In der Turnhalle des ehemaligen privaten Zuger Mädchengymnasiums Athene wurde am 7. Oktober 1918 ein Notspital für 40 Grippepatienten eingerichtet. Im November diente das Haus mit 100 Betten sogar als Militärspital. (Bild: zvg)
Gesellschaft Gesundheit

In der Turnhalle des ehemaligen privaten Zuger Mädchengymnasiums Athene wurde am 7. Oktober 1918 ein Notspital für 40 Grippepatienten eingerichtet. Im November diente das Haus mit 100 Betten sogar als Militärspital. (Bild: zvg)

Als vor 100 Jahren in Zug die Spanische Grippe wütete

7min Lesezeit

Derzeit kann man sich wieder gegen Grippe impfen lassen. Eine medizinischer Fortschritt, den man vor 100 Jahren schmerzlich vermisste. Damals wütete in Zug die Spanische Grippe, an der auch der spätere Bundesrat Philipp Etter erkrankte. Während in Zug «nur» 197 Tote zu beklagen waren, kam das gesellschaftliche Leben vollständig zum Erliegen.

Wolfgang Holz

Was haben Albert Gitchell aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Kansas und Johann Josef Merz aus Oberägeri gemeinsam? Beide waren Soldaten. Beide starben 1918 – allerdings nicht auf den blutigen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, sondern durch den Influenza-Virus der Spanischen Grippe.

Während der Armeekoch Gitchell medizingeschichtlich als «Patient Null» der weltweiten Epidemie gilt, der am 4. März 1918 in einem Militärlager nach starken Halsschmerzen, hohem Fieber sowie rasenden Kopf- und Gliederschmerzen verstarb, galt Johann Josef Merz als das erste Zuger Todesopfer der Spanischen Grippe.

«Als das Fieber nach Zug kam»: Artikel im neuen «Tugium»

Erst 29-jährig erlag der Fahrer der Feldbatterie 61 aus Oberägeri am 18. Juli 1918 der Influenza-Seuche. Diese raffte bekanntlich auf der ganzen Welt 50 bis 100 Millionen Todesopfer zwischen 1918 und 1919 dahin. 

In der neuesten Ausgabe des «Tugium», des Jahrbuchs des Staatsarchivs des Kantons Zug, des Amts für Denkmalpflege und Archäologie sowie der kantonalen Museum für Urgeschichte(n) und der Burg Zug, hat Walter Bersorger die Auswirkungen der Spanischen Grippe in Zug aufgearbeitet.

In seinem 16-seitigen Beitrag «Als das Fieber nach Zug kam» hat er anschaulich und mit Hilfe von spannenden Dokumenten die Dramatik der Spanischen Grippe in Zug zwischen 1918 und 1919 recherchiert. Wobei die Epidemie, die ja durch Tröpfchen- oder Kontaktinfektion übertragen wurde, Zug noch bis im Februar 1920 fest im Griff hatte.

Das gefährliche Virus der Spanischen Grippe, das durch Tröpfcheninfektion übertragen wurde.
Das gefährliche Virus der Spanischen Grippe, das durch Tröpfcheninfektion übertragen wurde. (Bild: zvg)

Zwar wirkt die Zahl der Zuger Krankheitsfälle mit total 7026 Personen und 197 Toten auf den ersten Blick gering. Doch, wie Bersorger aufzeigt, zählte der Kanton Zug 1918 geschätzt gerade mal knapp 30'000 Bewohner (Ende 2017: rund 125'000). Ausserdem habe die Morbiditätsrate  – also, die Erkrankungswahrscheinlichkeit – damals bei 23 Prozent und damit um vier Prozent über dem schweizerischen Mittel gelegen.

«Mysteriöse Epidemie» in Madrid

Die höchsten Opferzahlen in Sachen Spanischer Grippe registrierte man in Zug Mitte Oktober 1918. Die «Zuger Nachrichten» hatten erstmals am 1. Juni 1918 über die «mysteriöse Epidemie» in Madrid berichtet, von der sogar der spanische König Alfonso XIII. befallen war.

Exakt vor hundert Jahren erkrankten in Zug allein zwischen dem 9. und dem 22. Oktober 1266 Personen. 44 Menschen starben an dem tödlichen H1N1-Virus. Und nicht nur das. Das gesellschaftliche Leben im Kanton Zug brach fast völlig zusammen, nachdem der Bundesrat bereits am 18. Juli ein Versammlungsverbot verhängt hatte – um die Ansteckungsgefahr einzudämmen.

Veranstaltungsverbote: Kein Kino, kein Konzert, kein Tanz

Die Kantone, auch Zug, verboten danach alle Veranstaltungen, «welche zur Ansammlung zahlreicher Personen am gleichen Orte oder im gleichen Raume führen konnten.» Sprich: Es gab von heute auf morgen kein Theater mehr. Keine Volksfeste. Keine Kirchweih. Keine Fasnacht. Keine Konzerte. Kein Kino.

Was die Zuger besonders schmerzte: Es durfte bis Mitte April 1919 auch nicht mehr öffentlich getanzt werden. Schulen wurden geschlossen. Sogar die Erneuerungswahlen der Einwohnerräte sowie der Stände-, Regierungs- und Kantonsräte wurden vom Herbst auf Dezember 1918 verschoben.

Dank Senfwickel hat er überlebt: Zuger Bundesrat Philipp Etter

Apropos Politik: Auch der Redaktor der «Zuger Nachrichten» und spätere Bundesrat, Philipp Etter, erkrankte im Spätherbst 1918 an der Grippe mit doppelseitiger Lungenentzündung. Den Pfarrer für die letzte Ölung hatte man schon gerufen, doch Etter überlebte die Seuche mittels Senfwickel.

Bei der erst 45 Jahre alten Baronin Vera von Kleist von Gonzenbach im Schloss Buonas bewirkten solche Remeduren jedoch nichts. Wobei das Heimtückische an der Spanischen Grippe gerade war, dass die Epidemie vor allem junge Männer und Frauen im besten Alter zwischen 20 und 40 dahinraffte.

Um sich ausserhalb der Spitäler gegen die Spanische Grippe zu wappnen, trugen viele, wie diese Schreibkraft, einen Mundschutz.
Um sich ausserhalb der Spitäler gegen die Spanische Grippe zu wappnen, trugen viele, wie diese Schreibkraft, einen Mundschutz. (Bild: zvg)

Moderne Grippeimpfungen, antivirale Heilmittel und Antibiotika waren damals nämlich noch unbekannt. Die Ärzte verschrieben gegen die Spanische Grippe zumeist fiebersenkendes Aspirin. Zum Einsatz kamen auch Chinin, Arsen, Kampferöl, Digitalis, Strychnin und Bittersalz sowie Rizinusöl und Jod zur «inneren Desinfektion», wie Bersorger in seinem Artikel schreibt. Oder eben Senfwickel.

Zudem wurde die Bevölkerung angehalten, keinen Alkohol zu trinken, sich gesund zu ernähren und vor allem auf die persönliche Hygiene zu achten. Auch Mundschutz war angesagt – für die Lebenden und die Toten.

«Mund und Nase sind sofort nach dem Tode mit einem vierfachen Tuche zu verbinden und gut abzuschliessen.»

«Grippeleichen»-Verordnung des Zuger Sanitätsdiensts, 1918

Die Bestattung der Toten musste wegen der Seuchengefahr jeweils spätestens 48 Stunden nach dem Ableben der Personen über die Bühne gehen. Die Zuger Sanitätsdirektion verfügte bereits Mitte August 1918 entsprechend drastische Einzelmassnahmen im Umgang mit «Grippeleichen».

Die Spanische Grippe stammt gar nicht aus Spanien

«Die Spanische Grippe ist die grösste Vernichtungswelle seit dem Schwarzen Tod im Mittelalter, ja vielleicht sogar die grösste der Menschheitsgeschichte», schreibt Laura Spinney in ihrem kürzlich erschienenen Buch. Kurios ist, dass die Spanische Grippe gar nicht aus Spanien stammt. Der Urspung der Weltseuche liegt im Mittleren Westen der USA oder könnte laut neueren Forschungen auch aus China stammen. Spanisch nennt sich die Grippe nur, weil sie im Mai 1918 erstmals in Spanien öffentlich wurde – während sie in anderen Ländern Europas infolge der Pressezensur während des Ersten Weltkriegs totgeschwiegen wurde. Es gab zuvor eine «Russische Grippe» 1889/90, die aber nicht so dramatisch verlief.

«Mund und Nase sind sofort nach dem Tode mit einem vierfachen Tuche zu verbinden und gut abzuschliessen; ausserdem muss die ganze Leiche in ein mit fünfprozentigem Karbolwasser getränktes Leintuch eingehüllt werden», ist da unter anderem zu lesen. «Spätestens zehn Stunden nach dem Tode ist die Leiche in einen gut verpichten Sarg zu legen und abzuschliessen. Der Sarg soll eine fünf Zentmeter hohe Schicht Sägemehl oder Torfmull enthalten, die mit einem Desinfektionsmittel zu befeuchten ist.»

Die nackte Angst vor der Ansteckung spricht aus diesen Sätzen – dabei wurden selbst die Särge angesichts der steigenden Opferzahlen knapp. Ab Dezember 1918 liessen dann die Opferzahlen deutlich nach. Doch noch im Februar 1920 flackerte im Kanton Zug die Seuche erneut auf. Mitte März schien der Spuk dann langsam vorbei. Die Schutzmassnahmen des Bundes wurden aber erst im März 1921 aufgehoben.

Gesamtkosten von 30'132 Franken

Insgesamt erkrankten 1918/1919 in der Schweiz 784'610 Personen an der Spanischen Grippe, 24'449 Personen starben.

Die Gesamtkosten des Kantons Zug für die Grippeepidemie beliefen sich übrigens auf 30'132.54 Franken. «Nach Abzug der Einnahmen von 10'320.74 Franken sowie der durch den Kanton zu erbringenden Eigenleistungen verblieben noch 8'457.70 Franken, welche die eidgenössische Staatskasse nach Zug überwies», schreibt Bersorger. 

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