Severin Hofer schmökert vor der PH Zug in seinem Büchlein. (Bild: yr)
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Severin Hofer schmökert vor der PH Zug in seinem Büchlein. (Bild: yr)

«Ich habe das Risiko einer Ablehnung bewusst in Kauf genommen»

6min Lesezeit

Der Hünenberger Severin Hofer hat den Alltag an der PH Zug in einer kreativen und kritischen Bachelorarbeit reflektiert. Doch diese wurde aufgrund des mangelhaften Erfüllens wissenschaftlicher Kriterien abgelehnt. Am Freitag erscheint die Arbeit als feines Büchlein in verschiedenen Buchhandlungen.

«Ich bin um eine Erfahrung reicher und 6’000 Franken leichter», erklärt Severin Hofer trocken, wenn er über seine Bachelorarbeit spricht. Tatsächlich handelt es sich bei seinem Projekt nicht um eine gewöhnliche Abschlussarbeit, sondern um ein unkonventionelles, künstlerisch ausgestaltetes Werk.

Auf knapp 80 Seiten wechseln sich Reflexionen über die Durchführung des Moduls «Punkten durch Bildung», nach dem Hofer die Arbeit benannt hat, und Anekdoten über den Alltag an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zug ab.

Als Teil des Künstlerduos Hoffnung+Kiwi hat der angehende Kindergärtner im Herbst 2016 im Rahmen eines Moduls an der PH einen ECTS-Punkt verschenkt, wodurch eine Diskussion über die intrinsische Motivation – respektive den Mangel an derselben – angehender Lehrpersonen entfacht werden sollte (zentralplus berichtete).

Verkrustete Strukturen und aktive Gestaltung

Die neun Anekdoten aus dem PH-Alltag veranschaulichen die Auseinandersetzung des kritischen Studenten mit seiner Lernumgebung und seine Suche nach Freiräumen, um seine kreative Ader zu entfalten. Prägnant schildert Hofer unter anderem, wie verkrustete Strukturen wie die Anwesenheitspflicht und die Einfallslosigkeit gewisser Dozenten Lernende dazu verleiten, Arbeiten von anderen Studenten aus dem vorangegangenen Semester leicht umgeschrieben abzugeben. Dies, nachdem eine eigenständige, reflektierte Arbeit abgelehnt wurde. Kontrastiert wird dies mit Würdigungen anderer Dozenten, welche den Studenten in ihren Veranstaltungen Freiräume bieten, um den Unterricht aktiv mitzugestalten – womit sich Letztere durchaus schwertun.

«Die geschilderte Thematik ist nichts Neues und betrifft nicht nur die PH Zug.»

Luc Ulmer, Leiter Kommunikation und Marketing PH Zug

Wer Hofers Arbeit liest, mag sich aufgrund der Praxis einiger Dozenten und Mitstudenten die Haare raufen. Allerdings geht es dem angehenden Kindergärtner nicht um eine Abrechnung mit der Hochschule. «Das Buch soll kein Urteil über die PH Zug an sich darstellen, sondern als Dialoggegenstand dienen. Kritische Reflexion und das Austragen von sachlichen Dissonanzen sollen den Alltag einer PH prägen», so der Hünenberger. Um das Führen solcher Diskussionen zu ermöglichen, erscheint die Arbeit als Buch, wodurch sie stärker rezipiert werde.

PH Zug reagiert gelassen

Entsprechend gelassen reagiert Luc Ulmer, Leiter Kommunikation und Marketing der PH Zug, auf die Publikation. «Die geschilderte Thematik ist nichts Neues und betrifft nicht nur die PH Zug. Das Buch stellt die Frage, was ein gutes Bildungssystem auszeichnet und wie man Leistungen sinnvoll prüft. Darüber, was gute Dozierende und guten Unterricht ausmacht, könnte man lange diskutieren.»

Ulmer räumt ein, dass es als Hochschule mit 370 Studenten anspruchsvoll sei, das Programm innerhalb vorgegebener Strukturen zu individualisieren und auf die Interessen sämtlicher Studenten einzugehen. Deshalb fordere die PH von ihren Studierenden eine starke intrinsische Motivation, was nicht immer gelinge. «Severin Hofer fordert in seiner Publikation seine Mitstudenten auf, sich stärker zu engagieren», so Ulmer.

«Ich wollte innovativ sein und eine Diskussion anstossen.»

Severin Hofer

Diese Feststellung überrascht nicht, denn Hofer betont im Gespräch immer wieder, dass Studenten eigenverantwortlich handeln und sich die Freiheit nehmen sollten, eigene Ideen umzusetzen. Der Mut zu Neuem und das Auslösen von Diskussionen stecken hinter seiner unkonventionellen Bachelorarbeit.

Lehrpersonen müssen neugierig und mutig sein

«Uns wird an der PH immer wieder vermittelt, dass Kinder neugierig und mutig sein sollen. Doch bevor wir das von unseren Schülern einfordern können, fordere ich das von uns als Lehrpersonen ein. Authentisches Handeln gehört schliesslich zum Wichtigsten, was eine Lehrperson auszeichnet», begründet Hofer die Motivation für seine Bachelorarbeit.

Nun zeigt just die ungenügende Benotung von Hofers Bachelorarbeit, dass kreative, kritische und eigenwillige Projekte in den Fängen des auf Punktejagd ausgerichteten, mit Bewertungsrastern durchgetakteten Bologna-Systems nur beschränkt erwünscht sind. Luc Ulmer differenziert beim Gespräch zwischen der «stilistisch gut geschriebenen Publikation mit professionellem Layout und Gestaltung, in welcher sich der Autor kompetent und kritisch mit dem Bologna-Studiensystem auseinandersetzt» und der Bachelorarbeit, bei der «gewisse formale Kriterien und Anforderungen der Wissenschaftlichkeit erfüllt sein müssen».

90 Prozent Essay – das reicht nicht

Dass die Hochschule versucht, die vorgegebenen Bewertungskriterien möglichst konsequent anzuwenden, erscheint plausibel. Hat Hofer also nicht allzu naiv gehandelt oder mit seiner Arbeit eine Ablehnung gar provoziert? «Ich habe das Risiko einer Ablehnung sicher bewusst in Kauf genommen. Ich wollte innovativ sein und eine Diskussion anstossen.» Gleichwohl habe er die Arbeit in ihren theoretischen Kontext eingebettet, logisch und reflektiert gearbeitet. «Aber 90 Prozent der Arbeit bestehen aus einem Essay – das hat wohl nicht gereicht», so der 23-Jährige.

Michel Kiwic (links) und Severin Hofer, auch bekannt als Künstlerduo Hoffnung+Kiwi beim Kunstkiosk in Baar. In den Händen ihr erstes literarisches Werk.
Zusammen mit Michel Kiwic hat Severin Hofer (rechts) 2016 bei einem Modul einen ECTS-Punkt verschenkt. (Bild: pbu)

Dennoch stellt sich die Frage, inwiefern es Sinn macht, die Ausbildung von Lehrpersonen in ein System zu drängen, das Kreativität, Eigenverantwortung und die Möglichkeit, eigene Ideen auszuloten, behindert statt fördert, und wie sämtliche Beteiligten ihren Teil dazu beitragen können, dass an Pädagogischen Hochschulen pädagogisch wertvolle Beiträge stärker gefördert werden und dazu ermutigt wird.

Hofer spielt mit seiner Arbeit – respektive der Publikation derselben – einen Steilpass für solche Diskussionen und freut sich, dass der Prorektor Clemens Diesbergen bereits Bereitschaft signalisiert hat, auf einen Dialog einzutreten. Deshalb habe sich der massive Mehraufwand für den Studenten, der im kommenden Semester während seiner Tätigkeit als Heilpädagoge eine zweite Arbeit verfassen muss, gelohnt – auch aus lebensphilosophischen Erwägungen. «Manchmal soll man scheitern dürfen. Das macht das Leben spannend», so Hofer.

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