Alan Shapiro untersuchte die TV-Kult-Serie Star Trek.
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Alan Shapiro untersuchte die TV-Kult-Serie Star Trek.

Alan Shapiro: Dank «Star Trek» zur nächsten technischen Revolution

9min Lesezeit

Er ist ein Vorbild aller Nerds: Alan Shapiro, Star-Trek-Forscher, lehrt an der Hochschule für Design und Kunst in Emmenbrücke. Er will mithilfe von Science Fiction die bahnbrechenden Innovationen von morgen hervorbringen. Der nächste Meilenstein der Technologie könnte also aus der Zentralschweiz kommen – dank Studenten, die den ganzen Tag TV-Serien schauen.

Pascal Zeder

Ein Hauch von TV-Kult weht die Tage durch Luzern. Grund dafür ist der Besuch des Gastdozenten Alan N. Shapiro an der Hochschule Luzern – Design und Kunst (HSLU). Der amerikanische Medienwissenschaftler schrieb eine Abhandlung über die US-Science-Fiction-Serie «Star Trek» und wurde damit vor allem unter Nerds weltberühmt. Jetzt lernen ihn die Studenten des neuen Luzerner Studiengangs «Digital Ideation» kennen.

Der gebürtige New Yorker lehrt, wie man anhand von Konzepten aus Science-Fiction-Filmen die Zukunft gestalten könnte. So sollen seine Studenten Software für künstliche Intelligenz nach dem Vorbild von Hollywood schaffen. Shapiro sagt, die Innovation von Science Fiction treibe die Wissenschaft voran – und lasse die Forscher träumen: von Warp-Geschwindigkeit, Zeitreisen oder einer Welt voller Roboter.

«Star Trek» machte ihn berühmt

Shapiro gehört zu einer Tradition von linken, gesellschaftskritischen Denkern in den USA. Doch anders als die meisten habe er sich stets gegen den Pessimismus gestellt, der sich in den 70ern unter den Intellektuellen breitmachte. «Die meisten Philosophen machten darauf aufmerksam, was alles in der Welt schlecht ist. Mir gefiel dieser Ansatz nicht», sagt er.

Der berühmte Satz von Mr. Spock:

Als er ein Thema für seine Doktorarbeit suchte, wollte er sich also mit etwas Positivem befassen, etwas, was er liebte. So kam er auf «Star Trek». «Als Kind der 60er-Jahre war ich emotional verbunden mit der Serie», so der heute 61-Jährige. Also untersuchte er die Auswirkungen der Kultserie auf die Designwelt von heute und hat diese Forschungen später ausgebaut.

Was Shapiro sagt, klingt logisch: So sei der Communicator, ein klappbares, tragbares Gerät, Vorbild heutiger Smartphones. «Grosskonzerne aus den USA träumten schon lange von technischen Geräten, die man auf sich trägt. Es brauchte aber Jahre und die Entwicklung des richtigen Designs, bis das Handy den Durchbruch schaffte.»

Physik liess sich von Science Fiction inspirieren

Durch seine Forschungen wurde Shapiro in der «Star Trek»-Community bekannt. Er wurde sogar an «Star Trek»-Partys in den USA eingeladen. In Nordamerika bestünde die Fancommunity vorwiegend aus Ingenieuren, sagt Shapiro. Diese interessierten sich vorwiegend für die technische Seite der Science-Fiction-Innovationen. Sprich: Wie konzipiere ich ein Hoverboard («Zurück in die Zukunft») oder ein Lichtschwert («Star Wars»)?

«Das Design macht den Unterschied zwischen Durchbruch und Flop.»

Alan Shapiro, Dozent Hochschule für Design und Kunst

Im Falle von «Star Trek» habe sich sogar die theoretische Physik von der Serie inspirieren lassen: «Konzepte wie Einsteins Relativitätstheorie wurden revidiert aufgrund von Ideen wie Warp-Speed, einer Geschwindigkeit schneller als Licht», sagt er. «Früher lachte man über Science-Fiction-Macher», so Shapiro, «heute sind sie eine wichtige Quelle der Inspiration für viele Forscher.» 

Shapiro interessiert sich für Künstliche Intelligenz

Shapiro selber studierte Soziologie und Philosophie. Deshalb interessiert ihn die Verknüpfung von verschiedenen Forschungsfeldern. Er sagt: «Künftig werden wir über die heute geltenden Genre-Grenzen hinausdenken müssen.» Deshalb habe ihn der Studiengang Digital Ideation in Luzern so gereizt, hier denke man interdisziplinär zwischen Informatik und Design (zentralplus berichtete).

Vor allem der Warp-Speed weckt das Interesse der Wissenschaftler:

Heute beschäftigt sich Shapiro vor allem mit Künstlicher Intelligenz (KI). Smart Homes zum Beispiel, deren eingebauter Computer mit den Bewohnern spricht. Oder selbstfahrende Autos, oder Hausroboter. Ideen aus Science-Fiction-Filmen setzt man heute um, die Innovationsfelder der KI boomen.

Die Themen seien medial omnipräsent, deshalb sei die Auseinandersetzung damit sehr wichtig, sagt Shapiro. «Die zugrundeliegenden Technologien sind vorhanden, die Arbeit besteht darin, das richtige Design zu finden. «Das Design macht den Unterschied zwischen Durchbruch und Flop», sagt er.

Zuger Kryptovalley als Hotspot für Innovation

Jetzt gibt er sein Wissen den Zentralschweizer Studenten weiter. Könnte also die nächste technische Innovation aus der Kunsthochschule Luzern hervorgehen? Shapiro lächelt und meint vielsagend: «Wer weiss.» Das Umfeld dazu sei sicher nicht schlecht: Zug ist ein Eldorado der Kryptowährungen, laut Shapiro die nächste technologische Revolution. «Die Schweiz ist in Sachen Kryptowährung sehr progressiv. Man erkennt hier das Potenzial dieser Technologie.»

«Wir müssen lernen, mit künstlicher Intelligenz zusammenzuleben.»

Alan Shapiro, Medien- und Zukunftsforscher

Kryptovalley oder die Schweizer Affinität zu digitaler Währung sind aber nicht die Gründe, dass Shapiro jetzt an der HSLU lehrt. Shapiro und Andres Wanner, Verantwortlicher für den Studiengang Digital Ideation, trafen sich im Frühling 2017 zum ersten Mal und Wanner war angetan von Shapiros Ideen. Er lud den amerikanischen Forscher ein, in die Schweiz zu kommen.

Für Shapiro kein unbekanntes Gebiet: Er hatte bereits am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel gelehrt und im September war er Redner an der Zürich Design Biennale.

Kritik am Bildungssystem

Trotz seiner eigenen Lehrtätigkeit ist Shapiro eigentlich ein Systemgegner in Sachen Bildung: «Unser Schulsystem ist darauf aufgebaut, zu Beginn unseres Lebens enorm viel zu lernen und dieses Gelernte unser Leben lang immer wieder repetitiv anzuwenden», sagt Shapiro. Nur: Diese «Loops», also Verhaltensschleifen, kann künstliche Intelligenz schnell lernen und imitieren. «Jobs, in denen Tätigkeiten regelmässig wiederholt werden müssen, werden bald von künstlicher Intelligenz abgelöst», sagt er.

«Im Gegensatz zu früher sagen die Science-Fiction-Filme heute nicht mehr die Zukunft voraus – sie beschreiben die Gegenwart.»

Alan Shapiro, Science-Fiction-Forscher

Und seine Studenten in Luzern helfen dabei mit: Als Abschlussarbeit können die Studenten ein Programm für künstliche Intelligenz schreiben – sprich einen Roboter programmieren. Shapiro sagt, das sei gar nicht so schwer: «Man kann ein einfaches, funktionierendes Programm für künstliche Intelligenz – genannt Deep Learning – in einer halben Stunde schreiben.» Die Angst der Menschen, von Robotern abgelöst zu werden, verstehe er, sagt er. «Deshalb müssen wir unser gesellschaftliches System ändern. Wir müssen lernen, mit künstlicher Intelligenz zusammenzuleben.» Das heisst: Der Mensch müsse sich auf kreative Arbeiten konzentrieren, auf Innovation – darin sei die KI noch nicht gut. Das wiederum würde eine völlig neue Auffassung davon bedeuten, was es heisst, zu arbeiten.

Filme besser verstehen als Hollywood selbst

Shapiro ist ein Visionär im wahrsten Sinne des Wortes: Er erfindet Innovationen von morgen aber nicht selber, sondern sieht sie in Hollywood-Blockbustern. Er sagt: «Wir müssen diese filmischen Texte besser lesen, als Hollywood selbst sie versteht.»

Doch was für viele futuristisch erscheine, passiere gar nicht erst morgen – sondern bereits heute: «Im Gegensatz zu früher sagen die Science-Fiction-Filme heute nicht mehr die Zukunft voraus – sie beschreiben die Gegenwart.» Der Mensch besitze die technischen Grundkenntnisse für viele Technologien, die in Science Fiction beschrieben werden. Was fehlt: das passende Design. Und daran arbeitet Shapiro mit seinen Studenten in Luzern.

Stephen Hawking: Ein «Star Trek»-Fan

Am Mittwochmorgen starb einer der grössten Physiker aller Zeiten: Stephen Hawking wurde 76 Jahre alt. Der britische Wissenschaftler, der an der Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) litt, wurde berühmt durch seine Denkweisen über Zeit und das Universum.

Alan Shapiro erklärt, dass auch Hawking von «Star Trek» beeinflusst war: «In seinem Buch ‹A Brief History of Time› sagt Hawking, dass Zeitreisen unmöglich sind und bezieht sich dabei auf Einstein.» Sieben Jahre später, im Vorwort des Bestsellers «The Physics of Star Trek» von Lawrence Krauss, schreibt Hawking, dass er seine Meinung zur Zeitreise geändert hätte.

Es sei bekannt, dass Hawking ein bekannter «Star Trek»-Fan war, so Shapiro. Tatsächlich taucht der Astrophysiker Hawkins in einer Episode des Remakes «Star Trek: The Next Generation» auf.  

Stephen Hawkings in «Star Trek»:

 

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