Dieser 1944 fotografierte Bub aus dem Erziehungsheim Sonnenberg in Kriens steht inkonographisch für die ganze Problematik der Heimkinder. (Bild: Paul Senn)
Gesellschaft Erziehung Familie

Dieser 1944 fotografierte Bub aus dem Erziehungsheim Sonnenberg in Kriens steht inkonographisch für die ganze Problematik der Heimkinder. (Bild: Paul Senn)

Wo Kinder aus der WC-Schüssel trinken mussten

10min Lesezeit 2 Kommentare

Rund 80 Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen aus dem Kanton Zug haben bisher ein Gesuch um Wiedergutmachung gestellt. Auf dem Internet melden sich Opfer aus den Kinderheimen Erika und Blumenhof in Oberägeri, aber auch dem Josefsheim in Unterägeri oder dem Kinderheim Hagendorn. Brisant: Offenbar wurde noch bis in die jüngere Vergangenheit geprügelt.

Markus Mathis

So lautete in Oberägeri das Standardverfahren für Kinder, die widerspenstig waren: Sie wurden in die kleine, nicht mal einen Quadratmeter grosse Toilette gesperrt, und mussten dort übernachten – ohne Essen notabene. «Wasser hatte es zum Trinken ... und mit der eigenen Zahnbürste musste man das WC putzen», erinnert sich Linda auf dem Internet-Forum von kinderheime-schweiz.ch.

Linda wuchs in den 1970er Jahren im Kinderheim Erika in Oberägeri auf. Sie hat die rabiaten Methoden der damaligen Leiterin nicht vergessen. Den bestraften Kindern sei auf dem WC nachts die Glübirne rausgeschraubt worden, damit sie in Furcht und Dunkelheit bleiben mussten.

Prügeln, bis nur noch Haarbüschel übrig bleiben

Wer in der Schule nicht genügend schnell lernte – wurde gezüchtigt. «Wenn es beim Rechnen nicht klappte, hielt Tante Dora einen an den Haaren und mit der anderen Hand prügelte sie auf einen ein – so lang bis sie nur noch Haare in der Hand hatte», schrieb Linda. «Ich hatte viele haarlose Stellen.» Sie sei kein aufmüpfiges Kind gewesen, sondern «ruhig und froh, wenn ich nur die Tage überlebte». Lindas Problem war, dass sie schulisch schwach war und die Leiterin des Kinderheims alle ihre Zöglinge in gute Schulen bringen wollte.

«Schuld- oder Schamgefühle sitzen bei den Betroffenen tief.»

Ester Käch, Opferberaterin

Linda ist eines jener fremdplatzierten Kinder im Kanton Zug, dem es im Heim schlecht erging. Die wenigsten von ihnen treten unter ihrem vollen Namen auf oder zeigen sich in der Öffentlichkeit. «Die Angst vor weiterer Stigmatisierung, aber auch das Nicht-ernst-genommen-Werden, die Verharmlosung und sogar eigene Schuld- oder Schamgefühle sitzen bei den Betroffenen zu tief», sagt Ester Käch vom Fachzentrum Eff-Zett, das im Kanton Zug die offizielle Anlaufstelle für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ist.

Kinder kamen aus andern Kantonen

Bei Käch gehen die Gesuche um Wiedergutmachung ein, welche ehemalige Verding- und Heimkinder noch bis Ende März stellen können. Werden sie bewilligt, erhalten die Heim- und Verdingkinder aus einem Geldtopf des Bundes einen Solidaritätsbeitrag von bis zu 25'000 Franken als Wiedergutmachung und Anerkennung ihres Leids.

Was der Kanton Zug an Wiedergutmachung zahlt

Die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen werden mit 25'000 Franken vom Bund entschädigt. Der Bund hat dafür bereits einen Soforthilfefonds eingerichtet, den der Zuger Regierungsrat vor vier Jahren mit 72'000 Franken aus dem Lotteriefonds alimentiert hatte (Cham spendete 50'000 Franken). Der Kanton Zug finanziert die Aufarbeitung der Thematik indirekt durchs Staatsarchiv. Denn jedes der bislang 83 Gesuche um Wiedergutmachung löste laut Staatsarchivar Ignaz Civelli einen Rechercheaufwand von rund 2,5 Tagen aus.

Eine bessere historische Aufarbeitung des Themas will die Zuger Regierung nach Auskunft von Manuela Weichelt Picard teilweise übernehmen – «vorausgesetzt, dass noch andere Finanzierungsquellen erschlossen werden». Diese Suche nach willigen Institutionen, Stiftungen, Einwohner- oder Bürgergemeinden hat begonnen. Im Sommer möchte man eine erste Bilanz ziehen.

38 Zuger Gesuche sind es bisher, über fünf wurde noch nicht entschieden, weil das Staatsarchiv noch mit Abklärungen befasst ist. Dort wurden bis dato 83 Fälle recherchiert. Die unterschiedlichen Zahlen rühren daher, dass nicht alle einst in Zuger Heimen oder Familien platzierten Kinder auch aus dem Kanton selbst stammen – oder immer noch hier leben. Viele von ihnen kamen von auswärts oder zogen später weg. Und stellten nun anderswo ein Gesuch um Wiedergutmachung, brauchen aber Akten aus dem Zuger Staatsarchiv.

Guido Fluri zieht durch die Altersheime

Wahrscheinlich hingegen ist, dass die rund 80 Opfer von Zwangsmassnahmen im Kanton Zug nur die Spitze des Eisbergs sind. «Es gibt Betroffene, die noch gar nicht von ihrem Anrecht auf einen Solidaritätsbeitrag wissen oder nur unzureichend darüber informiert sind», sagt Pascal Krauthammer, der Präsident der Wiedergutmachungsinitiative. Die Gründe seien vielschichtig. «Manche Menschen sind isoliert. Oder manchmal weiss selbst das engste persönliche Umfeld der Opfer nichts von deren leidvollen Vorgeschichte in der Kinder- und Jugendzeit, weil diese nie darüber sprechen wollten.»

Der Chamer Unternehmer Guido Fluri, der sich massiv für die Wiedergutmachungsinitiative eingesetzt hatte, tourt deswegen momentan durchs Land und spricht in Altersheimen über die letzte Möglichkeit, einen Solidaritätsbeitrag einzufordern. Er ist es auch, der mit seiner Guido Fluri Stiftung die historische Aufarbeitung des Themas fördert und etwa die Internet-Site kinderheime.schweiz.ch betreibt. Dort findet man in einem Forum Klartext über jene Heime in der Schweiz, wo Kinder geschunden wurden, weil sich Betroffene anonym melden können.

Kinderheim Blumenhof, Postkarte aus dem Jahr 1963.
Kinderheim Blumenhof, Postkarte aus dem Jahr 1963. (Bild: zvg)

Immer wieder ausgepeitscht

Bei den Zuger Einrichtungen wurde die traurige Vergangenheit des Kinderheims Marianum in Menzingen bekanntlich wissenschaftlich erforscht (zentralplus berichtete). In Fluris Internet-Forum kommt neben dem Kinderheim Erika vor allem das Kinderheim Blumenhof in Oberägeri schlecht weg, wo Kinder in den 1960er Jahren systematisch mit der Reitpeitsche gezüchtigt wurden. «Das war im ganzen Dorf bekannt. Alle wussten es und schauten weg!», heisst es in einem Post.

Austausch übers Kinderheim Blukenhof in Oberägeri.
Austausch übers Kinderheim Blukenhof in Oberägeri. (Bild: zvg)

In Unterägeri ist das ehemalige Josefsheim berüchtigt, das von Menzinger Schwestern für die Bürgergemeinde betrieben wurde. «Gut, dass es dieses nicht mehr gibt», hat ein User unter dem Betreff «Endlich Gerechtigkeit» geschrieben.

Eine Wissenslücke

Eine umfassende Übersicht über fehlbare Einrichtungen im Kanton Zug gibt es nicht. «Nach wie vor fehlt die dazu notwendige Forschung», sagt Ignaz Civelli, der Zuger Staatsarchivar. Die Zahl der in Frage kommenden Insitutionen sei «hoch». Ausserdem seien viele Kinder auch in Familien untergebracht worden.

Biografische Erinnerngen ans Kinderheim Hagendorn.
Biografische Erinnerngen ans Kinderheim Hagendorn. (Bild: zvg)

Natürlich haben auch nicht alle fremdplatzierten Kinder eine traurige Kindheit erlebt. Aber eine Anstalt wäre dennoch zu erwähnen, von der auf kinderheime-schweiz.ch ein unrühmliches Bild gezeichnet wird: Das Kinderheim Hagendorn – die ehemalige Waisenanstalt. So schreibt Ela1967 von ihrem Vater, der vor dem zweiten Weltkrieg die ersten 13 Lebensjahre in Hagendorn verbrachte. «Er kann nur andeutungsweise mit Tränen in den Augen darüber berichten. Gewisse Menzinger Schwestern schienen dort Abartiges mit den Kindern gemacht zu haben.»

In Cham will man sich «persönlich entschuldigen»

Das Bewusstsein für diese problematische Vergangenheit ist in Cham durchaus vorhanden. Die Gemeinde hat bereits Geld gespendet und als erste und einzige im Kanton Zug einen Aufruf an Opfer von Zwangsmassnahmen lanciert, sich doch wegen Wiedergutmachung zu melden. Sie bietet auch Sprechstunden für Heim- und Verdingkinder an. «Uns ist der Dialog mit den Betroffenen wichtig», sagt die zuständige Gemeinderätin Christine Blättler-Müller (CVP). «Wir können uns im Rahmen einer Sprechstunde auch persönlich entschuldigen und im besten Fall mithelfen, das Erlebte zu verarbeiten.» Konkrete Anfragen seien bisher noch keine eingegangen. Doch man könne das Angebot auch gern nach Ende März wahrnehmen, sagt sie.

Überhaupt will man im Kanton Zug mit der Frist bis 31. März für Wiedergutmachungsgesuche grosszügig umgehen. «Die Aktensuche geht auch nach diesem Datum weiter», sagt Frau Landammann Manuela Weichelt-Picard (ALG). Wenn wichtige Akten gefunden würden, die jemanden als Opfer ausweisen, könnten diese nachgereicht werden. Wichtig ist es, bis Ende Monat mindestens ein Gesuch einzureichen.

Nur altes Leid wird anerkannt

Allerdings gibt es im Fall der Heim- und Verdingkinder eine zweite Guillotine. Entschädigt wird nur Leid, das vor 1981 zugefügt wurde. «Dies wurde im Rahmen der Beratungen über die Wiedergutmachungsinitiative so entschieden, sagt Joachim Eder, FDP-Nationalrat aus Unterägeri, der sich stark für die Initiative engagiert hatte.

Doch geprügelt wurde vielleicht auch noch nach 1981. «Ich weiss mit Sicherheit, das 1990 noch immer Kinder dort gequält wurden», schreibt Linda übers Kinderheim Erika in Oberägeri. Das Thema ist somit auch nach Ende März noch nicht aus der Welt.

Sonderpädagogen: «Wir distanzieren uns in aller Form von derartigen Methoden»

Das grösste ehemalige Kinderheim im Kanton Zug, aus dem Übergriffe bekannt sind, gibt es nicht mehr. Das Marianum in Menzingen wurde bereits 1952  geschlossen. Das zweitgrösste Heim, jenes in Hagendorn, das ebenfals von Menzinger Schwestern geführt wurde, ist in ein Heilpädagogisches Zentrum umgewandelt worden. 1963 wurde in Hagendorn die erste weltliche Lehrerin angestellt, 1975 zogen sich die Menzinger Schwestern, die sich einst in Hunderten von Kindergärten, Kinder- und Mädchenheimen engagiert hatten,  komplett aus der Sozialbranche zurück. Auch aus dem Josephsheim in Unterägeri, das ebenso geschlossen worden ist, wie der Blumenhof, ein privat betriebenes Kidnerheim in Oberägeri.

Das Kinderheim Erika in Oberägeri gibt es in der einstigen Form nicht mehr – es ist heute ein sonderpädagogisches Zentrum. Stiftungsratspräsidentin Mirija Weber zeigte sich schockiert über die Internet-Einträge übers frühere Heim und nahm Stellung: «Das sonderpädagogische Zentrum Schulplus existiert seit 1995. Dass es im 1934 gegründeten Kinder- und Schulheim Erika solche zutiefst bedauerlichen Vorkommnisse gab, war uns bis anhin nicht bekannt. Wir distanzieren uns in aller Form von derartigen Erziehungsmethoden. Die Schule und Stiftung Schulplus steht für eine moderne und respektvolle Pädagogik. Das Wohl der Kinder und Jugendlichen ist uns dabei das wichtigste Ziel. Falls es eine Möglichkeit gibt, das Leid der Betroffenen lindern zu helfen, bieten wir gerne unsere Unterstützung an und laden jene ein, sich bei einem Gespräch mit uns über das Erlebte auszutauschen.»

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft