Sie brauchen dringend ein neues Dach über dem Kopf: Familie Strainjevic mit Sohn Angel im Lauriedhofweg. Dort werden preisgünstige Wohnungen abgerissen. (Bild: woz)
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Sie brauchen dringend ein neues Dach über dem Kopf: Familie Strainjevic mit Sohn Angel im Lauriedhofweg. Dort werden preisgünstige Wohnungen abgerissen. (Bild: woz)

Radoslav und Familie: Aus der Genossenschaftswohnung auf die Strasse?

10min Lesezeit

Die Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug reisst im Lauriedhof-Quartier drei Wohnblocks ab, um 40 neue Wohnungen zu bauen. Die Mieter müssen bis Ende Mai alle raus. Doch Radoslav Strainjevic und seine Familie haben noch kein neues Dach über dem Kopf. Es droht ihnen, bald auf der Strasse zu stehen.

Wolfgang Holz

Man fühlt sich wie auf einem Hochsitz hier im Lauriedhof-Quartier. Die Abendsonne strahlt wärmend auf den Südbalkon im dritten Stock. Die Vögel zwitschern und es herrscht eine himmlische Ruhe. Unten zwischen den drei Wohnblocks erstreckt sich eine grüne Lunge – für Kinder ideal zum Spielen. Oder zum Grillieren nach Feierabend. Idylle pur.

Doch mit dieser Idylle ist nun bald Schluss. Die Profile an den drei Liegenschaften im Lauriedhofweg 12/14, 16/18 und 20a/20b zeigen es an: Die Wohnblocks aus den 50er-Jahren sind dem Abriss geweiht. An einigen Fassaden sind schon zahlreiche blaue Fensterläden geschlossen. Fast eine gespenstische Stimmung.

Es ist schwer nachzuvollziehen, warum die sanierten Wohnblocks abgerissen werden – ihr Zustand sieht von aussen noch fast tadellos aus. Und auch von innen macht die Drei-Zimmer-Wohnung von Radoslav und Olivera Strainjevic, die hier mit Söhnchen Angel seit zwei Jahren wohnen, einen sehr behaglichen und soliden Eindruck. Mit Einbauschränken im Schlafzimmer und Parkett in der Wohnstube.

Die Bauprofile stehen auf dem Dach – das Schicksal der drei Wohnblocks aus den 50-er Jahren ist besiegelt: Sie sollen demnächst abgerissen werden.
Die Bauprofile stehen auf dem Dach – das Schicksal der drei Wohnblocks aus den 50er-Jahren ist besiegelt: Sie sollen demnächst abgerissen werden. (Bild: woz)

Vor allem ist die Miete für den serbischen Eisenbahner, der für die SBB vom Bahnhof Zug aus Züge reinigt, sowie für seine mazedonische Ehefrau, die morgens bei Glencore die Räumlichkeiten säubert, traumhaft. 1’075 Franken netto zahlen sie für die rund 70 Quadratmeter grosse Wohnung – die hell ist, zwei Balkone hat und mitten im Grünen liegt.

«Ich schlafe nachts derzeit schlecht.»

Radoslav Strainjevic, Noch-Mieter im Lauriedhof-Quartier

Zu Glencore hat die 44-Jährige morgens nur sieben Minuten zu Fuss. Und der 48-jährige Eisenbahner ist ebenfalls schnell am Bahnhof Zug. Der fünfjährige Angel, der verschmitzt den unverhofften Besuch von zentralplus angrinst, geht gleich um die Ecke in den Guthirt-Kindergarten. Alles ist ideal. Doch nun ist diese Idylle, wie gesagt, bald zerstört.

«Ich schlafe nachts derzeit schlecht», meint Radoslav Strainjevic. Er macht sich Sorgen, ob er bis Ende Mai eine neue, preisgünstige Wohnung für seine Familie findet. Er hat Angst, plötzlich auf der Strasse stehen zu müssen.

Die Familie Strainjevic ist rundum glücklich in ihrer 70-Quadratmeter-Dreizimmer-Wohnung für 1’075 Franken Nettomiete. Von links: Angel (5), Radoslav (48) und Olivera (44).
Die Familie Strainjevic ist rundum glücklich in ihrer 70 Quadratmeter grossen Dreizimmerwohnung für 1’075 Franken Nettomiete. Von links: Angel (5), Radoslav (48) und Olivera (44).

«Ich habe schon überall im Internet nach Wohnungen gesucht – aber entweder sind sie zu teuer oder man hat mich abgewimmelt», sagt Strainjevic, der eine B-Aufenthaltsbewilligung besitzt. Und was ist mit der Wohnbaugenossenschaft Heimat? «Dort hat man uns mitgeteilt, dass es derzeit keine freien Wohnungen in anderen Objekten gibt», sagt Radoslav. Auf dem freien Wohnungsmarkt könne er sich höchstens eine Wohnung für maximal 1’500 Franken Nettomiete leisten. Das ist nicht einfach.

Dabei hat die Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug vor einiger Zeit noch versichert, es gebe wegen des Neubauprojekts keinerlei Härtefälle (zentralplus berichtete). Älteren Mietern habe man einen Platz im Altersheim oder in speziellen Alterswohnungen beschaffen können, so Genossenschaftspräsident Josef Furrer. Und andere Mieter habe man umplatzieren können in Wohnungen in Zug und Steinhausen. Nicht aber Familie Strainjevic.

«Ich kenne die Situation der Familie. Es tut mir leid, dass ich nichts anbieten kann.»

Josef Furrer, Präsident der Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug

Mit dem Fall der Familie konfrontiert, sagt Josef Furrer, dass es derzeit eben keine weiteren freien Plätze in anderen Liegenschaften der Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug gebe. «Ich kenne die Situation der Familie. Es tut mir leid, dass ich nichts anbieten kann.» Andererseits wisse der Mieter schon seit zwei Jahren, «dass der Mietvertrag jetzt ausläuft».

Wohnbaugenossenschaft: der einzige Härtefall

Die Familie Strainjevic sei aber der einzige Härtefall, alle anderen Mieter seien anderswo untergekommen. «Und wir können ja nicht wegen eines einzigen Mieters nochmals eine Mietverlängerung gewähren, weil dann Wasser und Gas abgestellt sind.»

Fast so schön wie am Zugerhang: Die Wohnungen im Lauriedhofweg liegen mitten in der Natur, es herrscht dort eine himmlische Ruhe. Nur der Seeblick fehlt.
Fast so schön wie am Zugerhang: Die Wohnungen im Lauriedhofweg liegen mitten in der Natur, es herrscht dort eine himmlische Ruhe. Nur der Seeblick fehlt. (Bild: woz)

Radoslav Strainjevic versichert andererseits, dass auch seine Etagennachbarin, eine pensionierte Brasilianerin, noch keine neue Bleibe gefunden habe. «Ich möchte nicht mehr weg von Zug. Ich bin jetzt seit drei Jahren hier, es ist so schön», schwärmt er.

Er lebt schon seit 1991 in der Schweiz und wohnte zuvor lange Jahre im Kanton Luzern. Er arbeitete an verschiedenen Stellen in der Gastronomie, unter anderem in der Küche und als Nachtportier, aber auch als Bootsbauer. Er war zwischendurch arbeitslos, hat sich aber immer wieder aufgerappelt und durchgeschlagen. Nun ist er bei den SBB in Zug beschäftigt.

Da sei es nahegelegen, und man habe es ihm auch von Kollegenseite angeboten, nach Zug zu zügeln – in das traditionelle Domizil für Eisenbahner und andere Bundesbedienstete (siehe Box). Doch das nützt ihm jetzt wenig. «Ich habe nichts Neues.»

Wirkt furchteinflössend, obwohl er nur aus Plastik ist: die Figur «Flash», Radoslavs früherer Rottweiler, der an Krebs gestorben ist.
Wirkt furchteinflössend, obwohl er nur aus Plastik ist: die Figur «Flash», Radoslavs früherer Rottweiler, der an Krebs gestorben ist. (Bild: woz)

Sagt’s und führt durch die gemütliche Wohnung, in der im Hausgang ein Bildnis vom letzten Abendmahl Jesu hängt. Unten im Garten vor der Wohnung sitzt übrigens ein furchteinflössender Rottweiler und bewacht den Eingang zum Keller. Auf den ersten Blick könnte der grosse Hund lebendig sein, so echt sieht die Plastikfigur aus.

«Das war Flash», erzählt Radoslav. Er habe seinen Rottweiler acht Jahre lang gehabt und geliebt. «Dann konnte er plötzlich nicht mehr gehen und ich musste ihn tragen – er hatte Krebs vom Hals bis zum Schwanz runter.»   

Noch hat die Stadt keine offizielle Baubewilligung erteilt

1950/51 wurden die Wohnblocks im Lauriedhofweg gebaut, wie Josef Furrer, Präsident der Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug, sagt. Das Lauriedhof-Quartier mit sehr preisgünstigen Mieten wurde einst gebaut für Bundesbedienstete – Eisenbahner, Forstbeamte usw. «Der Anteil an Bundesbediensteten betrug bis zuletzt 80 Prozent», so Furrer.

51 Wohnungen der Wohnbaugenossenschaft jüngst saniert

Die Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug hat sich zum Abriss der drei Wohnblocks entschlossen, um eben auch neue Wohnsubstanz zu erstellen, so Furrer – damit man in Zukunft einen «Mix an sanierten und modernen Wohnungen» anbieten könne. Es habe oft Probleme gegeben mit der Vermietung der alten Wohnungen, vor allem an Familien. Ausserdem habe man ja jüngst 51 Wohnungen in drei ähnlichen Wohnblocks im Lauriedhofweg modernisieren – sprich: Küchen und Bäder sanieren – lassen. «Dort kommen die Mieten für eine Drei-Zimmer-Wohnung nun auf rund 1’200 Franken, für eine Vier-Zimmer-Wohnung auf rund 1’300 Franken», sagt Furrer.

So soll die neue Überbauung im Lauriedhofweg aussehen – die übrigen, jüngst sanierten Wohnblocks der Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug mit 51 Wohnungen bleiben dagegen stehen.
So soll die neue Überbauung im Lauriedhofweg aussehen – die übrigen, jüngst sanierten Wohnblocks der Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug mit 51 Wohnungen bleiben dagegen stehen. (Bild: zvg)

Die geplanten neuen 40 Mietwohnungen sollen ebenfalls preisgünstig sein laut der Wohnbaugenossenschaft Heimat Zug. Für Juni/Juli ist der Abriss geplant, im Herbst 2019 sollen die beiden Wohnblöcke fertiggestellt sein. «Einsprachen hat es bislang keine gegeben», sagt Furrer. Die offizielle Baubewilligung sei seitens der Stadt Zug aber noch nicht erteilt worden. «Das dauert eben noch. Die Stadtbildkommission ist zweimal vorstellig geworden wegen der geplanten begrünten Dächer und wegen des Farbkonzepts.»

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