Fabian «Hefe» Christen nennt sich selbst den «Hausgeist» des Grünenwald. (Bild: Mo Henzmann)
Kultur Gastgewerbe

Fabian «Hefe» Christen nennt sich selbst den «Hausgeist» des Grünenwald. (Bild: Mo Henzmann)

«Das Grünenwald ist Legende»

8min Lesezeit

Über hundert Bands und Künstler wie Seven, Stahlberger und Caroline Chevin haben das Engelberger Gasthaus bereits bevölkert – davon viele Luzerner. Denn das Haus kann Musikschaffenden trotz seines Alters so einiges bieten. Henrik Belden und auch Heidi Happy schätzen hier aber vor allem den Hausgeist.

Ein altes Gasthaus an der kurvigen Strasse nach Engelberg. Der Zug hielt hier früher auf Verlangen, mittlerweile fährt er durch einen Tunnel in das Skigebiet Engelberg-Titlis. Das «Grünenwald» scheint auf den ersten Blick keine besondere Oase der Kunst zu sein. Doch der erste Eindruck täuscht. Wenn die Wände dieses Hauses singen könnten, sie sängen uns viele Probeversionen und unveröffentlichte Songs. Aber auch solche, die jeder kennt – nicht nur aus der Urschweiz. Und vor allem die Luzerner Musikszene hat das Haus für sich entdeckt. Auch Heidi Happy, Henrik Belden, Gaia und Ophelia's Iron Vest waren schon zu Besuch.

Ferien für laute Leute

Im Grünenwald stören Gitarren und Schlagzeug niemanden, und deshalb gibt es hier «Ferien für laute Leute». Das Gasthaus hat sich in den letzten fünfzehn Jahren bei Kulturschaffenden einen Namen gemacht: «Das Grünenwald ist Legende!», so Max Christian Graeff, Stimme der Luzerner Band «Die Morlocks».

Das Haus ist im Besitz der «Gasthaus Grünenwald AG» und dem zugehörigen Verein, welcher dort günstige Gästezimmer und Räumlichkeiten für Musiker und andere Gäste anbietet, die rege genutzt werden. Ungefähr 1'500 Übernachtungen verbucht das Haus pro Jahr. Der Verein organisiert daneben auch Konzerte, Lesungen und andere Veranstaltungen wie eine «Metzgete» oder das «Weinabfüllen».

Der Luzerner Sänger Henrik Belden und seine Band verbrachten im letzten März fünf Tage im alten Haus, um sich auf ihre Tour vorzubereiten. Der Ort war Belden jedoch schon vor diesem März ein Begriff: «Ich kenne das Haus einerseits durch die Band ‹Jolly and the Flytrap› und durch meinen Bassisten Andi, der schon des Öfteren mit verschiedenen Projekten und Bands da oben war.» Dass das Haus in der Nähe von Luzern liegt und man trotzdem sehr absorbiert von der Aussenwelt sei, schätze er sehr.

Das Haus sei «wunderschön alt und knarrig, was fast ein bisschen mystisch anmutet», findet Belden und schwärmt im selben Atemzug vom Star-Wars Zimmer, welches liebevoll mit unzähligen Star-Wars-Objekten dekoriert ist. Der Ort biete alles, was für kreatives Schaffen nötig sei. «Geborgenheit, Abgeschiedenheit, guter Vibe, nette Leute und die Infrastruktur für professionelles Schaffen.» Auch Graeff ist vom Angebot überzeugt: «Das Grünenwald hat eine PA und alles, was Musiker brauchen. Rückzugsmöglichkeiten, Technik, Inspiration fernab der Zivilisation und doch recht nah.»

Das Gasthaus Grünenwald.
Das Gasthaus Grünenwald. (Bild: zvg)

Der Hausgeist

Was alle befragten Künstler gleichermassen schätzten, ist Fabian «Hefe» Christen, der Gastgeber der Grünenwalds. Seit 14 Jahren lebt er im obersten Stock des ehemaligen Gasthauses und wird es wohl so schnell auch nicht verlassen. «Seit zehn Jahren sage ich, dass sich vielleicht in zwei Jahren etwas ändern wird. Mittlerweile denke ich, man wird mich wohl mit den Füssen voran hier raustragen müssen», so Hefe. Als Präsident des Vereins und Bewohner des Hauses, macht er einen grossen Teil des Grünenwalds aus, und der Teil scheint sehr beliebt zu sein.

«Man wird mich wohl mit den Füssen voran hier raustragen müssen.»
Fabian «Hefe» Christen, Hausgeist, Tontechniker und Webdesigner

Karin Steffen, Sängerin von «My Baby The Bomb», ist regelrecht begeistert: «Der Hausherr hat unsere Herzen innert Sekunden erobert.» Er sei der perfekte Gastgeber, findet auch Belden, «der gerne mal ein Bier mittrinkt und sich dann wieder zurückzieht und einem Freiraum im ganzen Haus lässt.» Manchmal habe man auch mehr als ein Bier zusammen getrunken, was immer willkommen sei, «da er ganz einfach ein gemütlicher Socken ist». Priska Zemp schreibt dem Hausherrn sogar eine entschleunigende Wirkung zu.

Andreas Gantner, Sänger der Country und Bluegrass-Band «Ophelia's Iron Vest», schätzt neben dem «unglaublich guten Gastgeber» auch die hauseigenen Brände sehr: «Während den letzten Aufnahmen hat uns Hefe den Hausschnaps – den Gelbmösteler – schmackhaft gemacht. Neben all den interessanten Erklärungen, wer wieviel des Schnaps nach dem Brennen steuerfrei bekommt, haben sich verschiedene Mitglieder unserer Band diesem Schnaps so sehr verschrieben, dass wir für unseren diesjährigen Auftritt am ‹Halt Auf Verlangen› einen Teil der Gage in Gelbmöstler-Flaschen ausbezahlt haben wollten.»

«Der Hausherr hat unsere Herzen innert Sekunden erobert.»
Karin Steffen, Sängerin von «My Baby The Bomb»

Viele der Bands wurden erst durch dieses Festival, das «Halt auf Verlangen» auf das Grünenwald aufmerksam oder durch Tipps von anderen Musikern. (siehe Box)

Halt auf Verlangen

Fast alles, was an den grossen Open-Airs angeboten wird, gibt es auch am kleinen Festival im Grünenwald. Auf zwei Bühnen – auf der Terrasse und im Wohnzimmer – treten während zwei Tagen verschiedenste Interpreten auf.

Neben bekannten Bands wie «Baby Jail» spielen vor allem junge, noch unbekannte Bands. In der Garage findet sich eine Bar, hinter dem Haus werden kreative Versionen von Gewinnspielen oder Verschönerungen angeboten. Mehrere hundert Besucherinnen und Besucher pilgern dazu jeweils am Pfingstwochenende zu diesem experimentierfreudigen Festival. Und dies, obwohl der Zug gar nicht mehr hält.

Auch Gantner lernte das Grünenwald durch das hauseigene Festival kennen: «Unser Pedal-Steel-Gitarrist Julius und ich sind dank ‹Mama Rosin› auf das Festival aufmerksam geworden. Nach dem ersten Besuch waren wir von der Stimmung so begeistert, dass wir seither jedes Jahr an Pfingsten hoch pilgern.» Ophelia's Iron Vest haben seither auch ihre beide Platten «The Spice River Valley Radio Show» und «The Drinking Side» im Grünenwald aufgenommen.

Die Luzerner Band «My Baby The Bomb» hat ihr Album «I'm a tiger» ebenfalls hier aufgenommen. «Wir haben von Freunden und anderen Musikern vom Grünenwald gehört und einige von uns waren auch schon am Festival. In dieser Zeit haben wir uns entschieden, ein Album aufzunehmen und unsere Ideen konkret werden zu lassen. Wir suchten nach einem ruhigen Ort, wo wir uns voll und ganz auf unsere Musik und auf uns konzentrieren konnten. Hier haben wir das gefunden», erklärt Steffen, Sängerin der Band.

Es fällt auf. Die Mund-zu-Mund-Propaganda zwischen den Musikern funktioniert. So auch bei Priska Zemp alias Heidi Happy. Die Singer-Songwriterin aus Luzern hat sich schon mehrmals in das Gasthaus bei Engelberg zurückgezogen, um zu proben. Und dazu habe Hefe viel beigetragen.

«Am Arsch der Welt»

Hefe ist Hauswart, Gastgeber und Seelsorger als Bewohner und, abgesehen davon, Tontechniker der Band «Jolly and the Flytrap» und Webdesigner. Der Präsident des Vereins zur Erhaltung des Gasthauses Grünenwald organisiert alles bis hin zum Halt auf Verlangen. Er zählt kurz die Plakate beim Eingang, um sicher zu sein, wie viele Halt auf Verlangen bereits Geschichte sind. «Dreizehn», zählt er: «aber da fehlt doch eines. 2000 haben wir angefangen – also sind es vierzehn.»

Als Tontechniker und Bewohner des Hauses ist er Ansprechpartner für alle technischen Probleme, alle Wehwehchen und alle Fragen. «Ich biete keine Rundum-Betreuung an, aber ich bin natürlich da, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Eigentlich bin ich der Hausgeist», lacht er.

Wie sieht der Alltag eines solchen Hausgeistes eigentlich aus, so «am Arsch der Welt», wie er es selbst nennt, wenn das Haus leer ist? «Wenn keine Gäste da sind, dann gibt es am Haus kleine Arbeiten zu erledigen; gerade habe ich Abfall entsorgt und die Kaffeemaschine entkalkt. Und dann habe ich Zeit für meine eigentliche Arbeit im Büro.» Hefe arbeitet für das Festival «Obwald» und als Webdesigner.

«Da steigen gerade Bilder in mir hoch, die ich selbst nicht so recht glauben kann.»
Max Christian Graeff, Autor und Stimme der Band «Die Morlocks

Da der einzige dauerhafte Bewohner deshalb nicht immer im Haus ist, lässt er in einigen Fällen die Künstler auch alleine im Grünenwald – zum Beispiel Graeff und die Morlocks: «Da Jolly mitsamt Flytraps ausgerechnet an diesem Datum ein Bandwochenende anderswo machten – sie flohen also von einem Paradies in ein anderes – hüteten wir quasi eine Geistervilla.» «Da steigen gerade Bilder in mir hoch, die ich selbst nicht so recht glauben kann ... Das wird alles nur Einbildung sein...», witzelt Graeff über die Erlebnisse in der Geistervilla.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur