Marco Stadelmann arbeitet in der Schreinerei der Stiftung Brändi. (Bild: giw)
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Marco Stadelmann arbeitet in der Schreinerei der Stiftung Brändi. (Bild: giw)

«Bei uns gibt es immer wieder tiefe Krisen»

7min Lesezeit

Was vor 50 Jahren als Kleinprojekt begann, ist heute einer der grössten Arbeitgeber in der Zentralschweiz: Die Stiftung Brändi gibt 1’800 Menschen Arbeit. Dahinter steht ein äusserst professioneller Betrieb, der so gar nicht ins Bild des geschützten Arbeitsplatzes passt.

Eine vollautomatische Maschine fährt über eine Holzplatte, stanzt eigenständig Löcher ins Material. Daneben geht Marco Stadelmann routiniert hin und her und versorgt das Hightech-Gerät mit Nachschub. Schritt für Schritt nimmt das Produkt Form an, am Ende des Arbeitsprozesses entsteht daraus eine solide Kiste. Rundherum wird gebohrt, gesägt und gemessen. Der scheinbar übliche Alltag einer modernen Schreinerei. Den Unterschied machen Menschen wie Stadelmann: Denn in den Brändi-Werkstätten arbeiten Personen mit einer geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung. Personen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt Schwierigkeiten haben.

Mit einer Belegschaft von 1’800 Personen ist die Stiftung mit Hauptsitz in Horw einer der zehn grössten Arbeitgeber in der Zentralschweiz. Hier arbeiten die unterschiedlichsten Menschen, welche eine Invalidenrente beziehen. Manche sind körperlich behindert, andere geistig oder beides gleichzeitig. Aber auch Arbeitnehmer, die aus einer psychischen Krise heraus nicht mehr im normalen Arbeitsmarkt mittun können. Das Brändi feiert 2018 das 50-jährige Bestehen. Damals, 1968, beschäftigte die Stiftung acht Mitarbeiter. Ein steiler Aufstieg.

Hohe Investitionen notwendig

Wer meint, dass in den Werkstätten einfach ein Beschäftigungsprogramm mit Produkten zu Mitleidspreisen angeboten wird, liegt falsch. Im Gegenteil: «Wir stehen in der Konkurrenz mit Firmen rund um den Globus, insbesondere in Ostasien», erklärt Alfons Balmer, Leiter der grössten Brändi-Werkstätte. Wie andere Firmen muss man Aufträge mit hoher Qualität und rechtzeitig erledigen. Am Standort Kriens alleine arbeiten 200 Menschen mit Lerndefiziten, mit körperlichen oder psychischen Behinderungen. «Sie können sich vorstellen, wie schwierig es ist, Aufträge für so viele Menschen einzuholen», sagt Balmer.

Um mithalten zu können, kommen teure Maschinen zum Einsatz, die zuweilen Hunderttausende von Franken kosten. Weil es dafür keine Unterstützung von der öffentlichen Hand gibt, muss man die Investitionen aus eigener Kraft stemmen.

Der Krienser Betriebsleiter Alfons Balmer zeigt ein Halbfabrikat.
Der Krienser Betriebsleiter Alfons Balmer zeigt ein Halbfabrikat. (Bild: giw)

Die Automatisierung ist einerseits ein Gewinn, weil dadurch komplexe Arbeitsschritte in den Werkstätten umgangen werden können. Gleichzeitig stehen sie in Konkurrenz mit der Arbeit der Menschen mit Behinderung. «Hier die Balance zu halten, ist nicht einfach», sagt Balmer. Gleichzeitig findet in der Industrie ein Preiszerfall statt, weil weltweit Manpower durch Roboter ersetzt werden. Im Brändi setzt man teilweise bewusst auf Handarbeit, damit niederschwellige Jobs erhalten bleiben können.

Lohn ist nicht primärer Antrieb

«Es freut mich, hier etwas produzieren zu können, das ich am Abend in der Hand habe», sagt Stadelmann. Der 41-Jährige ist seit seiner Ausbildung 1994 ohne Unterbruch an der Horwerstrasse beschäftigt. Er arbeitet 40 Stunden die Woche, beginnt jeweils nach sieben Uhr und ist in der Regel nach fünf Uhr fertig. Dafür erhält er 700 Franken. Die Mitarbeiter erhalten zwischen 3 und 14 Franken die Stunde, abhängig von Leistungsfähigkeit, Verhalten und Engagement.

Eindrücke aus der Produktion in Kriens:

«Ob jemand bei uns zur Arbeit kommt, spielt für den Betroffenen aus finanzieller Sicht aber letztlich keine Rolle», sagt Balmer. Die Lebenskosten würden ansonsten von IV-Rente und Ergänzungsleistungen gedeckt. Vielmehr geht es laut Betriebsleiter Balmer darum, den Leuten einen geregelten Alltag zu bieten und sie in die Gesellschaft zu integrieren, erklärt der erfahrene Fachmann, der bereits seit über 23 Jahren für das Brändi Menschen mit Behinderung bei der Arbeit betreut.

52 Prozent Eigenfinanzierungsgrad

Die Palette an Jobs in den 15 Unternehmen an neun Standorten ist äusserst breit – Schlosserei, Schreinerei, Catering oder die Klassiker wie Brändi-Dog und Grill. Insgesamt werden Dienstleistungen und Produkte für 14 Branchen produziert – teilweise auch komplexe Halbfabrikate. Gerade eben konnte man einen Auftrag vom Bund ergattern, der zuvor nach Osteuropa vergeben wurde. «In Bern war man mit der Qualität einfach nicht mehr einverstanden, jetzt können wir das erledigen.»

Insgesamt 31,5 Millionen Franken wird die Stiftung 2018 laut Budget erwirtschaften – das ist mehr als ein Drittel aller Erträge der gemeinnützigen Organisation. Das Brändi hat einen Eigenfinanzierungsgrad von 52 Prozent inklusive den Erträgen fürs Wohnen, ein Drittel des 84-Millionen-Budgets steuert der Kanton bei, hinzu kommen Gelder der IV.

Krisen gehören dazu

Damit das alles funktioniert und auf dem Markt bestehen kann, braucht es nicht nur stetige Investitionen. Denn Meisterfachkräfte, Arbeitsagogen oder Ingenieure arbeiten im Brändi eng mit den Menschen mit Behinderungen zusammen. Ohne Betreuung geht es nicht: «Bei uns arbeiten viele Menschen mit geistiger Behinderung. Sie können mit Stress überhaupt nicht umgehen.»

«Eigentlich muss es unser Ziel sein, dass es uns gar nicht mehr braucht.»

Stefan Balmer, Leiter AWB Kriens

Damit der Betrieb läuft, müssen die Führungskräfte einen Schutzfilter bilden. «Bei uns gibt es immer wieder tiefe Krisen», dann verlieren Betroffene die Nerven, werden zwischenzeitlich zum Totalausfall. Entsprechend hoch ist die Ausfallquote, rund 10 bis 15 Prozent der Arbeitnehmer fallen jeweils wegen Krankheit aus, wie Balmer erklärt.

Roy Boselli arbeitete früher für eine Metallbauer-Firma und ist nun seit rund zwei Jahren im Brändi.
Roy Boselli arbeitete früher für eine Metallbauer-Firma und ist nun seit rund zwei Jahren im Brändi. (Bild: giw)

Viele waren schon in der Privatwirtschaft

Viele Leute hier haben auch schon in der Privatwirtschaft gearbeitet. Beispielsweise der 41-Jährige Stefan Inäbnit, der erst seit ein paar Monaten im Brändi arbeitet. Heute erledigt er in der hauseigenen Schreinerei verschiedene Arbeitsschritte. Zuvor war der Horwer im ersten Arbeitsmarkt als Antik-Möbelschreiner tätig. Ein anderes Beispiel ist Roy Boselli, der zuvor in einem Industrieunternehmen einfache Arbeiten ausführte und dann mit den Kollegen Probleme bekam. «Wir merken schon lange, dass es in der normalen Arbeitswelt für niederschwellige Jobs immer weniger Platz hat», sagt Balmer.

Hier könnten die Leute funktionieren, sobald Betroffene dann einen normalen Job machen und dem üblichen Stress ausgesetzt sind, seien die Menschen überfordert. Aber es gibt auch das Gegenteil: «Immer wieder gelingt es uns, Personen wieder in einen normalen Betrieb zu integrieren.» Ausserdem werden jährlich 220 Lernende ausgebildet – nach Attest-Lehre oder eidgenössischem Fähigkeitszeugnis schaffen diese in der Regel den Eintritt in die Arbeitswelt. Diese Leute fehlten dann, aber Balmer lässt sie dennoch gerne ziehen. «Eigentlich muss es unser Ziel sein, dass es uns gar nicht mehr braucht.»

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