Dem Kapuzinerkloster auf dem Wesemlin stehen unruhige Zeiten bevor. (Bild: Julia Müller)
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Dem Kapuzinerkloster auf dem Wesemlin stehen unruhige Zeiten bevor. (Bild: Julia Müller)

Ein Kloster für die Zukunft

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Das Kapuzinerkloster auf dem Wesemlin-Hügel soll sich zur «Oase-W» wandeln und ein zeitgemässes, spirituelles Zentrum werden. Diesen Sommer beginnen die Bauarbeiten, bei den Brüdern herrscht Aufbruchstimmung. Sich auf die Neuerungen einzulassen, fällt aber nicht allen leicht.

Julia Müller

28'000 Quadratmeter Land und 425 Jahre Geschichte hinter den dicken Mauern des Kapuzinerklosters: Von aussen wirkt das Kloster Wesemlin in der Stadt Luzern unverrückbar und vom Quartierleben unberührt. Aber der Schein trügt. Im Innern tut sich einiges: Wo 1531 die Maria erschien, laufen nun die Vorbereitungen zu besonderen Bauarbeiten. Das Kloster will sich dank dem Projekt «Oase-W» neu positionieren. 

Die Luzerner Kapuziner kämpfen wie alle Kapuziner in der Schweiz mit Nachwuchsproblemen und Identitätsfragen, wie andere Ordensgemeinschaften auch. Der durchschnittliche Deutschschweizer Kapuziner ist heute 73 Jahre alt. Jedes Jahr sterben 6 bis 12 Brüder. Die Neueintritte in die Ordensgemeinschaft stehen dazu in keinem Verhältnis: Zurzeit sind es drei Brüder, die sich in Ausbildung befinden. 

200 Kapuziner umfasst die Gemeinschaft in der Schweiz noch, vor 50 Jahren waren es rund vier Mal so viele. Mehrere Standorte mussten aufgegeben werden – 2004 etwa das Kloster in Stans, 2009 das Kloster in Altdorf. Und die Zukunft, das hat man schnell ausgerechnet, sieht nicht eben rosig aus.

Luzerner Kloster soll erhalten bleiben

Aber die Kapuziner haben beschlossen, nicht tatenlos zu bleiben. Das Kloster auf dem Wesemlin-Hügel in Luzern wollen sie erhalten: Es ist das grösste Schweizer Kapuzinerkloster, dient auch als Sitz der Provinzleitung und verfügt über eine wertvolle Bibliothek. Die Sanierung ist schon länger fällig.

Die Brüder planen allerdings weit mehr als einige bauliche Massnahmen. Das renovationsbedürftige Kloster will sich zu einem lebendigen, spirituellen Zentrum wandeln. 

«Oase-W» nennen die Kapuziner ihr Projekt, das sie Anfang 2012 vorgestellt haben. «W» steht für Wesemlin, die «Oase» verweist auf eine neue Form von Gemeinschaft und Leben im Kloster.

Öffnung als Schlüssel zum Erfolg

Bruder Damian Keller ist der Projektleiter, mit seinen 49 Jahren gehört er zu den «Jungen». Eigentlich wohnt er im Kloster in Brig, seine Aufgabe führt ihn aber regelmässig nach Luzern. Er sitzt im grossen Garten, vor sich ein Grundriss der Klosteranlage. «Das Kloster wird sich viel, viel stärker öffnen», so beschreibt Bruder Damian den Schlüssel zum erhofften Erfolg.

Den Kern des Klosters wird nach wie vor die Kapuzinergemeinschaft bilden. Diese zieht sich aber in den Haupttrakt der Anlage zurück und wird von heute 25 auf 15 bis 20 Brüder reduziert. Die Räume im Südflügel werden umgebaut und künftig vermietet. Hier entstehen Wohnstudios für Leute, die an «klosternahem Wohnen» interessiert sind, ausserdem einige Büroräumlichkeiten.

Auch ein Teil des grossen Klostergartens wird der Bevölkerung zugänglich gemacht. Vorgesehen ist ein besinnlicher Ort, der zur Erholung, zum Gebet und zur Begegnung einlädt. Schliesslich soll auch das spirituelle Angebot eine Öffnung erfahren: Auf heutige Bedürfnisse möchten die Kapuziner reagieren und zum Beispiel Meditation oder Versöhnungsrituale für Geschiedene anbieten.

Der Baustart steht kurz bevor

Rund 12 Millionen Franken kostet die «Oase-W». Davon steuern die Kapuziner 3,5 Millionen aus einem Baufonds bei. Der grosse Rest muss durch Spenden gedeckt werden. Der Baustart erfolgt diesen Sommer – läuft alles nach Plan, sind die Wohnstudios ab Herbst 2015 bezugsbereit.

Im Kloster auf dem Wesemlin sind erste Anzeichen der bevorstehenden Veränderungen aber schon jetzt sicht- und spürbar. Die Hauptpforte beim Kapuzinerweg ist geschlossen, ein Zettel klebt an der schweren Holztür: «Ab sofort erreichen Sie uns über den provisorischen Klostereingang.» Auch die Brüder müssen wegen der bevorstehenden Bauarbeiten vorübergehend provisorische Räumlichkeiten beziehen.

Der klosterinterne Umzug ist ein Grossprojekt, das sorgfältiger Planung bedarf. Überall im Kloster hängen Baupläne mit Markierungen, alle Zimmer sind mit einer Nummer versehen. Die Männer des beauftragten Transportunternehmens müssen sich in der grossen Anlage orientieren können, die Kapuziner auch.

Kleine Zimmer, grosser Aufwand

Bruder Gebhard Kurmann hat dieser Tage Einiges zu tun: Er ist für den klosterinternen Umzug verantwortlich. In den schummrigen Gängen des Klosters stehen noch einige Zügelkisten, die meisten der kleinen Zimmer mit Holztäfer und Einbauschränken sind bereits ausgeräumt. Nur noch das mit Klebeetiketten versehene Mobiliar steht da.

Bruder Walter Ludin allerdings dürfte noch eine Weile mit Packen beschäftigt sein. In seinem Zimmer hat der Umzug bislang keine nennenswerten Spuren hinterlassen. «Sie haben ja gar keine Ahnung, wie viel auch in einem kleinen Zimmer Platz hat!», meint Bruder Gebhard. Und die Brüder seien halt nicht mehr die Jüngsten, da gehe der Umzug etwas mühsam voran. «Aber die Stimmung ist gut», fügt er an.

Bruder Josef Regli zumindest ist tatsächlich gut gelaunt. Seine neue Bleibe ist schon fast eingerichtet: Das Telefon und ein grosser Mac sind installiert, die Fotos hängen an der Wand, das Kruzifix auch. Ihm mache es Spass, für jedes Ding einen neuen Platz zu suchen, erklärt der Bruder.

Eine Herausforderung für die Brüder

Die Brüder in Luzern sind fast alle schon im Pensionsalter, einige gehen auf die 90 zu. «Die bevorstehenden Änderungen waren für eine Mehrheit eher schwierig», sagt Bruder Damian. Man habe das Gespräch gesucht und auf die Chancen der «Oase-W» hingewiesen. «Viele haben das verstanden, aber einige stehen dem Projekt auch heute noch negativ gegenüber.»

Die Projektverantwortlichen sind dennoch überzeugt: Es braucht einschneidende Veränderungen. Über die Zukunft des Klosters könne nicht die einzelne Gemeinschaft entscheiden, so Bruder Damian. Bei den Kapuzinern gilt: Es zählt das grosse Ganze. In diesem Fall ist das die Schweizer Kapuzinergemeinde, die es zu retten gilt.

Kritik an Kommerzialisierung

Die Kapuzinerbrüder stehen nicht alleine mit ihren Ideen für neue Angebote und Einnahmequellen. Zahlreiche Orden bieten heute Gästezimmer und Time-Out-Möglichkeiten an. In Klostershops werden selbstgemachter Likör, Kerzen und Ikonen verkauft. Erst kürzlich haben sich neun Wallfahrtsorte zur Sakrallandschaft Innerschweiz zusammengeschlossen: Dank gemeinsamer Webseite und Vermarktung sollen mehr Besucher angelockt werden.

Die Verbindung von Kloster und Kommerz ruft kritische Stimmen auf den Plan. Nicht ganz zu unrecht, wie auch Bruder Damian findet: «Es besteht schon die Gefahr, dass Spiritualität als Einnahmequelle missbraucht wird.» Klar sei aber auch, dass die Ordensgemeinschaften ohne neue Finanzierungsmodelle nicht überleben würden.

Die Kapuziner versuchen, einen gangbaren Mittelweg zu finden. Auch in Zukunft werde man für die Seelsorge oder den Gottesdienst nichts bezahlen müssen, wohl aber für den Einführungskurs ins Meditieren, so Bruder Damian.

Ein Projekt mit vielen Unbekannten

Die Brüder haben nicht auf alle Fragen eine Antwort, und sie tun auch gar nicht so als ob. Sie verkaufen die «Oase-W» nicht als Patentrezept für das Kloster der Zukunft. Sie wissen noch nicht, welche spirituellen Angebote tatsächlich Anklang finden werden. Und sie wissen noch nicht, wie sich das Projekt «Oase-W» längerfristig auf die Kapuzinergemeinschaft in Luzern auswirken wird.

Die Kapuziner wollen etwas ändern, und sie wagen ein Projekt mit vielen Unbekannten. «Es geht darum, Raum für mögliche und zukünftige Entwicklungen zu schaffen», erklärt Bruder Damian. Man wolle sich die Fragen und Bedürfnisse der Menschen, die ins Kloster kommen, anhören. Und dann gemeinsam Antworten suchen. 

Wie weiter – ohne Nachwuchs?

Besonders schwierig ist die Frage, wie es gelingen kann, das Nachwuchsproblem zu lösen. «Wenn nur jedes Jahr einer kommt, sind wir sehr zufrieden», meint Bruder Damian. Klar sei, dass der Orden Massnahmen ergreifen müsse, um dieses Ziel zu erreichen. Unklar aber, welche Massnahmen erfolgversprechend seien. Es geht ja nicht nur darum, einfach Leute zu finden. «Die Männer müssen auch zu uns passen», so Damian Keller.

Die «Oase-W» zielt jedenfalls nicht in erster Linie darauf ab, Nachwuchs zu generieren. Der Standort Luzern soll zukunftstauglich gemacht werden und so erhalten bleiben. Aber vielleicht, meint Bruder Damian, sei diese neue Form der offenen Klostergemeinschaft für junge Kapuziner attraktiv. Vielleicht fänden es einige Männer dadurch interessant, sich in Luzern zu engagieren. 

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