Übungsleiter Matthias Pfister im Gespräch mit zwei Offizieren des palästinensischen Einsatzteams. (Bild: bic)
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Übungsleiter Matthias Pfister im Gespräch mit zwei Offizieren des palästinensischen Einsatzteams. (Bild: bic)

Wenn die Schweiz in Trümmern liegt

6min Lesezeit

Was, wenn die Schweiz von einem schweren Erdbeben heimgesucht wird? Dieses Szenario wird diese Woche in Kriens geübt. Im Einsatz stehen Rettungsteams aus der ganzen Welt. In den Weg stellen sich ihnen aber nicht die Naturgewalten, sondern ein gnadenloser Supercomputer, der so auf der Welt einmalig ist. 

Die Schweiz wird von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Das Epizentrum des Bebens mit der Stärke 7,1 liegt in Wangen an der Aare. Nachbeben mit einer Magnitude bis 6,5 folgen.

Vor allem im Mittelland sind die Zerstörungen gewaltig. Hunderte von Häusern sind eingestürzt und ebenso viele Menschen werden verschüttet und sind seither vermisst. Im ganzen Gebiet leben rund 1,5 Millionen Menschen. 

Weltweit einzigartiger Supercomputer

Zum Glück nur ein fiktives Szenario, das aber nicht ausgeschlossen werden kann. Deshalb wird es diese Woche in Kriens geübt. Im Einsatz stehen Rettungsteams aus zwölf Ländern rund um den Globus. Diesen wurden verschiedene Sektoren im zerstörten Gebiet in Luzern zugeteilt. Doch wer denkt, dass die 58 beteiligten Retter mit schwerem Gerät und Hunden im Einsatz stehen, der irrt.

Die Übung spielt sich nämlich nicht unter freiem Himmel, sondern im Keller der Generalstabsschule der Schweizer Armee in Kriens ab. Diese befindet sich hinter dem Gefängnis Grosshof direkt an der Autobahn.

«Die Infrastruktur in Kriens ist für diese Art von Übung hervorragend geeignet. Wir können dafür einen der wenigen weltweit verfügbaren Simulatoren benutzen», sagt Übungsleiter Matthias Pfister vom Bundesamt für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Dieses organisiert in der Schweiz alle vier bis fünf Jahre eine solche Übung.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Ein Supercomputer simuliert das Katastrophenszenario. Der Clou: Jede Entscheidung eines Teams hat Konsequenzen für die anderen. «Jeder Fehler wird knallhart bestraft. Genauso, wie dies auch in der Realität der Fall wäre», erklärt Daniel Wiederkehr, der das Katastrophenszenario entwickelt und programmiert hat und die Übung überwacht. Zum Beispiel kann es für alle zu einem grossen Problem werden, wenn schweres Gerät aufgrund von Kommunikationspannen plötzlich am falschen Ort landet.

Trainiert werden also nicht die Rettungseinsätze an sich, sondern die Koordination und Kommunikation zwischen den verschiedenen Teams am Katastrophenort.

«Soeben hat ein Team aus dem Nahen Osten schlecht kommuniziert. Tun sie dies bei einem richtigen Einsatz, verlieren sie, und allenfalls auch ihre Kollegen wichtige Zeit», so Wiederkehr. Wegen der mangelhaften Kommunikation werde man das Team nun «bestrafen» indem eine umgehende Antwort auf eine Anfrage verweigert wird. 

Dies ist im Ernstfall umso fataler, da der Faktor Zeit einen der zentralen Aspekte bei einem Rettungseinsatz darstellt. «Jedes Team hat den Auftrag, in dem ihm zugeteilten Sektor alle Verschütteten lebend zu bergen, bevor die Zeit abläuft», erklärt Pfister vom Deza. In der Übungsanlage geht es um das Gebiet vom Bahnhof Luzern über das Tribschenquartier bis zum Schönbühl. Hier operieren die Teams fiktiv in den ihnen zugeteilten Sektoren.

Der «Master of Desaster»: Daniel Wiederkehr hat das Katastrophenszenario entwickelt.
Der «Master of Desaster»: Daniel Wiederkehr hat das Katastrophenszenario entwickelt. (Bild: bic)

USA unterstützen Palästina

Bei der Übung können die Teams aus eher unerfahrenen Ländern auf die Unterstützung und die Beratung anderer Staaten zählen. So stehen die USA zum Beispiel den Leuten aus Palästina beratend zur Seite, während Japan die Jordanier unterstützt und mit kritischem Blick begleitet. An einem runden Tisch wird am Schluss die ganze Übung nach Gelungenem, aber auch nach Schwachpunkten und Fehlern analysiert.

«Die grösste Schwierigkeit bei einem solchen Einsatz ist sicher, den Überblick zu behalten», so Übungsleiter Pfister. Um die Aufgabe noch zu erschweren und die Teams in zusätzlichen Stress zu versetzen, könne die Software spezielle Ereignisse wie zum Beispiel ein Feuer simulieren.

Und plötzlich brennt es

«Teams, deren Gebäude plötzlich in Brand geraten, müssen entsprechend reagieren und zum Beispiel einen Löschzug anfordern», schildert Pfister das Szenario. Denn solange das Feuer lodert, könnten sie die Verschütteten nicht retten. Während des simulierten Brandes sperrt die Software für das Team folglich sämtliche weiteren Rettungsaktionen vor Ort, während im Hintergrund die Zeit gnadenlos weiterläuft.

Im aktuellen Szenario kommt erschwerend hinzu, dass zahlreiche Alpenübergänge, der Gotthardtunnel und die Autobahn A1 teils stark beschädigt sind. Ausserdem sind die Kommunikationslinien während längerer Zeit unterbrochen.

In Fällen wie dem Brand wird auch der Kontakt mit den lokalen Behörden geübt, die Geräte wie zum Beispiel ein Feuerwehrauto zur Verfügung stellen. «Wird das Fahrzeug angefordert, blockiert es die Software für die anderen Teams. Wird es also auch an einem anderen Ort gebraucht, müssen die Retter unweigerlich untereinander sowie mit der Zentrale in Kontakt treten, da es ansonsten nicht freigegeben wird», sagt Pfister.

Übungsleiter Matthias Pfister.
Übungsleiter Matthias Pfister. (Bild: bic)

Alle 1'000 Jahre ein Erdbeben in der Schweiz

Doch inwiefern macht es Sinn, die Katastrophe in der Schweiz stattfinden zu lassen? Ist es überhaupt möglich, dass es hierzulande zu einem solchen Ereignis kommt? «Das letzte Erdbeben dieser Stärke ereignete sich wohl 1356 in Basel», sagt Pfister.

Die Wissenschaft rechne damit, dass es etwa alle 1'000 Jahre zu einer solchen Katastrophe kommt. «Die Schweiz liegt auf der Schnittstelle zwischen der eurasischen und der afrikanischen Platte. Deshalb haben sich auch die Alpen aufgefaltet», erklärt Pfister. Ein Teil des Tessins liege sogar auf der afrikanischen Platte.

Die Übung läuft noch bis am Freitagnachmittag. Bis dann müssen alle Verschütteten lebend gerettet sein.

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