Ein ehemaliger Junkie erzählte in Zug von seiner Abhängigkeit – und dem Weg zurück in einen normalen Alltag. (Symbolbild: Emanuel Ammon/AURA)
Gesellschaft

Ein ehemaliger Junkie erzählte in Zug von seiner Abhängigkeit – und dem Weg zurück in einen normalen Alltag. (Symbolbild: Emanuel Ammon/AURA)

«Gott hat mir geholfen, clean zu werden»

10min Lesezeit

Menschen mit besonderen Biografien stellen sich als «lebendige Bücher» zur Verfügung, die zum Gespräch ausgeliehen werden können: Das ist die Idee hinter «Living Library». In der Zuger Kantonsbibliothek gaben am Samstag unter anderem ein Flüchtling und ein Ex-Junkie Einblick in ihren Alltag.

Laura Livers

«Jeder Flüchtling braucht als Erstes einen Deutschkurs!» Diese Aussage stammt von Esmat, der vor drei Jahren aus Afghanistan in die Schweiz kam. Aufenthaltsstatus: Flüchtling. Er selber bezeichnet sich als Migrant. «Das Wort Flüchtling nervt mich. Ich muss dabei immer an Krieg denken», begründet er. «Wie in einem Film, wo plötzlich Zombies auftauchen und du sofort losrennen musst.»

Esmat ist einer der Teilnehmer von «Living Library», einer Veranstaltung, die am Samstag anlässlich der internationalen Aktionswoche gegen Rassismus in der Kantonsbibliothek Zug stattfand. Die Idee: Spannende Menschen erzählen hautnah aus ihrem Leben (siehe Box). 

Träume von der Zukunft

Unser Gespräch mit Esmat führen wir auf Hochdeutsch. Auf Schweizerdeutsch versteht er noch nicht alles, dafür komme er zu wenig in Kontakt mit der Sprache. Dafür klappt's mit dem Hochdeutschen umso besser.

«Du hast nichts zu tun und wartest den ganzen Tag, dass endlich der Bescheid kommt.»

Esmat, Flüchtling

Esmat besitzt mittlerweile den F-Ausweis, der sein Leben um einiges vereinfacht habe. «Mit dem F darfst du eine Ausbildung machen, bekommst Deutschunterricht. Das ist wichtig.» Die Bedingungen für Migranten seien jedoch nicht überall gleich. Zu Beginn durfte er noch nicht in den Deutschkurs, sagt Esmat und schüttelt den Kopf. «Das war eine schwierige Zeit. Du hast nichts zu tun und wartest den ganzen Tag, dass endlich der Bescheid kommt.» In seiner Anfangszeit in der Schweiz übte er mit einer Gratis-App und Youtube, mittlerweile hat er die B2-Prüfung absolviert.

Und wenn er in die Zukunft blickt? «Erst meine Lehre als Elektroinstallateur machen, und dann vielleicht eine Weiterbildung», sagt er. «Oder einfach arbeiten, Geld verdienen, richtig leben.» Insgeheim hofft Esmat, irgendwann den B-Ausweis zu bekommen. Mit dem dürfte er reisen. Wohin er gehen würde, weiss er noch nicht, einzig: nicht nach Afghanistan. «Manchmal höre ich, dass die afghanische Regierung den anderen Ländern sagt, sie sollen afghanische Migranten zurückschicken. Das macht mir ein bisschen Angst.»

Der Mensch und die Migration

Ganz unbegründet ist diese Angst nicht. 2018 lag die Schutzquote laut dem Staatssekretariat für Migration bei 60,8 Prozent. Drei von fünf Asylsuchenden durften bleiben, zumindest vorläufig.

Jene, die einen negativen Asylbescheid erhalten, aber aus verschiedenen Gründen noch nicht aus der Schweiz ausgereist sind, werden einer sogenannten Notunterkunft zugewiesen. In einer solchen arbeitet Tobias, der sich in Zug ebenfalls als «lebendiges Buch» für Gespräche zur Verfügung stellte. Seit 17 Jahren ist er im Asylwesen tätig, davon die letzten zehn Jahre in leitender Funktion in Durchgangszentren. Er hat viele Schicksale von Menschen erlebt, die vor einer ungewissen Zukunft stehen.

«Je besser es der Gesellschaft geht, desto besser werden Asylsuchende behandelt.»

Tobias, Angestellter im Asylwesen

Aber auch die Haltung von Politik und Gesellschaft zum Thema Asylwesen habe sich verändert. Auf die Frage, was denn das Wichtigste sei, was ein Aussenstehender dazu wissen sollte, antwortete er bestimmt: «Es gibt keine universelle Lösung!» Er lacht, als ob er es nicht glauben kann, so einen Satz laut aussprechen zu müssen. «Migration fing bei Adam und Eva an, und wird auch immer weiter da sein.»

Grundsätzlich sei das Asylwesen nicht auf dem Holzweg, aber es sei auch nicht alles gut. «Weniger Utopie und mehr Vernunft wäre manchmal schön», sagt er und führt gleich aus, was er damit meint. «Man kann nicht allen helfen, aber man darf auch nicht niemandem helfen. Humanität und Fairness – das ist wichtig.» Mit dem beschleunigten Asylverfahren sei zumindest ein Quäntchen davon im Schweizer Asylsystem verankert worden.

Balance von Nähe und Distanz

Human und fair – wie geht das in einem Zentrum voller Menschen, die das Land verlassen müssen? «Zum einen müssen wir, das Betreuungspersonal, absolut neutral bleiben», sagt Tobias. Denn man habe keinen Einfluss auf das Asylverfahren. «Somit trifft uns auch keine Schuld bei einem negativen Entscheid. Das ist wichtig für den Kopf.» Andererseits nennt er Menschlichkeit als wichtigen Zug. Sei es, alle mit Handschlag zu begrüssen, die Namen zu kennen oder zu wissen, wer eine gute oder schlechte Nachricht bekommen hat. «Das zeugt von Respekt.»

Living Library

Die Idee von «Living Library» stammt aus Dänemark, wo entsprechende Veranstaltungen 2001 zum ersten Mal stattfanden. Seit 2003 wird das Konzept als Teil eines vom Europarat geförderten Jugendprogramms breit beworben und gefördert. Der Verein Living Library aus Zürich hat sich von diesem Konzept inspirieren lassen und führt seit 2011 in und um Zürich Veranstaltungen durch.

Einfach ist die Arbeit von Tobias nicht immer. Die Balance von Nähe und Distanz muss stimmen, da helfe die Erfahrung. Fehler oder Lücken im System mag er aber nicht benennen. Für ihn steht aber fest: «Eine Gesellschaft ohne Existenzangst hat kein Problem damit, ein wenig vom Kuchen abzugeben. Je besser es der Gesellschaft geht, desto besser werden Asylsuchende behandelt.» Es sind einfache Worte, die nachhallen.

Scheidung, Gras, Heroin

Doch auf uns wartet bereits der dritte Gesprächspartner, Matthy. «Das ist mein alter Gassenname. Eigentlich heisse ich Matthias, aber weil ich so viel Methadon genommen habe, nannten mich alle nur Matthy.» Er ist 46 Jahre alt und hat ein bewegte Geschichte, die er ungeschönt erzählt. «Mit 12 haben sich meine Eltern scheiden lassen und ich hab's nicht verkraftet. Dann hab ich angefangen zu saufen, dann zu kiffen, dann hab ich Folien geraucht und dann mir das Heroin direkt gespritzt.»

Drogen nimmt Matthy inzwischen keine mehr. Vor elf Jahren hörte er auf und nahm nur noch Methadon, vor sieben Jahren stieg er auf Morphin um, seit drei Jahren ist er komplett clean. Aber der Weg dahin war steinig. «Ich verbrachte etwa 20 Jahre meines Lebens damit, drauf zu sein; Platzspitz, Letten, das war meine Welt. Mein Kopf und mein Körper waren komplett zerstört und hätte ich es geschafft, mir den Goldenen Schuss zu setzen, hätte mich das damals nicht gestört.»

Am Samstag waren in der Kantonsbibliothek für einmal sprechende «Bücher» zu finden. Fotografieren lassen wollte sich aber niemand von ihnen. 
Am Samstag waren in der Kantonsbibliothek für einmal sprechende «Bücher» zu finden. Fotografieren lassen wollte sich aber niemand von ihnen.  (Bild: zvg)

Matthy spricht unverblümt über seine Gassenzeit, die Drogen, die Kriminalität, die ihn in den Knast brachte, die vier abgebrochenen Therapien. Er hat seine Geschichte schon oft erzählt, im Fernsehen, in Notschlafstellen, jedem, der sie hören will. Denn ihm ist es wichtig, dass über die Drogenabhängigkeit gesprochen wird. «Heute ist die Szene versteckter, es gibt die Fixerstübli, betreutes Wohnen, die offene Drogenszene ist eigentlich verschwunden. Aber die Leute müssen wissen, dass die Drogen und mit ihnen die Abhängigen, immer noch existieren.»

Der Wendepunkt

Informationen aus erster Hand wollen auch eine Frau um die fünfzig und ihre knapp achtzehnjährige Tochter. «Ich habe eine Freundin, der es nicht gut geht», erzählt die Tochter. «Sie kifft, kokst, nimmt Anti-Depressiva, sie ist eigentlich immer drauf. Und egal wie oft ich ihr sage, dass das nicht gut ist, sie macht weiter. Was tue ich jetzt?»

Matthy überlegt kurz. «Du musst akzeptieren, dass du selbst hilflos bist. Der Spruch ‹Hör doch eifach uuf Droge neh!› hat noch nie funktioniert. Mach ihr klar, dass du für sie da bist, wenn sie Probleme hat, rede ihr gut zu.» Er rät der jungen Frau aber auch, sich zum Selbstschutz abzugrenzen. «Die Entscheidung aufzuhören kann nur von ihr kommen, das darfst du nie vergessen.»

«Jeder muss selbst den Willen finden, etwas zu ändern.»

Matthy, Ex-Junkie

Bei Matthy musste er auch zur Einsicht gelangen. «Ich lag damals im Triemli im Sterben. Meine Mutter, die nach der Scheidung einer Freikirche beitrat, kam mit einer Pastorin vorbei, um für mich zu beten. Da hat etwas angefangen, da hab ich gemerkt, so geht's nicht weiter», erinnert er sich. Er konnte das Spital verlassen, konsumierte aber rasch wieder Drogen. Richtig Klick machte es erst später.

«Ich habe wieder Drogen gekauft. Aber diesmal habe ich sie nicht genommen. Ich wusste einfach, dass ich sie nicht nehmen muss.» Er spülte sie ins Klo runter. Und fand einen neuen Halt: Gott. Wenn das Drängen wieder kam, habe er die Bibel aufgeschlagen und gespürt, dass Gott ihm nahe sei. «Jesus hat mir geholfen, clean zu werden», sagt Matthy, der mittlerweile ein Theologiestudium in Deutschland angefangen hat. «Aber ich weiss auch, dass ich keine Marionette bin. Gott ist kein Wunschautomat – jeder muss selbst den Willen finden, etwas zu ändern.»

Ändern möchte Matthy noch einiges in seinem Leben. Richtige Arbeit haben, um von der Invalidenversicherung wegzukommen und seine Schulden abzubezahlen. Ein gutes Leben führen, vielleicht sogar einmal eine Familie haben. «So Gott will geht es auch weiterhin aufwärts mit mir.»

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