Wann ist eine Flucht eine Flucht? SBB und eine betroffene Zugpassagierin sind sich uneins (Symbolbild: Adobe Stock/Jan Tepass).
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Wann ist eine Flucht eine Flucht? SBB und eine betroffene Zugpassagierin sind sich uneins (Symbolbild: Adobe Stock/Jan Tepass).

Ohne Billett durch den Zug gelaufen – für SBB «versuchte Flucht»

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Eine Lehrerin läuft mit ihrer Schülerin von einem Zugwaggon in den nächsten. Weil die 19-Jährige kein Billett hat, wird sie gebüsst. Obendrauf erhält sie eine Busse wegen «versuchter Flucht». Die Klassenlehrerin verdächtigt die SBB nun, aufgrund der dunklen Hautfarbe ihrer Schülerin härter vorzugehen.

Versuchte Flucht – ohne vor jemandem zu fliehen? Eine 34-jährige Lehrerin steigt mit ihrer Schülerin Aiyana* in Dagmersellen in den Zug, um zurück nach Luzern zu fahren. Gemeinsam besuchten sie den Praktikumsbetrieb der 19-Jährigen, um einen Lehrvertrag zu unterschreiben. Sie laufen also durch den 1.-Klass-Waggon, am Zugpersonal und der Transportpolizei vorbei, um sich in ein freies Abteil im ersten 2.-Klass-Waggon zu setzen.

Die Lehrerin geht davon aus, dass ihre Schülerin nach wie vor ihr Monatsabo hat. Auf ihre Frage hin erzählt Aiyana, dass sie keines mehr habe und in der Hektik vergessen habe, ein Billett zu lösen. «Das kann ja mal passieren. Dann musst du das sagen und zahlen», habe die Lehrerin zu ihr gesagt, wie sie den Vorfall gegenüber zentralplus schildert. Schliesslich setzen sie sich in ein freies Viererabteil, wo sie kurz darauf vom Zugpersonal kontrolliert werden.

Aiyana wird gebeten, ihren Fahrausweis zu zeigen. In gebrochenem Deutsch versucht sie zu erklären, dass sie keinen habe. Doch ihr wird nicht nur eine Busse in Höhe von 100 Franken fürs Schwarzfahren aufgebrummt – 100 Franken gibt’s obendrauf, wegen «versuchter Flucht». Das erfährt die dunkelhäutige Frau jedoch erst, nachdem sie das Formular bereits unterschrieben hat und sich die Lehrerin nach der Höhe der Busse erkundigte, wie die Lehrerin erzählt.

«In normalen Tempo – nicht geflohen»

«Die Kontrolleurin sagte, wir seien vor ihr geflohen», sagt die Lehrerin gegenüber zentralplus. «Ich habe mich klar gewehrt, weil das nicht den Tatsachen entspricht.» Die Transportpolizei sei dazugekommen, als sie sich gegen die «Flucht-Busse» gewehrt habe. Die Lehrerin schildert, dass sie in einem normalen Tempo vom 1.-Klass- zum 2.-Klass-Waggon gegangen seien und gar das Zugpersonal und die Transportpolizei gegrüsst hätten.

Für eine Flucht hätte man sie aufhalten oder ihnen zurufen müssen, so die Worte der Lehrerin. «Das ist nicht geschehen und war auch nicht nötig. Ich versuchte mehrmals zu sagen: Würden wir denn hier in diesem Abteil sitzen, wenn wir hätten flüchten wollen?»

«Würden wir denn hier in diesem Abteil sitzen, wenn wir hätten flüchten wollen?»

Die Lehrerin

Die Kontrolleurin habe dies anders gesehen. Sie seien geflohen, weil sie sich nicht an den erstbesten Platz im 2.-Klass-Waggon gesetzt hätten. «Gegen die Busse wegen Schwarzfahren haben wir uns nie gewehrt», sagt die Lehrerin von Aiyana. «Dass man uns dann aber so negativ gegenübertrat und uns ohne jegliche Grundlage noch ein Missbrauch, beziehungsweise eine Flucht angedichtet wurde, kann ich jedoch nicht hinnehmen.» Also legt die 34-Jährige telefonisch und schriftlich Rekurs ein. Doch die SBB sei stur geblieben.

SBB erzählt die Geschichte anders

Ganz anders schildert die SBB den Vorfall. Das Ereignis sei durch das Personal detailliert dokumentiert worden, sagt Mediensprecher Christian Ginsig. In den Protokollen stehe, dass die 19-jährige Aiyana auf der Plattform einstieg, wo sich auch das Kontrollpersonal befand.

Aiyana habe sich «mit ihrer Kollegin» – das Personal ging folglich davon aus, dass es sich um zwei Kolleginnen handelt und nicht um eine Lehrerin, die mit ihrer Schülerin unterwegs ist – über drei Wagen entfernt, obwohl genügend leere Abteile mit Sitzplätzen vorhanden gewesen wären. «Da die Kundinnen bemerkten, dass ihnen das Personal der Fahrausweiskontrolle in Begleitung der SBB-Transportpolizei folgte, stoppten die Kundinnen nach einem Zuruf», so Ginsig.

«Grundsätzlich wird der Rapport des Kontrollpersonals nicht in Frage gestellt.»

Christian Ginsig, Mediensprecher SBB

Aiyana habe zuerst erzählt, dass sie ein Abo besässe. Dies habe das Personal widerlegen können. Daraufhin habe Aiyana dem Personal ein Billett zeigen wollen, was sie nach ihren Angaben am Morgen gelöst habe. Das Billett habe sie nicht gefunden.

Lehrerin fordert unabhängige Ombudsstelle

Die Lehrerin wiederum beharrt auf ihrer Version: Sie seien weder gerufen, noch verfolgt oder im Waggon gestoppt worden. Die SBB wiederum stützt sich auf die Aussagen des Personals: «Grundsätzlich wird der Rapport des Kontrollpersonals nicht in Frage gestellt, aber natürlich sachlich überprüft», so Christian Ginsig. So würde die SBB Rückmeldungen von Passagieren nachgehen, welche das Verhalten der SBB-Mitarbeiter bemängeln.

Wie kann es denn sein, dass zwei komplett verschiedene Geschichten existieren? «Die menschliche Wahrnehmung kann insbesondere in Stresssituationen unterschiedlich sein», relativiert Christian Ginsig. Für die Lehrerin von Aiyana hingegen ist klar: «Eine unabhängige Ombudsstelle ist dringend notwendig, um solche Fälle prüfen zu können.»

War die Hautfarbe Grund für die Flucht-Busse?

Die Lehrerin hegt den Verdacht, dass ihre Schülerin aufgrund ihrer Hautfarbe härter bestraft wurde. Es steht jedoch Aussage gegen Aussage. Wie häufig ein Fall von Racial Profiling vorliegt, kann nur schwer bewiesen werden. So lassen sich auch keine konkreten Zahlen nennen: «Da das Problem an sich negiert wird, liegen keine verlässlichen Untersuchungen vor, welche klar aufzeigen, wie verbreitet Racial Profiling tatsächlich ist», sagt Beat Gerber, Mediensprecher von Amnesty International.

«Das Problem des Racial Profiling an sich wird negiert.»

Beat Gerber, Mediensprecher Amnesty International

Ein Fall von Diskriminierung liegt grundsätzlich dann vor, wenn ein Mensch aufgrund seines Aussehens oder aufgrund seiner ethnischen, religiösen «Andersartigkeit» anders behandelt wird – obwohl das Verhalten keinen Anlass dazu gibt.

SBB: «Alle gleich behandeln»

Die SBB ihrerseits betont, dass alle Kundenbegleiter darauf geschult seien, alle Passagiere gleich zu behandeln. «Die SBB duldet keine Schlechterstellung einzelner Reisenden aufgrund ihrer Rasse, Ethnie, Religion und dergleichen», so die Worte von SBB-Mediensprecher Christian Ginsig.

In einem früheren Bericht hiess es, dass Kontrolleure während ihrer Ausbildung nicht auf das Thema Racial Profiling sensibilisiert werden (zentralplus berichtete). Wie Ginsig nun sagt, würden die Kundenbegleiter der SBB während einer achtmonatigen Zweitausbildung auch zum Thema «Interkulturelle Kompetenz» geschult. «Das Verstehen der kulturellen Unterschiede, die respektvolle Begegnung sowie die Gleichbehandlung aller Reisenden» stehe dabei im Fokus. 

Racial Profiling nach Terroranschlägen zugenommen

Für die Lehrerin von Aiyana ist das zu wenig. Das Ereignis hat Spuren hinterlassen, den vorgeworfenen Missbrauch kann sie nicht nachvollziehen: «Es war für mich extrem erschreckend, wie wenig man uns überhaupt zugehört hat. Die SBB müsste dem Problem Racial Profiling viel mehr Rechnung tragen.»

Beat Gerber von Amnesty International sagt, dass es sehr empfehlenswert sei, wenn Zugpersonal und Bahnpolizei auf das Thema sensibilisiert und geschult werden. Die Menschenrechtsorganisation erhalte immer mehr Nachrichten, dass jemand aufgrund seiner Hautfarbe oder seiner ethnischen Herkunft ungerecht behandelt worden sei. «Gerade in Europa hat das Phänomen seit 9/11 und den Terroranschlägen in Madrid 2003 und London 2005 zugenommen», so Gerber.

* Die Namen wurden geändert oder anonymisiert.

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