Valerie Koloszar alias Pink Spider singt nie unter der Dusche. Dafür überall sonst. (Bild: zvg)
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Valerie Koloszar alias Pink Spider singt nie unter der Dusche. Dafür überall sonst. (Bild: zvg)

«Kunst schlägt die Wissenschaft»

12min Lesezeit

Die Luzerner Musikerin Valerie Koloszar hat überraschend den diesjährigen KickAss Award gewonnen und war sprachlos. Im 50 Fragen-Interview erzählt sie, wann ihr die Worte wegbleiben, wieso sie nicht unter der Dusche singen kann und weshalb kein Thema zu doof ist, einen Song darüber zu schreiben.

Wo wir uns treffen wollen? «Ist das bereits die erste Frage?», lacht Valerie Kolszar. Die 38-jährige Musikerin hat nicht viel Zeit. Wir treffen uns beim Bahnhof, bevor sie weiterzieht – an ein Konzert einer Bekannten. Im Frankys an der Frankenstrasse setzen wir uns ins Fumoir. Sie legt die Jacke über den Barhocker, setzt sich und bestellt einen Tee. Kaum ist der Kellner um die Ecke verschwunden, beginnen wir mit den 50 Fragen.

zentral+: 1. Auf der Bühne beim KickAss Award hast du kaum ein Wort heraus gebracht. Wann bist du sprachlos?
Valerie Koloszar: Wenn ich überrascht werde. Und an diesem Abend hatte ich überhaupt nicht damit gerechnet zu gewinnen.

2. Wie spürst du die Aufregung und Nervosität?
Ich habe ein Black-out und kriege Herzrasen. Dann muss ich es hinkriegen, mich selbst zu beruhigen. Ich muss mir dann einfach selbst einreden, dass ich ganz ruhig bin.

3. Wie kommst du zu deinem Künstlernamen?
Das ist eine längere Geschichte. Er ist eigentlich aus einem Songtext heraus entstanden. Ich finde es eine tolle Metapher. Etwas, dass gar nicht existiert, wie der rosarote Elefant. Obwohl wir später dann rausgefunden haben, dass es eigentlich doch rosa Spinnen gibt. Sie lacht. Mir gefällt auch die Gegenüberstellung von Spinne und Pink. Gegen Spinnen haben ja viele Menschen eine Abneigung, wie ich selbst auch. Und das Pink hebt das negative Gefühl der Spinne dann wieder auf. Und zusätzlich das Pink für Queer.

4. Kennst du die Queer-Szene gut?
Ich kenne sie und sie interessiert mich. Seit einigen Jahren bin ich für das Filmfestival Pink Panorama auch als Übersetzerin tätig. Aber ich bin kein Szenen-Mensch. Ich finde es gut, gibt es Szenen, aber ich bin lieber überall unterwegs und bewege mich dazwischen.

5. Worauf bezieht sich dein Song «Buckets Of Tears»?
Es ist eine andere Art der Auseinandersetzung mit Trauer. Ich wollte das schwere Thema auflockern, leichtfüssiger machen. Es gibt genügend traurige Songs à la «Cry me a river». Und der Kübel stand wahrscheinlich irgendwo rum, als ich geschrieben habe.

6. Wann schreibst du deine Songs?
Wenn mich die Muse küsst. Meist ist es ein Gefühl, es kribbelt in den Fingern, etwas schwirrt im Kopf herum, ein Thema, eine Melodie. Das bringe ich dann zu Papier.

7. Setzt du dich aber auch hin und nimmst dir vor: Jetzt schreibe ich einen Song?
Nein. Das kann ich nicht. Dann bleibt das Papier meist blank.

8. Dein bester Songtext?
Ich bin sehr glücklich über meinen Song «Davy Jones». Es ist eine Geschichte, schön erzählt. Eines führt zum Anderen. Doch, dieser Song ist mir gut gelungen.

9. Beatles oder Stones?
Eels. Sie lacht.

10. Das ist keine Option.
Dann wahrscheinlich schon eher die Beatles.

11. Wie stehts bei dir mit Sex, Drugs and Rock'n'Roll?
Nun. Ich habe schon auch gute Momente erlebt und experimentiert. Sie zitiert Jimi Hendrix: Are you experienced? Sie lacht. Aber mit ihm kann ich lange nicht mithalten.

12. In welches Jahrzehnt hättest du auch gut reingepasst?
Die 20er Jahre. Die 20er Jahre in Paris.

13. Und weshalb gerade diese Kombination?
Ich finde die Zeit sehr spannend, den Umbruch. Gertrud Stein, die ganze Schrifsteller-Szene. Und auch der Bohemian-Lebensstil.

«Ich lasse die Fische schwimmen. Die können das auch ganz gut ohne mich.»

14. Bier oder Wein?
Ich mag beides. Wie ging die Regeln nochmal – Wein auf Bier..?

15. Dein letzte Lachanfall?
Das war wegen eines Sketchs von Giacobbo/Müller. Es ging um einen atomaren Unfall, also eigentlich um nichts Witziges.

16. Was machst du mit den 3'000 Franken, die du am KickAss Award gewonnen hast?
Sie seufzt. Erstmal ein paar ausstehende Kosten begleichen. Ich habe die Produktion der letzten Platte mehr oder weniger selbst bezahlt. Nun hätte ich gerne auch eine kleine Vinylauflage und einen Videoclip.

17. Was bedeutet für dich Luxus?
Meinen Tag selbst einteilen und gestalten zu können, wie es mir passt. 

18. Wo stehst du politisch?
Ich blicke da nicht wirklich durch. Aber es gibt einige Themen, die mich sehr interessieren – wie alternative Energien, die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen.

19. Aber bist du eher links, rechts, grün?
Freigeist. Sie lacht.

20. Bist du eine Feministin?
Auf jeden Fall. Frauen an die Macht. Sie lacht. Es muss sich noch sehr viel tun. Auch in der Musikszene. Es gibt beispielsweise kaum Instrumentalistinnen. Eine Freundin von mir war die dritte Frau, die schweizweit elektrische Gitarre studiert hat. Das muss man sich vorstellen.

«Ich weine ständig.»

21. Bist du religiös?
Ich habe keine Antwort darauf. Noch nicht. Ich denke, das muss jeder für sich in seinem Leben herausfinden.

22. Du hast Meeresbiologie studiert. Bist du noch ein bisschen Meeresbiologin?
Defninitiv. Ich verfolge das Thema noch immer. Sie beginnt sich eine Zigarette zu drehen. Aber ich lasse die Fische schwimmen. Die können das auch ganz gut ohne mich.

23. Weshalb bis du nicht Meeresbiologin geblieben?
Ich habe während des Studiums eine Band gegründet, angefangen Songtexte zu schreiben und habe einen Kurs für kreatives Schreiben belegt. Plötzlich waren um mich herum lauter Menschen, die ihr kreatives Potential jeden Tag nutzen konnten. Da habe ich für mich erkannt: Kunst schlägt die Wissenschaft.

24. Hast du einen Plan B bzw. C?
Ich bin schon einiges weiter im Alphabet. Ich bin mir jedoch sicher, dass mein Plan immer die Musik bleiben wird. Keine Diskussion. Sie zündet sich die Zigarette an, die sie mittlerweile fertig gedreht hat.

25. Glaubst du an Schicksal?
Manchmal. Aber vielleicht redet man sich auch einfach gerne ein, dass etwas so sein soll, wie es ist. Sie nimmt einen Schluck Tee und scheint in philosophische Gedanken versunken.

«Pink Spider»

Valerie Koloszar begann 2006 mit ihrem Singer Songwriter-Projekt «Pink Spider». Im Herbst 2014 kam nun ihr zweites Album «The Hunch» auf den Markt. Koloszar verbindet in ihrer Musik verschiedene Stile – Chanson mit verspieltem Minimal-Pop und schlichtem Songwriting.

In der Vergangenheit hat Koloszar an verschiedenen Bandprojekten mitgearbeitet. Darunter Tunafish, Myoclonic Jerk, oder auch Pink Spider mit Cello Inferno & Lady Bass.


26. Wie und wo wohnst du?
Für mich in einer kleinen, alten, gemütlichen Wohnung an der Luzerner Bernstrasse.

27. Wann hast du das letzte Mal geweint?
Ich weine ständig. Ich bin so nahe am Wasser gebaut.

28. Dein schlimmster Auftritt?
Sie überlegt eine Weile. Ich kann mich gerade an keinen konkreten Auftritt erinnern. Aber was natürlich vorkommt, ist, wenn man merkt, es kommt nicht an und die Stimmung entwickelt sich nicht.

29. Was singst du unter der Dusche?
Ich habe keine Dusche. Sie lacht. Ich habe gesagt meine Wohnung ist alt. Und in der Badewanne singe ich eigentlich nicht. Ich singe und summe sonst viel.

30. Wie würdest du gerne bezeichnet werden? Die nächste xy?
Mich selbst. Ich ertappe mich auch selbst dabei, wie ich Vergleiche anstelle. Aber ich mag das bei mir nicht. Man möchte ja in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen werden.

31. Wie wird sich deine musikalische Karriere weitereintwickeln?
Wenn ich das wüsste – vielleicht entscheidet das Schicksal? Sie lacht.

32. Würdest du dich als Lebenskünstlerin bezeichnen?
Gezwungenermassen. Ich habe einen grossen Freiheitsdrang und kann sehr stur sein. Vor allem darin, einer Idee oder einem Gefühl zu folgen.

33. Puppe oder Baumhaus?
Wie aus der Pistole geschossen. Baumhaus.

34. Woher kommt dein Nachname?
Aus Ungarn. Leider spreche ich aber selbst kein ungarisch. Aber ich erkenne, wenn jemand ungarisch spricht.

35. Was wolltest du als Kind werden?
Meeresbiologin. Schon seit ich klein war.

36. Du bist in Zug geboren und lebst nun in Luzern. Wo hast du sonst so gelebt?
In Westafrika als Kind, in Amerika an der Ostküste, in Frankreich auf einem Weingut. Und daneben bin ich auch viel gereist.

37. Deine musikalische Jugendsünde?
Michael Jackson vielleicht. Oder Milli Vanilli. Aber als Sünde sehe ich musikalisch eigentlich nichts.

38. Sonstige Sünden und Laster?
Off the record. Sagt sie und zieht an der selbstgedrehten Zigarette.

39. Bist du verliebt?
Immer ein bisschen. Sie lächelt verschmitzt.

40. Welche Musik hörst du derzeit?
Viel Eels und Hozier und Tuneyards.

«Ich muss immer alles erst einmal abwägen.»

41. Welche Künstler haben dich beeinflusst?
Am ehesten Ani DiFranco und die Riot Grrrl Bewegung.

42. Dein Lieblingsfilm?
Hui, das ist schwierig. Da gibt es tausende.

43. Aber welchen empfiehlst du, wenn zum Beispiel jemand krank zuhause liegt?
A Good Heart und alles von Jim Jarmusch.

44. Lieblingsbeiz?
Die berüchtigten Orte. Sie lacht. Und die Gewerbehalle und Bar Berlin sind natürlich gleich um die Ecke, also in the Hood.

45. Das Beste an Luzern?
Ich bin sehr gerne am See. Und die Leute hier.

46. Wann hast du deinen ersten Song geschrieben?
Das war in Amerika. So mit 17 oder 18 Jahren. Vorher waren es vor allem Gedichte.

47. Auf welcher Bühne möchtest du einmal stehen?
In San Francisco und New York möchte ich mal aufreten. Und hier in der Nähe – vielleicht im Bierhübeli in Bern.

48. Katze oder Hund?
Beides. Wir hatten immer Hund und Katze.

49. Entscheidest du dich ungerne?
Sie lacht. Sehr. Ich muss immer alles erst einmal abwägen.

50. Worüber würdest du nie einen Song schreiben?
Ich würde mir nie solche Schranken selber setzen. Man kann auch über etwas sehr Ärgerliches oder Doofes einen spannenden Song schreiben, in welchem man sich damit auseinandersetzt.

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