken beraten. Der Punk schlägt abendrötliche vor. Fräulein Meyer, die sie gewöhnlich niemandem traut, lässt sich vom charmanten Lächeln, den Piercings und Nieten erstaunlich schnell überzeugen. Kaffee?

Die Katze hatte derweilen ihr Mahl beendet und wartete eifersüchtig auf Fräulein Meyers Rückkehr.

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