Boris Previšić bei einem Vortrag im Neubad in Luzern. (Bild: zVg)
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Boris Previšić bei einem Vortrag im Neubad in Luzern. (Bild: zVg)

Warum in Luzern bei einem Sieg nicht nur die Kroaten hupen werden

13min Lesezeit

Am Sonntag geht die Fussball-WM zu Ende. Ein Turnier, das in der Schweiz wohl nicht nur aus sportlichen Gründen lange in Erinnerung bleiben wird. Denn die Doppeladler-Geste hat eine heftige Kontroverse über die schweizerische Identität ausgelöst. Wir haben mit dem kroatisch-schweizerischen Professor Boris Previšić über Symbolik im Fussball gesprochen.

Wenn am Sonntag im WM-Final Frankreich auf Kroatien trifft, lässt das auch in Luzern wohl nur wenige kalt. Denn insbesondere die mittlerweile enge Verbundenheit des kleinen Balkanstaates mit der Schweiz wirft ein ganz spezielles Licht auf die Begegnung.

Die Beziehungen der Schweiz zum Balkan lieferten im Zuge dieser Weltmeisterschaft wegen des so genannten «Doppeladlers» schon einigen Gesprächsstoff. zentralplus hat mit einem Mann über diese Thematik gesprochen, der weiss, um was es im Kern eigentlich geht und weshalb am Sonntag längst nicht nur die Landsleute mit Kroatien mitfiebern werden.

Professor an der Uni Luzern

Boris Previšić ist schweizerisch-kroatischer Doppelbürger. Der 46-Jährige wurde in der Schweiz als Sohn eines Kroaten und einer Schweizerin geboren. Er lehrt und forscht an der Universität Luzern im Gebiet der Kultur- und Literaturwissenschaft und hat zur literarischen Rezeption der postjugoslawischen Konflikte habilitiert. 

zentralplus: Wie erleben Sie die Verbundenheit der hiesigen Gemeinschaften aus Ex-Jugoslawien mit der Schweiz, mit Luzern? 

Previšić:  Es gibt kaum eine Diaspora, welche besser integriert ist als die kroatische. Ich würde sogar sagen: Alle Diasporagemeinschaften aus dem Gebiet Ex-Jugoslawiens haben sich sehr gut als wichtige Puzzleteile unserer Schweizer Gesellschaft eingefügt. Zwei Faktoren haben zu diesem Erfolg geführt - ein kultureller und ein mentaler: zum einen das gleichzeitige Bewusstsein sowohl um die eigene Herkunft als auch um die Schweizer Eigenart, zum anderen die sprachliche Flexibilität und Innovationsfreudigkeit.

zentralplus: Würden die Kroaten in Luzern also auch hupen, wenn am Sonntag nicht Kroatien, sondern die Schweiz Weltmeister würde?

Previšić: Natürlich.

zentralplus: Inwiefern sind Sie persönlich mit der kroatischen Gemeinschaft in Luzern verbunden? Sind sie es tatsächlich?

Boris Previšić: Ich bin mit keiner spezifischen kroatischen Gemeinschaft verbunden. Meist organisieren sich die Kroatinnen und Kroaten im religiösen Kontext, in dem ich nicht so engagiert bin. Vielmehr bewege ich mich unter anderem in einem Kreis von postjugoslawischen Intellektuellen - falls man dem so sagen kann.

zentralplus: Im Zuge dieser WM ist in der Schweiz eine neue Kontroverse über Identität und Zugehörigkeit entfacht worden. Dabei standen zwei Spieler der Nati mit albanischen Wurzeln im Fokus. Wie haben die Intellektuellen auf die Doppeladler-Geste von Shaqiri und Xhaka reagiert? 

Previšić: Mit erstaunlicher Gelassenheit. Man hat vielmehr - da die verbalen Provokationen von den serbischen Fans massiv und unzulässig waren - ein gewisses Verständnis. Dennoch ist allen jegliche nationalistische Symbolik zuwider. Doch hier stellt sich bereits die erste Frage: Ist der Doppeladler wirklich ein nationalistisches Symbol oder drückt er einfach eine bestimmte Zugehörigkeit aus? Ich glaube, es handelt sich eher um eine Besinnung auf die eigenen Wurzeln.

«Die Schweizer Geschichte der Gegenwart hat viel mit den postjugoslawischen Kriegen zu tun.»

zentralplus: Dann ist die Doppeladler-Geste von Xhaka und Co. also keineswegs antiserbisch und nationalistisch angehaucht?

Previšić: Nein, sie war überhaupt nicht antiserbisch. Sie verwies lediglich auf die eigene Identität, darauf, dass man stolz auf sie ist und sich diesen Stolz auch von den Fans der gegnerischen Mannschaft nicht nehmen lässt. Eine Symbolik hinsichtlich der aktuellen und künftigen Politik auf dem Balkan war die Geste aber sicher nicht.

zentralplus: Sie war ihrer Ansicht nach also nicht politisch motiviert. Wie beurteilen Sie aus diesem Blickwinkel also die aktuelle Debatte in der Schweiz rund um das Zeichen?

Previšić: Ich beurteile die Debatte heute wieder sachlicher. Doch zu Beginn kurz nach dem Serbien-Spiel – vor allem durch die distanzlose Beurteilung von Sascha Ruefer – fand ich die Diskussion schwierig, weil man sich zunächst gegen einen Vorwurf, wie zum Beispiel gegen denjenigen der doppelten Staatbürgerschaft im Spitzensport, wehren musste. Ein Vorwurf, der gar nicht im Raum stehen darf.

Was der Debatte im Moment noch fehlt, ist ein historisches Bewusstsein. Erst in dem Moment, in dem man den Doppeladler als Reaktion auf die grossserbische Kriegstreiberei durch Slobodan Milošević begreift, erhält man die nötige historische Tiefenschärfe. Stellen Sie sich vor, die Deutschen hätten nach dem Zweiten Weltkrieg weiter mit dem Hitlergruss provoziert. In etwa so musste sich die serbische Provokation im Stadion für Xhaka und Shaqiri angefühlt haben.

zentralplus: Was raten Sie vor diesem Hintergrund den Schweizern im Umgang mit dem Doppeladler?

Ich rate den Schweizern zu mehr Geschichtsbewusstsein. Die Schweizer Geschichte der Gegenwart hat viel mit den postjugoslawischen Kriegen zu tun. Darum ist Schweizer Geschichte auch Teil einer jugoslawischen und postjugoslawischen Geschichte. Dafür muss man unter anderem den Ausnahmezustand unter serbischer Repression im Kosovo verstehen; gegen dieses Apartheitsregime im Kosovo haben sich die Albaner über ein Jahrzehnt gewaltfrei zu wehren versucht.

zentralplus: Was hat das mit Fussball zu tun?

Previšić: Die Flucht des sechsjährigen Mario Mandžukić (des Siegtorschützen gegen England im Halbfinal) aus dem dalmatinischen Hinterland nach Deutschland hat denselben Grund wie die gleichzeitige Übersiedlung des noch jüngeren Xherdan Shaqiri in die Schweiz: ein nationalistisches Klima, induziert durch einen grossserbischen Wahnsinn.

«Zeigen Sie mir die Luzernerin mit Wurzeln im postjugoslawischen Raum, die am Sonntag nicht für Kroatien ist!»

zentralplus: Wir haben bei den albanischstämmigen Schweizern in diesem Zusammenhang über den Doppeladler gesprochen. Gibt es so etwas in Kroatien, dem WM-Finalist und ihrer zweiten Heimat, hinsichtlich der Symbolik auch?

Previšić: Ja, das gibt es, und da zeigt sich, dass der Fussball besonders anfällig für die dunklen Seiten der Geschichte ist: Dieses kroatische Symbol hat im gewichtigen Unterschied zum albanischen Doppeladler zu Zehntausenden von Toten vor allem serbischer und jüdischer Abstammung im Zweiten Weltkrieg geführt. Es ist der Gruss «Za dom spremni» («Für die Heimat bereit»), des faschistischen Regimes und Vasallenstaates von Nazideutschland zwischen 1941 und 1945...

zentralplus: ...aber wir reden hier über die WM 2018.

Previšić: Die Fussballnationalmannschaft, welche 1998 in den kleinen Final eingezogen ist und dort gewonnen hat, stand noch sehr im Zeichen des so genannten «Heimatkriegs». Die Offensive «Oluja» («Der Sturm»), welche zur Vertreibung Hunderttausender Serben aus der kroatischen Krajna geführt hat, lag keine drei Jahre zurück.

«Nationalismus kann martialisch Andere ausschliessen. Doch gibt es auch einen inkludierenden Nationalismus.»

zentralplus: Sie bleiben immer noch in der Vergangenheit kleben.

Previšić: Ja, um aufzuzeigen, dass der Fussball, wie gesagt, schon immer eine nationalistische Komponente in sich trug. Dies ist auch heute noch so. Das «schleckt keine Geiss weg», um es auf gut schweizerdeutsch zu sagen. Somit würde auch an einem Sieg Kroatiens am Sonntag dieser Duft haften.

zentralplus: Ich sehe. Man bringt den Nationalismus trotz Ihrer Ausführungen zum gezeigten Doppeladler irgendwie nicht aus dem Fussball raus...

Previšić: Ja, aber man muss differenzieren. Nationalismus kann martialisch Andere ausschliessen. Doch gibt es auch einen inkludierenden Nationalismus. Man ist stolz auf gemeinsame Werte, die man mit allen teilt. Wir haben heute ein modernes Kroatien. Es wurde Kroatien per Volksentscheid EU-Mitglied in einem vereinigten, solidarischen Europa. Zum anderen vertritt Kroatien aus historischer Perspektive sämtliche postjugoslawischen Republiken.

zentralplus: Sie sprechen die Solidarität an. Wie sind die verschiedenen Gemeinschaften aus dem Balkan in der Schweiz vor diesem historischen Hintergrund heute miteinander verbunden? 

Previšić: Ich erlebe die postjugoslawische Diaspora der Bosnjaken, Kosovaren, Kroaten, Makedonen, Montenegriner, Serben und Slowenen sehr fragmentiert. Die nationalistische Politik, welche zum Zerfall Jugoslawiens geführt hat, zeitigt bis heute ihre Wirkung. Doch immer wieder trifft man auf Gemeinsames, das dann auch verbindet: eine gemeinsame Geschichte, den dritten Weg der Blockfreien während des Kalten Krieges und eine weitestgehend gleiche Sprache.

zentralplus: Werden die diese unterschiedlichen postjugoslawischen Gemeinschaften in Luzern am Sonntag Kroatien also die Daumen drücken? 

Previšić: Ja, definitiv. Zeigen Sie mir die Luzernerin mit Wurzeln im postjugoslawischen Raum, die am Sonntag nicht für Kroatien ist! Und diese Solidarität, trotz dem Wissen um die mitunter dunkle kroatische Geschichte, insbesondere im Zweiten Weltkrieg, im Bosnienkrieg und in der bereits genannten Militäroperation, ist beachtlich.

zentralplus: Trotz der Verbundenheit haben Sie nun aber schon mehrfach von immer noch lodernden Konflikten zwischen den verschiedenen Ethnien auf dem Balkan gesprochen. Weshalb diese Ambivalenz?

Previšić: Ein ethnischer Konflikt ist nur ein Resultat unterschiedlicher Interessen zwischen politischen oder ökonomischen Gruppen. Dies gilt für die Schweiz wie für Darfur, aber auch für den Balkan. Dennoch sind die Wunden des Krieges, insbesondere in den Kriegsgebieten in Kroatien und vor allem in Bosnien, noch nicht verheilt. Solange die Kriege vor Ort, gerade in der Schule, überhaupt nicht neutral aufgearbeitet werden, bilden sie immer noch Zündstoff für politische Manipulationen. Aber nochmals: Es sind nicht nationalistische Aspekte, die den Krieg ausgelöst haben, sondern machtpolitisch-ökonomische.

zentralplus: Also kein Nationalismus? Können Sie das ausführen?

Previšić: Mit dem Ende des Kommunismus waren die staatsnahen serbischen Eliten versucht, die alten Strukturen und die damit verbundenen Pfründe in die postkommunistische Ära zu retten. Slobodan Milošević, der damalige Präsident der sozialistischen Republik Serbien, machte das exemplarisch, indem er den gesamtjugoslawischen Slogan «Bratstvo i Jedinstvo» («Brüderlichkeit und Einheit») nationalistisch wendete: Die Solidarität galt nicht mehr allen Jugoslawen, sondern nur noch allen Serben. Der demokratische Aufbruch, der sich eigentlich gegen eine korrumpierte Elite und ein erstarrtes System wendete, wurde somit nationalistisch instrumentalisiert. 

zentralplus: Blicken wir nochmals auf den Sonntag: Was würde der WM-Titel in Kroatien auslösen? Was würde er für das Land bedeuten? 

Previšić: Die Euphorie ist jetzt schon riesig. Es wäre ein gewisser Stolz, der weniger nationalistisch sein wird als vor genau zwanzig Jahren.

zentralplus: Was passiert in Luzern, wenn Kroatien am Sonntag gewinnt?

Previšić:  Der Jubel in der Stadt würde überborden - nicht nur wegen den Kroaten, sondern wegen allen Anderen aus Ex-Jugoslawien und all den Schweizern, welche stolz sind, dass sie auch zu diesem Exploit beigetragen haben. Es ist letztlich ein Sieg für die EU - samt direkter Schweizer Beteiligung in der Person von Ivan Rakitić.

zentralplus: Warum ist Kroatien im Sport so erfolgreich? Im Wasserball die Nummer 1, die Geschwister Kostelic dominierten im Skifahren, Marin Cilic spielt im Tennis ganz vorne mit und jetzt noch der WM-Final...

Previšić: Das ist eine lange Geschichte, die wahrscheinlich ihren Höhepunkt in der erfolgreichen Befreiung der Partisanen von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg hat. Als Partisan ist man ein selbstloser Individualist. Das ist Kroatiens Geheimrezept.

zentralplus: Wo schauen Sie am Sonntag den Match? Gehen Sie selber an einen Autokorso? 

Previšić: Für mich erfordert das Verfolgen eines Fussballspiels extreme Konzentration (lacht). Zudem muss ich ständig auf das fussballerische Expertenwissen meiner drei Söhne zurückgreifen, so dass ich den Match mit ihnen in aller Ruhe zu Hause schauen muss. Bevor ich dann mit ihnen... Aber das verrate ich nun nicht.

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