Die Teilnehmer am Zuger Dialog (von links): Tomasz Janasz (nicht auf dem Bild), Moderatorin Martina Kühne, Andreas Staub und Hans Werder. (Bild: sib)
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Die Teilnehmer am Zuger Dialog (von links): Tomasz Janasz (nicht auf dem Bild), Moderatorin Martina Kühne, Andreas Staub und Hans Werder. (Bild: sib)

Sind Autos im Zuger Stadtzentrum noch zeitgemäss?

7min Lesezeit

Das erste Mal seit eineinhalb Jahren fand im Theater Casino die Gesprächsreihe Zuger Dialog statt. Thema: Paradigmenwechsel im Stadtverkehr. Dabei wurden unter anderem die zahlreichen SUVs in hiesigen Breitengraden kritisiert. Aber auch ein Luxusproblem.

Ganz am Ende kam sie, die entlarvende Wortmeldung aus dem Publikum: «Die Realität in Zug ist doch die: Auf unseren Strassen fahren immer mehr SUVs, die zwei Meter breit und 2,5 Tonnen schwer sind. Zudem sitzen in einem Zuger Auto durchschnittlich 1,1 Personen.» Was also helfe es, über Carsharing und Effizienzsteigerung zu sprechen, wenn die Wirklichkeit ganz anders aussehe?

Unter anderem über Carsharing und Effizienzsteigerung wurde am Montagabend im Theater Casino in Zug diskutiert. Mit von der Partie waren Tomasz Janasz, Experte für künstliche Intelligenz bei SAP, Hans Werder, Präsident von Avenir Mobilité und langjähriger Generalsekretär des UVEK, sowie Andreas Staub, Verhaltensökonom bei Fehr Advice. Letzterer sprang kurzfristig für Luca Geisseler ein.

Anlass des Abends war die Veranstaltungsreihe Zuger Dialog, organisiert von der Stadt Zug. Die Gesprächsreihe gibt es seit 2007 und fand erstmals seit 2017 wieder statt. Thema des Abends: «Paradigmenwechsel im Stadtverkehr». Auch einige Politiker, wie die beiden Nationalratskandidaten Andreas Lustenberger (ALG) und Patrick Mollet (FDP), fanden sich ein, um der Diskussion beizuwohnen.

Der Stadtpräsident macht den Anfang

Stadtpräsident Karl Kobelt begrüsste die Gäste im gut gefüllten Saal und machte darauf aufmerksam, dass der Begriff Stadtverkehr heute vor allem negativ konnotiert sei und mit Problemen in Verbindung gebracht werde. «Dabei hat zum Beispiel die Stadtbahn den Verkehrsfluss wesentlich verbessert. Auf der anderen Seite war die Ablehnung des Stadttunnels ein herber Dämpfer», so der FDP-Mann.

«Die Technologie ist ohne die Menschen wertlos.»

Andreas Staub, Verhaltensökonom

Anschliessend war es an Tomasz Janasz, den Leuten den Paradigmenwechsel im Stadtverkehr näherzubringen. Immerhin hat er sich in seiner Doktorarbeit exakt diesem Thema gewidmet.

Janasz wartete mit einigen verblüffenden Zahlenspielen auf. So stehe ein Auto zu 90 bis 95 Prozent der Zeit still. Aus seiner Sicht ist bereits ein Kurswechsel zur nachhaltigen Mobilität erkennbar. Denn klar ist: «Die Automobilität ist nicht nachhaltig», so Janasz. Es sei eine Effizienzsteigerung nötig, was die Mobilität anbelangt. Wie dies erreicht werden kann? «Durch Sharing, Automatisierung und Digitalisierung», warf Janasz drei Schlagworte in die Runde.

Der Mensch, das Gewohnheitstier

«Ich bin überzeugt, dass der Paradigmenwechsel im Stadtverkehr realistisch ist», schloss Janasz sein Referat und leitete so über zur Diskussion. Moderatorin Martina Kühne wollte gleich zu Beginn wissen, was der Mensch bei der Mobilität und im Paradigmenwechsel für eine Rolle spiele.

«Sämtliche Tools und Apps helfen nichts, wenn die Akzeptanz vonseiten der Gesellschaft nicht da ist und die Tools nicht genutzt werden. Die Technologie ist ohne die Menschen wertlos», so die deutliche Antwort von Andreas Staub.

Die Menschen müssen beim Technologiewandel also mitziehen. Laut Staub gar nicht so einfach, denn der Mensch sei ein Gewohnheitstier, auch was den Verkehr anbelangt. «Eine Studie zeigt, dass über 60 Prozent der Leute, die jeden Morgen in denselben überfüllten Zug steigen, einen anderen Zug nehmen könnten», erklärte er. Doch es gebe eben Normen und Gewohnheiten, die das menschliche Verhalten dominieren, und es sei schwierig, diese Gewohnheiten zu durchbrechen.

«Digitalisierung kann Platzproblem nicht lösen»

Für Hans Werder auf der anderen Seite sind Autos in städtischen Räumen ein Dorn im Auge. In Städten sei die Fläche halt immer knapp und das Auto brauche unverhältnismässig viel Platz. Der Langsamverkehr und der ÖV müssten deswegen in urbanen Gebieten die Hauptverkehrsträger sein, um das Platzproblem zu lösen.

«Das wirkliche Problem auf der Strasse ist der Mensch, nicht der Computer.»

Andreas Staub

Die Digitalisierung könne dies nämlich nicht. «Vielmehr bietet die Digitalisierung eine grosse Chance für nachhaltigere Mobilität. Dabei geht es um die intelligente Verknüpfung mehrerer Verkehrsträger, welche dadurch vereinfacht wird», so Werder. Irgendwann werde es eine App für sämtliche Verkehrsmittel geben.

Wie steht es um die selbstfahrenden Autos?

Im Verlaufe der Debatte entbrannte eine Diskussion zwischen Janasz und Staub, ob denn die Technologie schon weit genug sei für selbstfahrende Autos, oder ob die Algorithmen noch nicht ausreichend «intelligent» seien.

Staub enervierte sich dabei, dass die Unfälle mit selbstfahrenden Autos, welche man an einer Hand abzählen könne, derart breitgetreten würden. «Das wirkliche Problem auf der Strasse ist der Mensch, nicht der Computer», so Staub. Das Potenzial zu mehr Verkehrssicherheit sei auf jeden Fall vorhanden.

Freiwillige Zuger Quartiere gesucht

Martina Kühne sprach auch die Testfahrten des selbstfahrenden Minibusses zwischen Metalli und Technologiecluster an (zentralplus berichtete) und fragte, was die Gesprächspartner davon halten würden.

Aus Sicht von Werder führt kein Weg an solchen Testfahrten vorbei. Staub ging sogar noch einen Schritt weiter: «Die bisherigen Lösungen sind jeweils mit Sondergenehmigungen verbunden. Man müsste über diesen Status hinausgehen und solche Tests auf breiterer Basis durchführen.» In einer fortschrittlichen Stadt wie Zug würde sich bestimmt ein Quartier dafür finden lassen, fügte er mit einem Schmunzeln hinzu.

Staub richtete ausserdem einen Appell an die Stadt Zug. Es liege an ihr, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, nicht mit dem Auto ins Stadtzentrum zu fahren. Womit wir gewissermassen wieder bei der eingangs erwähnten Wortmeldung aus dem Publikum wären.

Alles nur ein Luxusproblem?

Die Zuhörer zeigten sich durchaus kritisch. So war denn von einem Luxusproblem die Rede. Mit dem rasanten Bevölkerungswachstum würden ganz andere, existenziellere Probleme auf uns zukommen als die Frage, wir am effizientesten von A nach B kommen.

Eine Zuhörerin wollte zudem wissen, auf welchem Weg wir lernen werden, mit den neuen Technologien umzugehen. «Wird man das bereits in der Schule lernen?», fragte sie in die Runde. Staub bejahte dies indirekt, sprach unter anderem den Einsatz von Robotern in der Schule an (zentralplus berichtete).

Zum Abschluss wollte Moderatorin Kühne von den Protagonisten wissen, wo die Schweiz bezüglich Paradigmenwechsel denn nun stehe. Und alle waren sich einig: Dieser findet gerade statt.

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