Ein «Crème im Glas» mit zwei Zucker im Luzerner «Doorzögli». (Bild: anm)
Gesellschaft Gastgewerbe Gastronomie

Ein «Crème im Glas» mit zwei Zucker im Luzerner «Doorzögli». (Bild: anm)

«Ein Crème im Glas, bitte!» Ein was?

10min Lesezeit 1 Kommentare

Espresso, «Caffè Latte to go» und Capuccino ist heute. «Kafi crème im Glas» war gestern. Das bei Handwerkern so beliebte, fertig zubereitete Kaffee im Glas ist vom Aussterben bedroht. zentral+ wollte wissen, was es mit dieser Tradition auf sich hat und wer das Spezial-Kaffee ohne Schuss in Zug und Luzern noch trinkt. Resultat: Es gibt sie noch, die Gäste, die ihren Kaffee partout nur im Glas serviert haben wollen.

Für alle, bei denen der Begriff «Kafi crème im Glas» für Stirnrunzeln sorgt, hier zunächst ein Rezept für dieses legendäre Kaffeegetränk: Man drücke auf der Kaffeemaschine die Taste für einen normalen Kaffee crème. Auf jeden Fall sollte es ein langer, eher dünner Kaffee sein, keinesfalls ein Espresso. Man lasse den Kaffee nicht in eine Porzellantasse fliessen, sondern in ein Glas, welches üblicherweise für das «Kafi Schnapps», «Luz», «Träsch», und wie sie alle heissen, verwendet wird. Man füge zwei Würfelzucker hinzu und eine Portion Kaffeerahm. Anschliessend rühre man das Ganze mit einem Löffel um und serviere das «Crème im Glas» (Kurzform) seinem Gast – unsere Recherchen sagen, dass dieser fast immer männlich ist. Dabei sind Unterteller unerwünscht und sonstiger Schnickschnack nicht nötig.

Und wieder Stirnrunzeln. Wieso trinkt jemand denn überhaupt einen Kaffee crème aus dem Glas? Die kurze Antwort ist: Die Tradition will es so und bestellt wird es von Handwerkern und Bauern aus der Zentralschweiz, und zwar von Zugern noch etwas häufiger als von Luzernern. Die lange Antwort ist einiges spannender.

Es wärmt die Hände

zentral+ hat bei Gastronomen und Experten nachgefragt, weshalb gewisse Leute ein «Crème im Glas» bestellen und woher diese Tradition rührt. Alle sagen: «Man kann sich daran besser die Hände wärmen.» Beat Hürlimann, Geschäftsführer des Hotel und Restaurant Aesch in Walchwil, erklärt: «Beim Kafiglas hat man eine grössere Fläche, um sich die Hände daran zu wärmen. Und im Gegenteil zum Porzellan gibt das Glas die Hitze besser ab.»

Zu diesem Thema fügt jedoch Bastian Eltschinger, Geschäftsführer des Restaurants Brandenberg in Zug, ein Detail hinzu, das nicht ganz unwichtig ist: «Das Lustige ist ja, dass diese Leute ihren Kaffee auch im Sommer, wenn es heiss ist, im Glas bestellen.» Die wärmende Funktion ist somit nur die halbe Geschichte.

Peter Iten, Präsident des Gastro-Vereins Zug, kennt den anderen Teil der Legende: «Es ist einfacher als in der Tasse, weil es schon fertig zubereitet ist, üblicherweise mit zwei Zuckern.» Dass es einfacher und schneller ist, sagt auch Susanne Freimann: «Ich denke die Handwerker und Bauern, die das bestellen, wollen nicht mit Rahm und Zucker hantieren. Alles ist schon drin, es ist trinkbereit und unkompliziert.» Auch das ist noch nicht alles, was es über den «Kafi crème im Glas» zu sagen gibt.

Tassen gab es noch gar nicht

«Bis in die 1940er Jahre gab es in den meisten Lokalen und auch bei den Leuten zuhause noch gar keine Tassen, es gab nur Gläser», sagt Peter Iten und erinnert sich: «Meine Mutter wirtete um 1930, sie hatte überhaupt keine Tassen.» Die Tassen und den Kaffee Crème, so wie wir ihn heute kennen, gebe es erst, seit es auch die modernen Kaffeemaschinen gibt.

Solche Maschinen seien nach dem zweiten Weltkrieg in die Restaurants gekommen, sagt Iten. Er ergänzt: «Dann begann sich die Kaffeekultur erst zu entwickeln. Kaffee zu trinken wurde zum Kult, so wie beim Wein.» Seither gingen die Leute in ein Restaurant, um ein «Käfeli» zu trinken, so Iten. Nur in der gehobenen Gastronomie habe es den Kaffee schon früher in Tassen gegeben.

Bei den weniger gut Betuchten, vor allem auch bei Bauern, habe sich das Glas noch lange gehalten. Beat Hürlimann aus Walchwil weiss auch warum: «Die Bauern hatten früher ein Werktags-Geschirr und ein edleres Sonntags-Geschirr.» An den Wochentagen hätten sie am Mittagstisch in der Küche gegessen und den Kaffee aus dem Glas getrunken. Die Porzellantässchen, welche sie meistens im Schrank in der Bauernstube aufbewahrten, hätten sie nur am Sonntag gebraucht, sagt Hürlimann.

Für die Arbeiter viel zu nobel

Im Restaurant Schäfli in Neuheim wirtet heute Roger Staub. Er serviert noch oft ein «Crème im Glas». Wenn auch nicht mehr so oft wie seine Mutter, Vreni Staub, die das Restaurant von 1975 bis 2010 führte. Sie erinnert sich noch gut daran, was passierte, als die Kaffeemaschinen und die Tassen aufkamen: «Als wir den viel besseren Bohnenkaffee in Tassen zu servieren begannen, taten sich die Männer sehr schwer damit.» Dass es auf einmal nicht mehr nur ein Glas mit fertigem Kaffee, sondern Tasse, Untertasse, Löffel, Zucker und Kaffeerahm gab, sei vor allem den Arbeitern schlicht zu nobel gewesen, erzählt die ehemalige Wirtin. Aus noch einem Grund war der neue Kaffee nicht sehr beliebt: «Die Arbeiter hatten doch stets schmutzige Hände und wollten nicht den Zucker und das saubere Geschirr anfassen», sagt Staub. Sie denkt nach und sagt schliesslich: «Also eigentlich war das reine Bequemlichkeit».

Wie steht es denn heute um das «Crème im Glas»? Dass es für die Zukunft nicht gut aussieht, bestätigen die Restaurant-Besitzer. Dennoch, in Zug ist die Tradition noch etwas häufiger anzutreffen als in Luzern. Bastian Eltschinger vom «Brandenberg» in der Stadt Zug sagt: «Ich war schon immer im Gastgewerbe tätig, unter anderem auch in Luzern und in Zürich. Das ‹Kafi crème im Glas› kenne ich aber erst, seit ich hier im Brandenberg in Zug bin.» Die Traditionsbeiz serviere diesen Kaffee zwar nicht mehr so oft, es gäbe aber durchaus Gäste, die immer einen solchen bestellen, sagt Eltschinger.

Die «Kafi im Glas» Taste 

Noch etwas beliebter ist das legendäre Kaffeegetränk im nahe gelegenen Restaurant Freimann. Die Wirtin Susanne Freimann sagt: «Bei uns wird oft ein ‹Kafi crème im Glas› bestellt. Meistens sind es Handwerker, Bauern, oder die ältere Generation, die das noch so bestellt.» In ihrem Restaurant ist interessanterweise gerade die moderne Kaffeemaschine ein Zeugnis für diese alte Tradition: «Wir haben sogar eine extra Taste für ‹Kafi im Glas› an der Maschine, weil sonst die Menge nicht genau stimmen würde, wenn danach noch Kaffeerahm hinzu kommt», sagt Freimann.

Mehr als in der Stadt Zug trinken Handwerker und ältere Männer das «Crème im Glas» in den ländlichen Gemeinden des Kantons: Beat Hürlimann aus Walchwil erzählt: «Sie werden staunen, es gibt noch viele, die das bei uns bestellen.» In Walchwil gäbe es gewisse Leute, die den Kaffee gar nie anders trinken würden. «Teilweise ist das sogar eine Familientradition hier», sagt Hürlimann. Bei Stammgästen aus gewissen Familien, die traditionell vor allem Bauern waren, käme es ihm schon gar nicht in den Sinn, den Kaffee jemals in einer Tasse zu servieren. Für sie komme aus Gewohnheit nichts anderes auf den Tisch, sagt der Wirt.

Luzerner trinken lieber das «Luz»

In Luzern wird das «Crème im Glas» ebenfalls serviert. Es ist jedoch weit weniger bekannt und beliebt als das Kafi Luz (Luz ist die Abkürzung für Luzern, das Kafi Luz enthält Kernobst-Schnapps, es wird auch «Träsch» genannt). Beim Sekretariat des Gastro-Vereins Luzern kann auf Anfrage nur der Präsident Auskunft geben. Ruedi Stöckli ist Wirt im Landgasthaus Strauss in Meierskappel. Er kennt dieses Getränk bestens. Es verhalte sich in Luzern in etwa gleich wie in Zug, sagt er. Vor allem in den Gemeinden, weniger in der Stadt, werde das «Kafi im Glas» noch getrunken. Beliebt sei es zum «Znüni» bei Arbeitern und auch bei Lastwagenchauffeuren, sagt Stöckli.

Auch im Café La Suisse («Doorzügli») bestellen die Gäste ab und zu ein «Crème im Glas». «Natürlich kennen wir das», sagt Geschäftsleiterin Sandra Krummenacher. «Es ist aber ein sehr kleiner Prozentsatz, der das noch bestellt. Die meisten trinken den Kaffee aus der Tasse.» Lilo Wirth vom Restaurant zur Freien Schweiz in der Luzerner Neustadt sagt: «Bei uns gibt es das praktisch nicht. Ich habe nur einen einzigen Stammgast, der das bestellt. Er ist schon länger pensioniert und trinkt aus Gewohnheit den Kaffee im Glas.» Dennoch, auch ihre Kaffeemaschine hat eine Taste mit der Aufschrift «Kafi im Glas».

Die Jungen bevorzugen es «à la Starbucks»

Sowohl in Zug als auch in Luzern ist das «Kafi crème im Glas» vom Aussterben bedroht. Susanne Freimann aus Zug sagt: «So schade wie es ist, wird das ‹Kafi im Glas› wohl aussterben. Ich könnte nicht sagen, dass in den letzten Jahren eine unter 50-jährige Person bei uns einen solchen Kaffee bestellt hätte.» Auf die Frage, ob denn die Handwerker diese Tradition nicht den Lehrlingen weitergäben, sagt Freimann: «Die Jungen ziehen da leider nicht nach, die mögen lieber Kaffee mit Sirups und sonstigen Zusätzen, à la Starbucks.» Sie spricht von einem Verlust eines Kulturguts: «Das ist sehr, sehr schade. Wir verlieren somit ein Stück Kulturgut und das ist irreparabel. Dabei wäre es doch so wichtig, genau diese Dinge zu bewahren und weiter zu geben.»

Immerhin, der Kaffeemaschinen-Hersteller Schaerer aus Zuchwil (SO) produziert weiterhin die Maschinen mit den extra Tasten für das «Kafi im Glas». Grundsätzlich könne man das «Crème im Glas» auf all ihren Maschinen programmieren, sagt Rosmarie Danz von der Abteilung Marketing und Kommunikation. Es ist aber nicht nachweisbar, ob diese dann nicht doch vermehrt für einen Kaffee mit Schuss verwendet werden. Rosmarie Danz hat bei den Mitarbeitern im Aussendienst nachgefragt: Meine Kollegen sagen, es sei auch in den Skigebieten sehr verbreitet. Dort aber natürlich vermehrt mit Schuss.»

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft