Musikchef Moritz Stettler und Programmleiter Samuel Konrad (rechts) verlassen Radio 3fach.
  (Bild: giw)
Gesellschaft

Musikchef Moritz Stettler und Programmleiter Samuel Konrad (rechts) verlassen Radio 3fach.   (Bild: giw)

«Ich habe in den vergangenen Jahren sicher Luzerner Bands enttäuscht»

10min Lesezeit

Derzeit reitet das Kultur- und Jugendradio 3fach auf einer Erfolgswelle. Noch vor vier Jahren standen die Luzerner Radiomacher jedoch vor dem Abgrund. Nun gehen mit Programmleiter Samuel Konrad und Musikchef Moritz Stettler gleich zwei Personen, die den Wiederaufbau geprägt haben.

Im Spätherbst 2018 verlassen gleich zwei Schlüsselpersonen das Kultur- und Jugendradio 3fach. Sowohl die Stellen von Musikchef Moritz Stettler als auch von Programm- und Redaktionsleiter Samuel Konrad sind derzeit öffentlich ausgeschrieben. Beide arbeiten seit mehr als drei Jahren für das Luzerner Medium.

Muss sich der alternative Sender im Jubiläumsjahr mit einer Führungskrise herumschlagen? «Keineswegs», sagt Geschäftsführerin Alice Reinhard. Hintergrund der Abgänge ist, dass beide für Radio 3fach eine längere Zeit für den Sender tätig waren und sich nun neuen Herausforderungen zuwenden. «Der Zufall will es, dass es die beiden fast zeitgleich aufhören», sagt Reinhard.

Ein Start in extremis

Personelle Veränderungen seien denn auch keine Seltenheit: «Im 3fach kommt es oft zu Wechseln, die festen Mitarbeiter bleiben in der Regel zwei bis drei Jahre», sagt Reinhard, welche der vierköpfigen Geschäftsleitung vorsitzt. 3fach sendet momentan aus einem Seefrachtcontainer auf dem Inseli – und die Geschäftsleitung hält ihre Sitzungen deshalb dort ab (siehe Box). Bei lockerer Stimmung unter strahlend blauem Himmel findet sich auch Zeit für ein Gespräch mit den beiden Zurücktretenden. Begonnen haben die vier Jahre beim Jugendsender jedoch nicht so lauschig. 

Der frischgebackene Programmleiter Samuel Konrad war kaum angekommen, da kam es zum grossen Knall: Zwei Wochen nach Arbeitsbeginn schmierten die 3fach-Server ab. 16 Jahre Songs, Beiträge und Dateien gingen verloren, inklusive der Kontaktliste des Memberclubs, deren Mitglieder das Radio unterstützten. «Wir haben über Nacht 400 bis 500 Unterstützer verloren.» Für Konrad hiess das Vollgas geben. «Ich war damals 60 Prozent angestellt und musste gleich von Beginn weg 120 Prozent geben. Das war schon heftig.»

 

Luzerner Promis kommen zu Hilfe

Doch der Totalausfall hatte auch seine positiven Aspekte – denn er zeigte laut Konrad, wie gut aufgestellt und beliebt der Sender ist. Es entstand unter anderem ein Clip mit den Luzerner Promis Anja Zeidler, Dave Zibung, Donghua Li, Jakob Jantscher, Massimo Portmann und Urs W. Studer, der für eine neue Vereinsmitgliedschaft warb. Alle Beteiligten hätten sofort zugesagt. Das Sedel-Urgestein Martin Gössi und Heidi Happy stellten dem Sender ihre Stimmen für Jingles und Einspieler zur Verfügung. «Wir erhielten volle Unterstützung – das war ein tolles Gefühl», sagt Konrad.

Ein paar Monate später, im März 2015, kam aus Bern der neue Musikchef Moritz Stettler. Er hat relativ wenig mitbekommen von der Krise – für ihn war es ein kompletter Neustart. Rund vier Jahre später sagen die beiden Adieu. Ein Abgang, der nicht leichtfällt. «Ziemlich alles in meinem Leben ist irgendwie mit 3fach verbunden», sagt Stettler. Er, der Luzern und seine Kulturszene zwar etwas kannte, aber sein persönliches Netzwerk hier beinahe von null auf aufbaute, schätzt die sehr freundliche und familiäre Kultur des Senders sehr.

Für beide war es eine äusserst intensive Zeit, die auch enorm viel Verantwortung mit sich brachte. «Wir sind heute eigentlich ein KMU, obwohl wir immer noch als Verein organisiert sind.» 47 Personen sind insgesamt neben Stettler und Konrad beim Radio angestellt. Dass man heute so gut dasteht, daran haben die beiden einen wichtigen Anteil.

Samuel Konrad überlegt sich, an der Universität zu doktorieren.
Samuel Konrad überlegt sich, an der Universität zu doktorieren. (Bild: giw)

Regionale Musik ja, aber nur wenn die Qualität passt

«Nach dem Serverausfall haben wir die Strukturen grundlegend erneuert. Unter anderem wurden ein Vorstand und ein Beirat geschaffen, um die hohe Fluktuation im Personalbereich etwas aufzufangen», sagt Programmchef Konrad. Ausserdem habe man eine Organisationsberatung in Anspruch genommen und in der Folge 200 Stellenprozente geschaffen. Möglich wurde das auch durch die vielen zusätzlichen Mittel, welche das neue Radio- und TV-Gesetz in die Kassen des Radios spülte.

Auch inhaltlich haben die beiden 3fach-Veteranen die Sendungen geprägt. Stettler setzte gegenüber seinem Vorgänger Kilian Mutter vermehrt auf elektronische Musik und Hip-Hop – beide Genres sind ihm persönlich wichtig. Gerne nimmt er auch regionales und lokales Musikschaffen ins Programm auf – aber nicht auf Kosten der Qualität. «Ich habe in den vergangenen Jahren sicher Luzerner Bands enttäuscht, weil wir ihre Musik nicht spielten. Einfach weil die Musik nicht meinem Qualitätsanspruch genügte oder zu wenig innovativ war», sagt Stettler.

Programmchef und Musikchef weiterhin im Vorstand

Innovativ und alternativ, das ist ein Anspruch an die Sounds, der nicht nur zur Identität von 3fach gehört, sondern auch durch die Konzession gefordert ist. Während Programmchef Konrad betont, dass er die Newsinhalte nach dem Geschmack der jungen Zielgruppe ausrichtet, übt sich Musikchef Stettler in punkto Mainstream in Zurückhaltung. «Mir ist bewusst, dass sich viele potenzielle Hörer wohl eher die Charts wünschen. Doch das spielen wir nicht.»

Konrad verantwortet 22 Sendungen respektive 35 unterschiedliche Programmfenster. Unter anderem die Newsmeldungen, die ausserhalb der Hauptsendungen nicht immer mit Originalität und Regionalität glänzen – oft werden Allerweltsmeldungen von der SDA präsentiert. Diesen Vorwurf höre er immer wieder, meint Konrad. Man habe in dem Bereich jedoch viel gemacht und auch die Qualität deutlich gesteigert, beispielsweise mit Berichten und Features. «Wir wollen allerdings nicht, dass sich 3fach wie SRF 4 News anhört.» Der Fokus liege klar bei Musik und Kulturjournalismus – Politik und Regionales komme mit Formaten wie etwa Krass Politic oder der Stooszyt aber durchaus zum Zug.

Moritz Stettler und Samuel Konrad im Seefrachtcontainer auf dem Inseli, der derzeit als Radiostudio genutzt wird.
Moritz Stettler und Samuel Konrad im Seefrachtcontainer auf dem Inseli, der derzeit als Radiostudio genutzt wird. (Bild: giw)

Der Programmchef selbst beschäftigt sich stark mit Politik und kann sich vorstellen, im nächsten Jahr an der Universität im Bereich Politologie zu doktorieren. Was er beruflich machen will nach der Zeit bei 3fach, diese Entscheidung schiebe er noch etwas vor sich her. Gleich geht es Stettler, der erst vor zweieinhalb Monaten Vater wurde und zudem in der Band All Xs spielt. Die Zeit mit dem Kind möchte er erst mal etwas auskosten können. «Vielleicht suche ich nun eher einen 9-to-5-Job, der etwas besser planbar ist», sagt der Musikchef.

«Jetzt haben wir schon etwas Endspurt-Feeling», sagen die beiden. Das Kapitel abzuschliessen, verbinden beide mit gemischten Gefühlen. Einerseits hadern sie damit, nicht mehr operativ an der Entwicklung des Senders beteiligt zu sein, andererseits freuen sie sich auch, neue Wege zu gehen. Beide werden aber im 3fach-Vorstand Einsitz nehmen und bei strategischen Entscheiden ihre künftige Expertise einfliessen lassen.

Geschäftsleiterin erwartet zahlreiche Bewerbungen

Eines ist Konrad wichtig zu betonen: «Wir sind ein Jugendsender, ein Ausbildungssender und ein alternativer Sender – doch in erster Linie sind wir ein Radio, dessen Arbeit ernst genommen werden soll.» Zu stark möchte der Programmchef- und Redaktionsleiter aber nicht mehr dreinreden, wenn er weg ist. Sie sind überzeugt, den Sender auf die richtige Bahn gelenkt zu haben, jetzt brauche es frische Gesichter.

Die Vorsitzende der Geschäftsleitung ist überzeugt, dass die Suche nach Nachfolgerinnen keine grosse Herausforderung darstellt: «Ich bin der Meinung, dass es sich um attraktive Stellen mit vielen Gestaltungsfreiheiten handelt», sagt Reinhard. Sie erwartet, dass zahlreiche gute Bewerbungen für die beiden Führungspositionen eintreffen werden. Wichtig ist der Radiochefin neben den Qualifikationen insbesondere, dass die zukünftigen Leitungspersonen viel Motivation und Elan für den Sender an den Tag legen.

Das Jubiläums-Gastspiel von Radio 3fach im Inseli

Zum 20-Jahr-Jubiläum hat das Jugendradio 3fach sich ein Gastspiel der besonderen Art ausgedacht: Während 20 Tagen im Juli versorgen die jungen Moderatoren die Region mit alternativer Musik und News von einem grossen Seefrachtcontainer auf dem Luzerner Inseli aus. Gleich neben der eigens betriebenen Sommerbar Volière kann man den Radiomachern beim Arbeiten zusehen. Ausserdem finden regelmässig Konzerte vor Ort statt und auch die Geschäftsleitung trifft sich für Sitzungen unter freien Himmel im lauschigen Park.

«Es war eine sehr schöne Eröffnung und die bisherigen Konzerte waren sehr gut besucht», bilanziert Geschäftsführerin Reinhard die ersten Tage des Sonderbetriebs. «Ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten und es sind Leute vorbeigekommen, die noch nie von Radio 3fach gehört haben.»

Reinhard hofft, die Arbeit des Senders dem Publikum näherzubringen. Das Jubiläumsjahr des alternativen Senders, das auch viel für die Ausbildung von jungen Radioschaffenden tut, geht mit weiteren Höhepunkten einher. Am 18. August findet im Rahmen des Gratisfestivals «Funk am See» im Anschluss an die Konzerte eine grosse 3fach-Jubiläumsparty in den Räumen des Verkehrshauses statt. Weiter entsteht im Rahmen des Jubiläums ein Film von Luzerner Filmschaffenden, der ein unkonventionelles Porträt des Senders bietet, und mithilfe diverser Luzerner Musikschaffenden wird eine Vinyl-Compilation zusammengestellt.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft