Drilon Bekiri (links), Fabian Benz und Fabienne Anliker haben gemeinsam das Projekt «Wegeleben» Luzern in Angriff genommen. (Bild: jav)
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Drilon Bekiri (links), Fabian Benz und Fabienne Anliker haben gemeinsam das Projekt «Wegeleben» Luzern in Angriff genommen. (Bild: jav)

Flüchtlinge in WGs – ein Erfolgsprojekt mit Hürden

5min Lesezeit

Dass Flüchtlinge in WGs unterkommen – eine Idee, die auf offene Ohren stösst. Seit einem Jahr läuft das Projekt «Wegeleben» in Luzern mit Erfolg, doch langsam werden die Plätze knapp. Ein Bremsklotz sei aber auch die unsolidarische Haltung des Kantons, behaupten die Initianten.

Über ein Jahr ist vergangen, seit wir gemeinsam in der WG-Küche in der Neustadt sassen und drei Luzerner den Start ihres Projekts verkündeten (zum Artikel).

Der Soziokulturelle Animator Drilon Bekiri und die zwei Sozialpolitik-Studenten Fabienne Anliker und Fabian Benz hatten «Wegeleben» in Luzern gestartet. Das Projekt, welches Flüchtlinge und WGs «verkuppelt», war 2015 in Bern gegründet worden. Der Erfolg in Bern zog schon bald nationales Interesse und Nachahmer in weiteren grösseren Städten nach sich. Eben auch in Luzern.

Die Warteliste wächst

Schnell gab es die ersten Anfragen von WGs und auch bei den «Newcomern», wie Bekiri die Flüchtlinge nennt, freute er sich im Januar 2017 über das grosse Interesse, das dem Projekt bereits vor der offiziellen Lancierung entgegenkam.

Und tatsächlich kann er nach einem Jahr in Luzern eine äusserst positive Bilanz ziehen. Das Interesse sei ungebrochen, so Bekiri: «Rund 20 geflüchtete Menschen konnten mit WGs zusammengebracht werden.» Und die Nachfrage sei noch viel grösser. «Wir haben derzeit bestimmt 30 Personen auf der Warteliste, die nach einem WG-Platz suchen.» Gerade diese Woche seien wieder sechs Personen dazugekommen. «Das Bedürfnis aufseiten der Newcomer ist ganz offensichtlich gross.» Leider könne das Team sie derzeit jedoch kaum vermitteln, da die WGs fehlen. Der WG-Zimmer-Markt in Luzern sei ausgetrocknet und oft würden die Zimmer zur Miete mehr kosten, als die Asylbewerber für ihre Wohnsituation erhalten.

«Allgemein ist die Zusammenarbeit mit den Behörden oft ein leidiges Thema.»
Drilon Bekiri, Initiant von «Wegeleben» in Luzern

Doch für das Team von «Wegeleben» Luzern, welches sich in diesem ersten Jahr in Luzern von drei auf sechs Personen verdoppelte, ist das kein Grund, sich zurückzunehmen. «Wir gehen auf Wohngemeinschaften zu und versuchen durch die Zusammenarbeit mit Vereinen und Organisationen in der Region, das Projekt bekannter zu machen», so Mitinitiantin Fabienne Anliker.

Der Austausch mit dem «Asylnetz» und «Solinetz» beispielsweise sei rege, betont auch Sabina Moor, die sich ebenfalls im «Wegeleben»-Team engagiert. Es wird vermittelt, unterstützt, zu Podien und Diskussionsrunden eingeladen. So haben die Organisatoren von «Wegeleben» in Luzern auch Workshops veranstaltet, beispielsweise ein Coaching beim Verein «Hello Welcome». Die rund 20 Teilnehmer wurden geschult, wie sie am besten zu einer eigenen Wohnung, einem eigenen Zimmer kommen.

Begehrte Frauen

Es seien hauptsächlich Männer, die ein Zimmer suchen, aus aller Welt und häufig im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, erklärt Olivia Allemann, die ebenfalls im ersten Jahr zum «Wegeleben»-Team dazustiess. Die wenigen Frauen, die sich melden würden, seien auch immer am schnellsten vermittelt. «Das ist ein bekanntes Phänomen und ein Vorteil für weibliche Newcomer», weiss Allemann.

Wie genau?

«Wegeleben» hat sich zum Ziel gesetzt, die WG-Kultur auch für geflüchtete Menschen zugänglich zu machen. WGs und Flüchtlinge, die sich dafür interessieren, werden zu einem Treffen eingeladen und danach passend «verkuppelt». Für den Rest tragen sie selbst die Verantwortung. «Wegeleben» steht noch unterstützend zur Seite, doch organisieren müssen sich die WGs und die neuen Mitbewohner selbst. Wer Interesse daran hat, «Wegeleben» zu unterstützen, findet Infos auf der der Webseite (siehe externe Links).

Die 20 WGs, die im vergangenen Jahr durch das Projekt einen geflüchteten Menschen als Mitbewohner vermittelt bekamen, befinden sich hauptsächlich in der Stadt Luzern und der Agglomeration. Weitere acht Verbindungen seien wegen der Finanzen oder wegen der Bürokratie nicht zustande gekommen.

Holprige Zusammenarbeit?

«Ich blicke bei den Behörden noch immer nicht durch», so Drilon Bekiri. Je nach Person und Grösse der WG würden maximal 600 Franken für die Miete gesprochen. Es komme aber vor, dass ein WG-Zimmer inklusive Nebenkosten mit 500 Franken zu teuer sei und abgelehnt werde. Daran seien bereits einige WGs gescheitert. Und Bekiri legt nach: «Allgemein ist die Zusammenarbeit mit den Behörden oft ein leidiges Thema.»

Die Kommunikation und der Austausch mit dem Kanton gestalteten sich schwierig, die zuständigen Personen für die Asylbewerber würden oft wechseln, Anfragen ewig dauern und man müsse jeder Information hinterherrennen. «Die Asylkoordination macht insgesamt einen wenig solidarischen Eindruck», so Bekiri.

Genaue Prüfung

Silvia Bolliger, Leiterin Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen, kann diese Vorwürfe nach der erfolgreichen Zusammenarbeit und mehreren Platzierungen von Geflüchteten in WGs nicht nachvollziehen: «Zumal wir nie direkt von den Initianten eine negative Rückmeldung erhalten haben.» Der Kanton Luzern begrüsse Projekte, die das Zusammenleben zwischen Einheimischen und Zugewanderten fördern, so Bolliger.

Der Kanton sei jedoch auch dazu verpflichtet, jede einzelne Platzierung genau zu prüfen und sich dabei an geltende Regelungen – auch bezüglich Mietzinsrichtlinien – zu halten. Bolliger: «Bei einer Platzierung in einer WG gilt es viele Faktoren zu beachten: Einerseits muss die Konstellation der künftigen WG-Partner stimmen, andererseits muss auch eine gewisse Stabilität seitens Klienten und WG gegeben sein, damit der integrative Charakter einer solchen WG-Platzierung gegeben ist.» 

Auch wenn die Konstellation zwischen den Initianten und dem Kanton in Luzern noch nicht optimal ist: Das Projekt hat Erfolg. Sowohl in Luzern wie auch national. Von über 100 «Wegeleben»-WGs sprach der Berner Gründer der Organisation Gian Färber vergangenen Herbst.

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