Der Turm der Peterskapelle. (Bild: Urban Schwegler)
Gesellschaft

Der Turm der Peterskapelle. (Bild: Urban Schwegler)

Heiliger Bimbam: Handy-Klingeltöne ersetzen Kirchenglocken

3min Lesezeit

Wenn die Kirchenglocke läutet, nehmen das viele Luzerner aus reiner Gewohnheit gar nicht mehr richtig wahr. Das wird sich bei der Peterskapelle ändern. Denn im Juli ertönt dort ein bekannter Handy-Klingelton. Eine Künstlerin erklärt, was dahinter steckt.

Heute klingelt ständig irgendwo ein Handy. Daran haben wir uns gewöhnt. Was aber, wenn der Klingelton plötzlich vom Kirchturm herab ertönt? Das wird während zwei Wochen im Juli bei der Luzerner Peterskapelle der Fall sein.

Streit um Kirchenglocken

Immer wieder sorgen die Klänge von Kirchenglocken für Ärger. Das nächtliche Geläut der reformierten Kirche in Wädenswil ZH löste einen Rechtsstreit aus, der schliesslich gar vor dem Bundesgericht landete. Dieses entschied im letzten Dezember, dass die Glocken auch nachts läuten dürfen.

Urban Schwegler, Kommunikationsverantwortlicher der katholischen Kirche der Stadt Luzern sagt dazu: «Wir erhalten sehr selten negative Rückmeldungen. Schliesslich ist der nächtliche Glockenschlag in der Stadt Luzern fast überall abgestellt.»

Seit einigen Monaten schweigen die Glocken der Peterskapelle. Das älteste Kirchengebäude der Stadt Luzern wird zurzeit für über vier Millionen Franken erneuert (zentralplus berichtete). Die verstummten Glocken haben Klarissa Flückiger und Mahtola Wittmer, Studierende der Hochschule Luzern, auf die Idee für ihre Kunstinstallation «Zeitzeichen» gebracht: «Wir fragten uns, wie Anwohner, Passanten und Touristen reagieren würden, wenn das Glockengeläut der Peterskapelle durch einen Handy-Klingelton ersetzt würde.»

Ruft jemand Wichtiges an?

In unregelmässigen Abständen und Längen wird zwischen dem 16. und 30. Juli anstelle des klassischen Glockengeläuts ein Handy-Klingelton vom Kirchturm von St. Peter zu hören sein. Überraschen und irritieren wollen Flückiger und Wittmer damit – und zum Nachdenken anregen.

Die beiden Künstlerinnen Klarissa Flückiger (rechts) und Mahtola Wittmer lancieren ein Kunstprojekt bei der Peterskapelle.
Die beiden Künstlerinnen Klarissa Flückiger (rechts) und Mahtola Wittmer lancieren ein Kunstprojekt bei der Peterskapelle. (Bild: zvg)

Handy-Töne seien heute präsenter und verbreiteter als Kirchenglocken. «Ertönt ein Handy-Klingelton, reagieren die meisten Menschen sofort. Es könnte schliesslich eine wichtige Person anrufen, es könnte etwas geschehen sein oder man könnte etwas verpassen», stellt Klarissa Flückiger fest. Zu hören wird der klassische Ton «Auftakt» des iPhones sein.

«Ist das Handy der moderne Gott?» 

Klarissa Flückiger

Flückiger und Wittmer fragen: «Wen fragen die Menschen heute um Rat, wenn sie Hilfe brauchen? Wem vertrauen sie alles an? Mit wem kommunizieren sie, wenn sie alleine sind? Hat der Handy-Klingelton also die Kirchenglocken ersetzt? Und ist das Handy der moderne Gott?» Es soll also durchaus eine kritische Gegenüberstellung der neuen Medien und der Kirche stattfinden.

Test sorgte bereits für Verwirrung

Der Handy-Klingelton wird durch Boxen im Kirchturm über den gesamten Kapellplatz erschallen. Zudem werde man an der Bauabsperrung eine kurze Information anbringen. «Es soll ganz bewusst nicht sehr auffallend sein», sagt Flückiger. 

Die Künstlerin erklärt, dass die Reaktionen der Menschen in der Umgebung der Kirche am Kapellplatz bei den ersten Tests sehr interessant waren. «Wenn dieser bekannte Ton plötzlich von oben erklingt, sind die Leute verwirrt.» Genau diese Irritation wolle man auslösen. 

Die Kunstaktion «Zeitzeichen» bildet den Abschluss einer Reihe von Projekten, die Studenten der Hochschule Luzern an der und um die Baustelle der Peterskapelle in den vergangenen Monaten realisiert haben. «Man wollte einen zeitgenössischen Dialog zwischen Kirche und Kunst neu aufleben lassen – ich glaube, das ist uns gelungen», fasst Flückiger zusammen. 

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