Damit ist ab diesem Jahr Schluss: Kleinkinder halten im Naturmuseum Küken in der Hand. (Bild: Mario Merola)
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Damit ist ab diesem Jahr Schluss: Kleinkinder halten im Naturmuseum Küken in der Hand. (Bild: Mario Merola)

Diktat aus Bern: Fertig Bibeli streicheln im Luzerner Museum

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Bis zu 14’000 Besucher strömten jeweils an Ostern ins Luzerner Natur-Museum. Gemeinsames Ziel: Die frisch geschlüpften Küken zu herzen. Was bei Kindern zu Entzücken führte, findet ein jähes Ende: Der Bund diktiert für 2018 ein Anfass-Verbot. Weitaus grausamere Praktiken bleiben hingegen erlaubt.

Mit verliebten Kinderaugen und entzückten Ausrufen wurde das Natur-Museum in den vergangenen Jahren während den Ostertagen jeweils erfüllt (zentralplus berichtete). «So süss», rufen die Kleinen, wenn sie die Osterküken streicheln dürfen. Diese herzerweichenden Szenen enden jedoch in Zukunft im Tal der Tränen, wenn die Grosis und Papis mit dem Nachwuchs wieder an die traditionelle Osterküken-Ausstellung gehen.

Denn ab Januar 2018 kommt der Mahnfinger aus Bern: Streicheln verboten. Das schreibt die revidierte Tierschutzverordnung vor. Diese stelle das Tierwohl stärker in den Vordergrund, schreibt der Kanton in einer Mitteilung. Danach dürfen typische Flucht- beziehungsweise Beutetiere wie Küken und Kleinnager in temporären Publikumsausstellungen nicht mehr gestreichelt oder in die Hand genommen werden. Weiterhin erlaubt ist das Zeigen dieser Tierarten in artgerechten Gehegen.

Cheyenne und ihr Grossmami Ursula herzen ein Küken.
Cheyenne und ihr Grossmami Ursula herzen ein Küken. (Bild: Mario Merola)

Vergleichbar mit Raubvogel-Attacke

Was sind die Gründe für die strengeren Regeln für Küken, Meerschweinchen, Kaninchen und Co.? «Es handelt sich um klassische Fluchttiere. Wenn diese von Menschen von oben herab berührt werden, wirkt das für die ‹Bibeli› wie ein Angriff von einem Raubvogel», sagt Kaspar Jörger, Leiter der Abteilung Tierschutz beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Das führe zu enormem Stress. 

Es gibt noch einen zweiten, eher pädagogischen Grund. «Wenn man die Kinder die Küken in die Hand nehmen lässt, vermittelt das den Eindruck, es handle sich um Plüschtiere, die man später einfach wegwerfen kann», so Jörger. Das sei nicht der Eindruck, den er den Kindern vermitteln möchte. Es sei besser, wenn die Museumsbesucher die Tiere aus der Distanz betrachten würden. «Dieser Gedanke hat das Natur-Museum Luzern in seiner neuen Ausstellung vorbildlich umgesetzt», sagt Jörger. 

Ausstellung mit neuer Ausrichtung

Das Natur-Museum Luzern nimmt dies zum Anlass, seine langjährige Osterküken-Ausstellung inhaltlich und baulich neu auszurichten. In neu erstellten, geräumigen Gehegen stünden die Küken als Lebewesen im Zentrum. Das Leitmotiv lautet «Ganz nah dabei!».

Für das Museum war die Ausstellung bisher ein Erfolgsgarant: Während den elf Tagen kamen bisher zwischen 10’000 und 14’000 Besucher ins Museum, um die frisch geschlüpften Küken zu bestaunen. Je nach Wetter sind das bis zu 2’000 Besucher pro Tag. Muss man nun mit weniger Besuchern rechnen? «Vielleicht. Die absoluten Besucherzahlen sind nicht das Entscheidende», sagt Britta Allgöwer, Direktorin des Natur-Museum. Es gehe darum, über Küken und das Leben von Nutztieren zu berichten und die Menschen dafür zu interessieren.

«Die bei uns ausgebrüteten Küken gehen zum Aufzuchtbetrieb zurück, woher die Bruteier kommen.»

Britta Allgöwer, Direktorin Natur-Museum Luzern

Die Besucher können die Küken weiterhin beim und vom Schlüpfen weg beobachten und ihre angeborenen Verhaltensweisen und Ausdrucksformen kennen lernen. «Lässt man sich ein aufs Beobachten, werden aus den anonymen, millionenfach gehaltenen Eier- und Fleischlieferanten individuelle Tiere mit nachvollziehbaren Ansprüchen an eine artgerechte Haltung und Fütterung, damit sie uns die von ihnen erwarteten, hochwertigen Nahrungsmittel schenken können», schreibt der Kanton.

Alle Jahre wieder: Die Osterküken im Natur-Museum sind eine feste Tradition.
Alle Jahre wieder: Die Osterküken im Natur-Museum sind eine feste Tradition. (Bild: cha)

Zusatzinfos im geschützten Rund

Ergänzend zum Beobachten gibt es neu die «Küken – Bastelwerk statt», in der Besucher rund ums Thema Ei, Huhn und Ostern nach Herzenslust basteln und zeichnen können. Mit sogenannten «Info-Eiern» kann man mehr über Hühner und Geflügelwirtschaft erfahren.

Diese erzählen beispielsweise, wie viele Hühner in der Schweiz leben, welche Rassen es gibt, was ein Hybridhuhn ist, wie Hühner gehalten werden oder wie der Hühnerembryo sich im Ei entwickelt.

Schutz nicht für alle Küken

Was die neugierigen Kinder bei all den gesalbten Worten wohl nicht erfahren in der Ausstellung, sind die Schattenseiten der Geflügelhaltung. Denn während die weiblichen Legehennen aus Gründen des Tierschutzes nicht mehr geherzt werden dürfen, werden die männlichen Exemplare von den Eierproduzenten weiterhin millionenfach direkt nach der Geburt getötet.

Ist das kein Widerspruch? «Tatsächlich ist das ein Widerspruch. Die Bestimmungen wurden gar noch bekräftigt in der neuen Verordnung und mit neuen Tötungsmethoden ergänzt», sagt Jörger. Doch mit den neuen Regeln würden nun zumindest die überlebenden Küken artgerechter gehalten.

Ein Happy-End gibt es für die Ausstellungstiere im Museum. «Die bei uns ausgebrüteten Küken gehen zum Aufzuchtbetrieb zurück, woher die Bruteier kommen und leben anschliessend auf diesem Betrieb», sagt Allöwer. Die Glucke und ihre Küken würden zu ihrem Besitzer, einem lokalen Bauern, zurückkehren.

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