Um nicht zu vereinsamen, diskutiert man mit anderen Randständigen auf einer Parkbank mitten in der Stadt. (Bild: eha)
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Um nicht zu vereinsamen, diskutiert man mit anderen Randständigen auf einer Parkbank mitten in der Stadt. (Bild: eha)

«Wir sind anständig, nicht randständig»

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Am Rande der Gesellschaft. Asozial. Gassig. Obwohl die wenigsten Randständigen in Luzern und Zug obdachlos sind, sind sie einem steten Kampf für ein Dach über dem Kopf ausgeliefert. Damit diese Menschen nicht in der Verwahrlosung enden, werden sie von verschiedenen Institutionen der Überlebenshilfe aufgefangen. Künftig sollen sogar die «Rentner» unter den Randständigen eine eigene Bleibe erhalten – im Altersheim für Junkies.

Evelyn Hausheer

«Einmal auf dem Abstellgleis, immer auf dem Abstellgleis. Ich kenne seine Geschichte schon auswendig», erzählt Guido* über seinen Parkbankgenossen, bevor er einen weiteren Schluck aus der Bierdose nimmt. Die Liebe seines Lebens wolle er wieder treffen. Doch was ihm bleibt, ist die alte Parkbank mitten in Luzern, wo er sich regelmässig mit seinem Kollegen treffe. Traurig blicken die beiden auf den nassen Boden, wo zwei weitere Dosen stehen. «Wir sind anständig, nicht randständig! Dort auf der anderen Strassenseite wohne ich. Mein Bruder arbeitet als Manager eines grossen Unternehmens und meine sozialen Kontakte sind noch intakt. Nicht alle haben dieses Glück. Ich finde es bedenklich, wie viel für eine Wohnung in der Stadt bezahlt wird.»

Wohnungsnot macht besonders den Randständigen zu schaffen

Die Verantwortlichen der Gassenarbeit Luzern und Zug kennen das Problem, das Guido meint, nur zu gut: «Wie soll jemand mit der Biographie eines Aussenseiters Wohnraum finden, wenn es sogar Mittelständigen schwer fällt?», fragt sich Riccarda Rietmann von der Gassenarbeit Punkto Zug. «Die Notwohnungen und -zimmer werden knapp, spielen jedoch eine so wichtige Rolle in der Überlebenshilfe.» Die Zuger Fachstelle Punkto hilft bei der Wohnungssuche im reichen Luzerner Nachbarkanton. Einzelne Gemeinden stellen befristet Notwohnungen zur Verfügung.

Einige weichen von der Stadt aufs Land. Dort sind die Mietpreise teilweise auch für Randständige noch bezahlbar. Jedoch würde dies wiederum andere Probleme hervorrufen, wie Roger Lütolf, Leiter Öffentlichkeitsarbeit Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern, sagt: «Bezahlbaren Wohnraum zu finden wird immer schwieriger. Wenn jemand auf dem Land eine günstigere Bleibe findet, kommt oft das Problem mit den immensen Bussen fürs Schwarzfahren hinzu.» Auf dem Land sei man wesentlich mehr auf den öffentlichen Verkehr angewiesen als in der Stadt. Aber für ein Billett bezahlen würden nur die wenigsten. «Die Betroffenen kümmert eine Betreibung wenig. Sie haben mit all den anderen Schwierigkeiten, die sie tagtäglich zu bewältigen haben, ganz andere Sorgen», sagt Lütolf.

Breites Angebot an Überlebenshilfe

Süchtige, psychisch Kranke oder Einsame – das sind die typischen Charakteristika von Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Obdachlos sind aber die wenigsten. In Luzern spricht man von einer Handvoll, in Zug gebe es noch weniger bis niemanden. Viele seien jedoch prekären Wohnverhältnissen ausgesetzt. «Bruno, der bei seinem Bruder auf der Couch schlafen darf, aber nur solange dessen Freundin nicht da ist. Oder eine 5-köpfige Familie, die in einer 2-Zimmerwohnung wohnt oder Menschen, die zigeunerhaftes Umherziehen zwischen Freunden, Notzimmern und der Notschlafstelle betreiben», wie Urs Schwab von der Notschlafstelle in Luzern weiss.

Eine Auswahl von Organisationen und Institutionen

Luzern

Verein Kirchliche Gassenarbeit

  • GasseChuchi (Warme Mahlzeiten, Mitarbeit und Begleitung)
  • Ambulatorium (Medizinische und hygienische Grundversorgung)
  • Team Gassenarbeit (Solidarische und niederschwellige Sozialarbeit)
  • Paradiesgässli (Angebot für Eltern mit einer Suchtvergangenheit und ihre Kinder)
  • Kontakt- und Anlaufstelle (Stressfreie Konsumationmöglichkeiten bieten und den öffentlichen Raum entlasten)
  • Seelsorge (Menschen in seelischen Nöten begleiten, mit ihnen sprechen, feiern und trauern)


Verein Jobdach

  • Obdach (Bietet kurzfristig ein Dach über dem Kopf)
  • Wohnhuus (Längerfristiges Zuhause für Frauen und Männer ab 18 Jahren)
  • Wärchstatt (Sinnstiftendes Arbeiten nach Beschäftigungslosigkeit)


Zug

Verein Punkto: Fachstelle für Jugend- und Familienberatung, Mütter- und Väterberatung, Jugendförderung und Gassenarbeit

GGZ@Work
als Sozialer Bereich der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug

  • Jobbörse
  • Recycling
  • Bauteilladen
  • Gastschiff Yellow und Mittagsbeiz
  • Büroservice
  • Werkstatt
  • Berufsintegration
  • Podium 41


HeGeBe ZOPA: Ambulante Suchthilfe-Institution unter der Trägerschaft des Vereins Drogen Forum Zug

Schwab ist schon lange in diesem Bereich tätig. Seit 15 Jahren leitet er die Notschlafstelle in der Stadt Luzern. «Grundsätzlich haben 80 Prozent der Betroffenen ein Suchtproblem. Illegale Substanzen wie Heroin und Kokain, aber auch Tabletten und Alkohol sind im Spiel. Zudem gibt es Randständige mit psychischen Problemen. In vielen Fällen ist man von mehreren Problemen gleichzeitig betroffen. Der Versuch, sich mit Selbstmediation zu retten, endet im Konsum diverser Substanzen. Man wählt den Lebensstil der Sucht, um das Leben zu bestreiten», beschreibt der gelernte Chemielaborant und Sozialarbeiter die Szene. «In der Notschlafstelle haben wir aber auch Gäste, die den Schlüssel vergessen haben oder ausgeraubt worden sind.»

Etwa 1’200 Menschen nutzten letztes Jahr die Überlebenshilfe in Luzern und Zug. Ein Bett in der Notschlafstelle, ein Mittagessen in der GasseChuchi oder der Mittagsbeiz im Schiff Yellow auf dem Zugersee sowie diverse Beratungsdienste der Gassenarbeit. In Luzern sei man gut ausgelastet, könne der Nachfrage aber gerecht werden. Die verschiedenen Institutionen würden sich zwar über ihre meist gemeinsamen Klienten austauschen, aber ohne die andere Organisation zu beeinflussen. «Es kann kontraproduktiv sein, wenn Geschehnisse aus dem Alltag der Klienten den verschiedenen Betrieben bekannt sind. Man soll den Menschen möglichst unvoreingenommen begegnen. Einen wertvollen Austausch zu pflegen und trotzdem die Privatsphäre zu wahren, entspricht dem sozialarbeiterischen Codex, den wir in allen Belangen verfolgen», sagt Roger Lütolf.

Versteckte Szene in Zug

Neben dem ausgeprägten Angebot und der prekären Wohnsituation haben Luzern und Zug in Bezug auf die Randständigenszene wenig gemeinsam. Die Anzahl Betroffener (etwa 1'000 in Luzern, 150-200 in Zug jährlich) lässt auf die unterschiedlichen Einwohnerzahlen schliessen. Die kleine Szene in Zug ist gemäss Martin Keller, Bereichsleiter von GGZ@Work – Gastschiff Yellow und Mittagsbeiz «versteckter und weniger auffällig als in Luzern und steht in keinem Vergleich». Früher war die Rössliwiese Treffpunkt für Randständige, doch heute gebe es keinen Platz mit Magnetwirkung mehr. «Im Sommer versammeln sich die Leute am See oder in öffentlichen Parks. Dort vermischen sich Arme und Reiche, Ältere und Junge. Die Randständigen nutzen die Zuger Angebote rege. So entstehen kontrollierte Treffpunkte, was auch ein Ziel dieser Politik ist. Das Netz ist eng geknüpft.» Gemäss Keller stellt sich die Frage nach einer Notschlafstelle in Zug momentan nicht: «Die Nachfrage ist zu klein. Wir haben aber auch schon Leute, die wir kennen, auf dem Gastschiff Yellow duschen lassen.»

Aufgrund der fehlenden Anonymität ziehe es viele, vor allem Suchtbetroffene, nach Luzern und Zürich. Die Kontakt- und Anlaufstelle im Gebäude der GasseChuchi in Luzern verzeichnete gemäss Roman Schaffhauser, Beauftragter Suchtfragen des Kantons Zug, im vergangenen Jahr 29 Zuger Gäste. Eine Leistungsvereinbarung der Zentralschweizer Gesundheits- und Sozialdirektorenkonferenz regelt die Finanzierung.

Neue Fixerstube in Luzern

Seit 2008 befinden sich die GasseChuchi zusammen mit der Kontakt- und Anlaufstelle (K+A) im selben Gebäude am Geissensteinring. «Die Bezeichnung Fixerstube tönt anrüchig und wird heute offiziell nicht mehr benutzt. Die K+A bietet einen Raum zum Rauchen und Sniffen, einen weiteren zum Spritzen. Täglich kann dort für eine gewisse Zeit konsumiert werden – unter Aufsicht von Fachpersonen. Im Vorraum darf man sich frei aufhalten. Gespräche mit den Süchtigen sollen entstehen», erklärt Roger Lütolf das Angebot.

Das Konsumverhalten habe sich seit einigen Jahren massgeblich verändert. Es werde mehr geraucht oder gesnifft anstelle einer intravenösen Aufnahme der Substanzen. Zudem ist der Heroinkonsum zurückgegangen. «Kokain hat stark zugelegt. Auch Trends lassen sich immer wieder erkennen. Momentan steigt der Konsum von Crack an und mit der in Osteuropa bereits weit verbreiteten, gefährlichen künstlichen Droge rechnet man künftig auch in Luzern. Darauf müssen wir vorbereitet sein und ein allfälliges Konsum-Verbot in Betracht ziehen», so der Szenenkenner.

Altersheim für Junkies

«Heute sind beinahe alle Süchtigen multitoxikoman. Sie konsumieren mehrere Drogen und Alkohol. Fällt ein grosser Dealer aus, steigt man sofort auf eine andere Substanz um», erklärt der frühere Seelsorger und Luzerner Gassenarbeits-Pionier Sepp Riedener. Aufgrund des Ambulatoriums und der Methadon- sowie Heroinabgabestellen werden die Menschen auf der Gasse älter, stellt Riedener fest: «Die Lebenserwartung liegt bei 50 bis 60 Jahren, wo sie früher bei 30 Jahren lag.»

«Die Zahl der Toten in Luzern war vergangenes Jahr extrem niedrig – das kann aber auch Zufall sein», stellt Riedener fest und fügt hinzu: «Über ein Altersheim für Drogensüchtige ab 45 denken wir schon länger nach!» Es werde momentan nach einem passenden Haus gesucht. «Auch die Kosten sind relevant! Spitex für jeden einzelnen betagten Drogensüchtigen geht ins Geld, denn viele der Betroffenen werden schon früh invalid und brauchen Betreuung. Das Angebot nach betreutem Wohnen ist zwar vorhanden, auf die stark steigende Anzahl älterer Süchtiger müssen wir bald reagieren. Man kann nicht einen 50-jährigen Junkie neben eine 85-jährige Betagte in ein normales Altenheim setzen.»

Wenn Netzwerke nicht mehr funktionieren

Trotz allen Institutionen und Angeboten für Randständige funktionieren Netzwerke nicht immer reibungslos. Dies kann eine akute Belastungsreaktion auslösen. Laut Chefarzt der Luzerner Psychiatrie Dr. Julius Kurmann sind Randständige nicht per se kranke Menschen. Auch Dr. Joachim Bergner, Leitender Arzt in der Psychiatrischen Klinik Zugersee, betont, dass die gleichen Mechanismen spielen, wie bei anderen Betroffenen auch. Freiwillig, über einen Hausarzt oder Notfallpsychiater werden sie zugewiesen, behandelt und wieder entlassen. Die Psychiatrie dürfe nicht als «letzte Station» betrachtet werden.

Unterschiede zu früher sind laut den beiden Ärzten keine festzuhalten. Zwangseinweisungen werden heute «Fürsorgerische Unterbringung» genannt, laufen bis auf das verkürzte Zurückbehaltungsrecht (72 Stunden) jedoch ähnlich ab. Problematisch ist für Dr. Bergner die Platzierung und Unterbringung der Patienten nach der Entlassung. Diese sei zähflüssiger geworden und nicht mehr so einfach. Auch eine Folge der prekären Wohnsituation.

Lichtblick für Familien

Von Sucht betroffene Familien finden seit Ende der 90er Jahre im «Paradiesgässli» in Luzern ein offenes Ohr und Unterstützung in finanziellen wie auch rechtlichen Fragen. Das Pionierprojekt, welches fachliche Beratung und seit 2009 die Familienarbeit im Rahmen des Kinderprojekts «Listino» anbietet, bekommt momentan ein neues Gesicht. Das Haus wird umgebaut und erhält eine neue Küche, ein grösseres Spielzimmer und mehr Beratungsräume. So können auch in Zukunft das Verantwortungsbewusstsein und die Erziehungskompetenz von Familien gefördert werden.

Im Rahmen des Jugendprojekts «Listo» werden Jugendliche auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit und beim Eintritt in die Arbeitswelt unterstützt. Aber auch Kinder und Jugendliche in Schulen, die nicht betroffen sind, werden von der Öffentlichkeit der Kirchlichen Gassenarbeit Luzern aufgeklärt. «Uns ist wichtig, dass die Generation, welche in Unkenntnis der Geschichte und Bilder der öffentlichen Drogenszene aufwächst, aufgeklärt wird. So wissen auch sie, wie es einmal war und dass die Arbeit der verschiedenen Institutionen in Luzern eine Besserung und Beruhigung in die Szene gebracht hat. Die Toleranz für anders denkende und anders aussehende Menschen soll gestärkt werden, damit wir auch von der nächsten Generation unterstützt werden.»

*Name von der Redaktion geändert

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