Ein Haus voller Kreativität und Tatendrang. Im Bild die Dekoration der Treibhaus-Beiz.  (Bild: mal)
Kultur Stadt

Ein Haus voller Kreativität und Tatendrang. Im Bild die Dekoration der Treibhaus-Beiz. (Bild: mal)

Sprungbrett für junge Kulturaktivisten

8min Lesezeit

Das Jugendkulturhaus Treibhaus feiert seinen 10. Geburtstag. Hinter ihm liegt eine bewegte Geschichte: Budgetkürzungen, eine Revolution der Jungen und eine gescheiterte Übernahme von Radio 3FACH. Vieles mag sich in diesem Jahrzehnt geändert haben, doch die Essenz des Hauses nicht: Das Treibhaus ist ein Ort für junge Menschen, ob vor, hinter oder auf der Bühne.

Marco Liembd

Vor dem Treibhaus war der «Wärchhof». 24 Jahre lang bot er der Luzerner Jugend eine Heimat, bevor er anfangs 2004 der Überbauung im Tribschenquartier weichen musste. Die Verantwortlichen bastelten zusammen mit der Stadt schon vor der Schliessung an einer Nachfolgelösung, dem Treibhaus. Ganz am Anfang dieser neuen Ära stand ein Spaziergang vom ehemaligen Baudirektor Kurt Bieder. Als dieser eines Tages am Spelteriniweg vorbeilief und das damals noch unverbaute Areal sah, wusste er: Hier muss es zu stehen kommen, das Treibhaus.

Das Grundkonzept hat das Jahrzehnt überdauert

«Unser Grundauftrag ist es, dass sich Jugendliche zwischen 16 bis 25 Jahren kulturell beteiligen können», erklärt Martina Aregger, Leiterin des Treibhauses den Kerngedanken der städtischen Institution. «Das Treibhaus ist ein Ort, an dem Experimentieren möglich ist. Es ist eine Produktionsstätte und viele der Jugendlichen nutzen es als Sprungbrett, um später in anderen Kulturhäusern eine Anstellung zu bekommen.» Diese Ausrichtung ist sogar älter als das Haus selbst.

Erstellt wurde das Konzept unter anderem von Urs Emmenegger. Er war eine der tragenden Figuren im Wärchhof und massgeblich daran beteiligt, dass mit dem Treibhaus ein Nachfolgeprojekt bezogen werden konnte. Bei der Eröffnung des Treibhauses im Jahr 2004 war Emmenegger für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Nicht ohne Stolz nimmt er heute war, dass das damalige Konzept heute noch funktioniert: «Es hat sich nicht viel verändert. Die Ausrichtung des Treibhauses ist noch dieselbe wie vor zehn Jahren.» Das sieht auch Aregger so und fügt an, dass «das Konzept heute noch Stand hält».

Rund um diesen Grundgedanken herum hat sich in den zehn Jahren jedoch viel verändert. Verantwortlich dafür waren die im Treibhaus tätigen Jugendlichen, die sogenannten «Treibhaus-Aktivisten». 2008 formierten sich diese, stellten sich auf die Barrikade und verlangten mit der «Treibhaus-Reform» Veränderungen. Es war eine Revolution – von unten nach oben – und führte so weit, dass der damalige, leitende Angestellte das Treibhaus verlassen musste. «Das war eine Art Gratwanderung. Was bedeutet Partizipation und wo soll die Grenze des Mitwirkens gezogen werden», fragt Aregger. Sie bezeichnet rückblickend die Reform als wertvoll und es gäbe alle paar Jahre wieder ähnliche Bewegungen. «Das muss so sein, in einem solch dynamischen Haus.» Die Bedürfnisse aufzunehmen sei notwendig gewesen und viele Veränderungen seien in das Konzept eingeflossen. Ein stetiger Wunsch der Aktivisten konnte jedoch nicht erfüllt werden: Die Loslösung von der Trägerschaft, der Stadt Luzern und die Überführung des Treibhauses in einen eigenen Verein.

Die Loslösung von der Stadt als ständiges Thema

Die Stadt unterstützt das Jugendkulturhaus mit einem jährlichen Beitrag von 450'000 Franken. Pro Jahr fallen Aufwände von rund einer Million Franken an, die Hälfte davon erwirtschaftet das Treibhaus selber. Total beschäftigt das Treibhaus 600 Stellenprozente. Das Programm wird von zehn Programmgruppen erstellt, wobei pro Gruppe zwei bis vier Jugendliche mitwirken. Die Frage muss erlaubt sein, wieso sich das Treibhaus oder deren Aktivisten immer wieder aus den Zwängen ihres Donators, der Stadt Luzern, befreien wollen. Aregger erinnert sich an ein Beispiel, dass aufzeigt, wo Probleme entstehen können, wenn Jugendkultur auf Verwaltungsstrukturen trifft: «Als städtischem Betrieb waren wir in das Computersystem der Stadt integriert. Und da war Facebook als Website gesperrt. Für uns war das aber ein Instrument um unsere Zielgruppe zu erreichen.» Heute ist das Treibhaus selbst für ihre Technik verantwortlich und hat so Zugriff auf alle Social-Media-Kanäle.

Der letzte Versuch das Treibhaus aus dem Verwaltungsapparat der Stadt zu befreien, liegt nur wenige Monate zurück. Ende 2013 lancierte das Jugendradio 3FACH den Versuch, das Treibhaus in einen eigenen Verein zu überführen, konkret: Es zu übernehmen (zentral+ berichtete). «Die Diskussion und der Grundgedanke war spannend», sagt Aregger. «Schade war, dass Radio 3FACH die Übernahme auf eigene Faust versuchte. Ich hätte mir gewünscht, dass sie den Dialog mit uns gesucht und wir gemeinsam im Dialog mit der Stadt die Rahmenbedingungen gelockert hätten.» Heute funktioniere die Zusammenarbeit mit den Behörden aber besser: «Wir haben das Treibhaus bei der Verwaltung bekannt gemacht, viele Gespräche geführt. Heute sehen wir die Stadt als starken Partner. Früher hatten wir eine Aussenseiterrolle. Viele wussten gar nicht, was hier hinten alles geschieht.»

Treibhaus fühlt sich missverstanden

Die Berichterstattung über das zehnjährige Jubiläum hat bei den Treibhausverantwortlichen gemischte Gefühle hinterlassen. So war unter anderem von einem Besucherrückgang zu lesen. Während 2010 noch 9652 Gäste das Treibhaus besuchten, waren es letztes Jahr noch 8001. «Diese Zahlen sind einfach falsch, nicht vollständig», erklärt Manuel Gisler, Barchef des Treibhauses. «Wir verkaufen von Dienstag bis Freitag täglich rund 70 Mittagsmenüs. Das sind alleine pro Jahr 5000 weitere Gäste. Und die vielen Jugendlichen, welche tagsüber oder abends eins Trinken kommen sind genauso nicht einberechnet wie die vielen Gratisveranstaltungen.» Das Treibhaus versteht sich selber nicht nur als Konzerthaus, sondern auch als Treffpunkt. «Die Besucherzahlen gehören nicht zu den primären Zielen», erklärt Martina Aregger. «Uns ist die Partizipation der Jugendlichen wichtiger. Und diese hält sich konstant. Gesamthaft ist die Zahl der im Haus verkehrenden leicht ansteigend.»

Herz dieses Treffpunkt-Gedankens ist das Restaurant, die Treibhaus-Beiz. Für 11 Franken bekommen Schüler und Studenten ein vegetarisches Menü inklusive Vorspeise. Ein Gericht mit Fleisch kostet 12 Franken (für Verdienende: 16.50 / 17.50). Und auch bei der Beiz wird die Philosophie des Hauses sichtbar: Im Service arbeiten Jugendliche, welche so erste Erfahrungen sammeln können. Viele Ehemalige Mitarbeiter der Treibhaus-Bar sind heute hinter anderen, etablierten Tresen anzutreffen. Genauso verhält es sich in den Programmgruppen. So erlernte zum Beispiel der Veranstaltungsleiter des Südpols, Fabian Fuchs, sein Handwerk in einer Treibhaus-Programmgruppe.

Sparmassnahmen und neue Nachbarn

2011 wurde anlässlich der Sparrunde der städtische Beitrag an das Treibhaus von damals 500'000 Franken um 50'000 Franken gekürzt. Als Folge davon musste während den Schulferien die Beiz geschlossen werden. Erneute Kürzungen erwartet Aregger aber nicht: «Da wir in der letzten Sparrunde schon an die Kasse gebeten wurden, hoffen wir, dass wir vorläufig verschont bleiben.» Erfüllt sich dieser Wunsch nicht, sieht Manuel Gisler keine andere Möglichkeit, als die Öffnungszeiten weiter zu beschränken: «Wir müssten vielleicht auf das alte Wärchhof-Modell zurückkommen. Das würde bedeuten, dass das Treibhaus nur noch von Donnerstag bis Samstag geöffnet hätte.» Ob einem solchen Zukunftsszenario kann Urs Emmenegger nur den Kopf schütteln: «Die Stadt muss sich den Luxus leisten, den Jugendlichen ein Haus zum Experimentieren zur Verfügung zu stellen. Die Aktivisten tragen dann später ihre Erfahrungen in andere Häuser weiter.»

Neue Probleme dürfte die Überbauung der ehemaligen Emmi-Butterzentrale bescheren. Die Wohnungen werden ab September 2014 bezogen werden können. Zwar müssen die künftigen Anwohner eine Duldungspflicht im Kaufvertrag unterzeichnen, mit der sie anerkennen, dass neben ihrem Mietobjekt das Treibhaus, der Spielleute-Pavillion und die Spielfelder des FC Kickers Luzern liegen. «Die Kickers spielen bis 22 Uhr Fussball, danach legen wir an den Wochenenden los. Ich rechne da schon mit einigen Telefonanrufen», erklärt Aregger. «Es wird wichtig sein, unsere neuen Nachbarn das Haus zu erklären. Deshalb planen wir einen Tag der offenen Tür mit einem Apéro», erklärt Aregger ihre Strategie. Ausführen wird diese aber jemand anders. Nach sieben Jahren zieht sie weiter und beendet ihre Tätigkeit per Ende Juni. Auch das ist Jugendkultur: Der Posten wird frei und eine neue Person kann im Experimentierfeld Treibhaus seine Erfahrungen sammeln.

 

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