Im Juli 1976 sah es im Kanton Zug aus wie in der Sahelzone – bis zu 40 Zentimeter tiefe Furchen durchzogen die Äcker. Hier ein Symboldbild, das in Deutschland aufgenommen wurde. (Bild: Fotolia)
Gesellschaft

Im Juli 1976 sah es im Kanton Zug aus wie in der Sahelzone – bis zu 40 Zentimeter tiefe Furchen durchzogen die Äcker. Hier ein Symboldbild, das in Deutschland aufgenommen wurde. (Bild: Fotolia)

Wenn Duschen in Frage gestellt und Autowaschen verboten ist

8min Lesezeit

War 2003 die Mutter aller Hitzesommer? Vielleicht. Aber ältere Leute erinnern sich an einen Sommer, als die Dürre noch viel üblere Auswirkungen hatte: 1976. Wir haben in Zuger Zeitungen recherchiert, wie die Wasserwerke damals an ihre Grenzen stiessen und die Krisenstäbe den Notstand bewältigten. Und was das Ganze für die Sommerpartys und die Körperhygiene der Menschen bedeutete.

Markus Mathis

«Ich erinnere mich genau daran – wir haben alle auf Regen gewartet», sagt Margrith Zobrist von der Bibliothek Zug. Sie sammelt im Auftrag des Kantons Zug die alten Zuger Zeitungen «Zuger Tagblatt» und «Zuger Nachrichten», in denen wir Details zum Dürrejahr 1976 finden.

Denn die Trockenheit vor 42 Jahren hatte dramatischere Auswirkungen als die gegenwärtige Hitzeperiode – und war auch eine grössere Herausforderung als der Jahrhundertsommer 2003.

Es begann mit einem trockenen Winter

Im Unterschied zu 2018, als der Winter spät kam und spät ging, wurzelte die grosse Trockenheit der 1970er-Jahre im Vorwinter. Noch im Dezember 1975 begann eine über halbjährige Periode mit sehr wenig Niederschlägen. Der darauf folgende März war extrem regenarm, im Frühsommer eskalierte die Situation. Obwohl das zu Beginn des brutal trockenen und heissen Junis 1976 noch niemand ahnte.

Das «Zuger Tagblatt» machte sich nämlich erst Sorgen um Eisregen und berichtete, dass im Napf nun sowjetische Hagelraketen getestet würden. Im Verlauf des Monats war der Fokus der Berichterstattung zusehends nahe am Wasser gebaut.

Die armen Radsportler

Im Regionalsport der «Zuger Nachrichten» verdrängten die Wasserballer des SC Frosch Aegeri öfter die Fussballer des um den Aufstieg in die Nationalliga B spielenden SC Zug vom prominentesten Teil der Zeitungsseiten. Der Neubau des Hallenbads Röhrliberg in Cham war ebenso Thema wie die Überdachung des Freiluft-Eishockeystadions Herti in Zug – dabei liess sich wunderbar an kühles Wasser oder Eis denken.

Fast jeder Artikel begann mit einem Hinweis auf die brüllende Hitze. Besonders bemitleidet wurden die Velofahrer. Denn in der Zeit vor den Dopingskandalen war der Radsport noch um einiges populärer und im Kanton Zug wurde eine Nachwuchs-Strassenmeisterschaft durchgeführt.

Krisenstab bietet Zivilschutz auf

Ende Monat eskalierte die Situation. Am 1. Juli beschloss der Zuger Regierungsrat die Einsetzung eines Krisenstabs, um der Wassernot organisiert zu Leibe zu rücken. Die Bauern hatten für die Bewässerung ihrer Kulturen Wasser besorgt, wo sie nur konnten  – und damit das Absinken des Grundwasserspiegels weiter gefördert. Durch die Mobilisierung des Zivilschutzes und der Feuerwehren sollte Gegensteuer gegeben werden.

Dürre ist ein wiederkehrendes Phänomen

Nach der Trockenheit von 1976 befasste sich die Schweizerische Metereologische Zentralanstalt mit der Dürreperiode und stellte in ihrem Arbeitsbericht fest, dass Trockenheiten alle paar Jahre vorkommen. Ausgeprägte Dürrejahre wie 1976 wurden auch 1949 und 1911 verzeichnet. Nach einem Bericht der «NZZ am Sonntag» soll das trockenste Jahr überhaupt in Europa anno 1540 stattgefunden haben.

Tags darauf mussten die Wasserwerke Zug (WWZ) die Einwohner zum zweiten Mal zur Sparsamkeit aufrufen, denn sie konnten kaum mehr genügend Wasser bereitstellen. Die Quellen spendeten weniger Wasser und der Verbrauch war in der Hitze schnell angestiegen. Man habe die Nachfrage nur dank Zukäufen von Wasser aus dem Kanton Zürich decken können, hiess es. Aber dies sei quasi die letzte Reservemöglichkeit. Mehr Wasser könne man nicht mehr liefern.

Schluss mit grünem Rasen

Um dem Appell Nachdruck zu verschaffen, verboten die Behörden im Kanton Zug auch gleich das Autowaschen, Rasensprenkeln, Dachberieseln, Schwimmbadbefüllen oder Wegabspritzen und untersagten strikt jede Wasserentnahme aus Hydranten.

In Zug half der Stapi mit ein Behelfs-Becken zur Bewässerung aufzustellen.
In Zug half der Stapi mit, ein Behelfsbecken zur Bewässerung aufzustellen. (Bild: ZN/Alfred Trütsch)

Damit die Rabättli und Blüemli der Zugerinnen und Zuger dennoch getränkt werden konnten, stellten verschiedene Gemeinden an verschiedenen Orten Bassins oder Tanks auf, die am späten Nachmittag von Feuerwehrleuten oder Zivilschützlern vollgepumpt wurden. Dort konnte man dann kesselweise Wasser für den Hausgarten beziehen.

Risse von einem halben Meter Tiefe

Welche Konsequenzen der Sparsamkeitsappell auf die Körperhygiene der Zuger hatte, ist medial nicht überliefert. Cäsar Rossi (87) aus Hünenberg, langjähriger Chefredaktor der «Zuger Nachrichten», sagt auf Anfrage, es hätte keinerlei Einschränkungen beim Duschen gegeben und auch die santitären Anlagen hätten normal benützt werden könne. Hingegen habe er zusammen mit Nachbarn bei einem Bauern einen Karren organisieren müssen, um selber im Zugersee Wasser für die eigenen Gärten zu besorgen.

Zivilschützer pumpen für Bauern Wasser aus einem Bach.
Zivilschützer pumpen für Bauern Wasser aus einem Bach. (Bild: zvg)

Berichtenswert schien den Zeitungen, dass Feuerwehren und Zivilschutz durch die Gemeinden des Kantons zogen und aus den Seen und grösseren Bächen Wasser auf die ausgedörrten Felder und in die Druckfässer der Bauern pumpten. Was wiederum obrigkeitlich begutachtet wurde.

Am 8. Juli begleitete ein Mitarbeiter der «Zuger Nachrichten» den Chamer Gemeinderat bei seiner Inspektion und stellte in Oberwil bis zu vier Zentimeter breite Risse in der Erde fest, die 40 Zentimeter tief in den Boden reichten. Auf dem Zugerberg wurde währenddessen eine sieben Kilometer lange Schlauchleitung verlegt.

«Wir sind im Laufe der Jahre für Naturgefahren sensibler geworden.»

Martin Ziegler, Kantonale Verwaltung, Zug

Am 19. Juli hatte der Spuk dann ein Ende und eine Phase mit viel Regen begann. Das erste Gewitter riss gleich die Kantonsstrasse zwischen Alosen und Oberägeri weg, worauf der Ratenpass eine Zeit lang nur schwer erreichbar blieb.

Zweimal brannte es in der Zuger Altstadt

Eine Sache fällt im Vergleich zu 2018 besonders auf: Es gab überhaupt kein Feuerverbot. Offensichtlich war es damals tabu, den Leuten den Grillspass zu untersagen. Der Waldbrandgefahr waren sich die Leute zwar bewusst, denn drei Jahre zuvor hatte es in der Südschweiz 180 Waldbrände in einem Jahr gegeben – so viele wie noch nie seit Menschengedenken. Die Nerven der Feuerwehr, die dauernd den Zivilschutz unterstützen musste, lagen denn auch blank. Anfang Juli brannte es zweimal in der Zuger Altstadt, aber nie im Grünen.

«Wir sind im Laufe der Jahre für Naturgefahren sensibler geworden», sagt Martin Ziegler, Abteilungsleiter beim Kanton Zug für Schutzwald, Waldbiodiversität und Naturgefahren. «Zumal die Leute weniger nah an der Natur leben als früher.» Feuerverbote würden seit dem Hitzesommer 2003 und den Bränden in Leuk und Visp (2007) vermehrt ausgesprochen, ein einheitliches Warnsystem sei seither vom Bund aufgebaut worden.

2003 herrschte übrigens im Kanton Zug auch kein totales Feuerverbot, damals war das Bräteln nur im Wald und in Waldesnähe untersagt.

WWZ kann nun andern aushelfen

Bleibt die Frage, ob ein Versorgungsengpass der WWZ heute auch denkbar wäre. Tendenziell habe der Wasserverbrauch pro Einwohner in den letzten Jahren zwar abgenommen, sagt Andreas Fürling, Marketingleiter der WWZ. «Es ist aber sicher nicht falsch, wenn wir Sorge zum Wasser tragen und dieses kostbare Gut nicht verschwenden.» Zumal der Verbrauch sich wegen der Hitze «stark erhöht» habe.

Aber die Versorgungssicherheit sei und bleibe gewährleistet. Die WWZ hat nämlich all ihre Quellfassungen saniert, weswegen sie nun auch mehr Wasser geben. Ausserdem wurden Reservoirs erweitert, neue Pumpwerke errichtet und beispielsweise das Grundwasservorkommen in Oberwil bei Zug erschlossen.

Deswegen muss die WWZ auch kein Wasser mehr zukaufen, sondern kann in der Nachbarschaft mit Wasserlieferungen aushelfen. Denn dort sei es wegen des niedrigen Grundwasserstands und der weniger ergiebigen Quellen tatsächlich zu Versorgungsengpässen gekommen, führt Fürling aus. Für die WWZ bedeutet dies indes nur «viel längere Pumpenlaufzeiten, um die Reservoire zu befüllen und die Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen».

Fotoreportage des Hünenberger Jornalisten Rupy Enzler zur Dürre.
Fotoreportage des Hünenberger Jornalisten Rupy Enzler zur Dürre. (Bild: zvg)

 

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