Anita Bucher und Hündin Juli im «Ziitlos» an der Mythenstrasse. (Bild: jav)
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Anita Bucher und Hündin Juli im «Ziitlos» an der Mythenstrasse. (Bild: jav)

«Meine Asche sollen sie mal in einem Brocki ausstreuen»

14min Lesezeit

Anita Bucher ist eine Idealistin und fast unheimlich vernarrt in alte Dinge. Sie mag Dates wegen der schrägen Geschichten und freut sich, wenn man mehr über sie wissen will als über Emil Manser. Und da gibt es so einiges zu erfahren.

Sie ist eine Macherin. Eine Geschäftsfrau ohne viel Geschäftssinn. Aber mit vielen Idealen. Sie sammelt menschliche Gebeine und führt gleich zwei Secondhandläden. Sie trägt im Alltag gerne Ski- und Rennfahrer-Anzüge und arbeitet auch in der Pflege. Anita Bucher ist vieles, nur nicht gewöhnlich.

In der Öffentlichkeit kennt man die 47-Jährige aber eigentlich nur als Partnerin des 2004 verstorbenen Strassenphilosphen und Stadtoriginals Emil Manser, dem das Historische Museum Luzern 2016 eine Ausstellung widmete.

Nirgends und an vielen Orten zuhause

Aufgewachsen ist Bucher «an ganz vielen Orten» im Luzerner Hinterland. Mal in Winikon, mal in Schötz. Erst hatten ihre Eltern ein Restaurant, dann lebte sie beim Vater auf dem Bauernhof, anschliessend in einer Pflegefamilie, dann bei der Mutter, die jedoch bald schwer krank wurde. Mit 18 Jahren war Anita Bucher verlobt, mit 21 bereits wieder geschieden. «Damit haben wir das Dramatische abgehandelt», sagt Bucher salopp und lacht.

Wir sitzen im Café Parterre an der Mythenstrasse, mit dem sich Bucher den Eingang zu ihrem Secondhandladen «Ziitlos» teilt.

«Ich fühle mich an vielen Orten zuhause», so Bucher. Ewig lange habe sie an der Bireggstrasse gewohnt. «Und ich liebe die Neustadt», betont sie. Trotzdem zog es sie vor zehn Jahren nach Emmenbrücke. Im selbst umgebauten Hexenhäuschen wohnt sie mit ihrer 7-jährigen Hündin Juli und mit einem ganzen Haufen geschichtsträchtiger Stücke. Darunter auch Gebeine. «Ich sammle ausgestopfte Tiere und menschliche Gebisse», erklärt Bucher. Morbid? «Bestimmt, aber eben auch mystisch.»

 

....er esch eher en ruhige......!?😌

Ein Beitrag geteilt von Ziitlos retro Secondhand LU (@ziitlos_secondhand) amSep 22, 2017 um 2:19 PDT

Vom Verlorensein und vom Ankommen

Im Gespräch wird schnell klar: Hier ist jemand nicht auf den Mund gefallen. Und auch Energie scheint sie für drei zu haben – glücklicherweise. «Ich arbeite mehr als Vollzeit. Meine letzten Ferien – länger als eine Woche – war meine Hochzeitsreise mit 20.»

Ihre Ausbildung absolvierte Bucher im Kantonsspital. Doch das sei für sie ganz klar nicht der richtige Ort gewesen: «Noch nach einem Jahr habe ich mich ständig verlaufen, selbst wenn ich halbtote Patienten auf den Betten herumgeschoben habe.» Anstatt beim Gipsen sei sie mit einem Patienten in der Leichenhalle gelandet. «Im Untergeschoss, im Dunkeln, überall Gänge. Es war ganz tragisch, ich hätte heulen können.» Heute sei es für sie logisch: «Ich bin da nie wirklich angekommen.»

Seit mittlerweile 20 Jahren arbeitet sie Teilzeit in der Behindertenbetreuung und genauso lange führt sie ihren eigenen Secondhandladen. Das «Ziitlos» an der Mythenstrasse schmeisst sie alleine. Im zweiten «Ziitlos» an der Industriestrasse beschäftigt sie eine Angestellte.

 

.........ich hab Dich genossen ❗🦄🏵💜...

Ein Beitrag geteilt von Ziitlos retro Secondhand LU (@ziitlos_secondhand) amDez 8, 2017 um 12:17 PST

Emil als ständiger Begleiter

Doch wie fühlt sich das an, in der Presse immer nur «Partnerin von Emil Manser» genannt zu werden? Immer über ihn Auskunft zu geben und nie über sich selbst? «Natürlich freue ich mich, wenn es mal um mich geht», sagt Bucher. Doch über ihn zu sprechen, tue auch ihr gut.

«Meine Asche sollen sie mal in einem Brocki ausstreuen.»

«Ich bin sehr stolz auf ihn und darauf, dass ich so viel Zeit mit ihm habe verbringen dürfen. Ich bin dankbar dafür.» Sie habe ihn verstanden. Zwar nicht immer, aber sie habe es immer wieder versucht, sagt sie lachend, und: «Ich denke täglich an ihn.»

Auch über die anderen Männer in ihrem Leben – ihren Exfreund, mit dem sie in Emmenbrücke das Häuschen gekauft hatte, oder ihren Exmann, mit dem sie sich erst 18-jährig verlobt hatte – spricht sie mit viel Zuneigung.

Leidenschaft für das Alte

Ihre wahre Leidenschaft, die fand Bucher ein paar Jahre nach ihrer Ausbildung. Sie hatte sich im Heilsarmee-Brocki in Kriens beworben, der alten Brockenstube, die damals noch auf dem Eichhofareal stand. «Ich kam rein und es war die Erleuchtung: Es hat etwas gemieft und eine Million, eine Milliarde Geschichten warteten darauf, entdeckt zu werden.» Da sei ihr klar geworden: Die alten Sachen, das ist es. «Die Anstellung dort war meine unbeschwerteste Zeit», sagt sie heute.

Dass Anita Bucher heute das «Ziitlos» führt, hat mehr mit der Leidenschaft für Altes als mit der Leidenschaft für Mode zu tun. Obwohl auch die sehr ausgeprägt ist. «Mein Stil ist dezenter geworden. Früher war da viel mehr Glitzer und Glamour oder Mikrofone als Gürtelschnalle», so Bucher. Sie geniesse schräge Mode noch immer, aber für sich bleibe sie heute im Alltag gerne bei ihren Latzhosen, Skidresses und Rennfahranzügen.

«Dieses ewige Wegschmeissen ist eine Perversion.»

Sie habe einen riesigen Respekt vor den alten Dingen. «Diese Sachen wurden noch für die Ewigkeit gemacht.» Die Details der Verarbeitung, die Geschichten und oft auch die Dramatik dahinter, der Duft» – Bucher kommt ins Schwärmen. «Meine Asche sollen sie mal in einem Brocki ausstreuen – einem mit einer faulen Putzkraft», lacht sie. «Damit ich da ganz lange liegen bleibe.»

Auch während des Shootings kann sie es nicht lassen – die Arbeit wartet nicht.
Auch während des Shootings kann sie es nicht lassen – die Arbeit wartet nicht. (Bild: jav)

Idealistin oder Träumerin?

Ihre Arbeit habe auch viel mit ideellen Gründen zu tun, sagt Bucher. «Recycling und Secondhand sind extrem wichtig. Wir müssen wegkommen von dieser Wegwerfgesellschaft ohne Respekt für Dinge und ohne Respekt für die Arbeit, die dahintersteckt.» Sie könne nicht zuschauen, wie alles auf dem Müll lande. «Dieses ewige Wegschmeissen ist eine Perversion.»

«Ich trieb die Arbeiter zur Weissglut.»

Einige Male fuhr Bucher mit Entsorgungsfirmen zu Wohnunsräumungen. Keine gute Idee, denn sie habe alles vor der Mulde retten wollen und deshalb ständig alle aufgehalten. «Ich trieb die Arbeiter zur Weissglut. Die nehmen mich nirgends mehr mit.» Doch auch für sie selber sei es besser so.

«Abseits Luzern»

Anita Buchers «Ziitlos» ist mittlerweile auch eine Station der «anderen Stadtführung» durch Luzern geworden, die sich seit Beginn kaum vor Anfragen retten kann (zentralplus berichtete). Bei der Neustadttour am Samstag führen die «Abseits»-Guides ihre Gäste jeweils für einen Besuch zum Secondhandladen an der Mythenstrasse.

«Einmal stand ich in einer Wohnung, in der Zwillingsschwestern bis zum Tod der einen gemeinsam gelebt hatten. Bibel und Rosenkranz lagen auf beiden Seiten des Doppelbetts auf den Nachttischchen und zwischen jedem Nachthemd im Schrank ein Seidenpapier. So viel Sorgfalt und Wertschätzung. Nun stand diese eine Frau alleine und verloren in ihrer Wohnung, während die Leute von der Firma mit dem Vorschlaghammer die hart ersparten Möbel zusammenschlugen, Kleidung, Lampen, Geschirr über die Balkonbrüstung warfen. Das brach mir das Herz.»

Doch mit Sortieren, oder damit, Kleidung in Altersheime zu bringen, wie es Bucher jeweils machen wollte, hält man solche Firmen zu sehr auf. Denn da muss alles schnell gehen. Da ist keine Zeit für separate Termine, damit die alte Dame die Entsorgung nicht mit ansehen muss. «Du bist eine Träumerin, haben mir diese Männer jeweils gesagt. So kommst du zu nichts», sagt Bucher.

Traurige Geschichten, spannende Menschen

Anita Bucher jedoch ist überzeugt: Was sie bei den Räumungen erlebe, bei welchen sie angefragt wird und sich nicht gegen die Entsorgungstruppe durchsetzen muss, gebe ihr viel. Auch im «Ziitlos» treffe sie immer wieder auf Menschen mit unglaublichen Geschichten: «Härzige, lustige, aber auch sehr traurige. Man trifft besondere Leute, schräge Diven, Sammler, Menschen aus einer anderen Zeit oder anderen Welt. Diese Geschichten wären es wert, erzählt zu werden.» Es seien diese Begegnungen, wegen denen sie ihren Job so liebe.

«Intellekt macht sexy.»

Künftig will sich Bucher voll auf ihr Geschäft konzentrieren. Dieses soll wirtschaftlich besser laufen. «Im Moment lebe ich unter dem Existenzminimum», sagt Bucher. Viele Dinge verkauft sie auf Kommission, eigentlich ein unrentables Geschäft. Sie müsse daher noch einiges optimieren.

Dazu sucht Bucher eine weitere Angestellte. «Jemand Junges am besten, gerne etwas idealistisch, und eine Leidenschaft für Secondhand muss sie haben.» Jemand, der mitzieht und ihr hilft, nicht betriebsblind zu werden. Jemanden Soziales, der trotzdem nicht gleich der ganzen Gassenküche Suppe koche. «Gerne auch etwas ruhiger als ich. Sonst wird's dann gar lebhaft», sagt sie lachend. Und das kann man gut nachvollziehen.

Dating-Queen

Immer alles alleine zu machen, «das hänke an». «Ich werde älter, musste gerade erst meine Hand operieren lassen», gibt sie zu bedenken. Tatsächlich ist sie in den letzten Jahren etwas grau geworden um die Schläfen. «Ich hab's mittlerweile überwunden», sagt sie lachend. Zudem mache sie sich sowieso immer älter, als sie eigentlich sei. «Seit ich 43 war, sage ich, ich sei 50.»

Auch privat hätte sie gerne wieder feste Gesellschaft. «Ich bin seit Jahren auf zahlreichen Partnersuche-Portalen und habe oft Dates», sagt Bucher. Was sie da erlebe, sei teilweise richtig abstrus. «Es wird auch so viel gelogen.» Diese Geschichten würde sie gerne als Buch herausbringen. «Ich schreibe stetig auf, was ich an diesen Dates für schräge Dinge erlebe.»

Auch sie selbst sei nicht einfach, sagt Bucher lachend. «Da muss mich einer schon fantastisch finden, damit das klappen würde.» Sie wolle Abenteuer erleben, jemanden, der anpacken kann und etwas im Kopf hat. «Intellekt macht sexy. Das war bei Emil auch so. Dafür hat er vier Päckli Zigaretten geraucht, das fänd' ich heute wohl nicht mehr besonders prickelnd.»

Anita Bucher in ihrem Element.
Anita Bucher in ihrem Element. (Bild: jav)

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