Felizitas Ambauen berät Paare im Hinblick auf die Fasnacht. (Bild: jal)
Gesellschaft Fasnacht

Felizitas Ambauen berät Paare im Hinblick auf die Fasnacht. (Bild: jal)

Die spinnen, die Fasnächtler? Das sagt die Psychotherapeutin

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Fasnacht bedeutet Ausnahmezustand. Wieso stürzen sich jedes Jahr tausende Luzerner in die Massen? Und fühlen sich als Frosch oder Prinzessin wohler als in der eigenen Haut? zentralplus hat mit Psychotherapeutin Felizitas Ambauen über Verkleidungen, Seitensprünge und den Fasnachtsblues gesprochen.

Die Stadt stampft, bebt, lebt: Seit Donnerstag ist Luzern wieder im Ausnahmezustand. Die Fasnacht hat die Luzerner während sechs Tagen im Griff. Doch was passiert in dieser Zeit in den Köpfen hinter den Grenden?

zentralplus hat sich mit Psychotherapeutin Felizitas Ambauen über die Fasnacht unterhalten. Die 37-Jährige war als junge Erwachsene selber viel an der Fasnacht unterwegs. Heute beobachtet sie das fasnächtliche Treiben aus der Ferne. Sie führt im Kanton Nidwalden eine eigene Praxis für Psycho- und Paartherapie und lebt in der Stadt Luzern.

zentralplus: Frau Ambauen, am Donnerstag taumelten wieder tausende Menschen vom frühen Morgen an durch Luzern – dicht gedrängt, teilweise unter Betrunkenen, in manchen Jahren bei Regen und Kälte. Wieso tun die sich das an?

Felizitas Ambauen: Ja, es gibt auf den ersten Blick viele Abtörner (lacht). Doch offensichtlich ziehen die Fasnächtler eine Belohnung, einen Gewinn daraus.

zentralplus: Welchen?

Ambauen: Das ist sehr individuell und vielschichtig. Das kann zum Beispiel ganz banal sein: Es ist doch schön, Party zu machen, wenn sich die Bühne dafür bietet.

zentralplus: Anders gefragt: Was macht aus psychologischer Sicht den Reiz der Fasnacht aus?

Ambauen: Nehmen wir zum Beispiel die Kostüme. Wir fragen uns doch alle oft, was andere über uns denken. Wenn man verkleidet ist, werden die eigenen Handlungen viel weniger auf die eigene Person zurückgespiegelt. An der Fasnacht betrifft das Urteil in erster Linie das Kostüm. Man ist in dem Moment mehr ein Objekt als ein Subjekt, also etwa eine Prinzessin oder ein Frosch. Das kann helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken und soziale Ängste abzubauen.

«Die Verkleidung funktioniert wie eine Schutzschicht.»

zentralplus: Froschsein kann helfen: Das klingt, als wäre die Fasnacht eine Bühne für Schüchterne?

Ambauen: Ja, die Verkleidung funktioniert wie eine Schutzschicht. Auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht oder Gruppe fällt weg: Ob jemand im echten Leben Ärztin ist oder LKW-Fahrer, ist nicht mehr so schnell ersichtlich. Aber das ist nur ein Aspekt der Fasnacht. Gerade in einer Gesellschaft, in der die Anonymität immer grösser wird, schafft die Fasnacht ein Zusammengehörigkeitsgefühl: Es ist wie eine grosse Familie, man fühlt sich dazugehörig, tanzt mit allen, kommt auch mit Fremden schnell ins Gespräch. Dieses Wir-Gefühl ist etwas sehr Menschliches, egal ob man das in der Fasnacht, in einem Verein oder in der Kirche findet. Und gerade bei Jungen ist das noch zentraler.

zentralplus: Inwiefern?

Ambauen: Zu Gruppen dazuzugehören, ist Teil der Entwicklung hin zu einer eigenen Identität. Ob man Punk ist oder Fussballerin, ob Hip-Hopper oder eben Teil einer Guggenmusik: Das hilft, um zu sich selber zu finden.

zentralplus: Sich verkleiden bedeutet, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Ist das die Gelegenheit, um versteckte Seiten der Persönlichkeit auszuleben?

Ambauen: Der Mensch will in der Regel gefallen und passt sich oft an, obwohl das vielleicht nicht dem eigenen Selbst entspricht. Dank den Verkleidungen werden viele Leute – so paradox das klingt – echter. Und zwar im Sinne von enthemmter: Man muss sich weniger an Normen und vorgegebene Raster halten, weniger an die Regeln, die man sich selber auferlegt. Man kann es auch umgekehrt sagen: In der Gesellschaft haben wir so viele Regeln und Erwartungen, dass wir quasi ständig verkleidet sind – Männer kostümieren sich mit dem Anzug, Frauen ziehen sich chic an und lassen die zerschlissenen Turnschuhe fürs Bewerbungsgespräch zu Hause. Die Fasnacht macht es einem in der Hinsicht einfacher, sein wahres Ich zu zeigen.

Vorboten von Ostern? Hasen an der Luzerner Fasnacht.
Hase und Hase gesellt sich gern: Die Fasnacht schafft ein Zugehörigkeitsgefühl, sagt die Psychologin. (Bild: jal)

zentralplus: Ist das gesund?

Ambauen: Ich glaube schon, dass jeder Mensch ein solches Ventil braucht. Das muss nicht bei allen die Fasnacht sein, sondern ist auch in Form einer Reise in eine Stadt möglich, in der man niemanden kennt. Die Ventilfunktion kann man auch als kulturübergreifendes Phänomen verstehen: Es gibt in jeder Kultur solche Räume, in denen die gesellschaftliche Zensur wegfällt und Grenzen ausgelotet werden. Obwohl es natürlich auch an der Fasnacht immer noch Regeln gibt. Problematisch wird es dann, wenn man andere durch das eigene Handeln einschränkt oder etwas tut, was man eigentlich selber nicht will. Das ist halt das Risiko, das in einem Rahmen wie der Fasnacht steigt, weil die sozialen Schranken tiefer sind.

zentralplus: Dazu dürfte auch Kafi Schnaps beitragen.

Ambauen: Genau, das ist die Kehrseite. Hemmungen haben den sozialen Vorteil, dass wir einander nicht die Köpfe einschlagen, auch wenn wir wütend sind. Wenn dank dem Alkohol die Hemmungen irgendwann ganz wegfallen, wird es heikel. Ebenso, wenn es um sexuelle Übergriffe geht, wo der Alkohol ebenfalls zu einem Kontrollverlust beitragen kann. Manche Männer denken offensichtlich, dass die verwischten Grenzen an der Fasnacht auch diesen Bereich betreffen. Und handkehrum gibt es Frauen, die sich gerade an der Fasnacht nicht zu wehren wagen. Das ist ein grosses Problem. Auch im Narrenkäfig gelten Regeln.

«Das Archaische ruft tief im Innern etwas wach.»

zentralplus: Der Zürcher Psychologieprofessor Martin Sieber hat ein Buch über die Fasnacht geschrieben. Seiner Meinung nach versetzt nur schon die Musik die Fasnächtler in eine Trance. Ist das plausibel – oder mehr Schönreden einer von Alkohol geprägten Tradition?

Ambauen: Dieses Archaische, das Kreative, das Beben an der Fasnacht, das ruft bei vielen ganz tief im Innern etwas wach – und ähnelt anderen kulturellen Bräuchen weltweit. Trance mag in vielen Ohren nach etwas Esoterischem klingen. Aber diese transzendentalen Erlebnisse, wenn man sich als Teil von etwas Grösserem wahrnimmt, fühlen sich einfach gut an. Und sie lassen sich halt besser induzieren mit Substanzen, das muss nicht nur Alkohol sein.

zentralplus: Wann wird das zum Problem?

Ambauen: Problematisch wird es dann, wenn man – psychologisch gesagt – überkompensiert. Wenn ein etablierter Anwalt an der Fasnacht mal loslassen kann, ist das gesund; nicht aber, wenn er sich total danebenbenimmt. Das ist, wie wenn man jemandem auf Diät eine Sachertorte vor die Nase stellt. Wer im Alltag sehr restriktiv ist, greift zu, wenn er die Möglichkeit hat. Wer hingegen im Alltag in einer psychologisch guten Balance lebt, läuft weniger Gefahr für solche Überkompensationen.

zentralplus: Unter dem Strich ist es demnach gesünder, sich regelmässig gehen zu lassen statt an der Fasnacht abzustürzen?

Ambauen: Ja. Massvoll masslos zu sein, könnte der Leitsatz lauten.

«Es ist wie eine grosse Familie»: Felizitas Ambauen über das Wir-Gefühl an der Fasnacht.
«Es ist wie eine grosse Familie»: Felizitas Ambauen über das Wir-Gefühl an der Fasnacht. (Bild: jal)

zentralplus: Weniger Regeln bedeutet oft auch, dass es mehr Flirts und Seitensprünge gibt. Sie sind auch in der Paartherapie tätig. Ist das ab und zu ein Thema?

Ambauen: Ja, ich berate vor jeder Fasnacht Paare. Denn diese Zeit kann für eine Beziehung bedrohlich sein, insbesondere wenn einer von beiden grundsätzliche Verlustängste hat. Das ist aber auch ein Stück weit menschlich – bedingungsloses Vertrauen ist nicht die Norm.

zentralplus: Was raten Sie Betroffenen?

Ambauen: Das ist ganz individuell. Wir vereinbaren meistens Regeln, auf die sich beide einigen können. Zum Beispiel, dass sie keinen Schnaps, sondern nur Bier trinken. Oder dass er für einige Tage ins Ausland reist, während sie an die Fasnacht feiern geht. Oder dass man konsequent mit niemandem Telefonnummern austauscht. Es gibt schon Spielraum, um zu verhindern, dass man Dinge tut, die man im Nachhinein bereut. Der beste Rat ist sowieso, darüber zu reden: Oft kann ein Gespräch vieles klären, das Paaren zuvor gar nicht bewusst war.

zentralplus: Manche Luzerner haben am Aschermittwoch einen richtigen Fasnachtsblues. Wie ist das psychologisch zu erklären?

Ambauen: Zum einen ist das wohl biochemisch bedingt. In der Fasnacht werden so viele Glückshormone ausgeschüttet, dass man am Ende in ein Loch fällt und regelrecht auf Entzug kommt – ähnlich wie beim Verliebtsein, wenn die Droge Lieblingsmensch plötzlich weg ist. Zum anderen ist es aber auch viel banaler: Man hat tagelang kaum geschlafen und ist erschöpft. Und wenn es eine richtig gute Fasnacht war, ist klar, dass man mehr davon möchte: Genau das erklärt vermutlich auch, wieso viele sich bereits am Aschermittwoch auf die nächste Fasnacht freuen.

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