«Er sah mich an. Er machte kehrt, lief nun in die Gasse, in der wir standen.» (Bild: Adobe Stock)
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«Er sah mich an. Er machte kehrt, lief nun in die Gasse, in der wir standen.» (Bild: Adobe Stock)

Bedrängt, betatscht und begrapscht: «Seine Hände waren überall»

8min Lesezeit

Gehören dumme Anmachsprüche und Grapschen zum Luzerner Nachtleben dazu? Zwei Luzernerinnen sprechen von «Normalität». Sie wurden von Männern betatscht und bedrängt. Und sogar verfolgt.

In Zeiten von #MeToo brachen viele Frauen ihr Schweigen. Auch auf politischer Ebene schlug sich die Debatte nieder. Jüngst wurde in Frankreich eine Strafe für sexuelle Belästigung eingeführt. Die NZZ titelte von «Normalem Wahnsinn», wenn Frauen im Ausgang begrapscht werden. Ist dies auch in Luzern der Fall?

Zahlreiche Betroffene meldeten sich nach einem Aufruf auf Facebook. Nun erzählen Viktoria* und Amelie* von ihren prägendsten Erlebnissen. Beide sind viel in Luzern unterwegs. Sie äussern sich anonym, weil sie nicht in den Opfermodus kippen möchten. Und Angst haben, schlussendlich selbst als «Schlampe» dazustehen, weil ein anderer Mann sie auf ihren Körper abwertete und anzügliche Bemerkungen fallen liess.

Viktoria (22):

«Er drückte mich an die Wand vor dem WC im Rok-Klub. Immer wieder wollte er mich küssen. Immer wieder sagte ich ‹Nein›, probierte, mich von ihm wegzuducken. Er flüsterte mir ins Ohr: ‹Du kannst mir gleich einen blasen auf dem WC.› Er kam mit seinem Mund wieder näher, wollte mich küssen. Ich roch den vielen Alkohol, den er bereits intus hatte. Ich wehrte mich – doch war körperlich einfach zu schwach gegen ihn.

Glücklicherweise kamen in diesem Moment zwei Männer vorbei. Sie zerrten ihn von mir weg. Er fluchte. Sie schleppten ihn die Treppe rauf, raus zu den Türstehern. Ohne Wenn und Aber wurde er aus dem Club geworfen.

Ich machte kurz vorher bereits mit dem Typ Bekanntschaft. Mit einer Kollegin war ich in der Max-Bar, als er mich beobachtete. Er bahnte sich den Weg zu mir, setzte sich zu mir an die Bar. Es war der Mann, der mir danach ins Rok gefolgt ist. Mir anzügliche Bemerkungen ins Ohr gelallt hat. Mich an die Wand gedrängt hat. Mich küssen wollte.

«Er kapierte nicht, dass ich keine Lust hatte. Immer wieder fand seine Hand den Weg auf mein Bein.»

Er wollte mir einen Drink spendieren. Ich sagte höflich, dass ich das nicht wolle. Er ignorierte dies gekonnt und flirtete weiter auf mich ein. Er kapierte nicht, dass ich keine Lust hatte. Immer wieder fand seine Hand den Weg auf mein Bein. Er legte seinen Arm um meine Hüfte.

Der Barkeeper in der Max-Bar sah, dass ich mich unwohl fühlte. Er kam und fuhr ihn an, dass er mich endlich in Ruhe lassen solle. Wenig später verliessen wir die Bar. Als ich rausging, sah ich ihn wieder. Er musste mir wohl gefolgt sein. Denn wenig später traf ich ihn wieder im Rok.

«Grapschen gehört nun einmal zum Ausgang dazu. Leider.»

Heutzutage ist es ‹normal›, wenn ein Mann das erste ‹Nein› nicht akzeptiert. Aber ist es denn wirklich auch ‹normal›? Wieso kann man eine Frau nicht lassen, wenn sie klar zeigt und sagt, dass sie nicht möchte? So krass, wie in dieser Nacht habe ich es noch nie erlebt. Aber Grapschen gehört nun einmal zum Ausgang dazu. Leider. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass es in letzter Zeit schlimmer geworden wäre. Es war schon immer so.

Und nein, ich ging nicht zur Polizei. Ehrlich gesagt, hat es mich damals gar nicht so sehr beschäftigt. Im Nachhinein bereue ich jedoch, dass ich nicht mehr unternommen habe. Betrinkt sich dieser Typ wieder, wird er es bei einer anderen versuchen. Ich hatte das Glück, dass ich mich wehren konnte und ich nicht alleine war. Aber ich will gar nicht dran denken, wie es endet, wenn sich eine Frau nicht gegen ihn wehren kann …»

Amelie (25):

«Es war eine kalte Herbstnacht. Mit meiner Kollegin sass ich beim KKL auf dem Steg. Wir lachten, waren in Gespräche vertieft, als sich eine Gruppe Männer zu uns setzte.

Einer von ihnen starrte mich an. Er hatte stechend grüne Augen, die ich so schnell nicht wieder aus meinen Gedanken verbannen konnte. Meine Kollegin wechselte mit ihnen ein paar Worte. Ich sass da, sagte nichts. Der Typ starrte mich noch immer penetrant an. Es war mir seit der ersten Sekunde unwohl, als ich merkte, wie er mich anschaut. Eine Frau spürt das einfach. Ich wich seinem Blick aus, nahm meine Tasche und ging.

Wir setzten uns danach für eine gute Stunde ins Roadhouse. Als wir die Bar verliessen, erkannte ich auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine Gruppe Männer. War derselbe Typ wie vorhin dabei?

«Wir liefen weiter, ich drehte meinen Kopf wieder um. Der Mann war nun schon viel näher gekommen.»

Wir liefen zu Fuss über die Seebrücke in Richtung Löwengraben. Ich fühlte mich verfolgt, drehte meinen Kopf auf der Mitte der Brücke um. Ich erkannte einen Mann, der in unsere Richtung lief. Wir gingen weiter, ich warf erneut einen Blick zurück. Der Mann war bereits viel näher gekommen. War ich nur paranoid? Ich sagte meiner Kollegin, dass irgendwas nicht stimme. Also liefen wir in eine Seitengasse. Ein fataler Fehler.

«Er sah mich an. Er machte kehrt, lief nun in die Gasse, in der wir standen.»

Wir warteten. Warteten, bis der Mann auf der Strasse an uns vorbeilief. Er kam. Es war derselbe Typ von vorhin. Er lief an der Hauptstrasse an uns vorbei, blickte nach links in die Seitengasse. Als er mich sah, machte er kehrt und lief in die Gasse, in der wir standen.

Er kam zu mir, trat näher und näher an mich. Er fragte mich, wo ich wohne. Und: ‹Zeig mir deine Wohnung, Baby›. Er drückte mich an die Wand. Seine Hände waren überall. Ich konnte seinen Atem an meinem Hals spüren. Er probierte, mich zu küssen. Wieder und wieder.

«Ich war wie erstarrt […] seine Hände waren überall.»

Ich war wie erstarrt, wusste nicht, wie ich mich wehren konnte. Ich war eingeengt zwischen der Wand und seinem Körper. Ich sagte immer wieder, er solle mich endlich loslassen. Er hörte nicht auf. Ich hörte meine Kollegin, die aufgebracht auf den Typen einschimpfte. Schliesslich konnte sie ihn von mir losreissen, ich trat ihm zwischen die Beine. Er rannte davon.

Ich weinte, war total aufgelöst. Mir war am darauf folgenden Tag noch schlecht, ich musste mehrmals erbrechen. Ich wusste einfach, dass es auch anders hätte kommen können. Wenn ich alleine gewesen wäre …

Ich kaufte mir einen Pfefferspray. Als ich damals abends alleine unterwegs war, nahm ich ihn immer zur Hand. Abends von der Uni zum Bahnhof. Abends, wenn ich nach Hause lief. Für jeden denkbaren Meter. Krampfhaft umschlossen in meiner Hand. Ich warf alle paar Meter den Blick zurück. Nur um mich zu vergewissern, dass mir niemand folgt. Ich hatte Angst. Dass jeder Mann, der mich anschaut, ein ‹Perversling› sei. Mich verfolgt, mich begrapscht und körperlich wird.

Dies ist nun vorbei. Die Angst hat sich mittlerweile gelegt, der Respekt bleibt. Von einigen Grapschern und den üblich primitiven Anmachsprüchen im Ausgang abgesehen, kam es nicht mehr so weit. Jede Frau wird mehr als einmal in ihrem Leben sexuell belästigt. Ich kenne niemanden, bei dem es nicht so ist.»

*Zum Schutz der betroffenen Personen wurden die Namen geändert. Es handelt sich um zufällig gewählte Vornamen.

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