«Irgendwann ergriff mich die Sucht»: In neun Jahren war David Merino nur drei Tage rauchfrei. (Bild: ida)
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«Irgendwann ergriff mich die Sucht»: In neun Jahren war David Merino nur drei Tage rauchfrei. (Bild: ida)

«Mit meiner Raucherlunge könnte man Strassen teeren»

6min Lesezeit

«Plötzlich wurde es Alltag»: Ein langjähriger Kettenraucher erzählt von seinem Laster und vielen erfolglosen Versuchen, damit aufzuhören. Denn eigentlich wollte er gar nie richtig mit dem Rauchen beginnen. Teil I unserer Serie, wie David Merino vom Laster wegkommen will.

«Ich bin nun 23 Jahre alt und mir bleibt bereits beim Treppensteigen die Puste weg», erzählt David Merino. «Nur schon ein einziges Stockwerk nimmt mich gleich. Wenn ich einen Termin bei einem Kunden habe, der keinen Lift hat, muss ich immer zuerst warten und tief durchatmen, bevor ich an der Tür klingle», so der Kundenberater einer grossen Versicherung.

Er lacht, schüttelt dann jedoch seinen Kopf: «Keine Ausdauer – und das mit 23 Jahren. Das ist schon bitter», so Merino. Seit neun Jahren raucht Merino nun schon. Jeden Tag ein bis eineinhalb Packungen, «im Ausgang auch mal zwei, wenn es blöd kommt.»

Vor den Eltern verheimlicht

Merino raucht ein, zwei Zigaretten kurz nach dem Aufstehen. Bei der Arbeit muss er im Stundentakt die Parkuhr umstellen gehen. Den Weg zum Auto hin und zurück kombiniert Merino jeweils mit einer Zigarettenpause. Für eine einzige braucht er längst nicht mehr fünf Minuten. «In der Zeit, in der jemand eine Zigarette raucht, rauche ich zwei», so Merino. Es komme ihm nicht einmal schnell vor. Denn Merino könnte eine Kippe nach der anderen anzünden.

An seine erste Zigarette kann sich der 23-Jährige noch gut erinnern. Er sei neugierig gewesen. Er und seine Kumpels hätten bei den Zigarettenpacks der Eltern jeweils eine Zigarette geklaut. Die aus der hinteren Reihe, weil sie es ja dann vielleicht nicht merken. Anfänglich empfand er es als Ekel erregend und musste sich zum Rauchen zwingen, aber der damals 14-Jährige gewöhnte sich schnell an den Nikotinkick.

«Eigentlich wollte ich gar nie richtig mit dem Rauchen beginnen.»

David Merino

Vor seinen Eltern, die selbst jahrelang rauchten, verheimlichte er es lange Zeit. Als die Mutter realisierte, dass ihr Sohn rauchte, folgte das Donnerwetter. Doch genau darin lag der Reiz: «Zuerst spielte der Adrenalinkick eine Rolle», erzählt Merino,«den man beim heimlich Rauchen in der Schule oder hinter dem Rücken der Eltern bekam.»

Zahlreiche Versuche scheiterten …

«Eigentlich wollte ich gar nie richtig mit dem Rauchen beginnen», so David Merino. Er wird langsamer, während er nun spricht. Es fällt ihm zwar leicht, darüber zu sprechen – dennoch scheint es ihn zu treffen, sich bewusst zu werden, wie viel er nun raucht. Merino habe sich immer Packung für Packung gekauft. Eine Stange habe er sich nie geholt, weil er dachte, dass er irgendwann einmal mit dem Rauchen aufhören werde.

Doch dieser Gedanke wurde nie Wirklichkeit. «Plötzlich wurde das Rauchen Alltag. Und die Sucht ergriff mich.» Sogar als sich Merino die Nasenscheidewand richten lassen musste und einen dicken Verband hatte, schlich er sich aus dem Spital, um draussen eine Zigarette zu rauchen. Danach kam die Wende: Merino reichte es, er wollte mit dem Rauchen aufhören und wechselte auf eine E-Shisha. Nach drei Tagen habe es ihn jedoch dermassen verhustet, dass er wieder auf die Glimmstängel zurückgegriffen habe. Zu gross sei das Verlangen nach dem Nikotin gewesen.

«Die längste Zeit, in der ich in den letzten neun Jahren rauchfrei war, waren drei Tage.»

David Merino

Auch andere Versuche, wie das Absetzen durch Medikamente oder Nikotinkaugummis blieben ohne Erfolg. Merino wollte gar nicht mehr richtig mit dem Rauchen aufhören, doch seine Freundin übte Druck auf ihn aus. Es folgte eine Sitzung bei einem chinesischen Heiltherapeuten. Anfänglich noch optimistisch sah Merino keinen Sinn mehr in der Entwöhnung. Weshalb darauf verzichten, wenn es ihn so wütend macht? Nach acht Stunden griff er erneut zur gewohnten Nikotindosis.

Mehr als 60 Prozent wollen mit Rauchen aufhören

Gemäss dem Bundesamt für Statistik sind 31 Prozent aller Männer in der Schweiz über 15 Jahren Raucher. Bei den Frauen sind es mehr als 23 Prozent. Der grösste Anteil Raucher ist zwischen 25 und 34 Jahre alt. 60 Prozent aller Raucher in der Schweiz möchten mit dem Rauchen aufhören.

… ein neuer folgt per Hypnose

«Die längste Zeit, in der ich in den letzten neun Jahren rauchfrei war, waren drei Tage», sagt Merino. «Das gibt einem schon zu denken.» Nun hat der 23-Jährige genug. Zu viel Zeit und zu viel Geld habe er in den letzten Jahren in sein Laster investiert. Merino setzte sich vertieft mit den Gründen auseinander, weshalb er eigentlich rauche. Und dass er – entgegen den üblichen Vorstellungen – durch das Rauchen einer Zigarette nicht gelassener werde, sondern viel mehr in Stress gerate.

Beispielsweise, weil er daran denken müsse, jeweils genügend Zigaretten bei sich zu haben. Oder weil er mit dem Gedanken spiele, was andere von ihm denken, weil er nach Rauch stinke. Er möchte besser Treppen steigen, eine bessere Ausdauer. Gesunder leben und bewusst auf die Zigaretten verzichten.

«Wenn ich morgen sterben würde und man bei mir eine Autopsie verordnen würde», so die Worte Merinos, «meine Lunge wäre pechschwarz. Mit dem Teil könnte man die Strassen teeren.» Doch alleine schaffe er es nicht, von den Zigaretten loszukommen. Deswegen hat sich Merino für eine Raucherentwöhnung bei einer Hypnotiseurin in Luzern angemeldet. Ob er daran glaubt? «Der Wille ist da», so Merino, «aber die Angst vor dem Scheitern ebenso.»

Ob David Merino sein Ziel erreicht? Lesen Sie in einem zweiten Beitrag, wie die Hypnosesitzung verläuft.

Eine Kippe in zwei Minuten: David Merino.
Eine Kippe in zwei Minuten: David Merino. (Bild: ida)

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