Dieter Meinhold vor seinem Haar-Studio im Herti Einkaufszentrum. (Bild: anm)
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Dieter Meinhold vor seinem Haar-Studio im Herti Einkaufszentrum. (Bild: anm)

Es knistert im Cervelat-Quartier

4min Lesezeit

In Zug wachsen die Stadtteile Lorzen und Herti am schnellsten. Im Herti-Quartier in Zug West läuft deshalb einiges: Die Schule platzt aus allen Nähten, die Migros kauft das Einkaufszentrum, und die Stadt sowie Quartiervereine suchen nach harmonischen Beziehungen zwischen Neuzuzügern und alteingesessenen «Hertianern». Wie ist die Stimmung im Quartier? Und was kommt auf das Herti zu? zentral+ fragte nach, bei einem Coiffeur, Vertreterinnen der Stadt und einem visionären Architekten.

Ein beiger Plattenboden, eine tief hängende Decke, kaum Tageslicht, eine veraltete Einrichtung. Wer das Herti Einkaufszentrum in der Stadt Zug betritt, fühlt sich in die Anfänge der 80er Jahre zurück katapultiert. Das Herz des Herti-Quartiers kommt ziemlich verstaubt daher.

Dieter Meinhold begrüsst alle paar Minuten einen Bekannten in seinem Coiffeur-Salon «Dieter’s Haarstudio». «Brauchst du Schnapps?» witzelt er mit einem älteren Herrn, der vorbeischaut. Ein anderer bringt eine grosse Flasche Haarspülung von L’Oréal vorbei. Wie ein Vertreter sieht er nicht aus, er scheint ein alter Nachbar zu sein.

Schon rosigere Zeiten erlebt

Der Coiffeur-Laden von Dieter Meinhold läuft gut. Er bedient eine grosse Stammkundschaft und hat sich seit 1983 einen Namen gemacht. Dennoch hat das Einkaufszentrum schon rosigere Zeiten erlebt. Vor kurzem musste eine Papeterie schliessen, und ein Ladenlokal gleich beim Eingang zum Herti steht leer. Das, obwohl rundherum ganze neue Quartiere aus dem Boden gestampft werden. In der Region Zug West, zu der die Gebiete Herti und Lorze zählen, finden grosse Veränderungen statt. Die Moderne hält Einzug.

Seit Anfang Februar ist bekannt, dass die Migros Genossenschaft das Einkaufszentrum Herti gekauft hat. Dieter Meinhold ist erleichtert. Vorher habe das Zentrum belgischen Investoren gehört, die sich überhaupt nicht für das Zentrum interessiert hätten. «Sie haben nur den Profit gesehen, wollten einfach die Mieten einkassieren», so der Coiffeur. Um einen guten Mietermix und eine funktionierende Einrichtung hätten sich diese nie gekümmert. «Die Migros hingegen weckt Vertrauen», sagt Meinhold. Es sei bereits kommuniziert worden, dass sich an den Mietverhältnissen nichts ändern werde. Bekannt sei auch, dass der Vertrag mit Coop nicht mehr verlängert werde.

Massnahmen aus «Zug westwärts!»

Unter dem Projekt «Zug westwärts! – Soziokulturelle Quartierentwicklung im Stadtteil Zug West» entstanden 47 Massnahmen, um das Zusammenleben in Zug West zu verbessern. Sie werden in die Bereiche «Zugezogene und Alteingesessene», «Orte für Begegnung», «Mobilität» und «Vereinsleben & soziokulturelle Angebote» unterteilt. Einige befinden sich bereits in der Umsetzungsphase:

  • Mittelinsel Chamerstrasse beim Fussgängerstreifen Rankhof
  • Verkehrs- und Betriebskonzept Herti, Beruhigungsmassnahmen für den Verkehr im Quartier Herti bis 2016/17
  • Mobile Spielanimation für Kinder in den Quartieren Herti und Riedmatt
  • Quartierarbeit in Zug West, z.B. Treffpunkt für Familien
  • Vereine präsentieren sich am Neu-Zuzüger-Anlass

Meinhold ist es ein Anliegen, dass die Migros das Herti Einkaufszentrum aufwertet. Schliesslich wohne über ein Drittel der Einwohner der Stadt Zug hier (Die Stadt hat rund 28'000 Einwohner). «Ich wünsche mir hier ein Sportartikelgeschäft, einen Schuhladen, ein Haushaltwarengeschäft», sagt der gebürtige Deutsche, der seit mehr als dreissig Jahren in Zug Haare schneidet. Meinhold ist eigentlich pensioniert, sein Geschäft will er aber nicht aufgeben: «Das hier ist mein Baby, mein Leben», sagt er.

Die «Bude» füllen mit Breakdance-Shows

Meinhold kennt das Quartier wie kein anderer und wohnt nur wenige Meter von seinem Laden entfernt im «Herti 1». Er erinnert sich, was früher über das Herti gesagt wurde: «Als hier gebaut wurde, gab es Boykotte von den Anwohnern. An den Stammtischen im Restaurant Brandenberg hiess es, das Zentrum würde niemals rentieren.» Mit Frisuren-Shows, Modeschauen, Oldtimer-Ausstellungen und Breakdance-Veranstaltungen brachte Meinhold aber «die Bude voll», wie er selbst sagt.

Es habe eine Weile gedauert, bis die Leute begriffen hätten, dass im Herti eine «irre gute Lebensqualität für Familien mit Kindern» herrsche. «Sie nannten es früher Cervelat-Quartier, weil die Arbeiter hier wohnten», so Meinhold.

Ein voller Erfolg der Stadtentwicklung?

Mit dem Bau des Herti-Quartiers ermöglichte die Korporation Zug – ihr gehört das Land – einer breiten Bevölkerungsschicht den Zugang zu Wohneigentum und preisgünstigen Mietwohnungen. Es entstanden Konzepte für 8'000 bis 10'000 Einwohner. Zwischen 1960 und 1977 plante und realisierte die Korporation die Überbauung. Das Herti-Quartier galt in der Stadt Zug lange als «das Beispiel» für ein sozial sehr durchmischtes Quartier.

Es gibt jedoch durchaus kritische Stimmen. Einige Entwicklungen sorgen derzeit für Diskussions-Stoff. Einerseits steht die Durchmischung der Bewohner auf dem Prüfstand, andererseits stösst durch die schnelle Entwicklung die Infrastruktur an ihre Grenzen.

Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite - Hertianer nagen am «Scheibenhaus»

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