Doris Wicki: Bereits ihre Vorfahren haben im Entlebuch als Köhler gearbeitet. (Bild: Simon Meyer)
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Doris Wicki: Bereits ihre Vorfahren haben im Entlebuch als Köhler gearbeitet. (Bild: Simon Meyer)

Warum eine Entlebucherin nachts alle zwei Stunden aufsteht

6min Lesezeit

Bereits ihre Vorfahren haben im Entlebuch als Köhler gearbeitet, heute hält Doris Wicki das Handwerk am Leben. Die 61-Jährige ist die einzige Frau in diesem Beruf – und will ihn nicht missen. Auch wenn sie nachts alle zwei Stunden aufstehen muss.

Doris Wicki (61) wächst in Bramboden auf einem kleinen Bergbauernbetrieb in der Gemeinde Romoos auf. Als das Mädchen sich für eine Berufslehre entscheiden soll, gibt es noch keine Schnupperlehren. «Ich habe Coiffeuse gelernt, eine ganz normale Lehre», erinnert sie sich. Doch eine ganz normale Familie sind die Wickis nicht.

Bereits die Vorfahren von Doris Wicki haben im Entlebuch als Köhler gearbeitet. Die Wälder um Romoos sind steil, die Landschaft hügelig. «Darum war es schwer, geschlagenes Holz aus den Wäldern abzutransportieren. Man fand in und um Romoos 200 alte Kohlplätze», weiss Doris Wicki. Während die Holzköhlerei in Europa bereits seit 4000 v. Chr. bekannt war, erlebte sie im Entlebuch im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. «Mit der Eisenbahn kam auch die Steinkohle in die Schweiz und verdrängte die Holzkohle. Bis zu den Weltkriegen, da war man froh um die Köhler», so die 61-Jährige.

Die einzige Frau in Europa

In den 70er-Jahren nimmt Doris Wickis Vater das alte Handwerk wieder auf, um dem Bergbauernhof eine kleine Zusatzeinnahme zu generieren. «Auch meine drei Brüder halfen mit, während ich mit meiner Coiffeuse-Lehre beschäftigt war. Bis vor 15 Jahren hat einer meiner Brüder für Anlässe geköhlert, denn etwas verdienen kann man damit heute nicht mehr», erzählt Doris Wicki. Doch dann hat ihr Bruder keine Zeit mehr. Bei den letzten zwei Aufträgen geht sie deshalb mit, lernt den Verkohlungsprozess und springt dann bereits ins kalte Wasser und baut ihren ersten Meiler selbst auf.

Heute ist Doris Wicki die einzige Köhlerin in ganz Europa. Und nicht nur das: Vor einem Jahr wurde sie gar zur Vizepräsidentin des Europäischen Köhlerverbands gewählt. «Es ist schon speziell, als Frau diesen Beruf zu haben. Aber ich liebe es, in der Natur zu arbeiten, das ist mir wichtig. Meistens bin ich ja im Wald», sagt die Köhlerin mit den kräftigen Händen. Hier verrichtet sie harte Arbeit.

Doris Wicki stellt mit dem Verein Kulturfläck Beromünstereinen Holzkohlemeiler.
In den 70er-Jahren hat sie das alte Handwerk wieder aufgenommen: Doris Wicki stellt mit dem Verein Kulturfläck Beromünstereinen Holzkohlemeiler. (Bild: Simon Meyer)

Nachts alle zwei Stunden aufstehen

Vor kurzem schichtete sie den Meiler auf dem Parkplatz Bachheim in Beromünster für die Köhler-Woche auf (siehe Box). Unterstützt wurde sie dabei von ein paar Helfern, dem OK rund um die Löffelburg und Simon Meyer. «Ich habe Simon bei den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm «Köhlernächte» kennengelernt. Er hat damals fotografiert und wollte unbedingt mal einen Meiler nach Beromünster bringen», freut sich Doris Wicki. Rund um die Holzkohleproduktion gibt es eine Fotoausstellung, der Film wird gezeigt und letztes Wochenende wurde der Meiler entzündet.

«Das Entzünden und das Kohle ernten sind sicher meine zwei Highlights im ganzen Köhlerprozess», betont Doris Wicki, die auch Spezialkohle herstellt, zum Beispiel für eine japanische Teemeisterin aus Ästen oder für den Naturkoch Stefan Wiesner, der Kohlesenf und Kohlekäse macht.

Doris Wicki produziert nicht in erster Linie Holzkohle, sondern zeigt vor allem das alte Handwerk, das zum immateriellen Kulturgut von der Unesco ernannt wurde. «Vier- bis sechsmal mache ich solche Projekte von Frühling bis Herbst», erklärt sie. Ihr gefällt das Mystische an ihrem Job. «Ich spüre, wie sich der Meiler über die Woche verändert, dabei kann ich nicht reinschauen während des Verkohlungsprozesses.

Nachts muss ich alle zwei Stunden aufstehen, den Meiler füttern und abschätzen, ob ich Löcher stechen muss oder nicht, je nachdem, ob die Verkohlung genügend Sauerstoff erhält oder nicht. Dafür beobachte ich zum Beispiel die Rauchbildung», sagt Doris Wicki und gerät ins Schwärmen.

Doris Wicki stellt mit dem Verein Kulturfläck Beromünstereinen Holzkohlemeiler.
Doris Wicki glaubt, dass das alte Handwerk eine Zukunft hat. (Bild: Simon Meyer)

Zuerst mal ein warmes Bad

Wenn sie mit einem Projekt fertig ist, die Kohle am Abkühlen ist, fährt sie jeweils nach Hause, gönnt sich ein warmes Bad und «dann brauche ich eine Nacht lang guten Schlaf», meint sie lachend. Die Arbeit als Köhlerin ist nicht nur streng, sondern muss auch genau ausgeführt werden. Wenn Doris Wicki das Holz nicht dicht genug schichtet oder die Löschi, eine Kohlemischung, nicht gut ist, kann der Prozess gestört werden.

Köhler-Woche in Beromünster

In Beromünster findet noch bis am 18. Mai eine Köhler-Woche statt. Die Herstellung der Holzkohle wird gezeigt und ein Rahmenprogramm geboten. 17. Mai, ab 20 Uhr: Ausbrennen des Meilers und «Brennparty» mit Irish Folk Session, 25. Mai, ab 10 Uhr: Auspacken des Meilers, Ernten der Holzkohle.

Während die verbleibenden Köhler in Romoos Holzkohle für Ottos produzieren, verkauft in Doris Wickis Fall meist der Organisator vor Ort die Kohle. Hobbys hat Doris Wicki nicht gross. «In die Ferien fahre ich nicht, denn ich bin ja durch meinen Job immer unterwegs, lerne neue Leute kennen, neue Gebiete. Und im Winter arbeite ich in der Gastronomie im Sörenberg», verrät sie.

Dass das Handwerk ihre Generation nicht übersteht, davor hat die Köhlerin keine Angst. «Ich habe zwar keine Kinder, denen ich das Köhlern weitergeben kann, aber es melden sich immer wieder junge Menschen, die das lernen möchten», freut sie sich.

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