Der Eingang der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Stadt Luzern. (Bild: Manuel Gautschi                     )
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Der Eingang der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Stadt Luzern. (Bild: Manuel Gautschi )

Aus dem Kindergarten direkt ins Heim gebracht

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Aus dem Unterricht hinaus wurde vorletzte Woche ein Kind einer Luzerner Ärztin im Kindergarten abgeholt und in einem Heim platziert. Beauftragt hat diese Massnahme die Luzerner Kesb. Dabei soll die Behörde eine Krankengeschichte konstruiert haben, wie ein Luzerner Lehrer, der den Fall seit einem Jahr begleitet, ihr vorwirft.

Der Luzerner Lehrer Armin Stadelmann geht auf Facebook und im Gespräch mit zentralplus hart mit der Stadtluzerner Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ins Gericht. Er beschreibt einen Fall eines Kindergartenkindes, das vor zwei Wochen während des Unterrichts abgeholt und ausserkantonal in einem Heim platziert wurde.

Dem Kind wurde die Unterbringung im Heim von den Behörden damit erklärt, dass die Mutter schwer erkrankt sei. Dabei soll es sich laut Stadelmann jedoch um eine konstruierte Krankeitsgeschichte handeln.

«Es gibt überhaupt keine Grundlage für diese Fremdplatzierung», sagt Stadelmann. Die Kindsmutter, eine ausgebildete Ärztin, betreue und erziehe ihr Kind nicht anders als eine andere Familie, so das subjektive Urteil Stadelmanns. Eine akute Kindsgefährdung, beispielsweise durch körperliche oder psychische Gewalt, sei aus seiner Sicht und auf Grundlage der Akten in keiner Art und Weise gegeben. Es herrsche jedoch ein «grauenhafter Trennungsstreit» zwischen der Mutter und dem Vater.

Mutter habe kooperiert

Stadelmann hat von der Kindsmutter eine Vollmacht und deshalb Einsicht in alle Akten, kann den Behörden Anträge schreiben und an offiziellen Gesprächen teilnehmen. Er begleitet den Fall seit gut einem Jahr und hat schon in verschiedenen Kesb-Fällen die Eltern unterstützt.

Stadelmann sagt, er sei persönlich absolut kein Kesb-Gegner. «In Luzern habe ich in verschiedenen Fällen sehr gute Erfahrungen mit verschiedenen Beistandspersonen gemacht.» Nach der Anhörung vor einem Jahr habe man den Kindsentzug «noch abwenden können». Die Gefährdungsmeldung für das Kind hat laut Stadelmann der zuständige Kantonsrichter aufgegeben.

Die Gefährdungsmeldung des Richters sei jedoch nicht wie üblich an die Kesb gesendet worden, sondern an die eingesetzte Beiständin. Der Richter habe dabei den falschen Rechtsweg gewählt. In den Akten stehe, dass keine Kindsgefährdung bestünde, was zu einer Verfahrenseinstellung führen müsste. Beantragt wurde ein Beistandswechsel und dieser sei von der auch Behörde zugesichert worden.

«Grauenhafter Trennungsstreit»

Die Mutter habe sich mit der Übergangslösung kooperativ gezeigt. Jedoch habe sich die Beiständin kurze Zeit später wieder eingeschaltet. Nach Aussage der Mutter wurden jeder Smalltalk und normale Schulbesuch von der Beiständin gesammelt und im Entscheid dramatisiert.

«Für die Vorgehensweise der Kesb habe ich aber absolut kein Verständnis.»

Lehrer auf Facebook

Das Einzige, was man aus Sicht des Lehrers der Mutter vorwerfen könne, sei, dass sie nicht immer den Anordnungen der Behörden folge. «Nach allem, was ich miterlebt und in den Akten gelesen habe, habe ich Verständnis für das Verhalten der Mutter. Für die Vorgehensweise der Behörde habe ich aber absolut kein Verständnis», sagt Stadelmann. Das Vorgehen der Kesb widerspreche aus seiner Sicht vollumfänglich der Kinderrechtskonvention.

Der Umstand für den Entzug wurde der Mutter im Beisein von drei Polizisten und einer Kesb-Vertretung mitgeteilt. Die Betroffene habe gleichzeitig mit einer anerkannten Menschenrechtsorganisation gesprochen. Die Polizei habe die Mutter dazu aufgefordert, das Telefon aufzulegen – obwohl die Menschenrechtlerin auf ein Mithörrecht pochte. Sie sei danach von einem Polizisten abgelenkt worden, während ein anderer den Hörer aufgelegt habe.

«Vor einem Entzug des Aufenhaltsrechts wird somit alles andere probiert, um das Kindeswohl bestmöglich zu wahren.»

Angela Marfurt, Präsidentin Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Luzern

Als die Mutter laut den Ausführungen das erste Mal persönliche Effekten und das Stofftier für das Kind im Heim abgeben wollte, wurde dies zurückgewiesen, da der Kesb-Verantwortliche dies nicht erlaubt habe. Weder Mutter, Kinderarzt noch vertraute Verwandte und Bekannte haben das Kindergartenkind in der ersten Woche nach der Fremdplatzierung besuchen oder mit ihm telefonieren dürfen.

Am vergangenen Mittwoch, also rund eine Woche nach der Fremdplatzierung, habe die Kindsmutter, laut Stadelmann, das erste Mal telefonisch mit ihrem Kind 15 Minuten Kontakt aufnehmen können. Die Stimme sei zitternd, energielos, verängstigt gewesen. Neben dem Kind sass mindestens eine Betreuungsperson. Am Mittwochmorgen solle laut Betreuerin das Kind so starke Bauchkrämpfe gehabt haben, dass es den Kindergarten erst später besuchen konnte. Die Kontaktsperre ist seit vergangenem Mittwoch also aufgehoben, zwei viertelstündige Telefonate mit dem Kind seien der Mutter in Zukunft erlaubt. 

«Rechte des Kindes verletzt»

Am vergangenen Donnerstag besuchte die Kindsmutter mit der neuen Beiständin ihr Kind. Laut der Mutter hatte das Kind dicke Augenringe, war völlig übermüdet, massiv verängstig. Gleich als das Kind die Mutter sah, rannte es ihr entgegen, umarmte sie und wollte sie nicht mehr loslassen.

Tränen kullerten ihm über die Wangen. Auf Türkisch soll das Kind gesagt haben: «Vielleicht weinte ich heute, vielleicht weinte ich gestern, vielleicht weinte ich jeden Tag, seit ich hier bin.» Der Kesb-Beauftragte versicherte gegenüber Stadelmann zwar, dass es dem Kind gut gehe.

Das bezweifelt der Primarlehrer auf Grundlage der Geschehnisse und der Reaktion des Kindes jedoch. Stadelmann fordert, dass das Kind sofort wieder zurück zur Mutter kann. «Die Rechte des Kindes werden massiv verletzt», sagt Stadelmann.

Entzug ist letzte Massnahme

In einer schwierigen Position befindet sich die betroffene Behörde: Denn zu den vorgebrachten Vorwürfen kann sich die Kesb nur sehr beschränkt äussern. «Wir können aus Datenschutzgründen keine Stellung zum konkreten Fall nehmen,» erklärt Angela Marfurt, Präsidentin Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Luzern. Der Fall sei ihr jedoch bekannt. Dennoch beschreibt Marfurt die allgemeine Vorgehensweise und die Grundlagen für die Aufhebung des Aufenhaltsrechts ausführlich.

«Bevor eine Aufhebung des Aufenthaltsbestimmungsrechts verfügt wird, werden sämtliche anderen Möglichkeiten ausgeschöpft, um eine Kindeswohlgefährdung abzuwenden», sagt Marfurt. «Vor einer Aufhebung des Aufenhaltsrechts wird somit alles andere probiert, um das Kindeswohl bestmöglich zu wahren», sagt Marfurt weiter. Niemals würde eine solche Massnahme in Betracht gezogen, wenn es noch andere mögliche Methoden gebe, um dem Kind kindsgerecht zu helfen.

Einer Aufhebung des Aufenthaltsrechts gehen verschiedene andere Massnahmen voraus: Es würden diverse Abklärungen gemacht; es wird eine Beiständin oder ein Bestand eingesetzt, der die Eltern begleitet und berät. Wenn die Eltern mitarbeiten, könne laut Marfurt beispielsweise ein Erziehungsgutachten in Auftrag gegeben werden. Auch könne eine sozialpädagogische Familienbegleitung installiert werden, mittels welcher das Kind oder die Eltern eine Therapie machen können.

Kind wird Anwalt zur Seite gestellt

Der Vorwurf, dass einem Kind für die Fremdplatzierung falsche Gründe genannt würden, ist laut Marfurt abwegig. «Es werden keine falschen Tatsachen kommuniziert.» Einem Kind werde kindsgerecht, also dem Alter und den intellektuellen Fähigkeiten entsprechend, erklärt, weshalb es fremdplatziert wird.» Dies geschehe durch ausgebildete Fachpersonen.

Überdies werde dem Kind meist ein Kinderanwalt zur Seite gestellt; diese Person ist eine Anwältin oder ein Anwalt mit einer Zusatzausbildung für die Funktion Kinderanwalt und vertritt die Rechte des Kindes – auch gegenüber der Kesb.

Rückkehr zu Eltern möglich

Nach einer Fremdplatzierung werden verschiedene Optionen geprüft. «Es wird mit dem Kind und den Eltern angeschaut, wie dem Kind am besten geholfen werden kann.» Da gebe es verschiedene Möglichkeiten. «Es ist durchaus auch möglich, dass ein Kind wieder nach Hause geht, wenn die Eltern Unterstützung und Begleitung zulassen und das Kindeswohl gewährleistet ist», sagt Marfurt.

«Je nach Situation löst eine Platzierung bei den Kindern Verunsicherung aus, vielleicht auch Angst.»

Angela Marfurt, Präsidentin Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Luzern

Andere Möglichkeiten sind Platzierungen bei Familienangehörigen, längerfristig auch in einem Heim oder einer Pflegefamilie. «In jedem Fall wird für das betroffene Kind bestmöglich gesorgt», sagt Marfurt.

Und was löst eine Fremdplatzierung bei den Betroffenen aus? «Je nach Situation löst eine Platzierung bei den Kindern Verunsicherung aus, vielleicht auch Angst. Oft aber auch Erleichterung, weil es aus einer für das Kind spürbar schlechten, schwierigen Situation kommt und zur Ruhe kommen kann», sagt Marfurt.

Lehrer fordert Rückkehr des Kindes

Dem Kind würden Fachpersonen zur Seite gestellt, die eine Verunsicherung oder auch Angst auffangen können und dem Kind die notwendige Sicherheit und Geborgenheit geben. Es gebe auch Vertrauenspersonen, die dem Kind zur Seite stehen würden, oder auch der andere Elternteil.

Und wie geht es nun weiter? Vergangenen Dienstag fand ein Treffen zwischen der Mutter, der Beiständin und Stadelmann statt. Dieser fordert, dass das Kind sofort wieder zurück zur Mutter kann. «Die Rechte des Kindes werden massiv verletzt», sagt Stadelmann.

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