Gregory Gornik zieht es nach sechs Jahren in Luzern wieder in die Heimat Kalifornien. (Bild: zvg)
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Gregory Gornik zieht es nach sechs Jahren in Luzern wieder in die Heimat Kalifornien. (Bild: zvg)

Los Angeles – Luzern und zurück

7min Lesezeit

Der Job als Türsteher an der Luzerner Baselstrasse ist kein Zuckerschlecken. Gregory Gornik jedoch lässt es stets so aussehen. Nun zieht es ihn zurück in seine Heimat L.A. Doch an seinem letzten Abend an der Tür ging es nochmals richtig zur Sache.

Wer in den Klub Kegelbahn an der Baselstrasse will, der kommt an ihm nicht vorbei.

Gregory Gornik ist der Türsteher, der in Erinnerung bleibt, nicht nur weil er die Gäste stets in einem gebrochenem Schweizerdeutsch-Englisch-Gemisch begrüsst, sondern auch wegen seiner freundlichen Art.

Nichts erinnert an die überheblichen Türsteher des Berliner Berghains. Dementprechend überrascht es nicht, dass die Reaktionen auf die Verkündung seines Abschieds von Luzern auf der Kegelbahn-Facebook-Seite überschwänglich ausfallen.

Ein echter «Papierli-Schweizer»

Seit über sechs Jahren lebt Gornik in Luzern. Er zog in die Schweiz, um an der Hochschule in Luzern Design Management zu studieren. Und um seine unbekannte Schweizer-Seite kennenzulernen. Denn Gornik hat den Schweizer Pass, obwohl er in Los Angeles aufgewachsen ist, und bis vor sieben Jahre das «Vaterland» noch nie betreten hatte. Auch seine Mutter, eine auf Bermuda geborene Schweizerin, flog erst vor drei Jahren erstmals über die Schweizer Grenze.

Sein Studium hat er mittlerweile abgeschlossen. Zum Job kam er spontan durch seinen guten Freund Remo Bitzi, mit dem er seit dem ersten Studientag befreundet ist. Nun arbeitet er seit fast vier Jahren bei der Kegelbahn, nicht nur als Türsteher, sondern überall, wo zwei Hände gebraucht werden. Dabei half er auch, das «Kaffee Kind» aufzubauen. Er blieb hängen, auch wegen einer Frau.

«Als ich die Tür aufgemacht habe, roch ich Pfefferspray.»

«Ich bin schon ziemlich schweizerisch geworden in der Zeit. Ich bin heute beispielsweise davon überzeugt, dass jeder Mensch eine Krankenversicherung haben sollte. Meine Familie hält mich nun für linksradikal», sagt er und lacht. Sein Schweizerdeutsch ist in Bruchstücken ganz passabel. «Ich kann den Gesprächen folgen, aber ich muss immer erst in die Stimmung kommen, um dann auch selber zu sprechen anzufangen.»

«You know, it is Baselstrasse»

Zur Klärung gleich vorab. Gornik hat keine Nahkampfausbildung und er wirft in der Kegelbahn keine randalierenden Betrunkenen raus. Er ist der «Selector». Er entscheidet, wer in den Klub passt und wer draussen bleibt. Und dabei geht es nicht um die falschen Schuhe oder die richtige Frisur.

Auf was muss man sich bei diesem Job einstellen? «You know, it is Baselstrasse», sagt Gornik. Es passiere immer wieder Unvorhergesehenes.

Auch bei seinem letzten Einsatz an der Tür der Kegelbahn, in der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 2017, ging es hoch her. «Die Nacht wurde eine der verrücktesten überhaupt.» Angefangen habe alles mit einem gereizten Gast, der auf der Strasse plötzlich mit einem Messer auftauchte. Um die Situation runterzukochen, sei er in den Klub runtergegangen, als ihm ein hustender Mann entgegengekommen sei. «Als ich die Tür aufgemacht habe, roch ich Pfefferspray.» Das Team reagiert sofort und evakuiert direkt den ganzen Laden. «Die Gäste waren erstaunt, wie schnell und unkompliziert die Räumung lief.» Aber auch wenn niemandem etwas passiert ist: Für seinen letzten Abend und gleichzeitig seinen Geburtstag ganz schön fies. «Ich hatte mich sehr auf die Nacht gefreut, aber eben. Man weiss nie, was kommt.»

Angespannte Stimmung an der Baselstrasse

Mit solchen Aktionen, wie einem Messer in der Jacke, damit muss man umgehen an der Baselstrasse, findet Gornik. Er habe aber das Gefühl, dass die aggressive Stimmung derzeit auf dem Höhepunkt sei, nachdem im Lokal gegenüber ein Mann erstochen wurde (zentralplus berichtete).

«Die Leute sind gerade sehr emotional und empfindlich», besonders auch die Leute, die ihre Brötchen nicht legal verdienen. Er sei deshalb die letzten Wochen vorsichtiger geworden.

«Ich muss die Dinge sehen, bevor sie passieren. Bevor die Stimmung kippt.»

«Ich bin dafür zuständig, Menschen zu lesen», sagt Gornik. Kommen sie wegen der Stimmung und wegen der Musik, oder einfach nur, um noch einen Drink zu kippen oder gar rumzupöbeln.

Fäusten ausweichen

Angst habe er in den Jahren als Türsteher in der Baselstrasse nie wirklich gehabt. «Ich habe wohl die Mentalität, die es für diesen Job braucht: Vorausschauend und deeskalierend. Ich muss die Dinge sehen, bevor sie passieren. Bevor die Stimmung kippt.»

Das Wichtigste sei, dass die Gäste sicher seien. Und er sei es sowieso. «Hinter mir steht immer ein Security, dem ich die Lage übergebe, falls jemand übergriffig wird.» Er habe nicht selten Fäusten ausweichen müssen, und einmal habe es ihn auch unvermittelt am Kopf erwischt. «Ich frage mich immer, was sich die überlegen. Denn was machst du, nachdem du den Türsteher geschlagen hast? Du bist in einer Schlange von Leuten, du kannst nicht wegrennen und hinter dem Türsteher steht ein Security.»

Vor allem Schweizer Männer würden richtig unfreundlich, wenn er sie nicht reinlasse. Und das passiert rund 20 Leuten pro Abend. «Sie sagen: Du Ausländer, hast uns in unserer Stadt gar nichts zu sagen», so Gornik. «Ich sage dann jeweils, das ist ja ok. Aber du kommst trotzdem nicht rein», ergänzt er lachend.

«Es war eine grossartige Zeit mit tollen Menschen.»

«Dann erlebst du aber auch wirklich tolle Menschen, die plötzlich aus der Bahn geworfen werden, eine schlimme Zeit durchmachen, sich dabei dermassen abschiessen und sich danebenbenehmen», erzählt Gornik. Da sei es keine Frage, dass er versuche, empathisch mit diesen Menschen umzugehen, auch wenn sie überreagieren.

Er habe in diesen drei Jahren viel über die Menschen gelernt.

Die letzte Nacht in Luzern wurde noch gebührend gefeiert.
Die letzte Nacht in Luzern wurde noch gebührend gefeiert. (Bild: zvg)

Bittersüsser Abschied

Nun geht es zurück in die Heimat Los Angeles – schon am 12. Dezember geht sein Flieger. Gornik ist dort aufgewachsen und geht zurück, um im familieneigenen Barbershop einzusteigen. Der Abschied sei «bittersweet», sagt er.

Das Beste sei gewesen, Teil dieser musikalisch, kreativen Drehscheibe zu sein. «Ich liebe diese Musik und ich verstehe diese Szene. Es war eine grossartige Zeit mit tollen Menschen.» Raphael Märki und Stefan Bernasconi seien nicht nur Chef und Mitarbeiter, sie seien enge Freunde geworden.

Seine Freundin, die er beim Studium kennengelernt hat und mit der er seit zwei Jahren zusammenwohnt, wird nach ihrem Master zu ihm nach Kalifornien nachkommen. Doch eine längerfristige Rückkehr nach Luzern ist ziemlich sicher. «Wenn ich die Erfahrung im Design Management habe und hier Projekte annehmen kann, dann kann ich mir gut vorstellen, wieder hierher zu ziehen.»

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