Torjubel bei der Alliance. (Bild: Stefan Kämpfen)
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Torjubel bei der Alliance. (Bild: Stefan Kämpfen)

Wie die Allianz der Frankophilen in Luzern den WM-Triumph erlebt

7min Lesezeit

zentralplus hat Mitglieder der «Alliance Française de Lucerne», einer 120 Mitglieder starken Vereinigung von Frankophonen und Frankophilen, zum Public Viewing begleitet. So sah das Endspiel der Fussball-Weltmeisterschaft durch die französische Brille aus. 

Stefan Kämpfen

Frankreich ist Fussball-Weltmeister. Knapp 67 Millionen Franzosen feiern! Vom Elsass bis in die Bretagne trägt jeder stolz die Farben der Grande Nation. Doch nicht nur zwischen dem Triumphbogen und dem Concorde-Obelisk auf der Champs-Élysées wird der Sieg der Bleus gefeiert, sondern auch im Konzerthaus Schüür in Luzern.

Viele Dutzend Mitglieder der 1946 gegründeten Alliance Française de Lucerne haben sich im Schüür-Garten eingefunden, um ihre Lieblinge zu unterstützen. So auch Anne-Sophie Bobrich, die Sekretärin des Vereins, die sich – wie so viele andere ihrer Kolleginnen und Kollegen auch – aus Berufsgründen in Luzern niedergelassen hat. Auf die Frage, wo sie vor 20 Jahren war, als Frankreich das erste Mal Weltmeister wurde, sagt sie süffisant: «Ich war damals in Deutschland. Das weiss ich noch, obwohl ich neben der WM kein Fussball schaue.»

 «Der Himmel vergiesst Tränen»

Obwohl die französische National-Elf als absoluter Top-Favorit ins Rennen um den begehrten Weltmeister-Pokal geht, sind viele Allianz-Mitglieder im Vorfeld skeptisch: «Wenn Kroatien 1:0 führt, dann ist es vorbei», meint der gut gelaunte Michel Perrey, schickt aber gleich hinterher, dass seine Mannen entweder 2:1 oder 3:2 gewinnen werden.

Volles Haus in der Schüür.
Volles Haus in der Schüür. (Bild: Stefan Kämpfen)

Überhaupt ist 3:2 das meistgenannte Resultat auf der kleinen West-Tribüne, auf der sich neben zahlreichen Frankreich-Fans auch einige Kroatien-Anhänger gewagt haben. Ganz anders selbstsicher zeigt sich hingegen Anne-Sophie Bobrich: «Kroatien sollte man eigentlich schlagen.» Kaum ausgesprochen, öffnet der Himmel seine Schleusen, was ihr Ehemann Martin gleich als schlechtes Omen versteht: «Der Himmel vergiesst Tränen. Die Frage ist, für wen?»

Mampfen lenkt ab

Die Nationalhymne ertönt. Wie auf ein geheimes Zeichen hin, stehen alle Mitglieder auf, um die «La Marseillaise» mitzusingen. Dann ist es endlich soweit: Das Spiel im Luschniki-Stadion in Moskau wird angepfiffen. Die ersten Minuten gehören den Kroaten, die druckvoller und mit mehr Leidenschaft spielen. Nach 10 Minuten ist Iwan Perišić schon dreimal gefährlich vor dem Tor der Franzosen aufgetaucht. Ein Blick auf die Allianz-Tribüne verrät: Die Frankreich-Fans versuchen das Geschehen auf dem Spielfeld mit dem Mampfen von Pommes Frites und dem Mischen von Panini-Bildern zu ignorieren.

Noch ist der Blick skeptisch.
Noch ist der Blick skeptisch. (Bild: Stefan Kämpfen)

Doch dann: Tooor! Das erste Goal für Frankreich in der 18. Minute. Antoine Griezmann versenkt einen Freistoss, den er mit einer Schwalbe herausgeholt hat. Die blau-weisse-rote Tribüne ist das erste Mal im Freudentaumel. Wir schreiben die 27. Minute: Erste gelbe Karte für Kanté. Das Spiel wird ruppiger.

Kroatien-Fans jubeln nur kurz

Die französischen Fans sind erstaunlich still. Vermutlich ahnen sie bereits, dass die Druckperiode der Kroaten ein ungutes Ende finden könnte. Et voilà! In der 28. Minute erzielt Ivan Perišić sein 21. Tor für Kroatien. Der Jubel der Schüür-Besucher ist grenzenlos. Die Allianz und ihre Frankreich-Anhänger sind klar in der Unterzahl.

Doch die Freude der Kroatien-Fans hält nur kurz an, denn Frankreich kommt zur ersten Chance in der 34. Minute. Daneben. Nur vier Minuten später spielen sich tumultartige Szenen auf dem Rasen ab. Die französischen Spieler monieren ein Handspiel von Ivan Perišić. Zur Erleichterung der Allianz-Mitglieder entscheidet der Schiedsrichter per Video-Beweis auf Elfmeter. Eine Angelegenheit für Antoine Griezmann, der sicher verwandelt: 2:1.

«Franzosen trinken nur zum Essen Wein»

Dann ist Pause. Wieder setzt heftiger Sommerregen ein. Bei den französischen Anhängern herrscht aufgeräumte Stimmung. Es wird munter über Schiedsrichterentscheidungen diskutiert und fleissig Bier getrunken. Auf die Frage, weshalb Franzosen lieber Feldschlösschen statt Wein trinken, weiss Michel Perrey sofort eine Antwort: «Das ist nur ein Klischee. Franzosen trinken nur zum Essen Wein.»

 

WM-Finale mit den Siegern schauen from zentralplus on Vimeo.

Der Fan vom FC Sochaux, der sich vor allem für Kylian Mbappé begeistert, kann auch genau sagen, was er nach dem Spiel machen wird. «Wenn Frankreich gewinnt, fahren wir mit dem Bus in die Stadt und feiern.» Bei einer Niederlage, fügt er kleinlaut hinzu, sei er genug objektiv, um dies zu akzeptieren.

Vier Tore müssten reichen

Die zweite Halbzeit beginnt. Das Spiel plätschert zuerst ereignisarm dahin, doch dann, ein Tor wie ein Paukenschlag: Paul Pogba schlenzt den Ball gefühlvoll in die linke Ecke. 3:1 für Frankreich.

Die Tribüne tobt. Kaum sind die Fans auf ihre Bänke gesessen, zappelt der Ball schon wieder im Netz: 4:1 für Frankreich. Mit dem 19jährigen Kylian Mbappé trifft schon wieder ein neuer Torschütze. Nun werden auch die Allianz-Mitglieder unruhiger. Das könnte – ja, das müsste – nun die Entscheidung sein.

Glückliche Fans.
Glückliche Fans. (Bild: Stefan Kämpfen)

Vive la République!

Auch ein krasser Torwartfehler von Schlussmann Hugo Lloris, der den Ball in der Schlussphase in die Beine von Stürmer Mario Mandžukić passt und dadurch das 4:2 verursacht, scheint die Equipe Tricolore nicht nervös zu machen. Ganz im Gegenteil: Das Team von Didier Deschamps spielt die Partie mit einer unglaublich lockeren, souveränen Art und Weise und mit einer enorm geschlossenen Mannschaftsleistung zu Ende und steht nach 90 Minuten zum zweiten Mal als Weltmeister fest.

Auf der Tribüne tobt nun der Bär. Es wird ausgelassen gefeiert, getanzt und gesungen. Und es sind sich alle einig: Vive la République, vive la France!

Auch die Jüngsten feiern.
Auch die Jüngsten feiern. (Bild: Stefan Kämpfen)

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