Birnel: Der Birndicksaft wird auch «Arme-Leute-Zucker» genannt.
  (Bild: Flickr/Kathy Büscher)
Gesellschaft Essen und Trinken

Birnel: Der Birndicksaft wird auch «Arme-Leute-Zucker» genannt.   (Bild: Flickr/Kathy Büscher)

Birnel? «Wir wissen auch nicht, warum wir das verkaufen»

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Seit den 50er-Jahren verkaufen Zuger Gemeinden immer im Herbst eingedickten Birnensaft, sogenannten Birnel. Das Produkt, das zu Kriegszeiten wohl Sinn machte, findet jedoch kaum mehr Abnehmer. Weshalb sich die die Hälfte der Ämter dennoch im Verkauf von Brotaufstrich üben, weiss dort keiner der Befragten.

Elias Wyrsch

Die Zuger Gemeinden vertreiben traditionsgemäss Birnel von der Winterhilfe. Diese ist in den 30er-Jahren entstanden und verteilte zunächst Äpfel und Kartoffeln. 1952 kam Birnel hinzu: Der Birndicksaft aus Mostbirnen hatte vielfältige Verwendung, als Süssungsmittel oder Brotaufstrich zum Beispiel.

Die Aktion läuft im Kanton Zug noch bis Ende Oktober. Die Nachfrage schwindet jedoch seit langer Zeit, was dazu führt, dass im Kanton Zug schon nur noch die Hälfte aller Gemeinden überhaupt beim Projekt mitmacht.

Für die Hälfte aller Zuger Gemeinden ist Schluss

Unterägeri ist seit diesem Jahr nicht mehr dabei, in Walchwil war schon ein Jahr früher Schluss. Auch Baar macht es nicht mehr, und in Cham und Oberägeri ist es schon rund fünf Jahre her, seitdem das letzte Mal Birnel durch die Gemeinde vertrieben wurde. Dies zeigt eine Umfrage bei den Gemeinden.

Der Grund für den Ausstieg liegt mehrheitlich in der geringe Nachfrage in Kombination mit der Mindestbestellmenge von 80 Kilogramm, die von der Winterhilfe vorgegeben ist. In Neuheim wurde die Aktion stets von der Kirche geführt, welche dies auch heute noch macht.

Öffentliche Verwaltungen verticken Birndicksaft

Die Nachfrage sei aber nicht mehr allzu gross, erfährt zentralplus vom Pfarramt. Ohne den Weihnachtsmarkt würde man die Mindestbestellmenge kaum losbringen. Nun handelt es sich hierbei um die Kirche, welche viele gemeinnützige Projekte unterstützt. Bei der Stadt Zug fand sich niemand, der Auskunft geben kann.

Weshalb aber verkaufen die Gemeinden Birnel? Immerhin gehört es nicht zu den Kernaufgaben einer öffentlichen Verwaltung, Birndicksaft zu verticken und dies per Inserat im Amtsblatt zu bewerben.

Wieso genau diese Non-Profit-Organisation unterstützt wird, konnte zentralplus niemand sagen. Das Wort «Tradition» fällt in vielen der noch aktiven Gemeinden immer wieder. Der Hünenberger Gemeindeschreiber Guido Wetli meint: «Es gibt niemanden, der bestimmt, dass wir das wieder machen, es wird einfach immer wieder durchgeführt.» Was nach einem Automatismus klingt.

Unter einer Decke

In Hünenberg ist die Nachfrage zwar in der Tendenz sinkend. Die Gesamtnachfrage sei aber immer noch da, heisst es auf Anfrage. Aber die Bestellung für Hünenberg war vor fünf Jahren, mit etwa 120 Kilogramm, noch fast doppelt so gross wie jetzt mit etwa 65 Kilogramm.

In Risch schwanken die Bestellungen von Jahr zu Jahr ein wenig. Mal werde mehr, mal weniger bestellt. Es kann aber nicht allzu viel sein. Denn die Gemeinde bestellt mit Hünenberg zusammen. So kann die Mindestbestellmenge vermieden werden. In erster Linie seien es noch Menschen der älteren Generation, die dort bestellen.

Und auch Menzingen steckt mit Risch und Hünenberg unter einer Decke. Wo man früher die 80 Kilogramm noch selbst beziehen konnte und die überzähligen Pfunde im Gemeindehaus verkaufte, setzt man heute auch auf die gemeinsame Bestellung.

Ein Nachgeschmack bleibt

Aber nicht nur der Absatz, auch der Aufwand halte sich in Grenzen. Man müsse lediglich die Bestellungen telefonisch aufnehmen und den Birnel entsprechend herausgeben, heisst es unisono. Das Geld geht dann an die Winterhilfe und damit ist alles abgeschlossen.

Die Frage, weshalb, ist für uns damit nicht geklärt, und das wird wohl auch so bleiben. Sollte sich der Absatz aber so wie bisher entwickeln, dürfte sich das Thema Birnel bei den Zuger Gemeinden früher oder später von selbst erledigen.

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