Eine Sprachtherapeutin im Einsatz. (Bild: Adobe Stock)
Gesellschaft Bildung Politik

Eine Sprachtherapeutin im Einsatz. (Bild: Adobe Stock)

Die Sprache ist ein Problem – denn Zug findet keine Logopäden

6min Lesezeit

Kinder, die Probleme in ihrer Entwicklung haben, erhalten von Spezialisten Hilfe, damit sie sich richtig mitteilen und bewegen können. Ausser in der reichen Stadt Zug, dort gibt es nämlich nicht genügend Spezialisten. Der Mangel und die daraus entstehenden Wartelisten führen dazu, dass bedürftige Kinder nicht einmal mehr angemeldet werden.

Markus Mathis

Das Bewusstsein für die Problematik ist mittlerweile auch im Zuger Stadtparlament angekommen: Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Zuger Gemeinderats wollte vom Stadtrat wissen, warum man im Zusammenhang mit den Stadtschulen immer wieder von Wartelisten für die Psychomotoriktherapie höre? Eine solche Behandlung erhalten Kinder, die Probleme mit Bewegungen und Berührungen haben.

Mit dieser beiläufigen Frage stachen die Parlamentarier in ein Wespennest. Im Jahresbericht der GPK wird nämlich nicht nur überliefert, dass es bei der Therapiestelle für Psychomotorik, die in der Heilpädagogischen Schule (HPS) in Zug angesiedelt ist, Wartezeiten gäbe. Nein, es sei generell schwierig, Therapeutinnen für Psychomotorik zu finden.

Keine geeigneten Stellenbewerber

Überdies sind auch Heilpädagoginnen und Logopädinnen absolute Mangelware – eine Rekrutierung «sehr schwer». «Es wird in der Logopädie im nächsten Schuljahr keine Entspannung geben, weil man schlicht niemanden gefunden hat», berichtet die GPK über die Bemühungen der Behörden, die Lage zu entschärfen.

Stadträtin und Schulvorsteherin Vroni Straub (CSP) relativiert die Situation. «Bei den schulischen Heilpädagogen und Heilpädagoginnen hat sich die Situation in der Stadt Zug aktuell leicht entspannt.» Psychomotorik-Therapeutinnen seien in ausreichender Zahl im Einsatz.

Lehrer unterlassen die Anmeldung

Doch: «Der Markt bei den Logopädinnen und Logopäden ist tatsächlich ausgetrocknet», sagt Straub. Dies sollte Eltern von Kindern beunruhigen. Denn bei der Psychomotorik-Fachstelle, wo laut Straub ja genügend Spezialisten im Einsatz sind, stellt die Leiterin Regula Seeholzer im jüngsten Jahresbericht fest: «Von mehreren Lehrpersonen wurde kommuniziert, dass sie keine Anmeldungen in die Wege geleitet haben, da sie von einer sehr langen Warteliste gehört hatten

Will heissen: Kinder, die eigentlich für eine normale Entwicklung gefördert werden sollten – und theoretisch auch ein Anrecht darauf haben – werden nicht mehr für eine Therapie gemeldet, weil man sich denkt: Die kommen ja eh nie dran.

Betroffen ist übrigens nicht nur die reiche Stadt Zug, die in den heftig sprudelnden Steuereinnahmen förmlich zu ertrinken droht, sondern auch Menzingen, Neuheim und Walchwil, welche ihre Kinder ebenfalls der Psychomotorik-Fachstelle zuweisen.

Wo die Not am grössten ist

Natürlich ist auch bei der Logopädie, welche in Zug nicht nur im Schulzentrum Maria Opferung wie die HPS zu Hause ist, sondern auch in entfernteren Schulhäusern wie Herti, Oberwil, Riedmatt und Guthirt, die Lage angespannt: «Die sofortige Aufnahme in die Therapie ist nicht immer gewährleistet», werden Eltern auf der Homepage der Stadt Zug gewarnt.

«Der Mangel hat gewiss nichts mit den Löhnen zu tun.»

Vroni Straub (CSP), Zuger Stadträtin

Das Kind werde bei ausgewiesener Therapiebedürftigkeit auf die Warteliste gesetzt. «Bei einem frei werdenden Platz wird dasjenige Kind aufgenommen, dessen Therapiebedarf zu dieser Zeit am stärksten ist», heisst es weiter. Die Wartezeit könne mit Hausaufgaben oder anderen Massnahmen genutzt werden, werden die Eltern getröstet.

Zu wenige werden ausgebildet

Stellt sich die Frage, warum man dem kleinen Angebot an Fachkräften nicht mit finanziellen Anreizen entgegenwirkt. Oder anders gefragt: Bezahlt man diesen Spezialistinnen genügend?

«Das hat gewiss nichts mit den Löhnen zu tun – es werden einfach zu wenige dieser Fachpersonen ausgebildet», meint Vroni Straub.

Ziemlich tolle Gehälter

In der Tat werden im Kanton Zug höhere Löhne ausgerichtet als in manch anderem Kanton – etwa im benachbarten Luzern. Ausserdem sind diese Therapeutinnenjobs sehr gut bezahlt – was auch daran liegt, dass sie Fachhochschulausbildungen bedingen, die mit einem Bachelor oder Master abgeschlossen werden.

Gemäss dem Internet-Portal Lohncheck.ch beträgt der monatliche Medianlohn für Logopäden in der Schweiz 7540 Franken, Heilpädagogen verdienen 8590 Franken.

Sicher ist: Andere Therapeutinnen – Ergo- oder Physiotherapeutinnen, die durch Krankenkassen bezahlt werden – schlecken sich nach den Salären im Schulbereich die Finger ab.

Systemwechsel ist schuld

Der Mangel, dies wird in Gesprächen mit verschiedenen Pädagoginnen deutlich, resultiert aus dem Systemwechsel – der Hinwendung zur integrativen Schulung. Wurden früher Kinder mit starken Entwicklungsstörungen in Sonderschulen oder separaten Heimen teils durch Leute mit anderen Berufen betreut, versucht man sie heute in der Regelklasse zu betreuen.

Dies erhöht nun den Bedarf an Heilpädagogen, Psychomotorik-Therapeuten und Logopäden – wobei schulische Heilpädagogen, von denen es am meisten braucht, insbesondere im ländlichen Raum fehlen.

Verschärft die Migration das Problem?

Der Logopädenmangel betrifft indes nicht zuletzt den urbanen Raum. Seit langem geht man davon aus, dass sieben Prozent der Kinder Sprach- und Sprechentwicklungsstörungen aufweisen.

Nun aber wird seit einigen Jahren vermehrt darüber gesprochen, ob und welchen Einfluss Mehr- und Vielsprachigkeit auf die Sprachentwicklung der Kinder hat – was ja für einen internationalen Ort wie Zug durchaus von Bedeutung ist.

Andere Ansätze vonnöten

In der Fachzeitschrift «Forum Logopädie», welche sich an Sprachheilkundler im deutschsprachigen Raum richtet, setzte sich 2017 die Bremer Professorin Wiebke Scharff Rethfeldt mit dieser Thematik auseinander. Und kam zum Schluss, dass zu wenig Grundlagenforschung betrieben werde, um zu entscheiden, ob Mehrsprachigkeit zu einem höheren logopädischen Therapiebedarf in der Gesellschaft führe.

Was sie aber mit Sicherheit sagen konnte: Dass mehrsprachige Kinder anders therapiert werden müssten als einsprachige und dass diesbezüglich noch einiges an Arbeit vonnöten sei. Wozu es aber wieder – und hier schliesst sich der Kreis – Logopäden braucht, die in Zug aber nicht zu finden sind.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft