«Lust ist dreckig und schwitzig – und nicht wie in Hollywood-Filmen», sagt Michaela Fuchs, selbsternannte Beziehungsanarchistin. Im Bild v.l.n.r.: Maja Grob (Co-Moderatorin), Daniel Regli (Paartherapeut), Michaela Fuchs und Matthias Boss (Assistent Veranstaltungen im Neubad). (Bild: ida)
Gesellschaft Veranstaltung Sex

«Lust ist dreckig und schwitzig – und nicht wie in Hollywood-Filmen», sagt Michaela Fuchs, selbsternannte Beziehungsanarchistin. Im Bild v.l.n.r.: Maja Grob (Co-Moderatorin), Daniel Regli (Paartherapeut), Michaela Fuchs und Matthias Boss (Assistent Veranstaltungen im Neubad). (Bild: ida)

Was, wenn der Paartherapeut rät, Pornos zu schauen

6min Lesezeit

An der neuen Veranstaltungsreihe «6 x Sex» in Luzern wurde schnell klar, dass Sex nicht so aussieht wie in Hollywood-Filmen. Da taten sich Abgründe auf: Eine Frau fragte sich, ob sie eine Schlampe sei. Eine andere erklärte, weshalb die Ladies aus «Sex and the City» als Vorbilder fungieren.

Lange Zeit schlummerte der Keller des Neubads nackt vor sich hin. Nun wurde er mit hitzigen Diskussionen aus seinem Schlaf gerissen. Den Schlafzimmerblick aufzusetzen, war dennoch nicht falsch – ging es doch ums Thema Sex.

Die Veranstaltungsreihe «6 x Sex» trägt das Liebemachen vom Schlafzimmer auf die Bühne. Genau so schön liest sich das Datum der ersten Veranstaltung, die diesen Donnerstagabend, am 6. 9. stattfand. 69 – als Symbol einer Sexualpraktik, die in jedem Kamasutra-Ratgeber breit ausgewalzt wird.

«Sex sells»

Ganz nebenbei war diese Premiere übrigens die inoffizielle Eröffnung des neuen Klubkellers. «Sex sells» – das Thema Sex zieht wohl immer. Vielen wurde nicht mal mehr der Eintritt gewährt – obwohl der Keller Platz für 150 Leute bietet.

Über Sex offen zu sprechen, fällt vielen nicht leicht. Dennoch trieb es den wenigsten Zuhörern die Schamröte ins Gesicht. Im Gegenteil: Es entstand eine sehr offene Diskussion, in der Fragen, aber auch intime Details über die eigene Sexualität preisgegeben wurden. Doch von vorne.

«Lust ist dreckig, schwitzig.»

Michaela Fuchs, selbsternannte Beziehungsanarchistin

Was ist Lust überhaupt? «Lust sieht nicht so aus wie in Hollywood-Filmen», sagt Michaela Fuchs. «Lust ist dreckig, schwitzig. Mal laut, mal leise, klein und gross.» Fuchs bezeichnet sich selbst als Beziehungsanarchistin, gilt als Pionierin der «Sex Positive Space Bewegung».

So bietet sie Workshops und Partys an, bei denen Menschen des Öfteren komplett nackt rumlaufen, sich gegenseitig fesseln. Oder einander mit Fingerfarbe anmalen und sich auf dem Boden räkeln, wie sie erzählt. Fuchs redet gerne über ihre Lust. Wie sie verrät, habe sie als damals 18-Jährige, die das erste Mal im Internet surfte, prompt ein Profil angelegt, um Kontakte für Sexbekanntschaften zu knüpfen. Auch die Frauen in der 20 Jahre alten Fernsehserie «Sex and the City» seien Vorbilder für sie gewesen. 

Sie habe realisiert, dass sie jederzeit lustvollen Sex haben möchte, egal mit wem und wo. Es sei wichtig, über Lust offen zu sprechen. Denn je mehr und je offener ein Paar dies in seinem Alltag tue – in keiner verniedlichenden Sprache oder einem «Pornoslang» – desto mehr helfe es auch der eigenen Lust.

«Zu sagen, was einem selbst im Bett geil macht, ist ein Riesending.»

Michaela Fuchs

Easy sei dies jedoch nicht: «Zu sagen, was einen selbst im Bett geil macht, ist ein Riesending», sagt Fuchs. Und der Paartherapeut Daniel Regli fügt an: «Wir machen uns verletzlich, wenn wir darüber sprechen, was uns im Bett gefällt.» Doch man müsse lernen, es dennoch zu tun. Und sich eben verletzlich zu zeigen.

Sexualität nimmt mit der Dauer der Beziehung ab

Man müsse mit der eigenen Lust experimentieren, für sich selbst herausfinden, was einem gefalle. Und dies hört wohl nie auf. Denn wie Regli betont, sei es durchaus ein alltägliches Phänomen, dass die Sexualität mit der Dauer der Beziehung abnehme. Und der weise Rat des Paartherapeuten entgegen der sexuellen Frustration lautet: «Ich empfehle durchaus, gemeinsam Pornos zu schauen. Oder tantrische Veranstaltungen zu besuchen.» 

«Wir müssen von der extrem ‹Schwanz›-orientierten Sexualität wegkommen.»

Daniel Regli, Paartherapeut

Sich zu inspirieren, gemeinsam im Bett zu experimentieren und zu reflektieren, könne die Lust aufs Neue wieder steigern. «Jedoch müssen wir von der extrem ‹Schwanz›-orientierten Sexualität wegkommen», sagt Paartherapeut Regli. Oder von dem Gedanken, dass «da draussen, neben seinen Tinder-Dates» noch etwas Besseres rumlaufe, mit dem man noch mehr Spass im Bett hätte. So wie man an der Karriere arbeiten könne, könne man auch am Spass in der Zweierkiste feilen.

«6 x Sex» im Neubad

Die Veranstaltungsreihe «6 x Sex» bringt schambehaftete Themen auf den Tisch. In einer Gesprächsrunde treffen Paartherapeuten auf Beziehungsanarchisten, Psychoanalytiker auf Sexarbeiter, Feministen und Tantramasseure auf Sexualtherapeuten.

Die nächste Veranstaltung findet am 3. Oktober statt – zum Thema «Guter Sex». Mögliche Fragen sind, was guter Sex ist, wie unsere Gedanken und unser Erleben von Normen beeinflusst werden. Und wie man guten Sex eben erleben kann.

Eine Zuhörerin meldet sich. Sie habe Mühe, den Spagat zwischen Karriere, Single-Leben und Sexualität zu meistern. «Single-Dasein und trotzdem Sex mit verschiedenen Partnern haben – nagt das an meinem Image? Bin ich eine Schlampe?»

Daniel Regli kontert: «Es gehört längst zum historischen Müll, dass eine Frau, die mit mehren Männern Sex hat, eine Schlampe ist.» Frauen hätten gleichwohl das Recht, ihre Sexualität auszuleben. Zu sagen, was ihnen gefalle. Mit wem und wo man es möchte.

Ein Ratgeber für guten Sex?

Durch den Abend führen Co-Moderatorin Maja Grob und Matthias Boss. Boss, Assistent Veranstaltungen im Neubad, ist der Mann hinter der Veranstaltungsreihe «6 x Sex». Ursprünglich schloss der 27-Jährige seinen Master in Psychologie ab. Als Kulturschaffender und angehender Psychotherapeut sei es ihm ein besonderes Anliegen gewesen, einen Schnittpunkt zwischen diesen beiden Komponenten zu schaffen.

Den Fokus wollte er auf Themen richten, über die die Gesellschaft vorwiegend hinter vorgehaltener Hand spricht. Und weit herholen müsse man da nicht: «Gerade die eigene und alltägliche Sexualität bietet viel, worüber man diskutieren kann», so Boss. «Und das Thema ‹Lust auf Sex› ist für alle relevant – unabhängig von Gender und Sexualität.»

Die zweite Veranstaltung widmet sich dem Thema, was guten Sex ausmache. Ein Ratgeber für guten Sex? Boss winkt lachend ab. «Es soll über einen Ratgeber hinausgehen – denn wir möchten, dass im Rahmen der Veranstaltung verschiedenste Perspektiven aufeinandertreffen. Zudem wollen wir keine Vorschriften machen, sondern den Leuten anregende Gedanken mit auf den Weg geben.»

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft