Auch dieses Jahr zieht es viele Maturaklassen ans Meer – mehrheitlich per Flugzeug. (Bild: Bildmontage bic)
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Auch dieses Jahr zieht es viele Maturaklassen ans Meer – mehrheitlich per Flugzeug. (Bild: Bildmontage bic)

Weils billiger ist: Luzerner nehmen für die Maturareise das Flugzeug

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Der Klimaschutz bewegt die Jugend und treibt sie zu Zehntausenden auf die Strassen, in Schweden macht der Begriff der «Flugscham» die Runde. Doch für viele scheint das Thema erst in den letzten Wochen aktuell geworden zu sein. Denn eine grosse Mehrheit der Luzerner Gymnasiasten nimmt für die Maturareise den Flieger. 

Wie überall im Land gingen auch in Luzern in den letzten Wochen tausende Junge Leute auf die Strasse, um für einen stärkeren Klimaschutz zu demonstrieren. An der Demo vom letzten Samstag beteiligten sich in Luzern laut Schätzungen der Polizei mindestens 2'000 Personen (zentralplus berichtete). Bei den Streiks und Demos zuvorderst mit dabei waren auch Jugendliche und junge Erwachsene aus den Luzerner Gymnasien.

Viele stehen kurz vor der Matura und werden im Sommer nach ihren Prüfungen auf einer Reise so richtig feiern. Doch beeinflusst das Klima die Wahl des Verkehrsmittels auch tatsächlich? Nicht unbedingt. Eine Umfrage von zentralplus bei den zwei Gymnasien in der Stadt zeigt, dass die aktuellen Demonstrationen und Debatten bei den Kantischülern bislang kaum Auswirkungen auf ihr Reiseverhalten zu haben scheinen.

Auch dieses Jahr darf's gerne der Flieger sein

So seien alle Klassen der Kantonsschule Alpenquai bereits im letzten Herbst mit dem Flugzeug verreist, und nicht wenige werden auch diesen Sommer erneut in den Süden jetten, fasst Hans Hirschi, Rektor der Kanti Alpenquai zusammen. Und fast bei allen sind die günstigen Flugtickets einer der Hauptgründe für die Wahl dieses Verkehrsmittels. Vom Alpenquai waren einige Schüler an den Streiks dabei. Wie viele es sind, kann Hirschi jedoch nicht sagen.

«Falls die Diskussion über die Destination jetzt stattfinden würde, hätten wir wohl Reiseziele in der Nähe in Betracht gezogen.»

Eine Klasse der Kanti Musegg

Seine Erkenntnis hat Hirschi aus einem Gespräch mit einer Maturandin, die stellvertretend für ihre Altersgenossen am Alpenquai spricht. Denn von sämtlichen zwölf Maturaklassen eine Stellunnahme einzuholen, war für Hirschi innert nützlicher Frist nicht möglich. «Die Maturandin rechnet nicht damit, dass sich das so schnell ändern wird, da die beliebtesten Destinationen mit dem Zug schwer erreichbar sind und die Flüge billiger sind als eine Zugreise», so Hirschi.

Ganz wirkungslos scheint die Klimadebatte am Alpenquai dennoch nicht zu sein. So gebe es in einzelnen Klassen Schüler, die individuell mit Zug oder Bus unterwegs seien, während die Kolleginnen mit dem Flugzeug reisten. «Ob sich doch eine Verhaltensänderung abzeichnet, wird man im nächsten Herbst sehen», vermutet Hirschi.

«Das Thema war noch nicht aktuell»

Ähnliches kann auch Franziska Schärer, Rektorin der Kanti Musegg, berichten. Auch hier waren einige an den Klimademos. Etwa 10 Prozent der Schülerinnen hätten daran teilgenommen, schätzt Schärer. Ganze Klassen liessen den Unterricht aber nicht sausen.

Schärers Umfrage bei den vier Maturaklassen fördert dennoch Spannendes zu Tage: «Falls die Diskussion über die Destination jetzt stattfinden würde, hätten wir wohl Reiseziele in der Nähe wie Italien oder Kroatien in Betracht gezogen, weil man auch mit dem Zug oder dem Bus dort hinfahren kann», äussert sich eine Klasse.

«Wir sahen uns bereits mit genug anderen Herausforderungen und Problemen konfrontiert.»

Eine Klasse der Kanti Musegg

Der Entscheid sei jedoch bereits vor mehreren Monaten gefällt worden, weshalb man sich an Vorgängerklassen orientiert habe. Die Klasse fliegt jetzt 1'600 Kilometer nach Málaga. Trotzdem ist die Mehrheit der Klasse der Ansicht, dass die Preise für das Fliegen erhöht werden sollten. «Es ist nicht attraktiv, mit dem Zug zu fahren, wenn der Flug an die gleiche Destination viel billiger und erst noch schneller ist. Es bestehen völlig falsche Anreize», so ihre Analyse. 

Die Frage lautet nicht wie, sondern wohin

Auch ein Blick in eine andere Klasse zeigt das gleiche Bild. «Der definitive Entscheid und die Buchung für die Maturareise erfolgten bereits im Herbst. Damals war die Wahl des Transportmittels zwar ein Thema, aber das Wohin obsiegte über das Wie», schreiben die Maturanden. Sie legen nun die 2'000 Kilometer nach Kreta zurück. Letztlich habe der Klimagedanke das Thema nicht dominiert, schliesslich freue man sich seit vier Jahren auf die Reise.

Und eine weitere Klasse gibt zu Protokoll: «Grundsätzlich ist dies ein sehr komplexes Thema, weshalb jede Person in der Klasse eine individuelle Meinung dazu hat. Es ist momentan sehr aktuell, aber zu dem Zeitpunkt, als wir unsere Maturareise geplant haben, weniger präsent.» 

Und weiter: «Wir sahen uns bereits mit anderen Herausforderungen und Problemen konfrontiert. Zum Beispiel, wohin die Reise gehen sollte oder welche Unterkunft geeignet ist.» Es sei daher nicht zu einer Diskussion über den Umweltschutz gekommen. Zudem sei das Problem bei der Maturareise, dass sie nur wenige Tage dauert und man mit dem Zug fast zwei Tage für die Reise nach Barcelona verlieren würde. 

«Wir sind Realisten, keine Grünen.»

Eine Klasse an der Kanti Musegg

Trotzdem möchte die Klasse etwas klarstellen: «Man kann das Flugverhalten nicht aufgrund einer einzelnen Reise generalisieren. Schliesslich gab es auch Personen in der Klasse, die fast nie fliegen und für die Maturareise eine Ausnahme machen.»

«Umweltschutz war nie ein Thema»

Ganz anders tönt es bei der vierten und letzten Maturaklasse am Musegg: «Wir sind eh keine ‹Klimaklasse›. Keiner von uns ging demonstrieren, aber nicht, weil es verboten war», lässt sie verlauten. «Wir sind Realisten, keine Grünen.»

Deshalb habe sich auch niemand in der Klasse je für eine «umweltverträgliche Destination», wie zum Beispiel das Tessin, starkgemacht. Und auch bei dieser Klasse spielte der Faktor Zeit eine gewichtige Rolle beim Entscheid. «Wir haben nur fünf Tage Zeit und möchten nicht zwei Tage mit der Reise nach Split (Kroatien) verbringen», schreiben sie. Ausserdem seien Zug und Flixbus viel teurer. «Wir können uns das nicht leisten», so das Fazit. Das Flugzeug kostet pro Person lediglich 30 Franken.

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