Thomas Glatthard auf dem Dach des Parkhauses beim Krienser Mattenhof. (Bild: giw)
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Thomas Glatthard auf dem Dach des Parkhauses beim Krienser Mattenhof. (Bild: giw)

Wie der regionale Strippenzieher das Verkehrschaos verhindern will

11min Lesezeit

Kaum ein Stein bleibt derzeit auf dem anderen im Gebiet Luzern Süd. Wie soll das Zusammenleben aussehen im neuen Zentrum? Wie bekommt man den Verkehr in den Griff? Und wie behält die Region ihre Identität? Auf diese drängenden Fragen muss Gebietsmanager Thomas Glatthard eine Antwort finden.

Die gewaltigen Bauprojekte im Grenzgebiet zwischen Luzern, Horw und Kriens sorgen für Aufsehen und zuweilen auch für Ablehnung bei den Anwohnern. Thomas Glatthard ist der Mann, bei dem alle Fäden zusammenlaufen (zentralplus berichtete). Der Ingenieur ist seit sieben Jahren Gebietsmanager von Luzern Süd und kennt das Gebiet und die Projekte darauf wie seine eigene Westentasche.

Zur Person

Der Ingenieur und Raumplaner Thomas Glatthard ist seit sieben Jahren für das Entwicklungsgebiet Luzern Süd zuständig. Er bildet die neutrale Schnittstelle zwischen Unternehmen, Investoren und den Gemeinden Kriens, Horw und Luzern. Glatthard koordiniert die Planung und Entwicklung des Gebiets und treibt sie vorwärts. Daneben führt der selbstständige Unternehmer die Geschäftsstelle des Vereins Basel-Bernstrasse (BaBeL). Er lebt zusammen mit seiner Familie im Schönbühlquartier in Luzern.

 

zentralplus: Die Bautätigkeit ist enorm, es wird derzeit eine neue Stadt aus dem Boden gestampft. Lebt dieses Geflecht tatsächlich oder wird es eine Schlafstadt am Rande Luzerns?

Glatthard: In Luzern Süd entsteht keine Stadt, eher ein Stadtteil. In den kommenden Jahren entsteht ein breiter Mix an Nutzungen, das sind nicht reine Schlaforte. Dazu gehören Wohn- und Arbeitsplätze, Geschäfte, Dienstleistungsfirmen, Kultur- und Unterhaltungsangebote sowie Grünflächen. In Horw und auf der Allmend gibt es Naherholungsgebiete. Alle Altersgruppen werden hier etwas für sich finden. Das ist ein Gebiet, das alle Bedürfnisse abdecken wird.

zentralplus: Funktioniert diese Planung auf dem Reisbrett?

Glatthard: Das Beispiel Oerlikon in Zürich zeigt: Es braucht eine gewisse Anlaufzeit, bis das Leben einkehrt. Entscheidend ist, dass von Anfang an ein Mix angestrebt wird. Da haben wir mit dem Hochschulcampus in Horw oder dem Südpol bereits heute gute Voraussetzungen. Dazu kommt auch die Pilatus-Arena mit Breiten- und Schulsport unter der Woche und grössere Veranstaltungen am Wochenende. Damit ist sichergestellt, dass wirklich das Leben in das neue Gebiet kommt und sich hier abspielt.

zentralplus: Luzern Süd klingt sehr technisch. Wird sich der Name durchsetzen für das Gebiet?

Glatthard: Im nationalen Standortwettbewerb mit anderen Städten und auch im Ausland hat sich gezeigt, dass dieser Brand gut vermarktet werden kann und positiv ankommt. Innerhalb des Kantons wird es aber bei den alten Flur- und Quartiernamen wie Schweighof, Eichhof, Mattenhof oder Schlund bleiben. Da muss niemand Angst haben, dass ein Gemeindenamen geändert wird.

zentralplus: Erst jetzt wird überhaupt über Sozialräume und das Zusammenleben allgemein gesprochen. Weshalb hat das so lange gedauert?

Glatthard: In einer ersten Phase war es vor allem wichtig, dass ein Verkehrs- und Entwicklungskonzept erstellt wird. Lange war nur ein kleiner Teil der Gemeindeverwaltung an den Gesprächen beteiligt. Jetzt, da die groben städtebaulichen Richtlinien festgelegt sind, wollen wir alle Schlüsselgruppen miteinbeziehen. Beispielsweise ältere Menschen, Jugendliche, Sportvereine, Verwaltungsmitarbeiter, Familien oder Schüler. Im März wird in einem Workshop unter der Leitung der Hochschule Soziale Arbeit über das zukünftige Zusammenleben in Luzern Süd diskutiert.

In der «Mikropole Mattenhof» werden rund 300 Wohnungen geschaffen. Zudem sind Geschäfte, Büros und ein Hotel geplant.
In der «Mikropole Mattenhof» werden rund 300 Wohnungen geschaffen. Zudem sind Geschäfte, Büros und ein Hotel geplant. (Bild: giw)

zentralplus: Die alten Ortskerne sind ja zuweilen über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte organisch gewachsen. Wer soll überhaupt gemeinsam öffentlich nutzbare Räume anbieten – interessiert das die Investoren?

Glatthard: Das ist gerade der Grund für diese langfristige Planung, damit nicht Private alleine entscheiden, was auf ihrem Gebiet passiert. Stattdessen möchten wir mitentscheiden und die Spielregeln festlegen. Es wurde in der Gebietsplanung genau festgelegt, was alles grün und frei bleibt auf diesen Flächen, wie dicht und hoch gebaut werden darf.

zentralplus: Wie wird das sichergestellt?

Glatthard: Bei jedem Areal muss eine bestimmte Menge an öffentlich nutzbaren Plätzen und Grünflächen erhalten bleiben. In den Arealen Mattenhof I und II direkt am Bahnhof sind jedoch weniger Grünflächen vorhanden, als das in den Richtlinien vorgeschrieben ist.

Die Bauherren müssen das im übrigen Raum Luzern Süd mit einer finanziellen Abgabe an die Gemeinde Kriens kompensieren. Das Geld kommt dann der Bevölkerung zugute für den Bau öffentlicher Parkanlagen oder Spielplätze.

zentralplus: Wie lange dauert es denn, bis alles gebaut wird?

Glatthard: Das hängt auch davon ab, wie die Nachfrage aussieht. Wenn eben zu viele Wohnungen leer bleiben, dann werden die Investoren wohl warten mit dem Bau. Es wird nicht auf Vorrat bebaut. Die Angst vor zu viel und zu schneller Veränderung kann ich verstehen – natürlich wird gerade viel gebaut, doch es kommt auch wieder eine Ruhephase, wo sich die neuen Bewohner und die ansässige Bevölkerung kennenlernen können und das Leben einkehrt.

zentralplus: Wie sieht diese Abgeltung aus?

Glatthard: Hier kommt das neu eingeführte Kantonsgesetz zur Mehrwertabschöpfung zum Zug: Ein Grundeigentümer muss bei einer Umzonung 20 Prozent der Wertsteigerung an die Gemeinde abliefern, im Fall des Grabenhofes wäre das Kriens. Damit realisiert die Gemeinde Aufwertungen und öffentliche Nutzungen.

«In Luzern Süd muss ein grosser Anteil des Verkehrs mit dem öV oder dem Velo abgewickelt werden.»

Thomas Glatthard, Gebietsmanager Luzern Süd

zentralplus: Zahlreiche neue Arbeits- und Wohnplätze sorgen auch für Verkehr. Wie verhindern Sie ein Chaos auf der Strasse?

Glatthard: Wie in der Innenstadt, entstehen in Luzern Süd urbane Siedlungen mit wenig Autos an bester öV-Lage, das sieht das Verkehrskonzept so vor. Und alle Bauherren müssen nachweisen, wie sie das durchsetzen. Also beispielsweise, indem nur noch jede zweite Wohnung ein Parkplatz hat und nicht mehr jeder Arbeitnehmer parkieren kann. Damit soll sichergestellt werden, dass nicht mit jedem neuen Projekt zu viel Verkehr auf die Strasse kommt. Gleichzeitig garantiert der öV-Ausbau, dass entsprechend der Druck auf die Strasse abnimmt.

zentralplus: Entwickelt sich das Gebiet nicht schneller weiter als neue Strassen geschaffen werden können?

Glatthard: Bei jedem neuen Gebiet müssen die Bauherren nachweisen, wie die Leute sich künftig bewegen werden. Wie viele mit Auto und Velo fahren, wer den Zug nimmt oder zu Fuss geht ist Teil der Projektplanung. Gleichzeitig wird der öffentliche Verkehr laufend ausgebaut. Das Ziel ist, dass die Züge vom Mattenhof bis nach Luzern im 7.5-Minuten-Takt fahren. Derzeit ist es ein 15-Minuten-Takt, ab 2020 werden zusätzlich noch zwei weitere Kurse fahren während den Spitzenstunden.

zentralplus: Trotzdem ist die Sorge vor einem Kollaps in den Rushhours gross.

Glatthard: Wie gesagt, in Luzern Süd muss ein grosser Anteil des Verkehrs mit dem öV oder dem Velo abgewickelt werden. Sollten die Strassen überlastet werden, kommen Dosierungsmassnahmen ins Spiel, damit der Bus bevorzugt werden kann. Ein- und Ausfahrten aus privaten Parkhäusern und den Quartieren werden dann von der Hauptstrasse dosiert. Beim Verkehrshaus gibt es bereits eine solche Ampel stadteinwärts oder neu in der Mall. Künftig ist das auch in der Innenstadt vorgesehen.

zentralplus: Veränderungen machen oft Angst – die enormen Entwicklungen sorgen bei der Bevölkerung in Luzern Süd für viele Fragezeichen. Was entgegnen Sie den Kritikern die sagen, das geschehe alles viel zu schnell?

Glatthard: Es passiert ja nicht alles zur selben Zeit. Der Zeithorizont ist 20 respektive 30 Jahre. Wir wollen aufzeigen, wie das alles mit einer einheitlichen Vision entstehen soll.

Umso mehr Leerwohungen in der Region, desto besser die Mietzinsentwicklung.

Thomas Glatthard, Gebietsmanager Luzern Süd

zentralplus: Weshalb gerade in diesem Gebiet dieses enorme Wachstum?

Glatthard: Das Gebiet war ursprünglich ein Gewerbegebiet. Aufgrund des S-Bahn-Anschlusses, der Autobahn und der Stadtnähe erkannten die Gemeinden, dass hier weitaus interessantere Möglichkeiten bestehen. Die Entwicklung entspricht der nationalen Strategie der Verdichtung nach innen. Die hat das Stimmvolk mit dem Ja zum neuen Raumplanungsgesetz befürwortet.

zentralplus: Es scheint, dass die Politik vor allem möglichst viel Bautätigkeit im Interesse der Investoren ermöglichte. Dirigiert in Luzern Süd das Geld die Gebietsentwicklung?

Glatthard: Nein, der Bedarf an neuen Wohnungen gibt die Entwicklung vor. Bereits vor vielen Jahren wurden in der kantonalen Planung die Gebiete Luzern Süd, Ost und Nord als Wachstumsschwerpunkte definiert.

Die Investoren reagieren auf die Nachfrage – Luzern hatte ja bis vor kurzem einen relativ tiefen Leerstand. In jüngster Zeit ist nun die gegenteilige Entwicklung thematisiert worden – also zu viele Leerwohnungen. Und das ist ja eigentlich eine gute Sache, dadurch entlastet sich der Druck auf die Mietzinsen. Umso mehr Leerwohnungen in der Region, desto besser die Mietzinsentwicklung. Das reguliert sich wie von selbst.

Kräne dominieren die Szenerie in Luzern Süd, hier das Projekt «Matteo» von Mobimo.
Kräne dominieren die Szenerie in Luzern Süd, hier das Projekt «Matteo» von Mobimo. (Bild: giw)

zentralplus: Derzeit scheint hier jeder Quadratmeter verplant – doch braucht es nicht auch Räume, die nicht bereits definiert sind und geplant sind, Leerräume sozusagen?

Glatthard: Es sind auch Zwischennutzungen möglich, beispielsweise auf dem Nidfeld. Längere Zeit konnten das Gebiet Fahrende nutzen. Ein anderes Beispiel ist das LUK-Center auf der anderen Strassenseite, das derzeit von einem Teil der Krienser Verwaltung provisorisch verwendet wird. Im Grabenhof bleiben die Familiengärten so lange bestehen, bis die neuen Nutzungen kommen. So gibt es ganz viele Areale, die teilweise über einzelne oder gar mehrere Jahre zwischengenutzt werden können.

zentralplus: Immer stärker wachsen Kriens, Horw und die Stadt zusammen, die Grenzen sind kaum mehr auszumachen. Macht eine Fusion langfristig Sinn aus Ihrer Sicht?

Glatthard: Es ist richtig, dieser Raum zwischen Kriens, Horw und Luzern gehört zusammen. Das muss gemeinsam geplant und entwickelt werden. Eine Fusion ist aus meiner Sicht dennoch nicht zwingend notwendig. Wichtig ist, dass man weiterhin zusammenarbeitet.

zentralplus: Vielleicht ändert sich ja die Meinung der Bevölkerung, wenn man genügend lange zusammenlebt in Luzern Süd und eine Fusion mehrheitsfähig wird.

Glatthard: Das kann gut sein, dass das Thema in zehn oder 20 Jahren noch einmal diskutiert wird.

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