Das Waffengeschäft «Stampfli» an der Zürichstrasse in Luzern. (Bild: bic)
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Das Waffengeschäft «Stampfli» an der Zürichstrasse in Luzern. (Bild: bic)

Luzerner Waffenhändler: «Heute ist eine Pistole wieder cool»

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Immer mehr Schweizer sind im Besitz einer Waffe. Dies freut einen Luzerner Waffenhändler. Die Gründe für die hohe Nachfrage ortet er mitunter im gesellschaftlichen Wandel. Doch trotz dieser Entwicklungen bereitet ihm die Zukunft Sorgen. Schuld sei die Politik.

Martin Küng ist ein vielbeschäftigter Mann. Der 46-jährige Luzerner ist Inhaber des Waffengeschäfts «Stampfli Waffen» an der Luzerner Zürichstrasse. Für unseren Besuch bleibt nur wenig Zeit. «Ich habe bis zu den Ferien noch enorm viel zu erledigen», sagt er. Vor Ort erzählt er uns, weshalb.

Das Thema «Waffen» erhitzt derzeit die Gemüter. Immer wieder erreichen uns Meldungen über Amokläufe an amerikanischen Schulen. Die Forderung nach einer Verschärfung des Waffenrechts treibt in den USA mittlerweile hunderttausende auf die Strasse. In der Schweiz beschäftigt das verschärfte Waffenrecht der EU aktuell die Politik (siehe Box). Hochemotionale Debatten stehen bevor.

Eine neue gesellschaftliche Offenheit?

Doch wie erlebt der Luzerner Waffenhändler Martin Küng die jüngsten Entwicklungen und Diskussionen? Und wie geschäftet es sich heute in dieser Branche in der Stadt Luzern?

Küng hat davon eine klare Vorstellung: «In vielen Gesellschaften wie auch der Schweiz ist man in den letzten Jahren grundsätzlich toleranter geworden. Dies betrifft auch den Waffenbereich.» Die kulturelle Durchmischung und die diversen Glaubensrichtungen hätten ihren Teil dazu beigetragen, ist er überzeugt.

Dies habe damit zu tun, dass die Jungen in einer Gesellschaft aufwachsen, in welcher Offenheit und Toleranz gegenüber dem anderen, eher Unbekannten immer mehr vorgelebt und quasi alltäglich wird. «Man lässt den anderen heute mehr in Ruhe als früher», vermutet Küng.

Heute ärgere man sich zum Beispiel auch viel weniger über einen lärmenden Auspuff als vor 30 Jahren. «Früher wurden Leute, die solche Autos fuhren, rasch als Spinner bezeichnet. Heute viel weniger», so Küng. Dasselbe gelte für Waffen und deren Besitz. Vollständig erklären kann sich Küng das Phänomen indes nicht.

Er fügt aber ein weiteres Beispiel an: «In den 1980er-Jahren haben viele Männer ihre Waffe verkauft, als sie heirateten. Die Begründung war immer, dass die Frau keine Waffe im Haus haben möchte.» Heute höre er dies jedoch nicht mehr. Die Frauen würden sogar oft selber das Schiessen entdecken. «Damals herrschte ein Pazifismus, den es heute so nicht mehr gibt», so Küngs Vermutung.

«In meiner Jugend bin ich öfters auf Ablehnung oder Unverständnis gegenüber meinem Beruf gestossen.»

Martin Küng, Inhaber «Stampfli Waffen» Luzern

«Die jungen Leute sind aufgeschlossener als auch schon und die Lust, etwas Neues zu entdecken, ist wieder stärker geworden», ist Küng überzeugt. Dazu gehöre auch das Schiessen als Freizeitbeschäftigung. Dieses neue Verständnis und die Offenheit spüre er auch persönlich. «In meiner Jugend bin ich öfters auf Ablehnung oder Unverständnis gegenüber meinem Beruf gestossen. Doch heute ist eine Pistole wieder eher cool.»

Küng hat als Jugendlicher die Ausbildung zum Büchsenmacher bei «Stampfli Waffen» absolviert. Der Schiesssport weckte bei ihm das Interesse an Schusswaffen. Später konnte er seinen ehemaligen Lehrbetrieb selber übernehmen. Küng beschäftigt aktuell drei Mitarbeiter. Zum Laden an der Zürichstrasse kommt eine eigene Werkstatt in Gelfingen im Luzerner Seetal.

Immer mehr Frauen …

Insbesondere Schusswaffen scheinen im Trend zu sein. Die Zahl registrierter Waffen nimmt in der Schweiz stetig zu. Knapp 900’000 sollen es mittlerweile sein. Zählt man die nicht registrierten Waffen dazu, sind es laut Schätzungen bis zu 3,4 Millionen.

Küng fällt auf, dass insbesondere viele junge Frauen bis zirka 30 aktuell den Schiesssport ausüben. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern, was den Umgang und den Besitz von Waffen betrifft, würden heute immer mehr verwischt, vermutet Küng.

Zu den Sportschützinnen gesellten sich auch immer mehr Jägerinnen. «In den Jägerkursen gab es in allen Altersklassen in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen», erklärt Küng. Dieses Jahr seien im Kanton Luzern von 45 Teilnehmern acht weiblich.

«Im Wallis soll es bereits einen Jagd-Lehrgang mit über 50 Prozent Frauen gegeben haben», so Küng. Diesen Trend spüre er persönlich daran, dass immer mehr Frauen zu seiner Kundschaft gehören.

… und mehr Sportschützen

Küngs Hauptklientel sind Sportschützen und Jäger. Dazu kommen einige Sammler und Liebhaber. Diese kommen aus der ganzen Schweiz und sogar aus dem Ausland. Die Sportschützinnen und die Jäger stammen vor allem aus dem Kanton Luzern.

«Rein zahlenmässig ist die Jagd mehr oder weniger stabil. Die Zahl der Sportschützen hat in den letzten Jahren aber zugenommen», analysiert Küng die Entwicklung. Vielfach seien es heute Personen, die den Sport nicht mehr in einem Verein ausüben, sondern einfach in der Freizeit gemeinsam schiessen. Zum Beispiel in den immer zahlreicher werdenden privaten Schiesskellern.

Der Showroom bei «Stampfli Waffen». Dutzende Gewehre und Pistolen unterschiedlicher Kaliber und Funktionen gibt es hier zu kaufen.
Der Showroom bei «Stampfli Waffen». Dutzende Gewehre und Pistolen unterschiedlicher Kaliber und Funktionen gibt es hier zu kaufen. (Bild: bic)

«Die Leute kennen sich heute mit Waffen aus»

Neben gesellschaftlichen gibt es aber auch technologische Veränderungen, die Einfluss auf das Waffengeschäft haben. Insbesondere die Digitalisierung. «Die heutigen Kunden sind dank dem Internet viel besser informiert und wissen ganz genau, was für sie infrage kommt», erklärt Küng. Die verkauften Produkte seien heute deshalb viel individueller.

«Während wir früher fertige Kombinationen von Gewehr und Zielfernrohr verkauften, haben wir diese Sets heute nicht mehr im Angebot», erklärt Küng. «Der Kunde sagt uns heute meistens genau, welche Waffe er haben möchte und welches Fernrohr für ihn infrage kommt.»

«Voraussichtlich würde das bei uns einen Arbeitsplatz kosten.»

Trotz dieser Veränderungen unterscheide sich das Waffengeschäft im Kern indes nicht wesentlich von der Vergangenheit. «Waffen und Munition sind auch heute noch unser Hauptgeschäft und die umsatzstärkste Sparte. Vor 30 Jahren war dies ähnlich», so Küng.

Die direkte Wahrnehmung der Bevölkerung gegenüber Waffen und somit auch gegenüber Geschäften, die sie verkaufen, könne er nicht beurteilen. Heute seien die Waffengeschäfte jedenfalls sehr seriös und gut kontrolliert, sagt Küng.

«Einige Leute haben Angst»

Doch gibt es auch Kunden, die eine Waffe nicht nur zu Sportzwecken kaufen? «Ja, die gibt es», sagt Küng. «Ich hatte in jüngster Zeit eine handvoll Kunden, die sich eine Waffe kauften, um sich verteidigen zu können.» Dazu beigetragen habe mitunter die hohe Zahl von Asylsuchenden vor drei Jahren. Dies hätten die Kunden ihm gegenüber offen zugegeben. Bei ein paar anderen habe er zumindest die Vermutung gehabt, dass dies der Grund für den Kauf war, sagt Küng. 

Die neue EU-Waffenrichtlinie

Die Europäische Union hat letztes Jahr eine Anpassung der Waffenrichtlinie verabschiedet. Als Mitglied des Schengenraums muss auch die Schweiz mitziehen. «Im Fokus stehen halbautomatische Waffen, die auch bei den Terroranschlägen von Paris im November 2015 verwendet wurden», schreibt der Bund. Zu dieser Kategorie gehört auch das Sturmgewehr 90 der Schweizer Armee. «Die Gefährlichkeit dieser Waffen besteht darin, dass mit ihnen ohne Nachladen mehrere Schüsse hintereinander abgegeben werden können», so der Bund. Der Zugang zu solchen Waffen soll daher eingeschränkt und der Informationsaustausch zwischen den Schengenländern verbessert werden. Der Bundesrat handelte für Sportschützen und die Armeewaffe in der Schweiz jedoch eine Ausnahmebewilligung aus.

Ab und zu hörte er den Satz: «Im Moment kann man nicht wissen, wie sich die Politik in der nahen Zukunft entwickelt. Da fühle ich mich sicherer, wenn ich eine Waffe zuhause habe.» Ganzheitlich betrachtet würden diese Kunden aber in der grossen Masse verschwinden.

Ein Verkauf kann verweigert werden

Und was ist mit Kunden, bei denen ein Verdacht besteht, dass sie mit der Waffe jemanden gefährden könnten? «Jeder Verkäufer hat die Möglichkeit den Verkauf abzubrechen, falls er ein ungutes Gefühl hat», erklärt Küng. Die Kunden würden vorgängig von der Polizei geprüft und befragt so dass sie bei einem Verdachtsfall gar nicht mit einer Bewilligung im Laden erscheinen.

«Soweit ich mich erinnern kann, habe ich persönlich einmal einen Verkauf verweigert. Der Verdacht auf Suizid hat sich leider später bestätigt, der Mann hat einen anderen Weg gewählt um aus dem Leben zu scheiden», so Küng.

«Bei Waffen, die keine Bewilligung brauchen und nur ein zentraler Strafregisterauszug erforderlich ist, hat die Polizei unmittelbar nach dem Kauf immer die Möglichkeit diese wieder ein zu ziehen», so der Waffenhändler. Die Polizei wird über jeden Waffenkauf informiert. Dieser Fall sei indes äusserst selten und komme nur alle paar Jahre einmal vor.

Immer mehr Administration

Momentan ist Küng mit dem Geschäftsverlauf zufrieden. Doch als Waffenhändler stehe er vor einigen Herausforderungen, wie er sagt. «Wirtschaftlich sind die Waffengeschäfte seit Jahren durch Gesetzesverschärfungen und zunehmenden administrativen Aufwand belastet.» Ein Dorn im Auge sind ihm insbesondere die neuen Richtlinien des Schengenabkommens, die eine weitere Verschärfung des Waffenrechts bedeuten würden (siehe Box).

«Voraussichtlich würde das bei uns einen Arbeitsplatz kosten», blickt Küng etwas bang in die Zukunft. «Um den zunehmenden schriftlichen Aufgaben gerecht zu werden, prüfen wir auch andere Öffnungszeiten. Viele unserer Mitbewerber lassen ihre Geschäfte bereits heute morgens geschlossen, um die administrativen Arbeiten sowie das Bestellwesen erleidigen zu können.»

Wie es an der Zürichstrasse weitergeht, entscheidet also zu einem guten Stück die Politik. Letztlich wird aber sehr wahrscheinlich das Schweizer Volk über das neue Waffenrecht entscheiden, sollte es in der Schweiz eingeführt werden. Verschiedene Verbände haben schon mal das Referendum angekündigt.

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