Erst ab 20 Uhr offen: die Notschlafstelle in Luzern. (Bild: wia)
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Erst ab 20 Uhr offen: die Notschlafstelle in Luzern. (Bild: wia)

Luzern will keine längeren Öffnungszeiten für «Gassechuchi» & Co.

4min Lesezeit

Braucht Luzern ein Rund-um-die-Uhr-Angebot für Menschen auf der Gasse wie Zürich oder Basel? Nein, meint der Stadtrat auf einen entsprechenden Vorstoss. Einzelne Lücken seien zumutbar, zudem verfolgt die Stadt eine andere Strategie.

Menschen auf der Gasse müssen in Luzern selten frieren oder hungern. Es gibt diverse Einrichtungen, wo Obdachlose etwas zu essen oder ein Bett für eine Nacht bekommen (siehe Box).

Und doch gibt es gewisse Randstunden – zwischen Schliessung des Tagesangebots und Öffnung der Notschlafstelle –, in denen eine Lücke besteht. Das veranlasste den grünen Grossstadtrat Marco Müller zu einem Postulat: Die Stadt soll ein Angebot mit Infrastruktur prüfen, das den Menschen auf der Gasse täglich zwischen 17 und 20 Uhr zur Verfügung steht (zentralplus berichtete).

Luzern steht gut da

Der Stadtrat lehnt das Postulat ab. Nicht aus mangelnder Barmherzigkeit, sondern weil es schon jetzt diverse Angebote gibt, die nach 17 Uhr geöffnet haben, wenn auch nicht jeden Tag: die Zwitscherbar, den Treffpunkt Stutzegg oder die Suppenstube des Klosters Wesemlin.

Diese Angebote gibt’s für Obdachlose

  • Gassechuchi (Verein kirchliche Gassenarbeit): täglich 9.30 bis 16.30 Uhr
  • Zwitscherbar (katholische und reformierte Kirche): 12 bis 18.30 Uhr (Mo bis Fr) und jeden 1. Sonntag im Monat
  • Treffpunkt Stutzegg: 15.30 bis 20 Uhr (Mi bis Sa)
  • Suppenstube (Kloster Wesemlin): September bis Juni um 18.30 (Di bis Sa)
  • Notschlafstelle (Verein Jobdach): täglich 20 bis 9 Uhr

Die bestehenden sozialen Institutionen würden gut zusammenarbeiten und ihre Angebote zeitlich aufeinander abstimmen. Seit diesem Jahr koordiniert eine kantonale Fachgruppe die Angebote. Und tatsächlich: Zwischen September und Juni ist nur gerade an gewissen Sonntagen nach 17 Uhr kein Angebot offen.

Damit steht Luzern verglichen mit anderen Städten gut da, meint der Stadtrat. Nur die wesentlich grösseren Städte Zürich und Basel unterhalten ein 24-Stunden-Angebot. «In Vergleichsstädten wie Winterthur gibt es eine Angebotslücke von zwei Stunden, bis die Notschlafstelle öffnet; in St. Gallen existiert kein Nachtangebot, das Tagesangebot schliesst um 19 Uhr», so der Stadtrat.

Die «Gassechuchi» in Luzern hat täglich geöffnet, aber nur bis 16.30 Uhr.
Die «Gassechuchi» in Luzern hat täglich geöffnet, aber nur bis 16.30 Uhr. (Bild: Google Maps)

Kosten verdoppeln

Einen Ausbau des bestehenden Angebots erachtet der Stadtrat deshalb als unverhältnismässig. Bei der «Gassechuchi», die täglich von 9.30 bis 16.30 Uhr geöffnet ist, würde eine Verlängerung der Öffnungszeiten um zwei Stunden die Kosten nahezu verdoppeln. Diesen Aufwand erachtet der Stadtrat als «unverhältnismässig hoch». Die Entwicklung der Besucherzahlen zeige keinen Bedarf, die Öffnungszeiten zu verlängern.

Ebenfalls geprüft hat die Stadt, die Notschlafstelle des Vereins Jobdach statt erst um 20 Uhr bereits um 17 Uhr zu öffnen. Auch dies würde 40 Prozent mehr kosten als heute. Gassechuchi und Notschlafstelle werden je zur Hälfte über einen Zweckverband von Kanton und Gemeinde getragen. Einen Ausbau müsste die Stadt Luzern alleine tragen, weil die beiden Institutionen beim Zweckverband keinen zusätzlichen Bedarf angemeldet haben.

Ziel: ein eigenes Zuhause

Längere Öffnungszeiten würden auch die betroffenen Quartiere stärker belasten. Heute seien die sozialen Institutionen «dank hoher Toleranz der Bevölkerung in den jeweiligen Quartieren akzeptiert», schreibt der Stadtrat. Die Quartierverträglichkeit soll weiterhin gewährleistet bleiben.

Dass bei der Notschlafstelle keine frühere Öffnung gewünscht wurde, erklärt sich die Stadt mit der grossen Solidarität unter Randständigen, die sich gegenseitig Unterschlupf gewähren. «Diese Solidarität ist erfreulich und funktioniert gerade in den Wintermonaten sehr gut», so der Stadtrat. Die Belegung der Notschlafstelle sei in den Wintermonaten sogar tiefer als in der wärmeren Jahreszeit.

Fazit: «Fachleute sind sich einig, dass es zumutbar ist, auch in Wintermonaten eine Angebotslücke von zwei bis drei Stunden zu haben», so der Stadtrat. Das könne den betroffenen Gassenpersonen einen Impuls geben, etwas an der persönlichen Wohnsituation zu verändern.

Wichtiger als längere Öffnungszeiten und neue Infrastrukturen sei ohnehin, die Wohnsituation von Suchtmittelabhängigen zu verbessern. Der Verein Jobdach arbeite derzeit ein neues Betreuungskonzept aus, um niederschwellige Wohnangebote als Alternative zur Notschlafstelle zu schaffen. «Ziel bei all diesen Angeboten ist es, ein eigenes Zuhause für Menschen ohne Obdach zu schaffen, damit diese nicht auf Öffnungszeiten von sozialen Institutionen angewiesen sind.»

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