Die Mitbewohner Abdalkhalig Mohammed und Nora Vetter im Neubad. (Bild: jav)
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Die Mitbewohner Abdalkhalig Mohammed und Nora Vetter im Neubad. (Bild: jav)

«Jetzt fühle ich mich als Teil der Gesellschaft»

4min Lesezeit

«Wegeleben» ist ein Schweizer Projekt, das Flüchtlinge und WGs «verkuppelt». In Luzern hat das Projekt ein erfolgreiches erstes Jahr hinter sich. Dabei hat auch Abdalkhalig «Abdal» Mohammed aus dem Sudan eine WG gefunden. Und ist damit endlich angekommen.

Abdalkhalig «Abdal» Mohammed ist 28 Jahre alt und lebt seit drei Jahren in der Schweiz. Er war alleine aus dem Sudan geflüchtet und wurde seither von einem Asylzentrum ins nächste verschoben.

Basel, Emmenbrücke, Willisau, Ruswil – zum Schluss wohnte er in einer Caritas-Wohnung an der Luzerner Kellerstrasse. Doch wohl fühlte der ehemalige Soziologiestudent sich dort nicht. «Ich hatte mit den anderen Leuten im Haus kaum Kontakt. Es gab immer wieder Probleme – Hausregeln, Lärm, Drogen waren Thema.» Eine Welt, mit der Mohammed nichts zu tun haben wollte. Er sei deshalb viel alleine gewesen. Erst durch die Kontakte im Treffpunkt von Hello Welcome kam er gefühlt in der Schweiz an. Und hier lernte er auch das Projekt «Wegeleben» kennen.

«Er war der erste Interessent, und es hat einfach sofort gepasst.»
Nora Vetter

Sofort sei ihm klar gewesen, dass er über das Projekt nach einem WG-Zimmer suchen wollte. «Ich wollte mir nicht alleine eine Wohnung nehmen und vor allem wollte ich Kontakt zu den Menschen hier finden», sagt er und blickt mit einem Lachen erst zu seiner Mitbewohnerin und dann über den belebten Vorplatz des Luzerner Neubads.

Musiker-WG mit freiem Zimmer

Die Mitbewohnerin, Nora Vetter, kommt ursprünglich aus Winterthur. Seit vier Jahren lebt die 26-Jährige in Luzern. Die Bratschistin studiert an der Hochschule für Musik und lebt in einer WG. Als ein Mitbewohner auszog, schrieben die drei verbliebenen Musiker das Zimmer online aus. Da kam Drilon Bekiri von «Wegeleben« auf sie zu. Sie habe von dem Projekt bereits früher erfahren und sich sehr dafür interessiert. «Aber wir wären wohl ehrlicherweise zu faul gewesen, uns selbst zu melden», gibt Vetter zu. Nach der Anfrage jedoch sei sofort klar gewesen, dass sie dabei sein wollten. «Es ist eine einfache und doch grossartige Idee, junge Menschen so zu integrieren.»

Zu «Wegeleben»

Nicht nur Abdal Mohammed hat durch das Projekt ein WG-Zimmer gefunden, die Bilanz von «Wegeleben» in Luzern ist nach dem ersten Jahr äusserst positiv ausgefallen. Das Interesse sei seit der Lancierung ungebrochen, erklärte Mitbegründer Drilon Bekiri im April 2018 (zentralplus berichtete). Über 20 geflüchtete Menschen konnten bis dahin mit WGs zusammengebracht werden. Zudem seien bestimmt 30 Personen auf der Warteliste.

Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die WG-Kultur auch für geflüchtete Menschen zugänglich zu machen. WGs und Flüchtlinge, die sich dafür interessieren, werden zu einem Treffen eingeladen und danach passend «verkuppelt». Für den Rest tragen sie selbst die Verantwortung. «Wegeleben» steht unterstützend zur Seite, doch organisieren müssen sich die WGs und die neuen Mitbewohner selbst. Wer Interesse daran hat, «Wegeleben» zu unterstützen, findet Infos auf der Webseite.

Vor drei Monaten stand Mohammed schliesslich erstmals in der Wohnung von Nora Vetter, Benjamin Reis und Pascal Rosset. «Er war der erste Interessent, und es hat einfach sofort gepasst», so Vetter. Wenige Tage später war bereits alles organisiert und Mohammed zog ein. «Ich war sehr überrascht, wie schnell und einfach das Ganze auch auf Seiten der Behörden funktioniert hat», so Vetter. Sobald der Mietvertrag vorgelegen habe und darin klar war, dass die Miete unter dem geforderten Betrag liege, sei alles ganz schnell gegangen, erklärt Mohammed. Für ihn sei das eine grosse Erleichterung gewesen.

Das ganz normale WG-Leben

«Ich fühle mich jetzt als Teil der Gesellschaft», sagt Mohammed und sein lachendes Gesicht wird kurz ernst. Er fühle sich zuhause, im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, und er sei sehr dankbar dafür. Öfters werde nun gemeinsam gekocht, Mohammed besucht die Konzerte seiner Mitbewohner.

Doch die Arbeitszeiten der drei Musiker sind durch Konzerte und Unterrichtsstunden oft sehr unregelmässig. Mohammed hingegen steht immer früh auf – er nimmt 100 Prozent an einem Logistik-Kurs von SAH Zentralschweiz teil. So könne es durchaus sein, dass man sich auch tagelang fast nur die Klinke in die Hand drücke. Eine ganz normale WG eben.

Das betont auch Drilon Bekiri, Mitbegründer von «Wegeleben» in Luzern. «Erfahrungsgemäss wird das Zusammenleben zwischen Newcomern und Schweizern als etwas sehr Spezielles betrachtet und hochstilisiert.» Was nicht der Fall sei und auch nicht sein solle. «Wir sind doch alle verschieden», so Bekiri. Und ob es in einer WG passe, oder eben nicht, habe mit so vielen Dingen zu tun. «Aber bestimmt nicht mit der Nationalität.»

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