Die Burg Zug ist derzeit eine Baustelle.  (Bild: Julia Müller)
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Die Burg Zug ist derzeit eine Baustelle. (Bild: Julia Müller)

Dem Publikum gefällt erlebbare Geschichte

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Immer mehr gilt: Ein gutes Museum muss ein Erlebnis bieten. Interaktive und spielerische Ausstellungen sind gefragt. Gemäss diesen Grundsätzen arbeiten zurzeit in Zug und Sempach die historischen Museen an neuen Dauerausstellungen.

Julia Müller

Will ein Museum heutzutage ein zahlreiches Publikum anlocken, muss es sich wandeln. Staubige Vitrinen, alte Objekte und Texttafeln vermögen kaum mehr zu begeistern. Immer mehr sind spannende und abwechslungsreiche Ausstellungen gefragt. Aufwändige Inszenierungen, interaktive Stationen, partizipative und multimediale Elemente – das kommt an, da klingeln die Museumskassen

Schon seit einigen Jahren wird deshalb unter Fachleuten über moderne Ausstellungsformen und attraktive Vermittlungskonzepte diskutiert. Einig ist man sich nicht, wie das Beispiel des Forums Schweizer Geschichte in Schwyz zeigt: Als das Museum im Herbst 2011 die neue Dauerausstellung «Entstehung Schweiz» eröffnete, löste das eine Debatte aus. Verschiedene Historiker kritisierten, die Ausstellung präsentiere ein vereinfachtes Geschichtsbild. Der Fokus liege auf dem Spielerischen, darunter leide die Wissenschaftlichkeit.

Auch in den Kantonen Zug und Luzern befinden sich historische Museen im Umbruch: In Zug und Sempach werden zurzeit neue Dauerausstellungen konzipiert. Die Verantwortlichen präsentieren mögliche Antworten auf die Frage, wie moderne Geschichtsvermittlung aussehen könnte.

Die Burg Zug ist zu

Die Tore der Burg Zug sind seit seit September für Besucher geschlossen. Die Burg sei zu, informiert ein Schild am Eingang – «Burg closed». Erst im Februar 2014 findet die Neueröffnung statt.

Die Burg ist eines der ältesten Gebäude von Zug, seit 1982 befindet sich darin das kulturhistorische Museum von Stadt und Kanton. Zurzeit sind Sanierungsarbeiten im Gange: Um heutigen Ansprüchen und den geltenden Sicherheitsbestimmungen zu genügen, müssen die Infrastruktur optimiert und Brandschutzmassnahmen getroffen werden.

Im Zug des Umbaus wird auch die 30 Jahre alte Dauerausstellung neu konzipiert. Geplant ist ein Museum, das die Geschichte von Stadt und Kanton auf eine lebendigere Art und Weise vermittelt. Das Projekt läuft seit zwei Jahren, seit dreiviertel Jahren sind zwei Mitarbeitende des Museums intensiv mit den Vorbereitungen beschäftigt. Das Budget beläuft sich auf 900'000 Franken. Es wird von Kanton und Stadt, der Ernst Göhner Stiftung sowie weiteren Stiftungen finanziert.

Neues Konzept für altes Gebäude

Das Projektteam geht von dem aus, was vorhanden ist: dem denkmalgeschützten Gebäude. Das Konzept sieht drei verschiedene Raumtypen vor. Einige Räume der Burg Zug verfügen über eine aufwändig gestaltete Innendekoration. Sie werden nur dezent mit Objekten und Ausstellungstexten ergänzt. Im Vordergrund steht die historische Raumgestaltung.

Die so genannten Ensemble-Räume befassen sich mit dem Zuger Handwerk und Gewerbe: Die Besucher können sich das vollständige Ladeninventar einer ehemaligen Drogerie oder eine alte Schuhmacherwerkstatt ansehen und so Einblicke in vergangene Lebenswelten erhalten.

Die neutralsten Räume des Hauses sind schliesslich je einem für die Zuger Kulturgeschichte wichtigen Thema gewidmet. Hier geht es zum Beispiel ums Mittelalter mit seinen vielen Schlachten und Kriegen. Andere Räume befassen sich mit der sakralen Kunst, der Glasmalerei oder der Entwicklung von Stadt und Gemeinden.

Spielerisch – aber auch wissenschaftlich fundiert

In dem historischen Gebäude werden nebst Hörstationen auch interaktive Stationen und ein 3-D-Theater anzutreffen sein. «Die Ausstellung soll den Bedürfnissen und dem Konsumverhalten der heutigen Informationsgesellschaft angepasst werden», erklärt Museumsdirektorin Daniela Ball. Es sei selbstverständlich geworden, sich Wissen über verschiedenen Kanäle selektiv zusammenzusuchen.

Die neue Dauerausstellung biete deshalb viele Informationen, viele Medien und verschiedene Vertiefungsebenen, sagt die Museumsdirektorin. «Man kann einfach durchs Museum spazieren und hat auch schon recht viel gesehen. Wer mehr lernen will, kann sich die entsprechenden Informationen nach Lust und Laune abholen.»

Besteht da nicht die Gefahr, dass vor lauter spielerischen Elementen und medialen Möglichkeiten die historische Tiefe verloren geht? Daniela Ball verneint: «Wissen Sie, spielerisch ist kein Gegensatz zu wissenschaftlich. Bei uns können Sie auf spielerische Art höchst wissenschaftliche Informationen abholen.»

Neue Pläne für das Rathaus von Sempach

Auch in der Altstadt von Sempach gibt es eine Baustelle. Das 540 Jahre alte Rathaus ist von einem Gerüst umgeben, der Zutritt für Unbefugte verboten. Seit Januar wird das renovationsbedürftige Gebäude saniert und neu eingerichtet.

Spielerisch ist kein Gegensatz zu wissenschaftlich.

Daniela Ball, Burg Zug

Das Haus hatte im Laufe seiner Geschichte verschiedene Funktionen, war zwischendurch eine Schule und diente einige Jahre als Sitz der Schweizerischen Vogelwarte. Seit 1969 befand sich darin auch das Ortsmuseum, welches allerdings kaum gross Aufmerksamkeit erregte.

Das soll sich nun ändern: Für das Frühjahr 2014 ist die Eröffnung eines von Grund auf neu konzipierten Museums geplant. Es soll die Stadtgeschichte Sempachs und das Gedenken an die Schlacht von 1386 wieder aufleben lassen und attraktiv erlebbar machen.

Engagement einer Stiftung

«Pfiffig» soll es sein, meint Hubert Lieb, designierter Präsident des Museumsvereins und eine der treibenden Kräfte hinter dem Projekt. Um die Sanierung, die bauliche Instandhaltung und den Betrieb des Rathauses sicherzustellen, wurde im Sommer 2011 eine Stiftung gegründet. Diese setzt sich aus Vertretern des Museumsvereins, der Stadt und der Korporation als Eigentümerin des Rathauses zusammen. Insgesamt 4,4 Millionen Franken kostet der Umbau, davon fliesst ein Viertel in die Konzeption des neuen Museums.

Gut 88 Prozent der Finanzierung hat die Stiftung bereits sichergestellt. Grosse Beträge zahlen Korporation, Stadt, Denkmalpflege und die Lapis-Stiftung. Aber auch viele interessierte Privatpersonen leisten einen Beitrag an das Projekt.

Das Rathaus als Zentrum von Sempach

Für die Neukonzeption des Museums hat die Stiftung eine Fachkommission eingesetzt, die aus Mitgliedern des Museumsvereins besteht und mit zwei Historikern zusammenarbeitet. Eine Werbefirma wurde mit der Ausstellungsgestaltung beauftragt. «Das Haus soll mehr sein als ein Museum», macht Hubert Lieb klar. «Es soll wieder zum eigentlichen Zentrum von Sempach werden.» Dieser Gedanke ist prägend für das Konzept: Das Museum wird auf allen vier Stockwerken in Form von Objekten, Texten und multimedialen Elementen präsent sein.

Das Rathaus soll aber auch für gesellschaftliche Aktivitäten zur Verfügung stehen und kann für Apéros, Hochzeiten, Sonderausstellungen, Vorträge und Klassenzusammenkünfte gemietet werden.

Aktuelle Forschung, moderne Medien

Das Herzstück des Museums ist im Dachgeschoss untergebracht. Hier dreht sich alles um die Schlacht von Sempach. Die Ausstellung geht der Frage nach, ob es Arnold von Winkelried wirklich gab und sie zeigt auf, wie sich die Bedeutung der Schlacht im Laufe der Jahrhunderte wandelte.

Die aktuelle Forschung zur Geschichte der Schlacht ist in das Museumskonzept eingeflossen. Das Ereignis wird nicht aus einer nationalen Wir-Perspektive nacherzählt, sondern durchaus kritisch diskutiert.

Der komplexe und noch immer mythisch überhöhte Stoff soll auf einfache und ansprechende Weise vermittelt werden. Etwa so: Zwei Krieger aus dem 14. Jahrhundert stehen in voller Montur Red und Antwort. Je ein Eidgenosse und ein Habsburger erzählen den Besuchern, wie sie die Schlacht von Sempach erlebt haben – in Form einer technischen Installation.

Weitere interaktive Stationen sind geplant, auch in Sempach sollen verschiedene Medien zum Einsatz kommen. Ausserdem wird ein «Guide» in der Optik eines Smartphones durch die Ausstellung führen: Das Gerät schlägt unterschiedliche Routen vor, enthält Informationen und Geschichten zu den Objekten und zum Haus. Ähnlich wie in Zug können die Besucher auswählen, was sie interessiert und wo sie verweilen möchten.

Viel Arbeit und vielversprechende Projekte

Eine Dauerausstellung neu einzurichten, bedeutet viel Arbeit: Es braucht ein Konzept, das den räumlichen, personellen und finanziellen Möglichkeiten entspricht und möglichst auch in zehn Jahren noch attraktiv ist.

Die Finanzierung muss stehen. Die Gebäude müssen saniert werden. Es gilt, die Inhalte zu recherchieren und aufzubereiten. Die Infrastruktur für die neuen Medien und Technologien muss vorhanden sein. Schliesslich brauchen auch die Produktion und die Montage vor Ort ihre Zeit. Zumal in Zug und Sempach kleine Teams am Werk sind, die Grosses vorhaben. «Die können auch nicht zaubern», bringt es Hubert Lieb für Sempach auf den Punkt. Daniela Ball von der Burg Zug erklärt: Natürlich hätte man es sich leichter machen können. Und zwar, indem man die alte Ausstellung einfach optimiert und inhaltlich ergänzt hätte. «Aber der Neuanfang ist eine echte Chance!», so Ball.

Was die beiden Museen planen, klingt tatsächlich vielversprechend: Aktuelle Entwicklungen und Erkenntnisse aus Forschung und Museumsarbeit werden aufgegriffen und umgesetzt. Zug und Sempach versprechen Ausstellungen, die sowohl für Geschichtskundige wie auch für das breite Publikum etwas bereithalten. Auf die Neueröffnungen darf man gespannt sein.

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