Monika Betschart und Urs Richner auf der Terrasse der gemeinsamen Wohnung. (Bild: jav)
Gesellschaft

Monika Betschart und Urs Richner auf der Terrasse der gemeinsamen Wohnung. (Bild: jav)

Wie ein geistig behindertes Paar zusammenlebt

6min Lesezeit

Menschen mit einer geistigen Behinderung leben in der Schweiz oft in betreuten Wohnhäusern. Mit Urs Richner und Monika Betschart haben wir ein Luzerner Paar getroffen, das sich nach vielen Jahren mit einer gemeinsamen Wohnung mehr Selbstständigkeit wünschte. Auch wenn es anfangs Widerstand gegen ihre Pläne gab.

Urs Richner liegt auf dem neuen Sofa und erzählt von seinen wilden Zeiten früher, als er im Wohnheim über die Stränge schlug. Das Sofa, auf dem er es sich nun in seiner Wohnung bequem macht, hat er von seinem eigenen Geld gekauft.

Seine Beine sind nicht mehr überschlagen, seine Partnerin Monika Betschart hat ihn vor wenigen Minuten knapp, aber deutlich darauf hingewiesen. Sie sitzt hinter ihm auf dem Sessel, blickt ernst und beobachtet. Bis sie ihn plötzlich und aus dem Nichts heraus mit einem trockenen Spruch aus der Reserve holt und zum Lachen bringt.

Gefunkt hat es auf dem Schiff

Seit acht Jahren sind Richner und Betschart ein Paar. Seit fast vier Jahren wohnen sie zusammen. Beide arbeiten 90 Prozent und reisen gerne: Flussfahrt, Ausflüge mit Gössicar und auch mal eine Kreuzfahrt. Monika Betschart hat ein Faible für Lederjacken und die orientalische Kultur, Urs Richner steht auf «Alarm für Cobra 11», liebt seine drei Königspythons im wohnzimmereigenen Terrarium und er geht regelmässig jassen, um seinen Kopf zu trainieren.

Urs Richner ist 55 Jahre alt, Monika Betschart 48. Kennengelernt haben sie sich vor rund einem Jahrzehnt in einer Freizeitgruppe. Gefunkt hat es eine Weile später, auf dem Vierwaldstättersee, als er sich auf dem Schiff neben sie setzte.

«Wir wollen selbstständig sein.»
Monika Betschart

Ungewöhnlich an dem Paar ist: Beide haben bis vor vier Jahren in einer Institution für Menschen mit einer Behinderung gewohnt. Monika Betschart im Wohnhaus der Stiftung Brändi und Urs Richner auf einer begleiteten Wohngruppe der Stiftung Novizonte. Betschart ist seit Geburt auf Unterstützung angewiesen, Richner lebt seit einem Unfall mit einer kognitiven Beeinträchtigung.

Lieber nicht brav sein

Ein Bild, das – sorgsam eingerahmt – über dem neuen Sofa an der Wand hängt, zeigt eine Frau auf einer Bank, daneben einen Mann mit Blumen. Urs hat es gemalt. Und damals habe er die Frau auf der Bank «s Heidi» genannt. Heute sei die Frau Monika. Auch wenn er ihr selten Blumen nach Hause bringe. «Nur wenn sie brav ist», lacht er und kassiert einen scharfen Blick.

Wer gar nicht brav sein will, ist jedoch offensichtlich er selbst. Gerne erzählt er davon, wie er sich die Nächte um die Ohren schlug, statt – wie von der Wohnhausleitung gewünscht – schon um neun Uhr abends wieder im Zimmer zu sitzen. «Diese Bevormundung im Wohnhaus ist nichts für mich. Ich will meinen eigenen Weg gehen, selbst entscheiden, wann ich was tue», betont Richner. «Wir wollen selbstständig sein», ergänzt Betschart, während sie ein paar Gläser vom Wohnzimmertisch wegräumt.

Zweifel und Hürden

Zusammenziehen ist für viele Paare ein grosser Schritt. Denn nicht nur die kleinen Dinge wie die Einrichtung, die Ordnung oder der nicht heruntergeklappte WC-Deckel werden in einer gemeinsamen Wohnung schnell zum Streitpunkt. Auch die Verwandtschaft wird Thema.

Während Betscharts Pflegeeltern von Beginn an für mehr Selbstständigkeit plädiert hätten, sei seine Familie nicht begeistert gewesen vom Wunsch der beiden, zusammenzuziehen. Er habe ihnen am Ende ein Ultimatum gestellt, sagt er mit stolzem Unterton. Doch mittlerweile besucht das Paar Richners Brüder regelmässig oder diese kommen in der Wohnung an der Luzerner Langensandstrasse vorbei. Und die beiden zelebrieren das Gastgeber-Sein.

Wohnen mit Assistenz

Das Ziel der heutigen Arbeit im Behindertenbereich ist die grösstmögliche Teilnahme der Menschen an allen Facetten des Lebens, sie zu fördern und in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Selbstständiges Wohnen mit Unterstützung wird daher für weitgehend selbstständige Menschen mit Behinderung immer stärker gefördert. Dabei gibt es unterschiedlichste Angebote.

Wohnen mit Assistenz beinhaltet:

  • Die punktuelle Begleitung und Unterstützung bei Alltagsfragen
  • Eine Beratung – üblicherweise wöchentlich bis drei Stunden
  • Bei Bedarf werden Dienstleistungen wie Reinigung, Wäsche und Verpflegung organisiert.

Üben, üben und nochmals üben

Er übernehme im Alltag, im Haushalt etwas mehr Verantwortung, sagt Urs Richner lächelnd. Seine Partnerin, hinter ihm im Sessel, nickt. Es sei jedoch noch kein Meister vom Himmel gefallen. Und sowohl er als auch Monika hätten ihre Stärken und Schwächen.

Eine ihrer Schwächen sei der Umgang mit dem Geld, erklärt Betschart. Manchmal sei deshalb Ende des Monats nichts mehr da. Dann ziehe sie halt mal eine Büchse Ravioli aus dem Küchenschrank. Auch wenn sie in der Küche eigentlich gerne Neues ausprobiere.

Wichtig sei es, immer dranzubleiben, die alltäglichen Aufgaben zu üben und so aufzuteilen, dass es für beide stimme. Die Wäsche mache er meist, sagt Richner, und hinter ihm tönt es sogleich: «Du räumst die Wäsche ein. Waschen tut die Maschine.»

Unterstützung durch Beistand

Immer am Mittwochnachmittag bekommt das Paar Besuch. Dann sind Rahel und Dominic da, die gemeinsam mit ihnen die wichtigsten Aufgaben erledigen. Sie dabei unterstützen, Rechnungen zu bezahlen, einen offiziellen Brief zu beantworten, zu putzen oder den Berg Socken aufzuräumen, der sich seit Tagen hinter der Türe türmt. Manchmal kommen auch ihre Beistände vorbei, die beispielsweise für die Verwaltung des Geldes zuständig sind. Grössere Anschaffungen oder Ferien müssen mit ihnen abgesprochen werden.

Auf dem Balkon der gemeinsamen Wohnung hat Richner nun einen rutschfesten Boden verlegt. Zu oft ist er hier hingefallen. Und auch in der Werkstatt der Stiftung Brändi, wo beide arbeiten, sei er oft so schnell unterwegs, dass sie sich Sorgen machen müsse, betont seine Partnerin.

Urs Richner hingegen wirkt so, als könne ihn nichts beunruhigen. Immer hat er ein Sprichwort oder einen faulen Spruch auf den Lippen. «Es geht den Berg hoch, nicht runter», sagt er auch, als er vom doppelten Schädelbruch erzählt, der ihn 1970, als siebenjährigen Bub, in ein monatelanges Koma versetzte.

Beziehung geht sonst niemanden etwas an

Er sei ein geduldiger Mensch. Ausser, wenn es um Klatsch und Tratsch geht. Ein Grund auch, dass er sich nicht vorstellen kann, wieder im Wohnhaus zu leben. Im Haus sei sehr viel geredet worden – auch über ihre Beziehung. Und dabei über Dinge, die niemanden etwas angehen.

So wie es auch niemanden angehe, wenn sie beide einfach mal nichts tun wollen. Das sei oft am Sonntag der Fall. Gelegentlich gehen sie zwar gemeinsam zur Kirche. Am liebsten jedoch liegen sie einfach nur faul rum. Und hören Nena oder Bonnie Tyler, wenn Monika bestimmt.

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