Agatha Fausch nach getanem Streik unter der Egg in Luzern. (Bild: zvg)
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Agatha Fausch nach getanem Streik unter der Egg in Luzern. (Bild: zvg)

«Der Frauenstreik hat mir das Gefühl gegeben, dass ich etwas bewegen kann»

7min Lesezeit

In zwei Monaten streiken schweizweit die Frauen. Drei, die das bereits 1991 getan haben, sind Agatha Fausch, Franziska Lingg und Li Hangartner. Wieso sie auch diesen Juni wieder auf die Strasse gehen – und weshalb es dafür wie schon vor 28 Jahren die Männer braucht.

Die Frauen streiken, fordern die tatsächliche Gleichstellung und formulieren ihre Forderungen für die Zukunft: Was 1991 letztmals geschah, wiederholt sich dieses Jahr. In der ganzen Schweiz werden Frauen am 14. Juni ihre Arbeit niederlegen. Auch in Luzern hat sich ein Komitee gebildet, das den Streik koordiniert (siehe Box).

Drei Frauen, die bereits vor 28 Jahren an vorderster Front dasselbe taten, sind Agatha Fausch, Franziska Lingg und Li Hangartner.

Dass 1991 hunderte von Frauen im Kanton Luzern auf die Strassen gingen, hätte Fausch «anfänglich nicht zu träumen gewagt». Gemeinsam mit Lingg war sie im Streikkomitee, verschickte als Mitglied der Frauengruppe der Gewerkschaft VPOD die Einladung zur ersten Streiksitzung. Zuerst etwas skeptisch – denn was, wenn frau nicht mitstreiken wird?

Streik auf der einen, Bügeleisen auf der anderen Seite

«Es gab viele Frauen, die ihre Köpfe schüttelten», sagt Franziska Lingg. Fausch und Hangartner nicken zustimmend. Wie sich der Frauenstreik 1991 in Sursee abgespielt hat, daran kann sich Fausch gut erinnern. Während auf der einen Strassenseite die Frauen streikten und für mehr Rechte einstanden, seien auf der anderen Strassenseite demonstrativ Frauen eines Gegenkomitees mit ihren Bügelbrettern hingestanden. «Sie sagten, dass sie nicht streiken. Sie bügelten auf der Strasse die Kleider ihrer Männer, nähten Knöpfe an deren Hemden», erzählt Fausch.

«Schweizweit hatten die Frauen die Schnauze voll.»

Agatha Fausch, Mitorganisatorin Frauenstreik 1991

Der Frauenstreik erlebte das Trio nicht nur als abenteuerlich, sondern als chaotisch, tolerant und auf eine Art gar witzig. Sie sei in den 80er-Jahren als Mitglied der VPOD-Frauenkommission oft auf die Strassen gegangen, erzählt Fausch. Doch nichts sei geschehen. «Schweizweit hatten die Frauen die Schnauze voll, dass auch nach zehn Jahren Gleichstellung in der Verfassung nichts umgesetzt wurde», so die frühere Sozialarbeiterin. Sie sei schon damals ungeduldig gewesen, 28 Jahre später ist sie es immer noch: «Es geht einfach zu lange.»

Agatha Fausch, Li Hangartner und Franziska Lingg (von links nach rechts): Sie waren am Frauenstreik 1991 dabei.
Agatha Fausch, Li Hangartner und Franziska Lingg (von links nach rechts): Sie waren am Frauenstreik 1991 dabei. (Bild: ida)

Um möglichst viele Frauen erreichen zu können, wurden Flyer und Plakate gedruckt. Denn Facebook & Co. gab es damals noch nicht.

Am 14. Juni 1991 schoben mehr als 40 Frauen mobile Plakate, die sie auf Schubkarren platzierten, durch die Stadt Luzern. «Neue Frauen brauchen neue Männer», stand beispielsweise darauf. Vom Rathausplatz sei die Gruppe zur Hertensteinstrasse gelaufen, weiter zur Suva – wo man «gar nicht begeistert» gewesen sei – bis zum damaligen «Vaterland», dessen Redaktion im Maihof einquartiert war. «Die wollten uns erst gar nicht reinlassen», erzählt Lingg. Doch sie seien unangekündigt eingetreten. «Es ging effektiv darum, den Raum zu besetzen», so die heute 70-Jährige. Nebst dem Besetzen eines Raumes ging es den Frauen darum, sich sichtbar zu machen. Nicht mehr leise zu sein, sondern laut für die eigenen Wünsche einzustehen.

«Wissen Sie, ich bin ein bisschen eine Wilde. Und ich möchte unsere Fahne an den Luzerner Ratshausturm hängen.»

Agatha Fausch

Dass die Plakate auf den Schubkarren angebracht wurden, sei nicht nur praktisch, sondern beinahe notwendig gewesen. Manchmal sei es «unbequem» geworden, wie die Frauen erzählen. «Wenn es nicht mehr weiterging, sind wir untergetaucht und haben an einem anderen Ort weitergemacht», so Fausch. Und Lingg ergänzt: «Uns ging es um gesunde Provokation.»

Frauenstreik 1991 – und 2019

Lila Ballone prägten das Bild am 14. Juni 1991, «Wenn Frau will, steht alles still» lautete der Slogan: Knapp 500'000 Frauen gingen Schätzungen zufolge damals auf die Strasse. Zehn Jahre nach der Verankerung der Gleichstellung von Mann und Frau in der Verfassung, wollten sie endlich Taten sehen.

Die lila Farbe ist geblieben, die Empörung auch: 28 Jahre später planen schweizweit über 20 Komitees wieder einen Frauenstreik, diesmal unter dem Motto «Gleichberechtigung. Punkt. Schluss!» Auch in Luzern engagieren sich zahlreiche Frauen für den Anlass.

Die Sache mit der Fahne am Ratshausturm

Es habe viel Mut gebraucht, auf die Strassen zu gehen und es habe einige Reibereien gegeben. Beispielsweise erzählt Fausch, dass sie die Frauenstreik-Fahne am Rathausturm des Luzerner Kornmarkts habe aufhängen wollen. Doch die Ratshausmutter sei dagegen gewesen. «Das passte ihr überhaupt nicht in die Tüte, wie sie sagte. Das machte mich wahnsinnig wütend.» Als sie auf der Strasse den damaligen Stadtpräsidenten Franz Kurzmeyer angetroffen habe, habe sie ihm gesagt: «Wissen Sie, ich bin ein bisschen eine Wilde. Und ich möchte unsere Fahne an den Luzerner Ratshausturm hängen. Was machen Sie jetzt? Und er antwortete mir: ‹Das machen wir.›»

Und in der Tat: Kurz darauf flatterten am Ratshausturm Luzerns nicht mehr nur die Flagge des Kantons, sondern auch Frauenstreikfahnen. «Ein kleines Wunder», wie Fausch meint. Und gerade das habe die Frauen auf den Streik aufmerksam gemacht, sie ermutigt, sagt Hangartner. Sie war eine der wenigen, die das Privileg hatten, sich im Rahmen ihrer Erwerbsarbeit beim Frauenstreik zu engagieren.

Die Theologin war damals bei der Fachstelle feministische Theologie und im Romerohaus tätig: «Unser Verein war immer sehr politisch, strebte die Gleichstellung der Frauen innerhalb der katholischen Kirche an.» Der Frauenstreik von 1991 habe auch in den Jahren danach Spuren hinterlassen. Jeweils um den 14. Juni hätten alle Frauen des Romerohauses frei gemacht, um über frauenspezifische Anliegen innerhalb ihrer Institution zu sprechen.

Zeitungsberichte nach dem Frauenstreik 1991.
Zeitungsberichte nach dem Frauenstreik 1991. (Bild: ida)

28 Jahre später wieder auf die Strasse

Die drei Frauen werden wie 1991 auch 2019 wieder auf die Strassen gehen. Hat sich denn die Mühe vor 28 Jahren nicht ausbezahlt? Doch, meinen sie unisoni. Beispielsweise könne man heute Klage einreichen, wenn man für dieselbe Arbeit nicht denselben Lohn bekommt.

Wenn sich die heute 76-jährige Agatha Fausch an den 14. Juni 1991 erinnert, leuchten ihre Augen. «Der Tag hat mir das Gefühl gegeben, dass ich etwas bewegen kann. Und ich habe selbst ein bisschen Geschichte geschrieben – für die Frauen.»

Dass es ein wunderschöner Tag gewesen sei, sagt auch Li Hangartner. «Man spürte ein riesiges Empowerment.» Auch 2019 werde sie kein bisschen leise sein – und für die Sache der Frau hinstehen. «Aber das können wir nicht alleine tun», sagt Fausch. «Dazu brauchen wir die Männer.»

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